Aus der Wörtersammlung: einmal

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neufundland 08.10.12 uhr : zimt

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oli­mam­bo : 8.10 UTC — Noe mel­det sich am spä­ten Mor­gen. Ver­mut­li­che Tie­fe: 852 Fuß. Posi­ti­on: 77 See­mei­len süd­öst­lich der Küs­te Neu­fund­lands seit nun­mehr 2526 Tagen im Tief­see­tauch­an­zug unter Was­ser. ANFANG 08.10.12 | | | > mei­ne laut­los arbei­tenden hän­de. s m a l l r e d f i s h f r o m d o w n s i d e. s t o p ob ich wohl wei­ter­hin ein mensch­li­ches wesen bin? s t o p hier in die­ser tie­fe eine hal­tung der demut. s t o p fra­gen. s t o p auch fra­gen ohne ant­wor­ten. s t o p ich fra­ge. s t o p ich war­te. s t o p und war­te. s t o p habe den ver­dacht ein kind gewor­den sein. s t o p ich tra­ge kei­ne schu­he. r u s t y c a b l e s f r o m a b o v e. s t o p ich kann mich an mein gesicht nicht erin­nern. s t o p war­um? s t o p wie lan­ge zeit bin ich bereits hier? s t o p schluss jetzt. s t o p fan­gen wir noch ein­mal von vor­ne an. s m a l l b l u e f i s h t o p l e f t. s t o p ich hei­ße noe. s t o p ich befin­de mich 851 fuß tief unter dem meeres­spiegel kurz vor neufund­land. s t o p ich zäh­le fische. s t o p das radio in mei­nem helm macht selt­same geräu­sche. s t o p es geht mir gut. s t o p ich notie­re : die luft die ich atme duf­tet nach zimt. s t o p | | | ENDE 08.12.15

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indien

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alpha : 8.52 UTC – Ein­mal plan­te ich, nach Indi­en zu rei­sen. Ich forsch­te nach Klei­dung, die wochen­lang nicht gewech­selt wer­den muss, Hem­den, Hosen, Schu­he, die alles das von sich wei­sen, was sie von innen oder außen her ver­schmut­zen könn­te. Dann noch ein eben­so rein­li­cher Ruck­sack auf dem Rücken, eine Schreib­ma­schi­ne, aller­lei Kärt­chen, eine Zahn­bürs­te. Ich wür­de gern mit einem Zug nach Indi­en fah­ren. — stop

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eine schreibmaschine : tasten

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del­ta : 8.26 UTC – Vor lan­ger Zeit beob­ach­te­te ich mei­nen Vater, wie er sei­ne mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne zer­leg­te, um sie zu säu­bern und zu ölen. Ges­tern habe ich die­se Scheib­ma­schi­ne in einem Regal wie­der­ent­deckt. Das war ein inten­si­ver Moment des Vor­mit­ta­ges gewe­sen, nach­mit­tags hör­te ich in einem Zug eine frem­de Spra­che, ich ver­stand kein ein­zi­ges Wort, und doch schien mir die frem­de Spra­che ver­traut zu sein, als hät­te ich sie ein­mal gekonnt. Sind mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­nen für jede exis­tie­ren­de oder gewe­se­ne Spra­che die­ser Welt vor­stell­bar? — stop

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tod in peking 7

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marim­ba : 0.48 UTC – Ein­mal, vor sechs Jah­ren im Win­ter, begeg­ne­te ich dem Foto­gra­fen und Pro­gram­mie­rer Ted­dy in einem Super­markt. Wir waren etwas ver­le­gen gewe­sen, wuss­ten in jenem Moment vor küh­len Milch­fla­schen ste­hend nicht, wor­über wir spre­chen soll­ten, weil wir weni­ge Tage zuvor noch ein beson­ders schwie­ri­ges Gespräch geführt hat­ten. Ich erin­ne­re mich, von Hin­rich­tungs­bus­sen erzählt zu haben, die durch Chi­na fah­ren sol­len, von Gefäng­nis zu Gefäng­nis. Ted­dy sag­te, er habe von die­sen Bus­sen nichts gehört und nichts gele­sen. Er war damals gera­de aus Peking zurück­ge­kom­men, von einer Rei­se nach Tibet, prä­zi­se. Er sag­te: Lou­is, war­um erzählst Du mir die­se Geschich­te? Ich sag­te: Nun, weil ich sie weiß! Was ich nicht ahn­te zum Zeit­punkt unse­res Gesprä­ches, nun aus der zeit­li­chen Ent­fer­nung wie ein Ereig­nis für sich zu sehen, ich ahn­te nicht, dass Ted­dy kurz dar­auf ster­ben wür­de. Viel­leicht, wenn ich von sei­nem Tod gewusst hät­te, hät­te ich nicht von Hin­rich­tungs­bus­sen erzählt, son­dern eine ganz ande­re Geschich­te, eine Geschich­te, die von sei­nen wun­der­ba­ren Foto­gra­fien berich­tet. — stop

