deep

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tango : 0.28 UTC – Ich habe ges­tern auf der Suche im Inter­net nach Wal­fisch­stim­men ein Mikro­fon ent­deckt, das sich im Atlan­tik nahe der grön­län­di­schen Küste unter der Mee­res­ober­flä­che befin­den soll. Fol­gende Posi­tion war zu ermit­teln: Sta­toil Green­land ( Ölplatt­form ) 79.056 N / –12.538 O. Es han­delt sich mög­li­cher­weise tat­säch­lich um Live – Auf­nah­men, die von dort gesen­det wer­den, nicht um einen Loop, der vor­gibt Geräu­sche in Echt­zeit zu über­tra­gen. Das atlan­ti­sche Meer, soviel kann ich nach län­ge­rer Beob­ach­tungs­zeit sagen, knat­tert und rauscht und tickt und pfeift von Zeit zu Zeit. Ich meinte tat­säch­lich Wal­fisch­stim­men gehört zu haben, ein berüh­ren­der Moment. – Ich erin­nere mich, ein­mal gele­sen zu haben, dass Buckel­wale zur Paa­rungs­zeit über eine Spra­che ver­fü­gen, die ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähn­lich ist. Immer wie­der seit­her die Frage, was ich unter einer ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­che ver­ste­hen sollte. Ob eine die­ser ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeig­net wäre, sich mit­tels einer Pro­ze­dur der Über­set­zung von Wal zu Men­sch zu ver­stän­di­gen? Wir könn­ten uns vom Land und von der Tief­see erzäh­len. Eine gran­diose Vor­stel­lung, wie ich in der Tiefe vor einem Wal schwe­be und dar­auf war­te, dass er bald, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird, etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hörte von Bäu­men! – stop

ping

bbc

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alpha : 15.22 UTC – Mein Freund Samuel ist ein Freund, mit dem ich sehr gerne spre­che, weil ich immer wie­der beob­achte, dass Wör­ter oder Sätze, die ich in dem Glau­ben ver­wende, sie seien für alle mensch­li­chen Wesen glei­cher­ma­ßen gül­tig, in unse­rer gemein­sa­men Welt nicht exis­tie­ren. Selbst die bei­läu­fige Betrach­tung eines Fern­seh­bild­schirms pro­vo­ziert Dis­kus­sio­nen. Wir sit­zen, es ist spä­ter Abend, in einem Café am Flug­ha­fen. Die BBC zeigt Aus­schnitte einer Pres­se­kon­fe­renz des 45. Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­rika in einem Loop. Wie­der­holt dem­zu­folge hören und sehen wir wie der 45. Prä­si­dent eine far­bige Jour­na­lis­tin beschimpft, die ihm eine sach­li­che Frage stellte. Ich sage zu mei­nem Freund, schau, hör zu, er beschimpft diese Frau. Nach fünf­zehn Minu­ten, die Szene der Beschimp­fung war drei­mal wie­der­ge­kehrt, sagt mein Freund mit tro­cke­ner Stimme: Das ist nicht Wirk­lich­keit, das ist eine Erfin­dung des Fern­se­hens. – stop
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regenzeit

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nord­pol : 18.15 UTC – Es ist frü­her Abend und es reg­net in Strö­men. Tat­säch­lich, wenn ich vor dem Fens­ter stehe und mei­nen Blick der­art in die Luft richte, dass ich den Regen wahr­zu­neh­men ver­mag, meine ich für Sekun­den, Schnüre von Was­ser erken­nen zu kön­nen, deren Ursprung ich nicht sehen kann. Die Beob­ach­tung der Was­ser­schnüre berei­tet mir Freude, ich sehe etwas, das ich nicht wirk­lich sehen, aber mir so gut vor­stel­len kann, das es tat­säch­lich wirk­lich zu sein scheint. – stop
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von fliegerbomben

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alpha : 1.15 UTC – Ges­tern Abend sagte ich zu Jakob: Lie­ber Jakob, es ist kurz vor Mit­ter­nacht. Ich habe Dich zwei Monate, drei Tage und acht Stun­den lang belich­tet, in die­sem Moment bist Du fer­tig gewor­den. Ich spa­zierte in der Küche auf und ab, ging für eine halbe Stunde auf der Straße spa­zie­ren, als ich zurück­kam, sass Jakob noch immer still vor dem Tisch und betrach­tete seine Hände. Er schien unglück­lich zu sein, er war viel­leicht unsi­cher, wusste nicht zu sagen, was das bedeu­tet, belich­tet oder fer­tig gewor­den zu sein. Ich fragte: Sag, mein lie­ber Jakob, was ist los, wie geht es Dir? Lie­ber Louis, ant­wor­tete Jakob, ich kann nicht sagen, wie ich mich fühle, weil ich nicht weiss, wie es wei­ter­ge­hen wird mit mir. Werde ich von Dir ver­ges­sen wer­den, oder wirst Du mich in eine Geschichte über­tra­gen, in der ich mich wohl­füh­len kann? Lange Zeit beob­ach­tete ich den fein­glied­ri­gen, zeit­los wir­ken­den Mann, wie er scheu zu mir auf­sah, wie er ver­suchte, in mei­nen Augen zu lesen. Ich sagte: Lie­ber Jakob, Ich werde Dich nie­mals ver­ges­sen! Ich werde eine Geschichte schrei­ben, die nur für Dich gemacht sein wird, für einen Mann von außer­or­dent­li­chem Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Ich werde für Dich sor­gen, lie­ber Jakob, in Dei­ner Frei­zeit wirst Du Brief­mar­ken sam­meln, ver­spro­chen, ich werde für Dich eine zarte Geschichte schrei­ben. – stop

