Aus der Wörtersammlung: dach

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abend

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gink­go : 20.18 UTC — Man könn­te sich vor eine Schreib­ma­schi­ne set­zen, mit etwas Scho­ko­la­de zur Sei­te und Was­ser und Kaf­fee für ein oder zwei Tage Zeit, auch eine Ente könn­te gegen­wär­tig sein, die bereits gebra­ten ist, und Brot und Reis. Weil die aus­ge­dach­te Schreib­ma­schi­ne ohne jedes Papier notie­ren kann, muss man sich über Papie­re kei­ne Gedan­ken machen. Man beginnt zu schrei­ben. Man schreibt viel­leicht zunächst nur ein Wort: Regen. Man schreibt das Wort Regen, weil in die­sem Augen­blick, da man zu schrei­ben beginnt, Regen vor den Fens­tern vom Him­mel fällt. Mit Regen könn­te man begin­nen, mit dem Wort Regen. Man schreibt also das Wort Regen, das unver­züg­lich auf dem Bild­schirm erscheint. Es reg­net. Ich höre, dass es reg­net, das Geräusch des Regens, das mir ver­traut ist, ein Geräusch, das ich als Kind bereits hör­te, wie in die­sem Augen­blick. Kann mich nicht erin­nern, wann es anfing zu reg­nen, viel­leicht wäh­rend ich noch über­leg­te, was ich notie­ren soll­te, ein güti­ger Regen, ein Regen, mit dem ich begin­nen konn­te. Wann lern­te ich, was Regen ist? Wann hör­te ich zum ers­ten Mal von dem Wort, das Regen bezeich­net? Was kann ich sagen über das Wort Regen. Wie lan­ge Zeit müss­te ich notie­ren in die­sem mei­nem fort­ge­schrit­te­nen Alter, um all das auf­schrei­ben zu kön­nen, was ich weiß vom Regen? Wie viel Gramm? — Was weiß ich noch? — stop

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regen

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bamako : 18.55 UTC Mor­gen oder über­mor­gen wer­de ich eine Geschich­te erzäh­len, die mit Jack Kerouac in einer gewis­sen losen Ver­bin­dung ste­hen wird. Als ich die Geschich­te zu notie­ren begann, erin­ner­te ich mich an einen Text, den ich vor 11 Jah­ren an die­ser Stel­le bereits gesen­det hat­te. Es war gleich­wohl im Sep­tem­ber gewe­sen, es reg­ne­te damals und ich spa­zier­te unter einem Regen­schirm. Zunächst reg­ne­te es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­ne­te es klei­ne Frö­sche. Für einen kur­zen Moment dach­te ich, in einem Film ange­kom­men zu sein, der von Loui­sia­na han­del­te. Das war ein fei­nes Gefühl gewe­sen, unter dem klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu ste­hen und den Frö­schen zu lau­schen, die auf ihrer letz­ten Rei­se vom Him­mel erstaun­li­che, pfei­fen­de Geräu­sche von sich gaben. Als ich so im Frosch­re­gen am gro­ßen Fluss stand, erin­ner­te ich mich wie­der­um an einen klei­nen Text, den ich ein Jahr zuvor bereits geschrie­ben hat­te. Und sofort wuss­te ich, dass ich die­sen Text, sobald ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men sein wür­de, noch ein­mal lesen soll­te. Es ist noch immer, auch heu­te, 12 Jah­re spä­ter, ein beru­hi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Des­halb will ich die­sen klei­nen Text, eine Anlei­tung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal, zum drit­ten Mal, für Sie wie­der­ho­len: Man ver­las­se das Haus. Sorg­fäl­tig alle Bewe­gun­gen des Ver­kehrs beach­tend, gehe man so lan­ge durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kau­fe man Cor­ta­zar, Julio – Geschich­ten der Cro­nopi­en und Famen. Dann gehe man spa­zie­ren, tra­ge den schma­len Band durch die Stra­ßen, bis man einen Park erreicht, wenn Som­mer, oder ein Café, wenn Win­ter ist. Man neh­me Platz und lese. Über den Umgang mit Amei­sen bei­spiels­wei­se oder wie wun­der­bar ange­nehm es ist, ein Spin­nen­bein pos­ta­lisch an einen Außen­mi­nis­ter auf­zu­ge­ben. Oder man las­se sich im Uhren­auf­zie­hen oder im Trep­pen­stei­gen unter­wei­sen. Jetzt bereits wird man eine leich­te Wär­me spü­ren, die aus der Gegend des Bau­ches nach oben und unten in Arme und Bei­ne aus­wan­dert. Also lese man wei­ter, lau­sche jenen ange­neh­men Geräu­schen im Kopf, die­sem sagen wir: Jeder­mann wird schon ein­mal beob­ach­tet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, der­ge­stalt, dass ein Teil im rech­ten Win­kel zur Boden­ebe­ne ansteigt und der dar­auf­fol­gen­de Teil sich par­al­lel zu die­ser Ebe­ne befin­det, um einer neu­en Senk­rech­te Platz zu machen. Oder jenem: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Sei­te her als außer­or­dent­lich unbe­quem erwei­sen. It works. — stopping

