alpha : 22.02 — Dachte wieder an eine Schreibmaschine, an eine besondere Schreibmaschine, an meine digitale Schreibmaschine, die jedes Zeichen, das ich notiere, im Moment der Speicherung in eine Hieroglyphe verwandelt, sodass ich schreibe einerseits, also einen Text speichere, anderseits nicht sofort wiederholend lesen kann, was ich für mich oder andere aufgehoben habe. Schreiben. Denken. Auf dem Wasser laufen. Eine vernünftige, das heißt, eine gute Schreibmaschine, ist nach wie vor mit dem Internet niemals verbunden. — stop
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Aus der Wörtersammlung: dach
22 Uhr 5
alpha : 22.02 — Seit einer halben Stunde das Wort K i e m e n t u l p e in meinem Gehör, warum? — stop
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ein regenschirm
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marimba : 22.03 UTC – Vor einer Woche erzählte mir José, er trage schwer an dem gläsernen Auge, das er rechts neben seiner Nase in seine Augenhöhle eingesetzt bekommen habe. Es sei nicht das Gewicht selbst, sondern vielmehr die Erfahrung eines Unfalls, eines Stolperns, die ihm sein Auge gekostet habe. Auf der Treppe sei er einerseits gestürzt, anderseits unglücklichst kollidiert, mit seinem Regenschirm in der Hand. Er habe in den Minuten nach jenem entscheidenden Ereignis kaum einen Schmerz verspürt. Er glaube, der Schmerz sei so groß gewesen, dass sein Geist ihn aus sofort dem Bewusstsein gesperrt haben muss. Er höre noch immer den Schrei seiner Frau, als sie ihn sah. Nun ist das so, erzählte José, da springst Du ein Leben lang in der Welt herum und denkst nicht eine Sekunde daran, dass Du ein Auge verlieren könntest. Und jetzt wiege das Gewicht seines gläsernen Auges deshalb so schwer, weil er sich vor einem zweiten gläsernen Auge fürchte, er würde in diesem Falle über kein weiteres Auge verfügen, es wäre dann dunkel, und er wisse doch aus eigener Erfahrung präzise, dieser verdammte Regenschirm, erzählte José. — stop
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im dunkel
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romeo : 12.05 UTC – Plötzlich war Dunkel geworden, der Himmel bedeckt, Strom ausgefallen, stockfinster. Viele Stunden Zeit vergingen. Ich saß auf einem Stuhl, den ich ertastet hatte, und wartete, dass das Licht zurückkehren möge. Es muss bald Vormittag geworden sein, aber noch immer dunkel, eine Dunkelheit, als wäre sie gemalt. Auch im Kühlschrank kein Licht. Ich weiß, nicht, wie ich auf die Idee gekommen war, im Kühlschrank könnte noch etwas Licht zu finden sein. Ich öffnete das Eisfach, Wasser stürzte heraus und etwas Weiches, daran mochte ich nicht denken, also machte ich den Kühlschrank wieder zu und kroch zurück zum Stuhl. Ich dachte, dass ich unbedingt sofort etwas Licht finden müsste, um sicher zu sein, dass ich nicht erblindet war. Auf den Knien arbeitete ich mich in Richtung der Wohnungstür, erreichte das Treppenhaus, hörte eine Stimme. — stop![]()
neufundland 08.10.12 uhr : zimt
olimambo : 8.10 UTC — Noe meldet sich am späten Morgen. Vermutliche Tiefe: 852 Fuß. Position: 77 Seemeilen südöstlich der Küste Neufundlands seit nunmehr 2526 Tagen im Tiefseetauchanzug unter Wasser. ANFANG 08.10.12 | | | > meine lautlos arbeitenden hände. s m a l l r e d f i s h f r o m d o w n s i d e. s t o p ob ich wohl weiterhin ein menschliches wesen bin? s t o p hier in dieser tiefe eine haltung der demut. s t o p fragen. s t o p auch fragen ohne antworten. s t o p ich frage. s t o p ich warte. s t o p und warte. s t o p habe den verdacht ein kind geworden sein. s t o p ich trage keine schuhe. r u s t y c a b l e s f r o m a b o v e. s t o p ich kann mich an mein gesicht nicht erinnern. s t o p warum? s t o p wie lange zeit bin ich bereits hier? s t o p schluss jetzt. s t o p fangen wir noch einmal von vorne an. s m a l l b l u e f i s h t o p l e f t. s t o p ich heiße noe. s t o p ich befinde mich 851 fuß tief unter dem meeresspiegel kurz vor neufundland. s t o p ich zähle fische. s t o p das radio in meinem helm macht seltsame geräusche. s t o p es geht mir gut. s t o p ich notiere : die luft die ich atme duftet nach zimt. s t o p | | | ENDE 08.12.15

