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echo : 5.05 UTC – Vor lan­ger Zeit hatte ich das Wort Mikro­fon­buch notiert. Fünf Jahre spä­ter ent­deckte ich das Wort wie­der. Denk­bar ist, dass ich das Wort Mikro­fon­buch notierte, ohne zu wis­sen, was das Wort bedeu­ten könnte. Eine Art war­ten­des Wort: Aus dir könnte noch etwas wer­den. – stop

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alisa

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fox­trott : 3.02 UTC – Die kleine Alisa, wie sie vor Jah­ren in Holz­schu­hen durch das Trep­pen­haus hüpft, wie sie Rosen­blü­ten in mei­nen Brief­kas­ten wirft, wenn schon nicht tele­fo­nie­ren, dann eben so. Ihre Wild­heit. Ihre Lust auf Foto­ap­pa­rate. Ihr blaues Auge, weil sie eine Foto­gra­fie zu Hause zeigte, die ich ahnungs­los auf­ge­nom­men hatte, Alisa, die Kas­ta­nien sam­melt an einer nahen Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle, nie wie­der Rosen­blü­ten. Wie wir uns ein­mal auf die Suche machen, Ali­sas ver­zwei­felte Mut­ter, mit Kopf­tuch, und ich, ohne Kopf­tuch. Sie kann nicht mit dem Mund zu mir spre­chen, es feh­len die Wör­ter, also spricht sie mit den Augen. Mit ange­win­kel­ten Bei­nen sitzt Alisa in einer Turn­halle und sieht rie­si­gen Män­nern zu, die Bas­ket­ball spie­len. Sie hat die Zeit ver­ges­sen, wie alle Kin­der die Zeit ver­ges­sen. Da ist grad noch ein Bild in mei­nem Kopf, ein tod­mü­der marok­ka­ni­scher Mann, Ali­sas Vater, mit sei­nem her­un­ter­ge­kom­me­nen roten Auto, wie er an einem spä­ten Frei­tag­abend gebückt und stau­big die Straße über­quert. Plötz­lich waren sie nicht mehr da, Alisa, ihre Mut­ter, der Vater, das rote Auto. – stop

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indien

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oli­mambo : 6.58 UTC – Ein Freund rief an, er legte sofort los, erzählte dies und das, von einem Eich­hörn­chen bei­spiels­weise, das in sei­nem Gar­ten lebt, von einer Cou­sine, die sich das Bein brach im Gebirge, von der Hitze des Som­mers, die sei­nen Kühl­schrank killte wäh­rend er in Indien weilte. Eine Stunde lang berich­tete mein Freund von sei­ner indi­schen Reise, von höl­zer­nen Zügen, von offe­nen Feu­ern in der Land­schaft, von Far­ben, die nur in Indien wirk­lich zu Hause sein wür­den. Plötz­lich wusste er nicht wei­ter. Er fragte, wie er auf Indien eigent­lich gekom­men sei, er konnte sich an die Wei­che, die ihn erzäh­lend nach Indien führte, nicht erin­nern. Er machte eine Pause, viel­leicht weil er schwei­gend kon­zen­trier­ter nach­den­ken konnte, dann legte er gruß­los auf. Nach einer hal­ben Stunde mel­dete er sich wie­der zurück: Es war der Kühl­schrank! Sofort reis­ten wir wei­ter fort in Rich­tung Dar­jee­ling. Es war spät gewor­den und es reg­nete. – stop

