geräuschstempel

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15.01 — Welch­es Geräusch erzeu­gen zwei Mil­lio­nen Ameisen­beine sobald sie in rasender Bewe­gung einen Baum erobern? Existiert vielle­icht ein indi­an­is­ches Wort für dieses spezielle Geräusch? Wie kön­nte ich dieses Wort find­en? Oder eine Geste, die eine dro­hende Ameisen­flut bedeutet? — stop

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nachtlicht

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0.08 — Das Nachtlicht der Sonne ist nur mit dem Gehirn zu betra­cht­en, weil es sehr schwach ist, weil es aus dem Boden, weil es von der anderen Seite her kommt.- stop

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pergament

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0.37 — In ein schützen­des Korsett von Schaumgum­mi gepresst, ruhte eine Apfel­birne unter weit­eren Frücht­en, sie glänzte, als hätte sie hohes Fieber. Habe sie mit nach Hause genom­men und ver­suche ger­ade eben her­auszufind­en, ob es sich bei dieser Apfel­birne um eine Birne oder doch eher um einen Apfel han­deln kön­nte. Zu diesem Zeit­punkt, es ist kurz nach zwölf Uhr, meine ich bere­its her­aus­ge­fun­den zu haben, dass eine Apfel­birne nach Birne, nicht aber nach Apfel duftet, dass sie jedoch in Gestalt und Farbe einem gewöhn­lichen Apfel ähn­lich­er ist, allerd­ings wiederum in die Perga­men­thaut ein­er Birne gek­lei­det. Ein gelun­ge­nes Objekt. Ein Objekt, das in meinem Gehirn leichte Ver­wirrung zu erzeu­gen ver­mag. Ein wenig ist das so, als würde man von ein­er Frau, die man liebt, eine zärtlich aus­ge­führte Ohrfeige erhal­ten. — stop

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schöpfung

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0.15 — Sind nicht vielle­icht kle­in­ste Teilchen, die aus dem Kos­mos kom­mend die Erde und dort auf Men­schen und dort auf Zellen tre­f­fen, als Zufalls­gen­er­a­toren der Schöp­fung anzuse­hen? — stop

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entwicklung

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1.17 — Sobald ich bemerke, dass mir eine Fig­ur, die ich ger­ade erfinde, fremd ist, der Gedanke: Du bist noch nicht ganz durch­be­lichtet. — stop

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helene hanff

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6.07 — Leichter Schneefall. Papier­licht. Las in Helene Hanffs wun­der­voller Brief­samm­lung 84, char­ing cross road. Wieder der 25. März 1950. New York. 14 East 95th St. — Frank Doel, was TUN Sie eigentlich da drüben?? Sie tun gar NICHTS, Sie sitzen nur HERUM! Wo bleibt Leigh Hunt? Und wo die Oxford Gedich­tan­tholo­gie? Wo bleibt die Vul­ga­ta und wo der liebe vertrot­telte John Hen­ry? All das wäre eine so nette auf­bauende Lek­türe für die Fas­ten­zeit gewe­sen … und Sie schick­en mir abso­lut nichts! Sie lassen mich hier sitzen und lange Randbe­merkun­gen in Bib­lio­theks­büch­er schreiben, die mir nicht gehören. Eines Tages wird das her­auskom­men, und sie wer­den mir meinen Bib­lio­thek­sausweis weg­nehmen. Ich habe mit dem Oster­hasen eine Abmachung getrof­fen, Ihnen ein Ei zu brin­gen. Er wird herüberkom­men und fest­stellen, dass Sie in Untätigkeit ver­stor­ben sind. Für den nahen­den Früh­ling brauche ich unbe­d­ingt einen Band mit Liebesgedicht­en. Keinen Keats oder Shel­ley! Schick­en Sie mir Dichter, die Liebe machen kön­nen, ohne zu sab­bern – Wyatt oder Jon­son oder irgen­deinen anderen … denken Sie sich selb­st etwas aus. Ein­fach ein schönes Buch, schmal genug, um in eine Anzug­tasche gesteckt und in den Cen­tral Park mitgenom­men zu wer­den. Also, sitzen Sie nicht herum! Spüren Sie es auf! Es ist mir wirk­lich ein Rät­sel, wie dieser Laden existieren kann. — stop