polarlicht
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nordpol : 0.01 — Irgendwann einmal würde ich gerne folgende Meldung notieren: Zoologischer Garten auf Grönland jenseits des Polarkreises eröffnet. Selbstverständlich wird es sich bei diesem arktischen Tierpark nicht um eine gewöhnliche Versammlung lebender Tiere handeln. Im Park dort, frei oder in Gehegen, werden vielmehr leuchtende Tiere wohnen, schimmernde, oder in allen wunderbaren Farben, die man sich auszudenken vermag, glühende Wesen, ihre Zellen nämlich werden glühen. So werden leuchtende Antilopen unter der Kuppel des Afrikahauses über künstliche Steppengräser springen, und leuchtende Menschenaffen durch das Geäst der Nachtbäume schwingen. Und da werden leuchtende Vögel sein und ebenso leuchtende Elefanten in ihren riesenhaften Volieren. Auch die Eisbären werden leuchten und die Seehunde und Robben und Schneefüchse. Es ist deshalb gut, dass in der Polarnacht immerzu Dunkel ist. Der zoologische Garten wird rund um die Uhr geöffnet sein, warum nicht! — stop

dreiundzwanzigste etage winter
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ginkgo : 8.28 — Ich träumte, nachts auf dem Balkon eines Hotels über der Eighth Avenue zu spazieren. Es war Winter, weit unter 0 °C in New York. Heftiger Wind wehte harte Schneekristalle über den Boden des Balkons. Ich war leicht bekleidet, war ohne Schuhe, war aus einem Fenster gestiegen, wollte kurz Aussicht nehmen auf den Hudson River. Da fiel das Fenster hinter mir geräuschvoll ins Schloss. Ich gab keinen Laut von mir, wusste, dass mich niemand hören würde, ich befand mich auf dem 23. Stockwerk, die Zimmer neben meinem Zimmer standen leer. Aber da war noch ein Stuhl aus Plastik. Ich dachte, dass ich 1 Versuch haben würde, oder mit etwas Glück 2 Versuche, das Fenster zum gewärmten Zimmer mittels dieses leichten Stuhlwerks einzuschlagen. Gerade als ich den Stuhl anhob, um ihn gegen das Fenster zu schleudern, bemerkte ich eine Drohne, die sich langsam näherte. Sie blinkte. So dicht kam sie heran, dass ich meinte, sie mit meinen Händen berühren zu können. Ich erinnere mich, dass ich mehrfach das Wort H E L P mit Lippen und Augen formulierte, außerdem faltete ich meine Hände. — stop
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apfel
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echo : 0.10 UTC — Ich hatte an einem Abend der vergangenen Woche mein Fernsehgerät ausgeschaltet, war in die Küche getreten, um Schnecke Esmeralda zu beobachten, wie sie einen Apfel zunächst umrundete, sich dann aufrichtete samt ihrem Gehäuse und auf den Apfel kletterte. Eine Bewegung, die geradezu waghalsig anmutete. Es regnete. Ich wurde schläfrig. Um kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. Jemand war in der Leitung, sprach aber nicht, atmete nur. Ich hörte eine Weile zu, und ich dachte, dass Atem eine schöne Sprache ist, aber auch etwas unheimlich. Also kehrte ich zu Esmeralda zurück, die nun auf dem Apfel hockte, als wäre der Apfel ein Stuhl oder ein Sofa. Wie so häufig nachts las ich Esmeralda einen verschlüsselten Nachrichtentext vor. Ich habe nämlich bemerkt, dass Esmeralda sehr aufmerksam wird, sobald ich ihr kryptische Texte vortrage, erstaunlich, da Schnecken doch gehörlos sein sollen. In diesem Fall, es war nicht leicht gewesen, las ich T.C.Boyle: Nfjof muvoh jtu tfis foutdijfefo- bcfs xbt oýu{u ft@ Jdi cjo gýs Gsbvfosfdiuf/ Jdi cjo gýs Vnxfmutdivu{/ Jdi cjo gýs Nvmujlvmuvsbmjtnvt/ Jdi cjo gýs Cjmevoh/ Ejf wjfmfo Nfotdifo bvt efs Bscfjufslmbttf- ejf jdi lfoof- tjoe qpmjujtdi sbejlbm