animals7

kein einziges wort

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nord­pol : 3.18 UTC  – Ipek1) Name geän­dert, die in einem Dorf der ana­to­li­schen Region Der­sim (Tun­celi) gebo­ren wurde, erzählte in weni­gen Wor­ten, wes­halb sie vor drei Wochen um Haa­res­breite von einer Reise nicht nach Hause nach Ber­lin zurück­ge­kom­men wäre. Ihr Vater, sagte sie, sei gestor­ben. Ihre Fami­lie und sie selbst seien des­halb nach Ana­to­lien gereist, um den Leich­nam ihres Vaters in der Hei­mat zu bestat­ten. Auf der Hin­reise habe sie kei­ner­lei Pro­bleme gehabt, viel Mili­tär auf den Stra­ßen, aber das kenne sie schon von Kind­heit an. Sie habe einen Tag vor der Beer­di­gungs­ze­re­mo­nie vom Dorf aus die Stadt besucht, um einige Stan­gen Ziga­ret­ten ein­zu­kau­fen, die ihre Fami­lie den Trau­er­gäs­ten anbie­ten wollte. Das sei so üblich in ihrer Gegend, das wüsste jeder Men­sch, auch die Kin­der. Bei der Rück­fahrt sei der Bus in eine Poli­zei­kon­trolle gera­ten. Man habe sie aus dem Bus geholt, man wollte wis­sen, für wen genau die Ziga­ret­ten bestimmt seien. Da habe sie erzählt, warum sie die Ziga­ret­ten gekauft habe, aber man wollte ihr nicht glau­ben, man sagte, sie habe Nach­schub für Ter­ro­ris­ten gekauft. Da habe sie gesagt, dass das nicht so sei, aber die Män­ner in Uni­form sag­ten, dass das eben doch so sei, und dass sie jetzt still sein solle, andern­falls würde man ihren deut­schen Rei­se­pass zer­reis­sen, den hatte einer der Män­ner bereits in der Hand. Der Mann sagte, dass das mit den Ziga­ret­ten nur genauso sein könne, wie er es sage, dass sie für die Berge bestimmt seien, könne man daran erken­nen, wo sie, Ipek, gebo­ren wor­den sei, in Der­sim näm­lich, das bedeu­tet in Tun­celi, so heiße die Region Der­sim in der tür­ki­schen Spra­che. Er fuhr fort, wenn sie, Ipek, jetzt noch ein wei­te­res Wort sagen würde, dann würde sie nie wie­der nach Hause kom­men. Also war sie still gewe­sen. Sie habe kein ein­zi­ges Wort gesagt, auch nicht im Bus, noch min­des­tens eine Stunde lang kein ein­zi­ges Wort. – stop
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1. Name geän­dert

radionuklidbatterie

pic

~ : louis
to : mr. eliot
sub­ject : RADIONUKLIDBATTERIE

Lie­ber Eliot! Guten Mor­gen! Wie geht’s, wie steht’s? Ich fragte mich, ob Du die Hitze, – auch bei Dir drü­ben soll es sehr heiß sein -, gut ver­tra­gen kannst? Ich sorge mich ein wenig, ver­mut­lich ohne Grund! Mir jeden­falls bekommt die Hitze nicht sehr gut. Auch Vaters alter Uhr nicht. Ich trage sie, seit er gestor­ben ist vor vier Jah­ren. Jetzt ist sie ste­hen­ge­blie­ben, ver­mut­lich weil ihre Bat­te­rien in der war­men Luft müde gewor­den sind. Für ein paar Stun­den habe ich mir aus­ge­malt, dass die Zeit mei­nes Vaters nun end­gül­tig endete. Das ist schmerz­voll, ich würde ihm gern noch ein­mal erzäh­len von mei­nen Wün­schen, von einem Vogel bei­spiels­weise, der mein Leben verzeich­net, der mich beglei­tet, Gesprä­che, die ich täg­lich mit Men­schen führe oder heim­li­che Gesprä­che mit mir selbst. Auch würde vom Vogel auf­ge­nom­men, was ich gese­hen habe wäh­rend ich reiste, einen Ken­tau­ren im Gebirge, Regen­trop­fen am Strand von Coney Island, eine schla­fende Hand, die zeich­nete. Manch­mal ist es ange­nehm, sich wün­schen zu kön­nen, was nicht mög­lich zu sein scheint, eine große Frei­heit der Spe­ku­la­tion. Aber in den ver­gan­ge­nen Tagen wurde mir bewusst, dass die Ver­wirk­li­chung eines mich beglei­ten­den Vogel­we­sens nicht län­ger uto­pi­sch sein muss. Ich kann mir eine flie­gende Maschine ohne wei­tere Anstren­gung vor­stel­len, ein künst­li­ches Luft­we­sen, vier Pro­pel­ler, ange­trie­ben von einer leich­ten Radio­nu­klidbat­te­rie, die sich tat­säch­lich für Jahr­zehnte an mei­ner Seite in der Luft auf­hal­ten könnte, ein bei­nahe laut­lo­ses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tau­ben­schwänz­chens oder einer Biene, davon erzählte ich schon. Ich weiß nicht warum das so ist, ich habe den Ein­druck, wenn ich Vaters Uhr bald wie­der in Gang set­zen werde, wird sie meine Uhr gewor­den sein, das ist viel­leicht ein wenig ver­rückt, oder auch nicht. Ges­tern habe ich eine Geschichte von 18 Sei­ten Länge auf ein Ton­band gespro­chen und der­art beschleu­nigt, dass meine Stimme zu einem Geräusch von 10 Sekun­den Dauer wurde, eine Art Hoch­ge­schwin­dig­keits­hör­spiel, das ich selbst nicht hören konnte, weil ich sehr hohe Geräu­sche seit lan­ger Zeit nicht mehr wahr­nehme. Ich sende Dir die Datei anbei. Wür­dest Du bitte prü­fen, ob Du selbst sie viel­leicht noch hören kannst, oder irgend­je­mand sonst? Melde Dich bald! Dein Louis