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spuren

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oli­mam­bo : 22.46 MESZ — Der Text, den ich zu lesen begann, erzähl­te von einer Gewalt­tat. Ich war gewarnt. Ich sol­le lesen, sag­te man, jeder­zeit jedoch bereit sein, mei­ne Lek­tü­re zu unter­bre­chen, um Luft zu holen oder letzt­lich die Ent­schei­dung zu tref­fen, nicht fort­zu­set­zen. Ich begann also zu lesen, ich las lang­sam. Die Geschich­te erzähl­te von Hass, der sich aus­brei­te­te wie eine Flüs­sig­keit. Zunächst war der Hass in den Wör­tern, die gespro­chen wur­den oder gedacht, dann wur­de der Hass sprach­los, er schlug zu, wur­de kör­per­lich, und wäh­rend ich davon las, wie ein Mensch ent­haup­tet wur­de, dach­te ich in einer zwei­ten Spur dar­über nach, wie lan­ge Zeit, wie vie­le Wör­ter Zeit ich benö­ti­gen wür­de, um auf­zu­hö­ren, mit mei­ner Lek­tü­re, um mich vom Schre­cken zu lösen. — stop
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#HongKongProtests

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ulys­ses : 22.46 MESZ — Seit eini­gen Jah­ren, ich muss das schnell erzäh­len, kau­fe ich immer wie­der ein­mal ein digi­ta­les Buch, obwohl ich mir vor­ge­nom­men hat­te, papie­re­nen Büchern, die ich in die Hand zu neh­men ver­mag, treu zu blei­ben, ihren Geräu­schen und ihrem Duft. Nun ist das zunächst so gewe­sen, dass ich Roman­an­fän­ge in der digi­ta­len Sphä­re zu sam­meln begann. In mei­ner klei­nen hand­li­chen Schreib­ma­schi­ne waren bald über ein­tau­send Lese­pro­ben ver­sam­melt. Mel­vil­les Erzäh­lung Bart­le­by war der ers­te digi­ta­le Text gewe­sen, den ich zu mir hol­te. Etwas spä­ter folg­ten Dos­to­jew­skij, Aus­ter, DeL­il­lo, Hum­boldt, John Dos Pas­sos. Plötz­lich bemerk­te ich, dass mir John Dos Pas­sos’ Buch­text Man­hat­tan Trans­fer feh­len wür­de, ich mei­ne, die­ser wun­der­vol­le Roman als wirk­li­ches Buch, das in mei­nem Bücher­re­gal ste­hen wür­de, sicht­bar sein Rücken, die­ses Buch habe ich gele­sen. Auch Hum­boldt Ansich­ten der Natur wür­de feh­len und Aus­ters Roman 4321. Ich ertapp­te mich bei der Über­le­gung, ein Stück Holz in mein Regal zu stel­len in der unge­fäh­ren Grö­ße des ori­gi­na­len papie­re­nen Buches. Ich dach­te, ich könn­te das Stück Holz mit einem Buch­rü­cken ver­se­hen, einer Kopie, ich könn­te dem­zu­fol­ge, eine Instanz des digi­ta­len Buches kre­ieren, die mir anzeigt, dass ich das Buch besit­ze, dass ich es gele­sen habe oder bald ein­mal lesen könn­te. Oder die Instanz eines Buches, das über­haupt noch als ein papie­re­nes Buch zu schrei­ben wäre: #Hong­Kong­Pro­tests — stop
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vierzehn schwalben

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MELDUNG. Bei bes­tem Büch­sen­licht von 8 bis 10, wur­den bereits am Sams­tag, ges­tern, 301 Tau­ben, 14 Schwal­ben, sowie 5 hei­li­ge Figu­ren vom Dach der Jesui­ten­kir­che zu Aschaf­fen­burg geschos­sen. Der Schüt­ze : Staats­förs­ter Leu­en­ber­ger Juni­or, 42, aus Lin­den­berg [ Oden­wald ] — stop