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ewig

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sier­ra : 22.12 — Im Haus der alten Men­schen beob­ach­te­te ich eine 94-jäh­ri­ge Frau, die an einem Tisch saß und notier­te. Ich hör­te, sie schrei­be seit Jah­ren Tag für Tag, Stun­de um Stun­de lan­ge Lis­ten in Notiz­hef­te. In die­sen Lis­ten, erzähl­te sie ein­mal, wür­de sie ver­mer­ken, was noch zu tun sei im Leben. Als ich mich lei­se näher­te, bemerk­te ich tie­fe Fur­chen in den Sei­ten des Hef­tes, kei­ne Schrift­zei­chen jedoch, weil sich in der schrei­ben­den Hand der Notie­ren­den, ein Kugel­stift befand, der längst leer geschrie­ben war. — stop
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polarlicht

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nord­pol : 0.01 — Irgend­wann ein­mal wür­de ich ger­ne fol­gen­de Mel­dung notie­ren: Zoo­lo­gi­scher Gar­ten auf Grön­land jen­seits des Polar­krei­ses eröff­net. Selbst­ver­ständ­lich wird es sich bei die­sem ark­ti­schen Tier­park nicht um eine gewöhn­li­che Ver­samm­lung leben­der Tie­re han­deln. Im Park dort, frei oder in Gehe­gen, wer­den viel­mehr leuch­ten­de Tie­re woh­nen, schim­mern­de, oder in allen wun­der­ba­ren Far­ben, die man sich aus­zu­den­ken ver­mag, glü­hen­de Wesen, ihre Zel­len näm­lich wer­den glü­hen. So wer­den leuch­ten­de Anti­lo­pen unter der Kup­pel des Afri­ka­hau­ses über künst­li­che Step­pen­grä­ser sprin­gen, und leuch­ten­de Men­schen­af­fen durch das Geäst der Nacht­bäu­me schwin­gen. Und da wer­den leuch­ten­de Vögel sein und eben­so leuch­ten­de Ele­fan­ten in ihren rie­sen­haf­ten Volie­ren. Auch die Eis­bä­ren wer­den leuch­ten und die See­hun­de und Rob­ben und Schnee­füch­se. Es ist des­halb gut, dass in der Polar­nacht immer­zu Dun­kel ist. Der zoo­lo­gi­sche Gar­ten wird rund um die Uhr geöff­net sein, war­um nicht! — stop

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nachts

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romeo : 5.22 — Es war Nacht und ich hock­te in mei­ner Küche und schäl­te sehr lang­sam einen Apfel. Kurz dar­auf hör­te ich ein rascheln­des Geräusch, des­sen Ursa­che sich in mei­nem Kühl­schrank auf­zu­hal­ten schien. Ich war­te­te eini­ge Minu­ten. Zunächst wie­der Stil­le, dann erneut ein rascheln­des Geräusch. Unver­züg­lich öff­ne­te ich die Tür zum küh­len Raum, der hell beleuch­tet war. Wie ich so auf einem Stuhl im Licht mei­nes Kühl­schran­kes saß und war­te­te, dass sich dort etwas Unbe­kann­tes zei­gen möge, das Geräu­sche ver­ur­sacht, begann ich damit, das sicht­ba­re Gut im Schrank zu befra­gen, die Mar­me­la­de zum Bei­spiel, ein Gläs­chen voll Apri­ko­sen­ge­lee, ob es denn mög­lich wäre? Oder der Senf, die Fei­gen in ihrer Fei­gen­box, But­ter­wa­ren. Aber auch das ita­lie­ni­sche Brot rühr­te sich nicht. Ich erin­ner­te mich in die­sem Augen­blick der Kühl­schrank­be­ob­ach­tung an ein Kind, das immer wie­der ein­mal die Tür eines längst ver­schwun­de­nen Eis­schranks auf­riss, um nach der Dun­kel­heit zu sehen, die angeb­lich ver­läss­lich ein­tre­ten soll­te, sobald die Tür des Kühl­schran­kes geschlos­sen wur­de. Ich leg­te mich dann wie­der ins Bett. — stop

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jui patel

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echo : 10.12 — Ein­mal erleb­te ich einen älte­ren Herrn, den ich immer wie­der erin­ne­re, bei­na­he jedes Mal, sagen wir, wenn ich bewusst Flie­gen beob­ach­te. Die­ser Herr näm­lich nann­te jede der zahl­rei­chen Flie­gen, die auf ihm selbst oder in sei­ner Nähe durch die Luft turn­ten, beim Namen. Ich hör­te eine Wei­le zu, dann hol­te ich mei­nen Schreib­block aus der Tasche und begann die Namen der Flie­gen zu notie­ren. Das waren wun­der­ba­re Namen, eine sehr lan­ge Lis­te, Namen ver­mut­lich, die in genau dem Moment, da sie an eine Flie­ge gerich­tet wür­den, erfun­den wor­den waren. Ich zitie­re: Line Jacob­sen . Nameer Buri­ni . Jui Patel . Zoll­ai Janos . Isa­bell Weber . Yvetta Cemo­hors­ta . Alo­is Szeg . Bent Lau­rit­zen . Kat­ja Sal­ly Innes . Vili Luk­sha . Abra­ham Vele . Mag­la Sell­al . Sabi­ba Lu. — stop. Nichts wei­ter. — stop

