iphepha

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ulysses : 17.35 UTC – Ich stelle mir vor, jeder Gedanke jedes einzelnen Menschen dieser Welt würde für eine Stunde nur zu Wörtern auf Papier. Wie viel Papier? – stop

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2 engel

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sierra : 16.15 UTC – Ein Freund zeigte eine Mappe, die er stets mit sich nimmt, um zur Arbeit zu fahren. Schau, sagte er, bei diesem Fach hier handelt es sich um ein opera­tives Fach, in welchem sich vier weitere Fächer befinden, dort ruhen Schlüssel, Porte­mon­naie, Code­karten, Handy­te­lefon. Das zweite größere Fach linker­hand birgt Abteile für meine Reise­bü­cher für die Staßen­bahn, 1 Kühl­fach für Scho­ko­lade, 1 Fach, in welchem 2 finger­lange Engel hausen, das öffnen wir lieber nicht, und in diesem Fach hier nun befinden sich weitere sehr wesent­liche Dinge, Blüten­samen beispiels­weise, 1 Streich­holz­schachtel, 1 Kompass und 1 Wander­karte, 1 Kaffee­ther­mos­kanne, 1 Foto­ap­parat, 28 Beutel Trink­wasser des Jahres 1988, 16 Portionen Fertignah­rung, 3 Kilo­gramm Trocken­brot, 36 Tabletten gegen Seekrank­heit, 1 schwimm­fä­higes Messer, 5 Signal­fa­ckeln in rot, 2 Signal­fa­ckeln in gelb, 1 Signal­f­löte, 1 Schöpf­gefäß, 1 Rettungs­westen, 1 Wurfring mit Leine, 1 wasser­dichte Taschen­lampe, 14 Batte­rien, 1 Gasfeu­er­zeug, 5 Fett­stifte, 1 Über­le­bens­hand­buch in finni­scher Sprache, 1 Funk­schreib­ma­schine mit Hand­kurbel. – Selt­same Geschichte. – stop

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nachtfaltung

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sierra : 20.22 UTC – Etwas Merk­wür­diges hat sich ereignet. Ich will das schnell erzählen. Es ist nämlich so, dass ich einer Figur, die in einem Text­ge­schehen exis­tiert, vor Monaten einmal, ich glaube im November bereits, einen Namen gegeben habe, welcher recht dunkel leuchtet, ein mäch­tiger, unheim­li­cher Name. Es handelt sich um die Zeichen­folge Mand­rill. Immer wieder einmal erzählte ich in der lang­samen Entwick­lung des Textes von einem Mann dieses Namens. Als Mand­rill gestern unver­mit­telt in einer Weise handelte, die ich nicht erwartet hatte, zart und einfühlsam, schmerzte der Name, als hätte ich meiner Figur Unrecht getan. Heute morgen war die wilde Verwer­fung, die ich gestern noch spürte, wieder sehr schön gefaltet. Ich trat ans Fenster im ersten Licht der Sonne, der Himmel war voll Wasser­dampf­spuren, welche Nacht­fern­flüge an den Himmel zeich­neten. Kein Mensch auf der Straße, aber zwei Eich­hörn­chen, die auf einem Brief­kasten saßen. Das habe ich noch nie so gesehen, gestern noch hätte ich behauptet, Eich­hörn­chen würden niemals auf Brief­kästen sitzen. Deniz Yücel weiterhin in Haft. – stop

