2 Uhr 14

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nord­pol : 3.01 – Gesetzt den Fall, wir wür­den eines Mor­gens auf­wa­chen und fest­stel­len, daß plötz­lich alle Men­schen die glei­che Haut­farbe und den glei­chen Glau­ben haben, wir hät­ten garan­tiert bis Mit­tag neue Vor­ur­teile.Georg Chris­toph Lich­ten­berg ( 1742 – 1799 ) 
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von den katzenschnecken

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alpha : 4.05 – Ich will, ehe es hell wer­den wird, noch schnell von einer beson­de­ren Schne­cken­gat­tung erzäh­len, von den Kat­zen­schne­cken näm­lich. Ich gestehe, ich habe kein Tier die­ser Art mit eige­nen Augen gese­hen, aber ich habe von ihnen gehört, man erzählte, nein, man ver­si­cherte, sie wür­den tat­säch­lich bereits wirk­lich exis­tie­ren. Das Beson­dere an die­sen Mol­lus­ken­tie­ren soll sein, dass sie mensch­li­cher Schöp­fung sind, irgend­je­mand muss eine gewöhn­li­che Wein­berg­schne­cke mit­tels eines spe­zi­el­len gene­ti­schen Codes so ver­edelt haben, dass sie sich sehr schnell, in etwa so schnell und hek­tisch wie grö­ßere Amei­sen bewe­gen. Aber warum, fragte ich mich, sollte man Schne­cken, die doch von Natur aus eher gemüt­li­che Per­sön­lich­kei­ten sind, beschleu­ni­gen? Man erklärte, man habe über­legt, dass Schne­cken, wenn man sie beschleu­ni­gen würde, für die Augen der gemei­nen Land­kat­zen sicht­bar wer­den wür­den und somit zur Beute. Kat­zen wür­den fortan aller­hand Pro­bleme lösen, die sich für Gar­ten­be­sit­zer im Früh­ling nach und nach ent­fal­ten. Ist das nicht wun­der­bar, rasende Sche­cken, ein paar Hun­dert von Ihnen sol­len sich bereits in den Ber­gen auf einer streng behü­te­ten Wiese tum­meln. Von den Kat­zen, die man vor drei Tagen ins Schne­cken­frei­luft­ge­hege warf, soll noch keine ein­zige zurück­ge­kehrt sein. – stop
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ai : SÜDAFRIKA

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Im März wurde der süd­afri­ka­ni­sche Land­rechts­ak­ti­vist und Vor­sit­zende des Ama­diba Cri­sis Com­mit­tee (ACC), Sik­ho­si­phi Rha­debe, erschos­sen. Kurz vor sei­nem Tod hatte er erfah­ren, dass sein Name sowie die Namen zweier wei­te­rer Spre­cher_in­nen des ACC auf einer “Abschuss­liste” ste­hen. Es gibt Zwei­fel an der Gründ­lich­keit der Unter­su­chun­gen der Tötung. Zudem besteht Sorge um die Sicher­heit der bei­den ACC-Spre­cher_in­nen sowie wei­te­rer Akti­vis­t_in­nen, die in Xolo­beni gegen ein Berg­bau­pro­jekt kämp­fen. Sik­ho­si­phi “Bazooka” Rha­debe wurde am 22. März 2016 von zwei Män­nern erschos­sen, die ihn bei sich zuhause in Lur­hol­weni in der Pro­vinz Ost­kap auf­such­ten und sich als Poli­zis­ten aus­ga­ben. Sein min­der­jäh­ri­ger Sohn war bei dem Vor­fall anwe­send. Wenige Stun­den vor sei­nem Tod hatte Sik­ho­si­phi Rha­debe erfah­ren, dass sein Name auf einer “Abschuss­liste” stand. Auf die­ser Liste befin­den sich zudem die Namen zweier wei­te­rer ACC-Mit­glie­der, Mzamo Dla­mini und Nonhle Mbut­huma. Sik­ho­si­phi Rha­debe war Lei­ter des ACC, einer Gemein­schafts­in­itia­tive gegen den Abbau von Titan und ande­ren Schwer­me­tal­len in einem Tage­bau auf Gemein­schafts­land in Xolo­beni durch ein loka­les Toch­ter­un­ter­neh­men des aus­tra­li­schen Kon­zerns Mine­ral Com­mo­di­ties Limi­ted (MRC). Das ACC befürch­tet, dass infolge des Berg­bau­pro­jekts Hun­derte Ange­hö­rige der Gemein­schaft der Umgun­gundlovu von ihrem ange­stamm­ten Land ver­trie­ben wer­den, und dass durch Umwelt­schä­den wie z. B. Was­ser­ver­schmut­zung ihr Recht auf einen ange­mes­se­nen Lebens­stan­dard (ein­schließ­lich Zugang zu sau­be­rem Trink­was­ser) ver­letzt wird. Das ACC besteht aus etwa 3.000 Mit­glie­dern und kämpft seit zehn Jah­ren für die Rechte der Anwoh­ner_in­nen, die im Fall einer Berg­bau­li­zenz für die MRC-Toch­ter­ge­sell­schaft gefähr­det wären. ACC-Mit­glie­der sind wegen ihrer Arbeit bedroht und ange­grif­fen wor­den, unter ande­rem auch von Anwoh­ner_in­nen, die das Berg­bau­pro­jekt unter­stüt­zen. Die Orga­ni­sa­tion hat diese Angriffe bei der Poli­zei ange­zeigt, die jedoch größ­ten­teils untä­tig geblie­ben ist. Nach der Tötung von Sik­ho­si­phi Rha­debe sind füh­rende ACC-Mit­glie­der äußerst besorgt um ihre Sicher­heit. Kurz nach dem Vor­fall über­gab die ört­li­che Poli­zei die Unter­su­chung der Tötung an die Ein­heit zur Unter­su­chung schwe­rer Straf­ta­ten (Direc­to­rate for Prio­rity Cri­mes Inves­ti­ga­tion – DCPI) des natio­na­len Poli­zei­diens­tes. Doch die Ermitt­lun­gen wei­sen einige Män­gel auf, was Zwei­fel daran auf­kom­men lässt, ob die Fami­lie von Sik­ho­si­phi Rha­debe Gerech­tig­keit erfah­ren wird.” – Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 6. Juli 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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louis im gebirge

