brief nach peking

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sier­ra : 1.58 – Kol­ja, der seit Jah­ren selt­sa­me Brie­fe sam­melt, zeig­te mir ges­tern einen beson­de­ren, einen kost­ba­ren Brief, einen Brief, der ihm, wie er sag­te, am Her­zen lie­ge. Auf die­sem Brief, auf sei­ner Anschrif­ten­sei­te prä­zi­se, wur­de mit sehr gro­ßen Buch­sta­ben, die von einer zit­tern­den Hand aus­ge­führt wor­den waren, eine Nach­richt für einen Brief­trä­ger hin­ter­las­sen: Herz­li­chen Dank, Herr Post­bo­te! Die­sen Brief bit­te per Luft­post ver­sen­den an die chi­ne­si­sche Regie­rung in Peking. Por­to bezahlt, bit­te, bit­te, der Emp­fän­ger in Chi­na, da Chi­ne­sen hier kei­ne Brief­mar­ken bekom­men. Kol­ja betrach­te­te den Brief lie­be­voll. Er deu­te­te auf einen Stem­pel, der den Brief ursprüng­li­ch tat­säch­li­ch nach Chi­na beför­der­te, eine Brief­mar­ke fehl­te. In Peking wur­de Kol­jas Brief in Emp­fang genom­men und sofort, mit einem wei­te­ren Stem­pel­auf­trag ver­se­hen, wie­der nach Deutsch­land zurück­ge­schickt, wo irgend­je­mand mit Blei­stift in sehr klei­ner Schrift das Wort Irr­läu­fer an jenen Ort notier­te, wo eigent­li­ch sich eine Brief­mar­ke befin­den soll­te. Ich habe, sag­te Kol­ja, die­sen kost­ba­ren Brief auf einem Floh­markt ent­deckt in Bam­berg, ich habe ihn nicht geöff­net, ich glau­be, kein Brief ist im Brief, sag­te Kojla, das ist doch selt­sam, ich habe nach einem Brief getas­tet. – stop
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sammlung

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india : 0.08 – Wäh­rend ich noch über das Puls­ge­räusch der Koli­bri­her­zen nach­dach­te, erin­ner­te ich mich an eine Herz­ge­schich­te, die ich vor eini­gen Jah­ren an die­ser Stel­le notier­te. Im Grun­de erin­ner­te ich mich nicht sehr prä­zi­se, ich mein­te in die­ser erin­ner­ten Geschich­te wäre von einem Kin­der­herz die Rede gewe­sen, auch von einem Freund, der ster­ben mus­s­te, weil sein Herz schwach gewor­den war. Ich sass ganz still und ver­such­te mich in einen erzähl­ten Raum hin­ein­zu­den­ken, von des­sen Exis­tenz ich über­zeugt war. Natür­li­ch wür­de ich mei­nen Text sehr schnell wie­der­ge­fun­den haben, wenn ich mit­tels mei­ner Such­ma­schine nach dem Text gesucht hät­te. Ich war­te­te zunächst ein­mal ab und ver­such­te mich tat­säch­li­ch an wei­te­re Details der Geschich­te zu erin­nern. Wenn Du einen Faden dei­ner Geschich­te auf­neh­men kann­st, dach­te ich, wird sie sich Satz für Satz erge­ben. Zwei Tage ver­gin­gen. Ich spa­zier­te, schlief, las in einem Buch, sah aus dem Fens­ter. Sobald ich glaub­te, mich an ein Detail der Geschich­te erin­nert zu haben, mach­te ich Notiz. Ein­mal schrieb ich das Wort Stra­ßen­bahn. – stop

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herzkern

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sier­ra : 1.18 – M. erzähl­te, sie habe eine Nach­richt erhal­ten, die sie mit­ten ins Herz getrof­fen habe. Sofort die Fra­ge: Exis­tiert even­tu­ell ein ana­to­mi­scher Ort, den man als Herz­mit­tel­punkt bezeich­nen könn­te, eine Art Herz­kern viel­leicht. Auch das Wort Herz­blut wird nach und nach zu einem Wort, des­sen Ver­ständ­nis in mei­nen Ohren nicht län­ger selbst­ver­ständ­li­ch ist. – stop

