früh wenn die vögel

5

india : 6.28 – Ich erin­nerte mich an diesem schönen Morgen in der Schnell­bahn an einen Mann, der in Afgha­ni­stan gelebt hatte. Noch ein Junge, flüch­tete er nach Europa. Als ich ihn kennen­lernte war er Ende Zwanzig unge­fähr. Wie ich ihm nun wieder begeg­nete, sah ich einen grau­haa­rigen Mann vor mir, der noch immer stot­terte oder nichts sagen konnte, obwohl er doch spre­chen wollte. Ich glaube, es war der Krieg oder was er erlebte während seiner Flucht. Noch immer der selbe ängst­liche Blick, aber ein fester Hände­druck. Er heisst Nuri, und er fährt jeden Tag zur Arbeit mit dem Zug seit 32 Jahren. Sehr früh fährt er los, zu einer Zeit, da schlafe ich noch tief, da denke ich noch gar nicht daran, wach zu werden, so früh. Es ist die Zeit, da die Vögel aufstehen und singen. – stop

time

5

sierra : 18.32 – Das selt­same Leben der Uhren, ihre Erschei­nung, oder die Geschwin­dig­keit, in welcher sich ihre Zeiger oder Ziffern bewegen. Immer wieder die Frage, ob Uhrwerken nicht doch zu miss­trauen ist. Gerade Funk­uhren scheinen Persön­lich­keiten zu sein, sie laufen, ich habe das mit eigenen Augen beob­achtet, manchmal rück­wärts. Und so stellte ich mir vor, eine Uhr zu verwenden, um eine andere Uhr zu kontrol­lieren, oder mehrere Uhren einer Umge­bung, in der Hoff­nung, dass sie sich gleich­mäßig verhalten. Diese Über­le­gungen sind Orten verbunden, die niemals mit Tages­licht in Berüh­rung kommen, Räume, in welchen 28 Stunden dauernde Tage längst denkbar geworden sind. – stop
ping

von wörtern von ohren

5

sierra : 18.28 – Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, pras­selt, knallt, rasselt, knis­tert, klap­pert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röcheln, klin­gelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stot­tern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren, spru­deln. Diese Wörter und noch andere, welche Töne ausdrü­cken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilder­schrift für das Ohr. – G.C.Lichtenberg / stop

ping

loop

pic

foxtrott : 22.15 UTC – In einem Aufzug habe ich heute etwas Merk­wür­diges erlebt. Ich wurde nämlich verdäch­tigt, mittels meines persön­li­chen Zeige­fin­ger­ab­drucks gewisse Vorteile erzielen zu können. Der Aufzug erkennt sie, sagte eine empörte Frau, die über­zeugt gewesen war, der Aufzug hätte eigent­lich nach oben, wie von ihr gewünscht, nicht nach unten fahren dürfen. Die Frau hielt in diesem Augen­blick ihrer Rede eine Schere in der Hand, sie war über­haupt äusserst schlecht gelaunt. Ich über­legte, ob ich ihr nicht eine Geschichte zur Beru­hi­gung erzählen könnte, eine sehr kurze, span­nende, eine über­zeu­gende Geschichte. Ich lächelte sie an, atmete tief ein und aus, als ich bemerkte, dass mir keine Geschichte einfallen wollte, außer diese Geschichte selbst. Ich sagte also: Stellen sie sich vor, ich habe heute in einem Aufzug etwas Merk­wür­diges erlebt. – stop

eine alte schreibmaschine

9

alpha : 22.02 – Dachte wieder an eine Schreib­ma­schine zurück, an eine beson­dere Schreib­ma­schine, an meine digi­tale Schreib­ma­schine, die jedes Zeichen, das ich notiere, im Moment der Spei­che­rung in eine Hiero­glyphe verwan­delt, so dass ich schreibe einer­seits, also einen Text spei­chere, ander­seits nicht sofort wieder­ho­lend lesen kann, was ich für mich oder andere aufge­hoben habe. Schreiben. Denken. Auf dem Wasser laufen. Eine vernünf­tige, das heißt, eine gute Schreib­ma­schine, ist nach wie vor mit dem Internet niemals verbunden. – stop
ping

luftsprache

pic

alpha : 22.12 UTC – Im Haus der alten Menschen spazierte ich über Flure im Kreis wie mir schien. Da waren geöff­nete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beob­ach­tete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kniete, und eine alte Dame mit schloh­weißem Haar, die lag wie ein Mädchen mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommer­wiese. Einmal beob­ach­tete ich ein anderes Bett, in dessen Kissen­tiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft spra­chen Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr vermut­lich um Jahr. – stop

ping

lund

picping

MELDUNG. Sören K., 68 Jahre, der für eine Winter­nacht lang das Schließ­fach 88 Söder [ H:615 T:930 B:472 ] des Stock­holmer Haupt­bahn­hofes bewohnte, wurde um Zehn­zwölf Uhr zur Entfal­tung in eine Poly­klinik verbracht. Angabe in Milli­meter. Geboren in Lund. – stop