im aufzug

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sierra : 22.01 UTC – Stellen Sie sich vor, ich war in einem Aufzug gewesen, der nicht weiter­fuhr, weder nach oben noch nach unten, keinerlei Bewe­gung, eine eigent­lich harm­lose Geschichte, aber ich war nicht allein in dem Aufzug, wir waren zu fünft, zum Glück nur zu fünft, nicht etwa zu siebt oder zu acht, dann wäre wirk­lich Ernst geworden. Da waren also ich und vier weitere Personen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Personen von der Art, von welchen man sagen könnte, dass sie nicht gerade freund­liche Menschen sind. Ich würde sogar sagen, sie waren in ihrem Auftreten unhöf­liche Wesen, ich kann das beur­teilen, ich war der erste in dem Aufzug gewesen, alle weiteren vier Personen kamen etwas später hinzu, traten in die Aufzug­ka­bine herein, ohne zu grüßen. Den ersten Herrn grüßte ich noch, aber bei dem zweiten Herrn war ich schon vorsichtig gewesen, ich grüßte ihn nicht, viel­leicht wird der vierte Besu­cher des Aufzuges demzu­folge gedacht haben, was sind das nur für unfreund­liche Menschen an diesem Ort, weil wir drei, die vor ihm im Aufzug gewesen waren, uns bereits ärgerten, deshalb entspre­chende Gesichter zeigten. Wir hatten kein Glück, so könnte man das viel­leicht sagen, auch die Besu­cher vier und fünf waren keine Froh­na­turen, sie traten herein, beob­ach­teten was da für Menschen sich im Aufzug befanden, und sagten sich vermut­lich, wir werden schweigen weil alle schweigen. Dann blieb der Aufzug also stehen, ohne dass sich eine Tür geöffnet haben würde, das Licht ging aus, auch die Anzeigen der Stock­werke, wir standen im Dunkeln. Unver­züg­lich holten wir unsere Dienst­te­le­fone aus den Taschen, es wurde Licht, fünf Gesichter, die beleuchtet waren, ängst­liche Gesichter, weil wir ahnten, dass wir uns nicht mochten, dass wir unfreund­liche Menschen waren, die vermu­teten, dass sofort oder in Kürze etwas Schreck­li­ches geschehen könnte. – stop

feldX ∣ 285 ∣

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echo : 17.12 UTC – Wie viele Arbeits­schritte, die von Zufalls­ge­ne­ra­toren gesteuert sind, werden im Zahlen­körper eines Algo­rithmus notwendig sein, um sein Handeln bei längerer Beob­ach­tung als Verhalten eines komplexen Lebe­we­sens wahr­nehmen zu können? Eine selt­same Frage viel­leicht. Ich habe an diesem Nach­mittag bemerkt, dass das Erfinden diffi­zi­lier Fragen Freude bereitet, gerade auch dann, wenn ich sicher sein kann, dass ich eine erfun­dene Frage selbst niemals zu beant­worten vermag. – Später Nach­mittag: Lust auf eine Flasche kühler Tibet­luft. – stop

ping

sumatra petit

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india : 21.05 UTC – Es ist der 22. Juni, Abend. 30 °C Wärme im Arbeits­zimmer, 88 Prozent Luft­feuchte, meine Schreib­ma­schine, die gerade eben noch von einem Schirm­sammler erzählte, schnauft vor sich hin, jeder weitere Satz scheint ihr Prozes­sor­herz aufzu­regen. Ich selbst habe schon längst aufge­hört zu atmen, habe meine Kiemen­schächte, die links und rechts hinter meinen kleinen Ohren im Verbor­genen liegen, geöffnet, nun bin ich ganz auf der sicheren Seite. Mein Tele­fon­hörer ruht neben Lutz Seiler Zeit­waage, ein Buch, das ich zur Stunde kaum wage anzu­fassen, es konnte zerfallen. Über­haupt bin ich heute ein wenig langsam in der Aufnahme der Wörter, ich lese sozu­sagen Buch­stabe um Buch­stabe voran. Über meinem Sofa haben sich drei Wolken­türme gebildet, die bald blitzen werden, ich kenne das schon, es blitzt und dann wird es regnen, diesen wunder­baren Regen aus meinen Zimmer­wolken, der nach Veil­chen duftet, ich weiss noch immer nicht warum. Auf dem Fens­ter­brett ein Zeisig, es ist kurz nach neun Uhr, Miles Davis So What, wir tauchen. – stop
ping

vom unsichtbaren

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lima : 23.59 UTC – Ich war noch ein Kind gewesen, als ich von meinem Vater in einen unter der Erde liegenden Saal des Kern­for­schungs­zen­trum CERN geführt wurde. Ich lernte dort die Unsicht­bar­keit kennen. Es war inmitten einer Nacht, der Saal grell beleuchtet, Dioden blinkten, oran­gen­far­bene Warn­leuchten drehten sich langsam. Und da war das Rauschen der Luft, die kühl durch den Saal strich, ein bestän­diger Wind, weswegen in einer Hoch­som­mer­nacht doch alle Menschen, die in dem Saal zu beob­achten waren, warme Klei­dung trugen. Mein Vater und ich standen auf einer Brücke, die über einen Korridor führte, der voll­ständig leer zu sein schien. Aber das war natür­lich ein Irrtum, dort gleich unter uns schoss nämlich ein Strahl hoch­en­er­ge­ti­scher Teil­chen durch die Luft, der jeden Menschen sofort getötet hätte, wenn er dort unten hindurch spaziert wäre. Mein Vater deutete hinab und versuchte mir das Unsicht­bare zu erklären. Nicht sichtbar, weil zu schnell, sagte mein Vater, und zu klein. Ich war so berührt von der mögli­chen Wirkung des Unsicht­baren, dass ich immer wieder dorthin zurück­kehren wollte, um das Unsicht­bare zu besu­chen. Über­haupt ist das Unsicht­bare, das aber doch der Fall ist, ein wunder­volles Phänomen. Oder jenes gemein­same Wesen, das nur den Liebenden sichtbar wird. – Mit dieser Minute endet Louis’ 20646 Lebenstag. – stop

