fernrohr

pic

india : 12.28 UTC – Einmal beob­ach­tete ich in der digi­talen Sphäre eine Person. Ich betrach­tete, was sie notierte, und in welcher Art und Weise sie kommen­tierte, ein streit­barer Mensch. Was bedeutet präs­zise, wenn ich schreibe: Ich beob­ach­tete in der digi­talen Sphäre eine Person, ihre Spuren? Handelte es sich um eine geheime Opera­tion? Beob­ach­tete ich mit neugie­rigen, aner­kennden Augen, oder waren meine Augen auf der Suche nach Schwä­chen, Fehlern, Verwer­fungen, waren meine Augen gierige Augen? Vermag ich das Wesen meines Blicks dauer­haft mittels eines Vorsatzes zu tauschen? – stop

vom fehlenden oder ginkgo

pic

sierra : 20.58 UTC – Ich saß und notierte auf der Schreib­ma­schine im Zug und sah gar nicht hin, nicht auf den Bild­schirm, nicht auf meine Hände. Ich schrieb eine halbe Stunde voran, ich schrieb schneller und immer schneller, ich dachte, da war einmal ein Mann gewesen mit einem Kinder­wagen ohne Kind auf einem Bahn­steig am Flug­hafen. Weil ich mich wunderte über seinen Kinder­wagen ohne Kind, beob­ach­tete ich den Mann. Das war eine selt­same Sache, ich schrieb: Wenn man sich über eine Person wundert, kann man nicht loslassen, man kann nicht sagen, ich beob­ach­tete diese Person bereits gestern, heute beob­achte ich diese Person nicht noch einmal, man wird bemerken, man folgt der Person mit den Augen, ob man nun will oder nicht. Ich hatte den Eindruck, es handelte sich bei dem Mann um eine melan­cho­li­sche Person, um einen Vater viel­leicht, der am Flug­hafen auf ein Kind wartete, das nicht ankommen wird, weil das Kind längst getötet wurde von einem Stück Metall, welches in Aleppo durch die Luft schleu­derte von einem Vorsatz getrieben, nämlich dem Vorsatz Menschen umzu­bringen. Dann plötz­lich betrach­tete ich meinen Bild­schirm und bemerkte, dass der Buch­stabe g meiner Tastatur nicht funk­tio­nierte, dass den Wörtern der Buch­stabe g fehlte, sobald er eigent­lich in die Wörtern hinein­ge­schrieben werden musste. Also schüt­telte ich meine Schreib­ma­schine solange, bis sich die G-Taste meiner Tastatur aus ihrer Blockade löste, ich las meinen Text von vorn und fügte fehlende Buch­staben in die Wörter ein, so dass der Text selbst bald voll­ständig geworden war. – stop
ping

ping
ping
ping
ping
ping

romeo : 18.34 – Ich sollte einmal versu­chen, all das, was ich an dem einen Tag dachte und wünschte und schrieb und sprach, an dem darauf­fol­genden Tag in präzise entge­gen­ge­setzter Weise zu denken, zu wünschen, zu schreiben. Warum? – stop
ping

vom tonfilm

pic

marimba : 18.15 UTC – Das Haus der alten Menschen scheint ein guter Ort zu sein, um das Wesen der Zeit zu beob­achten. Ich habe auf den Fluren und in den Zimmern des Hauses weder Zeiger- noch Ziffern­uhren an Wänden entdeckt, aber Pulse. Manche der alten Damen und Herren tragen Armband­uhren, manche der Uhren sind längst stehen geblieben, niemand, so kommt mir das vor, würde sie wieder aufziehen wollen oder ihre Batte­rien erneuern. Auch meine alte Mutter trägt eine Uhr, sie ist von einem hellen Blau, das ist wichtig, nicht welche Zeit die Uhr anzeigen mag, die blaue Uhr ist neu, weshalb sich die Zeiger der Uhr noch bewegen. Wenn man lange Zeit ganz still sitzt an einem Bett, in dem sich ein schla­fender Mensch befindet, scheint das Zeit­ge­fühl sich zu verformen. Die Zeit vergeht langsam oder sie vergeht schnell. Eine alte Dame kommt im Roll­stuhl vorüber in einem Rhythmus, der als eine geheime Uhr wirksam werden könnte. Sie fährt auf und ab, wie ein Pendel, einen langen Flur hin und her. Auch die Bewe­gungen der Schwes­tern wirken wie geheime Uhren, die Ausgabe der Medi­ka­mente, das Wenden der Körper in den Betten. Die alte pendelnde Frau auf dem Flur wird bald 100 Jahre alt geworden sein. Im Jahr ihrer Geburt wurde der Tonfilm erfunden. – stop