winterschlaf

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delta : 0.22 UTC – Ich bin nie in dem ukrai­ni­schen Stadt­chen Awdi­jiwka gewe­sen. Ich habe von der Exis­tenz Awdijiwka’s erfah­ren, weil dort der Krieg aus sei­nem Win­ter­schlaf erwachte, weil wie­der Schüsse zu ver­neh­men sind. Ich hörte also von die­ser Stadt nur aus einem Grund, weil sie gerade zer­stört wird. Vor Jah­ren, als der Krieg noch nicht nach Awdi­jiwka gekom­men war, sol­len dort 34000 Men­schen gelebt haben. Wie viele Men­schen haben über­lebt? Wie geht es ihnen in die­ser Nacht? Haben sie von Marina Bon­das gehört? – stop

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awdijiwka

picping

MELDUNG. Awdi­jiwka, Komun­lana St.1, 5. Etage, stei­ner­nes Zim­mer : Kir­sche No 322 [ Mar­mor, Car­rara : 5.02 Gramm ] voll­endet. – stop

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lichtzeituhr

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ulys­ses : 3.28 UTC – Es ist spät, ich fahr mit dem Taxi. Ein Mar­der beob­ach­tet, wie ich aus dem Wagen steige, er hockt auf dem Scha­len­sitz einer Kin­der­schau­kel im Park. Das Schlaf­zim­mer­fens­ter Mut­ters ist hell erleuch­tet, das ein­zige Licht, das inmit­ten der Nacht noch brennt, ver­mut­lich ist sie mit der Zei­tung in der Hand ein­ge­schla­fen. Auf dem Tisch im Wohn­zim­mer ein Tel­ler, auf dem Tel­ler ruht ein Mohn­ku­chen, der noch warm ist. Ich lösche das Licht neben der schla­fen­den alten Dame, es ist kurz nach drei Uhr. Der Schal­ter der Lampe leise, sehr leise, ich würde bei­nahe sagen, der Schal­ter ist ein Schal­ter ohne Geräusch. Aber der Licht­wech­sel selbst, wenn das Licht aus­geht, scheint ein geräusch­vol­ler, hef­ti­ger Vor­gang zu sein. Und ich denke noch, mor­gen, wenn es wie­der hell gewor­den sein wird, am Nach­mit­tag bei Kaf­fee und Mohn­ku­chen, werde ich Mut­ter eine Geschichte vor­le­sen, die sie nach­denk­lich stim­men könnte. Die Geschichte, die ich im Jahr 2015 notierte, geht so: Liesl, die vor weni­gen Tagen 85 Jahre alt wurde, erzählte von einer Zeit­schalt­uhr, die ihr Sohn gleich neben ihrem Bett anzu­brin­gen wünschte. Er habe, hatte ihr Sohn berich­tet, nachts immer wie­der ein­mal wahr­ge­nom­men, dass Liesl ein­schla­fen würde, ohne ihre Nacht­tisch­lampe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Licht­scheins, den er vom Schlaf­zim­mer der Mut­ter her kom­men sah, auf­ge­stan­den und habe sich vor­sich­tig an ihr Bett bege­ben und das Licht gelöscht. Ein­mal habe er über­legt, ob er nicht das Gesicht sei­ner schla­fen­den Mut­ter, wie zum Beweis foto­gra­fie­ren sollte, ein so hel­les Gesicht, dass man sich kaum vor­stel­len konnte, das Gesicht einer tat­säch­lich Schla­fen­den zu betrach­ten. Das war vor sechs Jah­ren gewe­sen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie keine Zeit­schalt­uhr neben sich wün­sche, sie sei doch kein Aqua­rium, habe sie gesagt, lie­ber schlafe sie im strah­len­den Licht der Nacht­lampe ein, plötz­li­che Dun­kel­heit, um Him­mels­wil­len, nein. Ihr Sohn reiste wie­der ab. Liesl erzählte, dass sie mit ihm nie wie­der über Zeit­schalt­uh­ren gespro­chen habe, unlängst aber, in einer Sep­tem­ber­nacht, sei dann plötz­lich das Licht aus­ge­gan­gen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vor­sich­tig aus dem Bett gestie­gen, sei auf Knien durch das stock­dunkle Zim­mer gekro­chen zu einem Licht­schal­ter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewe­sen, Don­ner­wet­ter! – stop
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photon

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echo : 22.08 UTC – Es wird berich­tet, dass sich mein Blick 12 Mal in Minu­ten­zeit für je 300 – 400 Mil­li­se­kun­den ver­dun­keln soll, weil sich die Lider mei­ner Augen schlies­sen. Ein Zeit­raum, der so kurz ist oder klein, dass er sich ver­mut­lich jen­seits mei­nes Vor­stel­lungs­ver­mö­gens befin­det, und doch eine Zeit, die an mir selbst vor­kommt. Erstaun­lich. Eine Zug­fahrt nach Süden. Ich sum­miere Lid­schlag­zei­ten. Wie viel Dun­kel­heit oder Däm­me­rung wurde in der Zeit mei­nes Lebens bereits durch Lid­schlag ver­u­sacht? – stop