landau

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ulysses : 16.05 UTC – Wenn ich Menschen, junge oder ältere Menschen frage, ob sie den Moment erin­nern, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben selbst die Schuhe gebunden haben, sind sie erstaunt, nicht nur deshalb, weil ich mich nach einem weit zurück­lie­genden Ereignis erkun­digte, sondern auch, weil sie nicht selten sofort in der Lage waren, eine Geschichte vom Schuh­binden zu erzählen. Menschen, welche sie lehrten, ihre Schuhe zu binden, auch die Farbe der Schuhe oder Orte, eine Treppe, die Küche oder ein Garten kehrten ins Bewusst­sein zurück. Wer sich die Schuhe selbst zu binden vermag, kann das Haus verlassen, kann eine komplexe Figur mit Händen gestalten, überall auf der Welt scheint die Methode der Schleife zu exis­tieren, ja, Schleifen sind komplexe Struk­turen, die einer­seits sich selbst erhalten mittels Umar­mung, ande­rer­seits sich auf einen Zugwunsch hin sofort aus ihrer Bindung lösen. Ich selbst habe mich in Landau unter einem Apfel­baum auf einem Bänk­chen von Holz sitzend in der Schuh­bin­dung geübt, meine Damals­schuhe waren blau und rot, die Gänse­blüm­chen weiss, der Löwen­zahn gelb, die Luft roch nach Stall und meine Tante duftete nach Moos und 4711. Gidhsti, die in Eritrea gross geworden ist, sagte: Was für eine selt­same Frage! Wir hatten nichts zu binden, wir sind barfuss gewesen oder trugen Sandalen. Ich war unge­fähr 20 Jahre alt als ich lernte, meine Schuhe zu binden. Darauf muss man erst einmal kommen an einem Sonn­tag­nach­mittag. – stop
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von rechenkernen

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lima : 18.12 UTC – Apfel­kern. Mandel­kern. Rechen­kern. – Ich stellte mir vor, wie ich mit feinsten Werk­zeugen einen Kirsch­kern öffne, wie ich in der Kirsch­kern­höhle ein gefal­tetes Blatt Papier ablege, auf dem mit kleinsten Schrift­zei­chen ein Gedicht verzeichnet wurde. Wie ich nun den Kern verschliesse, wie ich ihn zurück­lege in seine Frucht, wie ich jetzt zufrieden und glück­lich bin. – Oder die Vorstel­lung der Rechen­kerne eines Prozes­sors. Wie ein oder zwei Roman­ent­würfe mögli­cher­weise heim­lich in ihren Regis­ter­werken versteckt sein könnten, kuriose Idee. Das habe ich mir ausge­dacht, weil ich gestern Abend hörte, dass Rechen­kerne für mathe­ma­tisch-logi­sche Sprach­ein­drücke zu jeder Zeit empfäng­lich sind. Darüber sollte unbe­dingt weiter nach­ge­dacht werden. – stop
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montauk

picping

MELDUNG. Montauk, Point Lighthouse, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 282 [ Marmor, Makrana : 3.08 Gramm ] voll­endet. – stop

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beckett

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charlie : 6.32 UTC – In dem kleinen Café, das den Namen Sahara trägt, wird Menschen, die am Flug­hafen arbeiten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gerade von der Arbeit. Außerdem schneit es in einer Weise, als wäre Winter. Sie zieht ihren Mantel aus und die Hand­schuhe, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstim­mung in der Türkei nicht spre­chen. Spre­chen wir über meine nächste Reise, ich weiss nicht wohin ich reisen soll, ich bin seit ich denken kann, immer in die Türkei gereist, diesmal werde ich nicht in die Türkei reisen. – Ist es zu gefähr­lich, frage ich. – Nein, antwortet lcal, es ist nicht gefähr­lich für mich, ich will nicht. Wohin könnte ich nur reisen im Sommer? – Ich sage: Venedig ist schön, aber eher im späten Herbst, viel­leicht magst Du in die Berge gehen, Du könn­test auf einer Hütte im Karwen­del­ge­birge wohnen und wandern, das ist ganz wunderbar dort. In diesem Moment entdecke ich einen Schriftzug von weisser Farbe, der Iclals rosa­far­benes T-Shirt bedeckt: Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better. Das sind wunder­bare Worte, sage ich, Samuel Beckett hat sie geschrieben. – Ja, wirk­lich, antwortet Ical, wer ist das? Sie sieht an sich herab. Ich habe nicht darauf geachtet, was da steht, das ist Englisch, ich kann kein Englisch, was steht da, das Beckett geschrieben hat? – Ich über­lege, wie ich Becketts Sätze korrekt über­setzen könnte. ich über­lege lange. Das ist offen­sicht­lich schwierig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poesie, da muss man sehr behutsam mit den Wörtern umgehen, man muss sehr genau sein. Kurz darauf werde ich mit meiner Über­set­zung fertig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dachte noch, wie gerne ich ihr Lachen in diesem Moment auf Tonband aufge­nommen hätte – stop