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von kevin und liesl im zug

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tan­go : 22.52 UTC — Ich hör­te, er hei­ße Kevin. Er sag­te, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Som­mer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Som­mer habe er viel Durst, im Herbst fürch­te er sich vor dem Win­ter. Er wür­de gern sei­ne Geschich­te erzäh­len, war­um er so arm gewor­den sei, dass er kei­ne Woh­nung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist sei­ne Stim­me wun­der­schön anzu­hö­ren. Es ist eine Stim­me, die gut sin­gen könn­te, ein Tenor viel­leicht. Nur das mit Kevins Geschich­te ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebens­ge­schich­te seit Anfang des Jah­res im Mor­gen­schnell­zug zum Flug­ha­fen immer wie­der. Ich soll­te sagen, Kevin erzählt täg­lich eine ande­re Geschich­te, er ist im Grun­de ein guter Erzäh­ler, und auch ein guter Erfin­der. Im Win­ter erzählt er Win­ter­ge­schich­ten, im Som­mer Som­mer­ge­schich­ten. Ges­tern wur­de Kevin von einer jun­gen, mage­ren Frau beglei­tet. Sie war sehr schmut­zig. Kevin erzähl­te ihr, dass ich ihm manch­mal etwas Geld geben wür­de oder eine Bre­zel, auch dass ich auf­schrei­ben wür­de, was er berich­te. Sie setz­ten sich neben mich. Die jun­ge Frau sag­te: Wenn man träumt, ist man im Inne­ren wach und warm. Am Flug­ha­fen stie­gen bei­de mit mir aus. Wir spra­chen eine hal­be Stun­de. Der Bahn­hof war wie­der ein­mal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teil­wei­se aus­ge­fal­len, an den Wän­den saßen ein paar dicke Krö­ten. Sie schnapp­ten mit arm­lan­gen Zun­gen nach Tau­ben, die über den Bahn­steig segel­ten. Ich hör­te, das Kno­chen­ge­spenst an Kevins Sei­te soll Lie­se­lot­te hei­ßen, sehr selt­sam die­ser Name für eine recht jun­ge Per­son. Ich erfuhr, dass sie Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten in Lon­don stu­dier­te, sie mag gern lesen, aber sie kom­me nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich tra­ge, der immer­zu betrun­ken war, ein schmer­zen­des Bild, das hell vor ihr leuch­te. Ich weiß jetzt, Bil­der eines betrun­ke­nen Vaters zu ver­dun­keln, erfor­dert unge­heu­re Kraft und Aus­dau­er. Lie­se­lot­te kann des­halb seit einem Jahr­zehnt nicht schla­fen. Sie mag Kevin, der so schö­ne Geschich­ten erzählt, dass sie bei­de von sei­nen Geschich­ten ein wenig wei­ter­le­ben kön­nen. Es ist jetzt Abend. — stop

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max

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char­lie : 20.45 UTC — Ich habe mei­nen Freund Max besucht, der in Mün­chen wohnt in der Bri­en­ner­stra­ße unter dem Dach in einem Loft, das der­art weit­räu­mig ist, dass man dar­in Hal­len­fuß­ball spie­len könn­te. Sei­ne Vögel, zwei Kaka­dus, flie­gen dort gern frei her­um, sie sol­len, so Max, nie­mals bis­lang irgend­ei­nen Scha­den an sei­nen Möbeln ange­rich­tet haben. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass Max’ Vögel mög­li­cher­wei­se nicht ganz echt sind, ich mei­ne, dass sie küh­le Tie­re von äußerst leich­tem Metall sein könn­ten unter dich­tem Feder­kleid ver­bor­gen, dass sie also nur vor­ge­ben, Vögel zu sein, wäh­rend sie viel­mehr Droh­nen sind, die sich von Max’ Com­pu­ter gesteu­ert durch die Woh­nung bewe­gen, als wären sie natür­li­che Wesen. Ich habe bei­de Tie­re immer nur im Flug beob­ach­tet, nie aus nächs­ter Nähe, denn wenn sie ein­mal nicht flie­gen, sit­zen sie in einem Käfig, der dicht unter der Decke des Rau­mes uner­reich­bar weit ent­fernt mon­tiert wur­de. Wun­der­ba­re Algo­rith­men steu­ern den Flug der Kaka­dus, auch ihre Gesprä­che, die sie bestän­dig füh­ren. Es ist spät gewor­den, eigent­lich woll­te ich eine ganz ande­re Geschich­te erzäh­len, von Max’ Com­pu­ter, der über eine Tas­te für Cap­puc­ci­no ver­fü­gen soll. Die­se Geschich­te wer­de ich im nächs­ten Jahr erzäh­len. — stop



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