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zeit 50

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0.25 — Was würde ich mit meinem Leben unternehmen, wenn ich wüsste, dass ich 50000 Jahre alt werde? — stop

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juan goytisolo

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0.19 — Las im Zug Juan Goyti­so­los Buch Das Manuskript von Sara­je­vo. Als ich kurz die Augen von den Seit­en nehme, sehe ich in der Däm­merung eine Herde bren­nen­der Kühe auf ein­er Wiese ste­hen. — Wo ist Radovan Karadz­ic? Was hat er gestern Abend gegessen? Was hat er getrunk­en? Was macht er in dieser Minute? Schläft er oder schreibt er wieder ein­mal ein Gedicht an ein Kind? Was für Schuhe trägt er in seinem Bett heute Nacht? Wer erin­nert sich an diesen Mann? — stop

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uwe johnson

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3.05 — Ich weiß nicht genau weshalb, heute Nacht finde ich mich mit Zoll­stock vor Uwe John­sons Jahresta­gen wieder. Ich beobachte meine Hände wie sie das Maß ein­er Zeile messen, wie sie mit einem wan­dern­den Fin­ger die Lin­ien ein­er Seite zählen, wie sie das Buch mit Luft durch­fäch­ern, wie sie Zif­fern notieren auf ein Blatt Papi­er. Dann liegen linke, als auch rechte Hand ruhig auf dem Tisch, während das Gehirn, das ihnen zuge­ord­net ist, laut­los rech­nend vor sich hin arbeit­et. Ich notiere: Die gesam­melten Zeichen der Jahrestage in ihrer Frank­furter Son­der­aus­gabe wür­den eine les­bare Kette von 6.4 Kilo­me­tern Länge bilden, wenn sie in genau jen­er Rei­hen­folge dem Buch entkom­men wür­den, wie von Uwe John­son ein­mal aus­gedacht. — stop

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inszenierungsmaschine

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2.26 — Sobald ich im Bauch ein­er elek­trischen Insze­nierungs­mas­chine 100 frei schwebende Textpar­ti­cles von je 100 Wörtern über einen Zufalls­gen­er­a­tor miteinan­der verbinde, wird mit jedem weit­eren Aufruf eines Textpar­ti­cles jedes andere der 100 Textpar­ti­cles möglich. Ich habe also eine Textver­samm­lung, die sich wie eine Flüs­sigkeit ver­hält. Wie kön­nte ich nun eine Vereisung dieser Flüs­sigkeit erzeu­gen? Ich kön­nte zum Beispiel je 10 Textpar­ti­cles zu ein­er Gruppe set­zen und über einen Gen­er­a­tor ver­schal­ten, sodass in einem ersten Schritt 10 Textpar­ti­cles aus 100 Textpar­ti­cles möglich wären. Oder ich bilde zwei Grup­pen zu je 50 Textpar­ti­cles und komme in dieser Weise auf zwei mögliche Textpar­ti­cles ein­er ersten Wahl. Zwei Lin­ien. Eine Weiche. Oder sehr gutes Eis. — Vielle­icht sollte ich, wenn ich vom Schreiben eines lin­earen Textes spreche, zunächst an das Spin­nen eines Eis­fadens denken. Das Lesen, ein Vor­gang der Enteisung. — Heute Nacht habe ich von 0 Uhr 12 bis 1 Uhr 52 Julio Lla­mazares wun­der­volle Stumm­film­szenen aufge­taut.