tokiozug

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charlie : 22.25 UTC – Vor wenigen Minuten noch habe ich mit einem Blei­stift in meiner rechten Hand versucht, den Namen Dostojewski’s in mein Notiz­buch einzu­tragen. Das ist viel­leicht tatsäch­lich eine kleine Meldung wert. Der letzte Eintrag in mein Notiz­buch ist nämlich mit dem Monat April verbunden, das war, ich erin­nere mich, an einem Sonntag gewesen, ein stür­mi­scher und regne­ri­scher Tag, die Papiere meines Notiz­bu­ches waren feucht geworden, wellten sich, wellen sich noch immer. Ich habe damals die Frage notiert, ob Fleder­mäuse auch bei Regen fliegen. Nun ging es heute um etwas ganz anderes, ich wollte eine Notiz zum Roman Der Spieler verzeichnen. Leider fuhr ich in diesem Augen­blick meines Notier­wun­sches in einem Zug voller Menschen, die sich dicht anein­ander drängten, weswegen ich meine Schreib­ma­schine nicht errei­chen konnte. Also suchte in der linken Hosen­ta­sche nach meinem Notiz­buch für Notfälle. Dieses Buch ist, wie ich erwähnte, von Papier, wurde mehr­fach gefaltet, ebenso mehr­fach feucht und wieder getrocknet, ein Heft­chen, in welchem ich beizeiten mit wilder, unge­übter Schrift notiere, sodass ich manchmal nur noch erahnen kann, was ich vermerken wollte. So habe ich heute also aus der Erin­ne­rung Varia­tionen eines berühmten Namens notiert, mehr­fach habe ich ange­setzt, dann wieder nach­ge­dacht. Ich frage mich, was würde Fjodor M. Dosto­jewski viel­leicht gedacht haben, hätte er mich beob­achtet in diesen aufre­genden Minuten einer kurzen Zugreise? – Heute ist Dienstag, es ist warm, es ist Sumatra. – stop
ping

samarkand

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echo : 0.28 UTC – Am Telefon erzählte unlängst eine Freundin, die 32 Jahre länger lebt als ich selbst, sie höre mir gern zu, auch dann, sagte sie, wenn du sehr schnell sprichst. Sie gehe manchmal kurz in die Küche und mache sich einen Tee oder lese in einem Buch über die Stadt Samar­kand. Hin und wieder stehe sie auf dem Balkon und betrachte den Abend­himmel, das Telefon ruhe indessen stets in Hörweite auf dem Wohn­zim­mer­tisch. Ich vernehme Dich also, lieber Louis, ich mag deine Stimme, aber Du soll­test lernen, Pausen zu machen, lang­samer zu werden. Ich antwor­tete: Ja, das ist gut, ich bin schon seit einigen Wochen in der Übung lang­samer zu werden. Es ist sehr ange­nehm, langsam zu gehen und langsam oder gar nicht zu spre­chen. Von nun an werde ich, das ist ein Verspre­chen, immer wieder einmal zu Hause oder unter­wegs eine Pause einlegen. Dann fragte ich: Was macht man denn so in einer Pause? – Es ist sehr schön wie meine Freundin lacht. Sie reist viel herum, nach Amerika, nach Paris, nach Jeru­salem. – stop
ping

im aquarium

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india : 20.01 UTC – Einmal beob­ach­tete ich in der Unter­was­ser­ab­tei­lung eines zoolo­gi­schen Gartens Medusen und Haifi­sche, auch Bunt­bar­sche und Seesterne. Es war dort beinahe dunkel gewesen, Besu­cher flüs­terten, wohl weil man im Schat­ten­licht leise spricht. Als ich mich gerade umdrehen wollte, um nach einem Ausgang zu suchen, entdeckte ich einen klei­neren Behälter, der auf einem Sockel inmitten des Saales ruhte. Da schwebte ein Wesen in dem Behälter, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich dachte, tatsäch­lich exis­tieren Unter­was­serengel, Persön­lich­keiten, die sich ein Maler ausge­dacht haben könnte. Einige Minuten lang wartete ich darauf, doch endlich wach zu werden, indessen der Unter­was­serengel mich seiner­seits zu beob­achten schien. Kurz darauf näherte sich ein Mitar­beiter des Aqua­riums, er strich mit einem Finger über die Scheibe hin, der Fisch folgte dem Finger, als ob er mit ihm befreundet sei. Ich sagte, das ist ein selt­samer Fisch, eine Art Unter­was­serengel. Nein, antwor­tete der Mitar­beiter, das ist ein Fetzen­fisch. Das kann nicht sein, erwi­derte ich, eine selt­same Bezeich­nung für ein so wunder­volles Wesen. Eine Weile disku­tierten wir über das Recht oder Unrecht, Namen an Tiere oder Pflanzen zu vergeben. In dieser Zeit beob­ach­tete uns der Fisch aufmerksam. Plötz­lich drehte er sich um und verschwand in einer Höhle, so als habe er die Entschei­dung getroffen, genau in diesem Moment seinen Arbeitstag als Fetzen­fisch zu beenden. – stop

montauk

picping

MELDUNG. Montauk, Point Light­house, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 308 [ Marmor, Makrana : 5.03 Gramm ] voll­endet. – stop

ping