raymond carver goes to hasbrouck heights / 3

pic

sierra : 5.12 UTC – Es ist Samstag und ich habe gerade eine Meldung gelesen, die mir ein Programm meines Parti­cles-Servers sendete, es habe nämlich irgendein Mensch, der nahe oder in Washington D.C. leben soll, einen Text besucht, der von Raymond Carver erzählt. Ich las meinen Text nach längerer Zeit wieder einmal mit älter gewor­denen Augen. Und ich dachte mir, dass ich im Grunde nicht sicher sein könne, ob ein mensch­li­ches Wesen meinen Text in der Weite des World Wide Web entdeckte, oder ob eine Maschine mein Parti­cles besuchte, die einer Spur von Schlüs­sel­wör­tern folgte. Der Text, der am 12. Dezember 2014 notiert wurde, geht so: Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Unter­su­chungen der CIA-Folter­prak­tiken durch Ermittler des US-Senats studierte, an eine kleine Stadt erin­nerte, die ich vor wenigen Jahren einmal von Manhattan aus besuchte. Ich las von Schlaf­entzug, von Water­boar­ding, von sehr kleinen, dunklen Kisten, in welche man Menschen tage­lang sperrte, von Lärm, von russi­schem Roulette und plötz­lich also erin­nerte ich mich an Olean­der­bäume, die ich gesehen hatte in Hasbrouck Heights an einem sonnigen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glück­li­chen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazz­kon­zert nahe der Strand­pro­me­nade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, west­wärts, durch den Lincoln­tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewach­senen Muskel Manhat­tans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flim­mert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekun­den­bruch­teile öffnen, bald sind wir ins Gebiet nied­riger Häuser vorge­drungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regen­rinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zustei­genden Gast persön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf rostige Brücken­riesen, die flach über die sump­fige Gegend führen. Und schon sind wir ange­kommen, ein liebe­voll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstö­ckige Häuser in allen mögli­chen Farben, groß­zü­gige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zenti­meter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zuge­schnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­dere von Straße zu Straße, werde dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eich­hörn­chen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Pola­ro­id­ka­mera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade foto­gra­fiert. Wollen Sie sich betrachten? – stop

ping

mathilda

picping

MELDUNG. Erfolg­reich aus 36000 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Monterey abge­worfen: Bono­bo­dame Mathilda, 6 Jahre, achte Über­le­bende der Test­serie Teflon-F87 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. – stop

ping

früh wenn die vögel

5

india : 6.28 – Ich erin­nerte mich an diesem schönen Morgen in der Schnell­bahn an einen Mann, der in Afgha­ni­stan geboren wurde. Noch ein Junge, flüch­tete er bald nach Europa. Als ich ihn kennen­lernte war er Ende Zwanzig. Wie ich ihm nun wieder begeg­nete, sah ich einen grau­haa­rigen Mann, der noch immer fürch­ter­lich stot­terte, obwohl er doch unbe­dingt spre­chen wollte. Ich glaube, es war der Krieg oder was er erlebte während seiner Flucht. Noch immer der selbe ängst­liche Blick, aber ein fester Hände­druck. Er heisst Nuri, und er fährt jeden Tag zur Arbeit mit dem Zug seit 32 Jahren. Sehr früh fährt er los, zu einer Zeit, da schlafe ich noch tief, da denke ich noch gar nicht daran, wach zu werden, so früh. Es ist die Zeit, da die Vögel aufstehen und singen. – stop

time

5

sierra : 18.32 – Das selt­same Leben der Uhren, ihre Erschei­nung, oder die Geschwin­dig­keit, in welcher sich ihre Zeiger oder Ziffern bewegen. Immer wieder die Frage, ob Uhrwerken nicht doch zu miss­trauen ist. Gerade Funk­uhren scheinen Persön­lich­keiten zu sein, sie laufen, ich habe das mit eigenen Augen beob­achtet, manchmal rück­wärts. Und so stellte ich mir vor, eine Uhr zu verwenden, um eine andere Uhr zu kontrol­lieren, oder mehrere Uhren einer Umge­bung, in der Hoff­nung, dass sie sich gleich­mäßig verhalten. Diese Über­le­gungen sind Orten verbunden, die niemals mit Tages­licht in Berüh­rung kommen, Räume, in welchen 28 Stunden dauernde Tage längst denkbar geworden sind. – stop
ping

von wörtern von ohren

5

sierra : 18.28 – Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, pras­selt, knallt, rasselt, knis­tert, klap­pert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röcheln, klin­gelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stot­tern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren, spru­deln. Diese Wörter und noch andere, welche Töne ausdrü­cken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilder­schrift für das Ohr. – G.C.Lichtenberg / stop

ping