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gorilladame

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18.52 — Während ein­er U-Bah­n­fahrt eine zarte Hand in einem schwarzen Leder­hand­schuh, die sich mit ihrer Rück­seite in meine Hand schmiegt. Für einen Augen­blick der Ein­druck, neben ein­er feingliedri­gen Goril­ladame zu sitzen. — stop
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nadine gordimer

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10.15 — Lek­türe der Erzäh­lung Some­thing out There von Nadine Gordimer aufgenom­men. Sofort der Wun­sch, in der Elek­tro­sphäre nach ein­er Fotografie des Karib­asees zu suchen, weil Mrs. Gordimer vom kün­stlichen Gewäss­er in der Savan­nen­land­schaft erzählt, von Ele­fan­ten gle­ich­wohl, die sich in seine Fluten stürzten, um ural­ten Wan­der­routen zu fol­gen. — Was haben die ertrink­enden Tiere dort unter dem Wasser­spiegel gese­hen? — Wovon haben sie gehört in ihrer let­zten Lebenssekunde? — Ich lese von der Tiefe des Sees, von Fis­chen, die in ihm leben sollen, von der Luft­feuchtigkeit und vom Gewicht der Ele­fan­tenkör­p­er, von der Biodichte ihrer Kör­p­er und von Kul­turen in Seenähe siedel­nder Men­schen. Und während ich so vor mich hin lese, von Seite zu Seite, von link zu link, verge­ht eine Stunde Zeit. Plöt­zlich erin­nere ich mich an Nadine Gordimer und ihr Buch und set­zte meine Lek­türe fort. — Wie ist es möglich, eine Minute langsamer verge­hen zu lassen? — stop

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time

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17.50 — Wie viele Stun­den Zeit würde ich benöti­gen, um die chi­ne­sis­che Sprache zu erler­nen? — stop

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cinema

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12.52 — Nehmen wir ein­mal an, jen­seits der uns bekan­nten Leben­szeiträume würde eine Zeit existieren, ein Zeitort, an dem wir unbe­gren­zt anwe­send sein kön­nten, eine Gegend weit­er­hin, von der aus wir in ein ver­gan­ge­nes Leben zurückschauen und reisen kön­nten, indem wir Filme gelebter Tage betra­chteten, nehmen wir also an, dieses Kino würde existierten, dann sollte ich von dieser Stunde an, nicht eine Minute sollte ich ver­schwen­den, Filme von starkem Licht verze­ich­nen, Gedanken wie Erleb­nisse behan­deln, sodass sie später gle­ich­wohl als Filme zu besichti­gen wären. Ich set­ze mich also in eine U-Bahn oder in einen Park oder vor meinen Schreibtisch und mache je einen Film für später nur mit dem Kopf. — stop

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mandelbrot

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3.38 — Seit eini­gen Tagen bere­its werde ich nachts gegen 1 Uhr müde. Nicht ein­fach müde in ein­er Weise, dass ich noch sagen kön­nte – Jet­zt bist Du also müde, soll­test einen schö­nen starken Kaf­fee trinken oder etwas schwarzen Tee mit Honig. Nein, das ist eine Müdigkeit, die aus dem Hin­ter­halt kommt, als Über­fall oder so etwas. Vorhin erst habe ich meinen Kopf auf die Schreibtis­ch­plat­te gelegt, um meine Springspinne, die ger­ade aus ihrer Höh­le gekom­men war, aus der Per­spek­tive ein­er weit­eren Spinne betra­cht­en zu kön­nen. Das war ein Fehler gewe­sen. Es ist jet­zt bere­its 3 Uhr 30 und ich habe noch nicht eine der drei sehr kurzen Kurzgeschicht­en gele­sen, die ich mir zur Übung Nacht für Nacht verord­net habe. Werde nun vor­sichtig in die Küche gehen. Dann etwas Carv­er lesen und vielle­icht, wenn ich nicht wieder eingeschlafen sein werde, über das schöne Wort Man­del­brot­menge nach­denken, über die Tem­per­a­turen des atlantis­chen Ozeans vor Neu­fund­land, über schneeweisse Wale und andere wun­der­bare Dinge. — stop

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