india : 15.01 UTC — In China in Peking soll ein Mann existieren, der kürzere Geschichten notiert, welche je von einem Haus der Altstadt erzählen. Diese Geschichten nun sind gerade eben so knapp formuliert, dass sie auf einem Blatt Papier Platz finden können. Der Mann beschreibt zunächst das Haus, seine Farbe, seine Position in den engen Gassen, wer (Herr und Frau) in diesem Haus wohnhaft ist, die Pflanzen und Tiere des Hauses, gleichwohl die Namen der Kinder, wann sie zur Schule gehen, was aus ihnen einmal werden könnte. Dann faltet er das Papier und legt es in seine lederne Tasche ab. Dort sind bereits weitere Hunderte gefalteter Blätter geborgen. Ich las, der Mann sei überzeugt, keines der beschriebenen Häuser würde je abgerissen werden, eben deshalb, weil sie von ihm verzeichnet worden sind. Das Buch, welches diese Geschichte erzählt, ist übrigens ein ganz besonderes Buch. Es ist ein Buch, das klingelt, wenn man vergisst, eine seiner Seiten in einer gewissen üblichen Buchzeit umzublättern. Es vermag außerdem zu vibrieren wie ein modernes Telefon und leise zu hupen, spätestens dann werde ich wach und lese weiter. — stop
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Aus der Wörtersammlung: eis
von teefliegen
ulysses : 22.55 UTC — Wie ist das mit der Wirklichkeit oder der Wahrheit in meinem schreibenden Leben? Jahrelang wohnte etwa eine Schnecke in meiner Wohnung, außerdem ein Lichtenbergfalter, Springspinnen, Libellen, ein Puma und Teefliegen, immer wieder Teefliegen. Ich habe sie mit eigenen Augen alle gesehen oder mit meinen erfindenden Augen, die in meinem Kopf verweilen. Ich könnte deshalb sagen, nicht jeder meiner Trompetenkäfer wäre vorzeigbar, aber doch vorstellbar. Nun habe ich eine weitere deutliche Spur gelegt hin zur Arbeitsbeschreibung, Radar ist zu lesen unter jedem meiner Particles – Texte, ein Hyperlink, der auf einen Text verweist, welcher meine Arbeit beschreibt. Dieser Text existiert seit 12 Jahren, heute habe ich entsprechende Textpassage, die Wirklichkeit und Erfindung bedeutet, zunächst unterstrichen, dann, wenige Minuten später in kursive Zeichen gesetzt. Das muss genügen. — Ich wünschte, eine Raupe würde noch heute durch mein Zimmer spazieren. — stop

im park
himalaya : 15.45 UTC — Ob vielleicht digitale Texte existieren, welche über eine nicht endende Zahl von Zeichen verfügen, Texte, die sich wie von selbst fortschreiben, Texte, die von Bots aus Archiven digitalisierter Bücher gefertigt werden, die sie in der Art und Weise Nest bauender Vögel verweben. Da und dort werden Zeichensätze eingefügt, Passagen, die wie Klebstoffe wirken, Transfertexte, welche bestehende Texte schrittweise ausblenden, um neu hinzukommende Texte ebenso behutsam einzublenden, Passagen, die zunächst vom Schlafen erzählen, dann vom Erwachen. Da sitzt man nun Jahr um Jahr abends in einem Park und liest und wundert sich, weil es im Text immerzu weitergeht. — Noch immer kein Regen. Kaum Fliegen, kaum Käfer, kaum Falter in der Luft. — stop
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radar
lima : 0.08 UTC — Man möchte einen Vorschlag bedenken, demzufolge Menschen, die von der Steppe her oder aus Städten kommend, zukünftig auf Bäumen leben werden, dringend zu optimieren sind, zum Beispiel, in dem man ihre Fähigkeiten, sich an Hölzern festzuhalten, durch kleinere körperliche Fortentwicklungen erweitern könnte, oder ihr Vermögen durch die Luft zu fliegen. Andere, zeitnah lebende Persönlichkeiten, sollten vielleicht mit einem filigranen Motor versehen werden, welcher Bereitschaft zu Mitgefühl erzeugen könnte. — stop