gesen­det am
10.09.2016
22.56 UTC
2453 zei­chen

segelpferdchen

aleppo

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hima­laya : 5.14 – Was in der syri­schen Stadt Aleppo an der öst­li­chen Grenze Euro­pas hun­gern­den Men­schen in die­sen Stun­den wider­fährt, wis­sen wir nicht. – stop
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nachtbild

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char­lie : 2.02 – Noch dun­kel, aber doch soviel Licht, dass ich eine Hand ent­de­cke, die sich genauso bewegt, als würde sie malen. Der Men­sch, zu dem diese malende Hand gehört, schläft, ver­mut­lich ereig­nen sich im Augen­blick mei­ner Beob­ach­tung Träume, die die Hand bewe­gen. Ich ver­su­che in der Beob­ach­tung her­aus­zu­fin­den, das heißt, vor­zu­stel­len, was diese Hand gerade malen oder zeich­nen könnte. Dar­über schlafe ich ein. Als Mor­gen gewor­den ist, sage ich fröh­lich: Du hast heut Nacht viel­leicht im Schlaf gemalt! Kannst Du Dich erin­nern, an wel­chem Bild Du gear­bei­tet haben könn­test? – Es ist die Zeit der Hum­mer­ernte. Erste kalte Winde flie­ßen über die gro­ßen Seen süd­ost­wärts. Ecke Wil­low St. pas­siert ein Leguan die Cran­berry St., ein Poli­zist, der sich freut, regelt den Ver­kehr. Plötz­lich eine Frage wie eine bren­nende Lunte, eine Frage, die ich in einer frem­den Spra­che vor­sich­tig notiere, ob sich Hum­mer­tiere an mensch­li­chen Kör­pern ver­grei­fen? Beun­ru­hi­gend, wie damals, Ende des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, die Frage nach den Vor­lie­ben der Vik­to­ria­see­bar­sche? – stop
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an einem frühen morgen

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oli­mambo : 8.05 – An einem frü­hen Mor­gen spricht ein Mann im Schwein­wer­fer­licht einer Fern­seh­ka­mera. Er ist Abge­ord­ne­ter des Deut­schen Bun­des­ta­ges, ein tap­fe­rer Mann, er ver­tei­digt die Poli­tik sei­ner Par­tei, sei­ner Bun­des­kanz­le­rin. Er spricht unge­fähr so: Wir haben viel geschafft. Wir haben uns bemüht. Wir haben den Men­schen­schleu­sern das Hand­werk gelegt. Es kom­men weni­ger Men­schen zu uns, die flüch­ten wol­len. Nicht län­ger müs­sen Men­schen im Mit­tel­meer ertrin­ken. – Es ist frü­her Mor­gen, ein Mor­gen eines Tages im Sep­tem­ber. Es ist das Jahr 2016. Wenn ich über die Fern­be­die­nung mei­nes Fern­seh­ge­rä­tes einen wei­te­ren Fern­seh­ka­nal anwähle, erfahre ich, dass der Som­mer zurück­keh­ren wird, obwohl doch schon Herbst gewor­den ist. – stopschaltung6