kamelschnellbahngeschichte

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marimba : 6.28 UTC – Der junge Mann, der mir eine Geschichte von Kamelen erzählt, ist 22 Jahre alt. Er trägt ein leuch­tend blaues Hemd, das sieht an ihm sehr gut aus, weil seine Haut­farbe dunkel ist, weil er ein Mann ist, der tatsäch­lich aus Afrika kommt, der aus Afrika geflüchtet ist, obwohl er ganz sicher nicht aus Afrika flüchten wollte. Wäre er nicht aus der Not heraus geflüchtet mit Zügen und Bussen und zwei Flug­zeugen, dann wäre er jetzt tot. Weil er nicht tot ist, sitzt er mit mir in einer Schnell­bahn und wir spre­chen kurz über sein Land, das ich unbe­dingt einmal besu­chen werde, wenn es dort so sein wird, dass man mich nicht sofort umbringen wird. Der junge Mann kommt aus Somalia, sein Groß­vater hütete Kamele. In seiner Kind­heit trank er immer viel Kamel­milch. Es gibt, sagt er, nichts Gesün­deres auf der Welt als Kamel­milch. Sie schil­lert nicht wie die Milch der Kühe, sie ist etwas bitter und süß zur glei­chen Zeit. Er sagt noch, dass er gerade sein Geld zähle, er wolle nach Afrika reisen. In Afrika ange­kommen werde er soviel Kamel­milch trinken, wie in seinen kleinen Bauch über­haupt jemals hinein passen wird. Und jetzt ist die Schnell­bahn am Ziel, und der junge Mann steigt aus. Ich seh noch seine Hand, wie sie mir winkt über die Köpfe der Pend­ler­men­schen hin. – stop

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anjuta

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ulysses : 5.25 UTC – Es ist Montag, früher Morgen, und die Vögel pfeifen. Ich bin noch nicht ganz wach, ich habe gut geschlafen, ich hatte einen lustigen Traum: In diesem Traum war ich versucht, Anton Tsche­chow einen Brief zu schreiben. Tatsäch­lich habe ich mich im Traum an meine Schreib­ma­schine gesetzt und notiert: Lieber Mr. Tsche­chow, gestern las ich eine trau­rige Geschichte, die Sie einmal aufge­schrieben haben. Sie erin­nern sich viel­leicht an Anjuta?  Sie lebte in der Pension Lissabon mit einem Studenten der Medizin in einem schmut­zigen Chaos. Eigent­lich wollte ich nach­lesen, wie Sie vom anato­mi­schen Studium berichten, vom Lernen oder Pauken, eine Ärztin hatte mich auf ihre Geschichte aufmerksam gemacht. Was mich dann sehr berührte, war das Mädchen Anjuta selbst, ihre Geduld oder Duld­sam­keit, wie traurig, wie sie als mensch­li­cher Gegen­stand ange­sehen und behan­delt wurde, eine gute Geschichte! Es ist noch etwas Weiteres geschehen, ich erin­nerte mich im Traum einmal, vor einigen Jahren, Ihre gesam­melten Erzäh­lungen, Novellen, Thea­ter­stücke, Essays in digi­taler Spur aus dem Internet geladen zu haben, 19657 Posi­tionen. Ich bemerkte damals, dass es tatsäch­lich möglich ist, für den Preis einer Pista­zien­eis­kugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paperw­hite – Lese­gerät zu holen. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine  Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Ihre, Anton Pawlo­witsch Tsche­chows Kurz­ge­schichten, Novellen, Dramen wiederum eine voll­stän­dige Kugel / Down­loadrei­se­zeit : 5,2 Sekunden. Sehr beun­ru­hi­gend, wie ich finde. Gleich werde ich aufwa­chen, ich werde einen Cappuc­cino trinken, und dann werde ich Ihnen diesen Brief, den ich träumte, notieren an einem frühen Morgen bald, wenn Montag sein wird bei leichtem Regen, und die Vögel pfeifen. – stop

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