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coccinellidae

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del­ta : 12.08 UTC — Freu­de am Abend ges­tern wie Kind, als aus dem Dun­kel vor dem geöff­ne­ten Fens­ter ein Flug­we­sen tauch­te. In dem Augen­blick, da es erschien, leg­te ich gera­de eben ein Buch zur Sei­te, als hät­te ich geahnt, dass etwas Außer­ge­wöhn­li­ches gesche­hen wird. Ein Mari­en­kä­fer saß kurz dar­auf an der Wand, wur­de von war­mem Atem begrüßt und mit­tels einer Lupe betrach­tet. Der Käfer duck­te sich, ein Jung­tier oder halb ver­hun­gert. — 8:28 Uhr, noch 32° Cel­si­us im Zim­mer unter dem Dach. Nichts wei­ter. — stop
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minutenzeit

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nord­pol : 0.06 UTC — Ich habe den Ver­dacht, dass sich Men­schen, die sich in äußerst knap­per Fell­be­klei­dung auf Bäu­men oder in leich­ten Som­mer­an­zü­gen in Per­so­nen­auf­zü­gen moder­ner Gebäu­de begeg­nen, hier wie dort zunächst bevor­zugt über das Wet­ter unter­hal­ten. — stop

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geräusch

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echo : 18.07 UTC — Von Zeit zu Zeit den­ke ich mir ein Geräusch aus und dann den­ke ich das Geräusch so lan­ge, bis ich mich an das Geräusch erin­nern kann. Ges­tern war das gedach­te Geräusch, das Trom­pe­ten eines Trom­pe­ten­kä­fers. Ein ganz wun­der­vol­ler Ton. — stop

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von pfirsichen

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echo : 10.26 UTC — Wie die Brie­fe lang­sam ster­ben, ihre Umschlä­ge, Papie­re, Post­wert­zei­chen, wel­che Flug­zeu­ge und Schmet­ter­lin­ge zei­gen, die gleich­falls sel­te­ner wer­den. Wenn die Brie­fe lang­sam ster­ben, dann auch jene, die Brie­fe schrei­ben für ande­re Men­schen, die nicht lesen kön­nen. Ich stell­te mir einen älte­ren Herrn vor, der in einem Büro von Holz in Lon­don sitzt, letz­ter sei­ner Zunft, dut­zen­de Kol­le­gen haben schon vor Jah­ren ihre Arbeit ein­ge­stellt, haben ihre höl­zer­nen Schreib­ab­tei­le und ihre Schreib­ma­schi­nen ver­las­sen, da wer­den jetzt Lam­pen ver­kauft oder Schmuck oder Tele­fo­ne oder Kar­tons mit Reis und gebra­te­nen Hüh­nern. Wie ist solch eine Vor­stel­lung mög­lich, wer­den Sie viel­leicht fra­gen. Nun, es ist so, dass ich mir dach­te, dass die­ser letz­te Brief­schrei­ber der Stadt Lon­don den Auf­trag erhal­ten hat­te, einen unend­li­chen Brief zu schrei­ben, wes­we­gen sie zu zweit sind, ein fein geklei­de­ter älte­rer Herr, der den Brief dik­tiert, der Auf­trag­ge­ber, und eben jener älte­re Herr, der die Zei­chen des Brie­fes mit­tels einer Tas­ta­tur auf Papier­bö­gen trägt. Sie sind zu einer klei­nen Attrak­ti­on gewor­den. Manch­mal schla­fen sie oder neh­men etwas vom nach­bar­schaft­li­chen Reis zu sich, auch Pfir­si­che oder Melo­nen bei gro­ßer Hit­ze. — stop

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eine stunde

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lima : 10.28 UTC — In der Stun­de, da mein Vater starb, saß ich an sei­nem Bett und reich­te ihm mit­tels eines Schwämm­chens etwas zu trin­ken. Sein Blick war schon unend­lich müde gewor­den. Wenn ich sag­te: Vater, noch etwas Apri­ko­sen­tee, öff­ne­te mein Vater sei­nen Mund, er hat­te kaum noch Kraft, er spitz­te die Lip­pen und dann saug­te er an dem Schwämm­chen, und ich dach­te immer wie­der: Wie ein Vögel­chen, obwohl ich genau wuss­te, dass mein Vater gera­de oder bald ster­ben wür­de. Vor dem Fens­ter weit unten lag der Starn­ber­ger See. Es war ein son­ni­ger Tag. Ich glau­be, mein Vater konn­te so weit hin­aus nicht mehr sehen, viel­leicht aber das schril­le Pfei­fen der Schwal­ben hören und eben mei­ne Stim­me: Vater. — stop

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