apollo
himalaya : 22.08 UTC — 28. Juli, ein sehr warmer Tag. Die Fenster sind geöffnet, Rollos weisen das Licht der Sonne zurück. Ich liege auf dem Sofa und beobachte mit einem Auge einen Käfer, der sehr langsam die Südwand meines Arbeitszimmers entlangspaziert. Man könnte sagen, der Käfer kommt auf mich zu, vielleicht wünscht er sich mit mir zu unterhalten, vielleicht wünscht er nachzusehen, was dieser Herr seit Stunden tut, warum er auf seinem Sofa ruht, Computerschreibmaschine auf seinem Bauch, Kopfhörer in den Ohren, fast bewegungslos, eine bekleidete Statue, ein um 50 Jahre gealterter Junge, der in einer Zeitkonstruktion ohne Schnitt, die Annäherung der Astronauten der Apollo 11 Mondlandemission beobachtet. Was für ein wunderbarer Tag. Von Zeit zu Zeit hole ich etwas zu trinken, dann wieder vor dem Bildschirm, die Stimmen dreier mutiger Männer in den Ohren, die mich ein Leben lang begleiteten, als wäre ich geboren worden, Zeuge zu sein, rechtzeitig, um 8 Jahre später ausreichend alt geworden zu sein, um zu verstehen, was sich ereignen wird. Ich erinnere mich, wie ich im Alter von drei Jahren auf warmem Land liege, das atmet. Bald fliege ich durch die Luft, schwebe über dem Bauch meines Vaters und lache, weil ich gekitzelt werde. Meine Stimme, meine kindliche Stimme. Und da sind eine hölzerne Eisenbahn, das Licht der Dioden, dampfendes Zinn, Lochkarten einer Computermaschine und die Geheimnisse der Algebrabücher, die der Junge von sechs Jahren noch nicht entziffern kann. Aber ein Forscher, wie der Vater, will er schon werden, weshalb er die Schneespuren der Amseln, der Finken, der Drosseln in ein Schulheft notiert. Zu jener Zeit drifteten Menschen bereits in Geminikapseln durch den Weltraum, um das Sternreisen zu üben. Nur einen Augenblick später waren sie schon auf dem Mond gelandet, in einer Nacht, einer besonderen Nacht, in der ersten Nacht, da der Junge von seinem Vater zu einer Stunde geweckt wurde, als noch wirklich Nacht war und nicht schon halber Morgen. Die zwei Männer, der kleine und der große Mann, saßen vor einem Fernsehgerät auf einem weichen Teppich und schauten einen schwarz-weißen Mond an und lauschten den Stimmen der Astronauten. Man sprach dort nicht Englisch auf dem Mond, man sprach Amerikanisch und immer nur einen Satz, dann piepste es, und auch der Vater piepste aufgeregt, als sei er wieder zu einem Kind geworden, als sei Weihnachten, als habe er soeben ein neues Teilchen im Atom entdeckt. In jener Nacht, in genau derselben besonderen Nacht, saß zur gleichen Minutenstunde irgendwo im Süden der Dichter Giuseppe Ungaretti vor einem Fernsehgerät in einem Sessel und deutete in Richtung des Geschehens fern auf dem Trabanten auf der Bildschirmscheibe, auf einen Astronauten, wie er gerade aus der Landefähre klettert, oder habe ich da etwas in meinem Kopf verschoben? Sicher ist, auf jenem Fernsehgerät, vor dem Ungaretti Platz genommen hatte, waren drei weitere, kleinere Apparate abgestellt. Alle zeigten sie dieselbe Szene. Echtzeit. Giuseppe Ungaretti war begeistert, wie wir begeistert waren. Ja, so ist das gewesen, wie heute, viele Jahre später. – stop

von pfirsichen
echo : 10.26 UTC — Wie die Briefe langsam sterben, ihre Umschläge, Papiere, Postwertzeichen, welche Flugzeuge und Schmetterlinge zeigen, die gleichfalls seltener werden. Wenn die Briefe langsam sterben, dann auch jene, die Briefe schreiben für andere Menschen, die nicht lesen können. Ich stellte mir einen älteren Herrn vor, der in einem Büro von Holz in London sitzt, letzter seiner Zunft, dutzende Kollegen haben schon vor Jahren ihre Arbeit eingestellt, haben ihre hölzernen Schreibabteile und ihre Schreibmaschinen verlassen, da werden jetzt Lampen verkauft oder Schmuck oder Telefone oder Kartons mit Reis und gebratenen Hühnern. Wie ist solch eine Vorstellung möglich, werden Sie vielleicht fragen. Nun, es ist so, dass ich mir dachte, dass dieser letzte Briefschreiber der Stadt London den Auftrag erhalten hatte, einen unendlichen Brief zu schreiben, weswegen sie zu zweit sind, ein fein gekleideter älterer Herr, der den Brief diktiert, der Auftraggeber, und eben jener ältere Herr, der die Zeichen des Briefes mittels einer Tastatur auf Papierbögen trägt. Sie sind zu einer kleinen Attraktion geworden. Manchmal schlafen sie oder nehmen etwas vom nachbarschaftlichen Reis zu sich, auch Pfirsiche oder Melonen bei großer Hitze. — stop