boefsfs Botjdiu bmt jdi/ Ejf VTB tjoe fjo hftqbmufoft Mboe/ Jdi lpnnf tfmctu bvt efs Bscfjufslmbttf- voe jdi mfcf fjofo hspàfo Ufjm nfjofs [fju jo efo lbmjgpsojtdifo Cfshfo- xp wjfmf tphfoboouf Sfeofdlt mfcfo/ Jdi mjfcf ejftf Nfotdifo- wjfmf wpo jiofo tjoe joufmmjhfou voe fjogýimtbn/ Bcfs jo qpmjujtdifo Gsbhfo ibcfo tjf tjdi usbvsjhfsxfjtf hbo{ voe hbs nbojqvmjfsfo mbttfo/ Ebcfj xfsefo hfsbef tjf ejf Pqgfs wpo Usvnqt Qpmjujl tfjo voe bn nfjtufo voufs jis {v mfjefo ibcfo/ Xfoo qsjwjmfhjfsuf Bnfsjlbofs xjf jdi ovs hfnåà jisfo xjsutdibgumjdifo Joufsfttfo hfxåimu iåuufo- eboo iåuufo xjs Usvnq hfxåimu- xfjm fs ejf Tufvfso tfolfo xjmm voe ebgýs tpshu- ebtt xjs votfs Hfme cfibmufo/ Bcfs jdi xåimf efo Lboejebufo- efttfo Ibmuvoh jdi gýs sjdiujh ibmuf- voe ojdiu efo- efs njs Qspgju csjohu/ Jdi cjo Qbusjpu/ — stop
ABOUT ESMERLADA / ENDE
von kevin und liesl im zug
tango : 22.52 UTC — Ich hörte, er heiße Kevin. Er sagte, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Sommer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Sommer habe er viel Durst, im Herbst fürchte er sich vor dem Winter. Er würde gern seine Geschichte erzählen, warum er so arm geworden sei, dass er keine Wohnung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist seine Stimme wunderschön anzuhören. Es ist eine Stimme, die gut singen könnte, ein Tenor vielleicht. Nur das mit Kevins Geschichte ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebensgeschichte seit Anfang des Jahres im Morgenschnellzug zum Flughafen immer wieder. Ich sollte sagen, Kevin erzählt täglich eine andere Geschichte, er ist im Grunde ein guter Erzähler, und auch ein guter Erfinder. Im Winter erzählt er Wintergeschichten, im Sommer Sommergeschichten. Gestern wurde Kevin von einer jungen, mageren Frau begleitet. Sie war sehr schmutzig. Kevin erzählte ihr, dass ich ihm manchmal etwas Geld geben würde oder eine Brezel, auch dass ich aufschreiben würde, was er berichte. Sie setzten sich neben mich. Die junge Frau sagte: Wenn man träumt, ist man im Inneren wach und warm. Am Flughafen stiegen beide mit mir aus. Wir sprachen eine halbe Stunde. Der Bahnhof war wieder einmal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teilweise ausgefallen, an den Wänden saßen ein paar dicke Kröten. Sie schnappten mit armlangen Zungen nach Tauben, die über den Bahnsteig segelten. Ich hörte, das Knochengespenst an Kevins Seite soll Lieselotte heißen, sehr seltsam dieser Name für eine recht junge Person. Ich erfuhr, dass sie Literaturwissenschaften in London studierte, sie mag gern lesen, aber sie komme nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich trage, der immerzu betrunken war, ein schmerzendes Bild, das hell vor ihr leuchte. Ich weiß jetzt, Bilder eines betrunkenen Vaters zu verdunkeln, erfordert ungeheure Kraft und Ausdauer. Lieselotte kann deshalb seit einem Jahrzehnt nicht schlafen. Sie mag Kevin, der so schöne Geschichten erzählt, dass sie beide von seinen Geschichten ein wenig weiterleben können. Es ist jetzt Abend. — stop

nach dem zug
echo : 22.02 UTC — Menschen, die glückliche Menschen sind, gehen im Grunde zunächst davon aus, dass sie von anderen Menschen verstanden, präzise, dass sie nicht missverstanden werden, ich meine in dem Sinne, dass Verständigung möglich ist, entweder sofort, auf der Stelle noch, oder mittels einer Nachfrage konstruktive Verständigung letztlich gelingt, sagen wir Zivilisation, die nun auch in Mitteleuropa bedroht wird von Personen, die auf ihr Land stolz sein wollen in einer Weise, die Menschen fremder Sprachen herabsetzt. — Am Marienplatz verließ ich den Zug. Ich stand unter Wartenden, wartete selbst, beobachtete den Bahnsteig, auf dem wartende Menschen sich drängten. Sie standen sehr nahe an der Bahnsteigkante. Als der Zug einfuhr, dachte ich, wäre ich ein Lokführer, würde ich in dieser Situation meine Augen schließen. — stop