seltsam

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ulys­ses : 1.18 – Wie ist es mög­li­ch, Geschich­ten zu erzäh­len, die selt­sam sind, ohne sofort selbst für selt­sam oder merk­wür­dig oder gar gefähr­li­ch gehal­ten zu wer­den, da doch die­se merk­wür­di­gen Geschich­ten in mei­nem Kopf ent­ste­hen? Ich habe L. von Esme­ral­da erzählt, dass Esme­ral­da eine Schne­cke sei, die in mei­ner Woh­nung lebe, als wäre sie eine Kat­ze, dass ich das klei­ne Tie­re füt­tern wür­de, dass ich mei­ne Woh­nung im Win­ter behei­ze, auch wenn ich nicht anwe­send sei, damit Esme­ral­da nicht frie­ren möge. Lie­be L. sag­te ich, ich wäre nie­mals auf die Idee gekom­men, mir aus frei­en Stü­cken eine Schne­cke zu kau­fen oder aber zur Som­mer­zeit in einem Gar­ten ein­zu­fan­gen, nein, nie­mals, wenn nun aber eine Schne­cke als Geschenk, als kos­ten­freie Offer­te auf pos­ta­li­schem Wege zu mir reis­te, war­um soll­te ich das Geschenk zurück­wei­sen, war­um nicht einen Ver­su­ch unter­neh­men, ein guter oder vor­züg­li­cher Schne­cken­hal­ter zu wer­den? Wir wer­den es ver­su­chen, sag­te ich zur Schne­cke kurz nach­dem sie ange­kom­men war. Jah­re sind seit­her ver­gan­gen, Esme­ral­da scheint mit ihrem Leben in mei­ner Woh­nung ein­ver­stan­den zu sein. Ein­mal öff­ne­te ich die Tür zum Trep­pen­haus und war­te­te. Ein ande­res Mal öff­ne­te ich ein Fens­ter und war­te­te wie­der­um eini­ge Zeit, Esme­ral­da blieb oder kehr­te zurück. Es stellt sich nicht zum ers­ten Mal die Fra­ge: Wie alt wer­den Schne­cken? Ist Esme­ral­da nicht viel­leicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhn­li­che Schne­cke betrach­tet wer­den zu kön­nen? – stop

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am hugli

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alpha : 5.25 – Hör­te mich ges­tern noch sagen, ich wür­de im Auf­trag einer Geschich­te im kom­men­den Jahr nach Kal­kut­ta rei­sen. Tat­säch­li­ch schei­nen Geschich­ten, sobald sie sich ver­wirk­li­chen, Per­sön­lich­kei­ten zu wer­den, die Wei­sun­gen ertei­len. Noch in der­sel­ben Nacht träum­te ich von einer indi­schen Brief­mar­ke, auf wel­cher Kie­men­men­schen, eine Dame und ein Herr, in Was­ser schwe­ben. – stop

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mikroskop

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hima­la­ya : 5.06 – Wenn ich von Zwerg­kat­zen spre­che, dann von Kat­zen, die nicht viel grö­ßer sind als mit­tel­eu­ro­päi­sche rote Walda­mei­sen. Ich beob­ach­te­te zwei die­ser wun­der­vol­len Schöp­fun­gen, wie sie gegen den Mor­gen zu der­art hef­tig in mei­ner Küche tob­ten, dass sie ein­mal bei­na­he vom Tisch gefal­len wären. – stop

schokolade

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char­lie : 3.05 – In der Stra­ßen­bahn berich­te­te ein älte­rer Herr, er erin­ne­re sich immer wie­der ein­mal zur Weih­nachts­zeit an das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de. Das sei Scho­ko­la­de gewe­sen, die für kämp­fen­de Sol­da­ten mit der angst­lö­sen­den Sub­stanz Per­vit­in ver­setzt wor­den sein soll. Er kön­ne nicht mit Sicher­heit sagen, ob er als Kind jemals einen Niko­laus von Scho­ko­la­de geschenkt bekom­men habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blau­en und gol­den glän­zen­den Metall­män­tel unse­rer Tage rufen unaus­weich­li­ch das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de in ihm her­vor. Ob ich wüss­te, frag­te er, dass Per­vit­in Crys­tal Meth ähn­li­ch sei, dass man Pan­zer­scho­ko­la­de damals an Kios­ken ver­kauf­te, an Zivi­lis­ten, eine unglaub­li­che Sache. – Mit­ter­nacht. Noch zu tun: Ein authen­ti­sches Wort für Puls­ge­räu­sche der Koli­bris erfin­den. – stop

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