chronik der gefühle
echo : 4.55 UTC — Spinnen hier oben in meiner Wohnung unter dem Dach sind scheu geworden. Fast möchte ich manchmal meinen, dass sie gar nicht länger existieren in meinen Zimmern, wenn ich nicht da und dort Spuren beobachten könnte, die auf ihre Existenz verweisen, Netzwerke oder ein Häufchen winziger Fliegen, welches noch vor wenigen Tagen auf dem Fensterbrett ganz sicher nicht gewesen ist. An einem Abend, ich hatte die Fenster geöffnet, spazierte plötzlich ein recht umfangreiches Spinnenexemplar über die Wand meines Arbeitszimmers, groß wie die Schale eines Teelöffels. Die Spinne bewegte sich lautlos über mehrere Wände hin, bis sie, ohne eine längere Pause eingelegt zu haben, in der Küche durch ein geöffnetes Fenster meine Wohnung wieder verließ. Kaum eine halbe Stunde war die Spinne in meiner Wohnung gewesen. Und ich dachte, vielleicht hat sie eine Spur, Duftspur oder Faden verlegt, es werden weitere Spinnen kommen, hoffentlich eher kleinere Spinnen, die ich gern zu Gast haben würde, während ich die großen Spinnen doch sehr gründlich fürchte. Ich warte nun seit einigen Tagen bereits. In dieser Zeit des Wartens habe ich unheimliche und präzise erzählte Geschichten Alexander Kluges gelesen und auch gehört, sie sind wundervoll anzuhören. — stop
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abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 734, Luftfahrt — 38, Automobile — 68 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 2, 19. Jahrhundert – 28, 20. Jahrhundert – 1324, 21. Jahrhundert — 7832 ], Trolleykoffer [ blau : 5, rot : 18, gelb : 22, schwarz : 122 ], Seenotrettungswesten [ 7805 ], physical memories [ bespielt — 1, gelöscht : 77 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treibholz [ 3587 ], 1 hölzernes Fernglas ohne Gläser, Brummkreisel : 2, Öle [ 0.77 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 6, Kniegelenke – 32, Hüftkugeln – 56, Brillen – 65 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 33, Größen 38 — 45 : 21 ], Plastiksandalen [ 5325 ], Reisedokumente [ 388 ], Kühlschränke [ 1 ], Telefone [ 765 ], Gasmasken [ 5 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 8 ], Engelszungen [ 155 ] | stop |

zählung
echo : 0.01 UTC — Es heißt, ich würde das Wort Schnee 163 Male, das Wort Zimmer 327 Male und das Wort Nacht 492 Male notiert haben an dieser Stelle in den vergangenen 10 Jahren, auch die Wörter Kopf (484) und Geschichte (486) sind zu finden, das Wort Elektromond (1) und das Wort Diodenhund (1), und eines, das hier noch nicht eingetragen ist, mir aber schon bekannt. — stop
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sammlung
echo : 0.22 UTC — Entdeckte an diesem Tag eine Sammlung der Romane, Erzählungen und Journale Paul Nizons in einem Band. Das elektrische Warenhaus, welches dieses Buch verbreitet, – nur noch sieben Exemplare sollen vorrätig sein -, wirbt für den Kauf mit einer Preisersparnis von 82 Prozent, ein schweres Produkt, in dem sich Buchwesen auflösen und die Zeit, in der sie zur Welt gekommen sind. — Einmal, vor zehn Jahren, war ich Paul Nizon wieder begegnet. Ich beobachtete, wie er in Paris eine seiner Arbeitswohnungen spazierte. Natürlich waren zwischen ihm und mir eine Kameralinse, ein Bildschirm und dort etwas vergangene Zeit aufgespannt. Trotzdem konnte ich ihn gut erkennen. Er trugt einen kleinen runden Bauch vor sich her und sein Haar war grau geworden, und doch war er ganz der alte, verehrte Schriftsteller geblieben. Vor allem seine schöne Stimme, das sorgfältige Sprechen, die warme Melodie der Sprache, das Schweizerische, hier waren sie wieder, und auch das Tonbandgerät, das auf einem Tisch ruhend die Luftwellen der notierten Sätze eines Tages erwartete. Kurz darauf erinnerte ich, dass ich Paul Nizon einmal persönlich begegnete in der Straße, in der ich noch immer wohne, und daran, dass ich damals dachte: Er ist kleiner, als ich erwartet habe. Er trug einen grauen Mantel, weiß der Teufel, weshalb ich die Farbe seines Mantels gespeichert habe, und einen Hut, nehme ich an. Da war noch etwas Weiteres gewesen, mein Herz nämlich schlug in einer Weise, dass ich’s in meinem Kopf hören konnte. — Ein Frühlingsabend. Und ich sagte zu mir: Louis, reg dich nicht auf! Du bist an einem flanierenden Geist vorüber gekommen. — stop