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nord­pol : 0.02 – Wie­der wäh­rend der Nacht lange sit­zen. Nichts tun. Nur atmen. Gegen zwei Uhr Abstieg über eine steile Treppe aus der Kam­mer unter dem Dach, wo im Win­ter Tau­ben woh­nen. Die Stu­fen der Treppe knar­ren bei jedem Schritt, seuf­zen, spre­chen. Auf dem stei­len, gefähr­li­chen Pfad in der Nähe des Abgrunds vor der Hütte leich­ter, küh­ler Höhen­wind. In den Bäu­men Geräu­sche, als wür­den die Vögel mur­meln im Schlaf. Es ist aber des­halb, weil es nie wirk­lich dun­kel wird unterm Him­mel vol­ler Sterne. Stun­den­lang kann man sich von hier aus über das Nahen des Mor­gens strei­ten. Wie ich zurück­komme, Licht weit oben, ein klei­nes Fens­ter, alle wei­te­ren Fens­ter sind ohne Licht. Plötz­lich bin ich wie­der bei mir, trete in die Kam­mer, die vor Kur­zem noch ohne mich gewe­sen ist. Mein Heft auf dem Tisch. Drau­ßen, von den Wie­sen her die Nacht­glo­cken der Kühe, leise, leise. Ich notiere: Beob­ach­tete unlängst eine japa­ni­sche Rei­sende, die im Flug­ha­fen­su­per­markt mit ihrem Mobil­te­le­fon 1 halbe Stunde lang Scho­ko­la­de­nen­gel filmte. – stop

louisimgebirge2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

louis im
gebirge
22. mai
2016

rot

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echo : 0.02 – Ich träumte von einem roten Brief­kas­ten. Als ich ihn öff­nete, ent­deckte ich wei­tere Brief­käs­ten, rot wie der Brief­kas­ten, der sie ver­wahrte. Es waren unge­fähr zwölf Brief­käs­ten in der Höhe und zwölf Brief­käs­ten in der Breite. Als ich einen die­ser klei­nen Brief­käs­ten besich­tigte, waren in ihm zwölf Brief­käs­ten in der Breite und zwölf Brief­käs­ten in der Länge zu beob­ach­ten. In die­sem Moment beschloss ich, in der Erkun­dung der Brief­käs­ten nicht wei­ter fort­zu­fah­ren. Ich erwachte und war zufrie­den. – stop
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fritz stern

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tango : 22.22 – Fritz Stern ist in New York gestor­ben. In einem Inter­view mit Kul­tur­zeit erklärte er noch im Februar: Beschäf­tigt Euch mit der Ver­gan­gen­heit, um sich an den mensch­li­chen Schick­sa­len aus der Ver­gan­gen­heit zu ori­en­tie­ren, sich zu erin­nern, und das nicht ein­fach hin­zu­neh­men und zu glau­ben, dass die Errun­gen­schaf­ten der Zeit zwi­schen 1945 und – sagen wir mal – 1970, dass man das nicht ein­fach als gege­ben hin­neh­men kann. Und zu glau­ben, das ist so, das bleibt so. Es bleibt nur so, wenn man es ver­tei­digt. Die­ser Appell sollte gerade an die Jugend gestellt wer­den. Ich weiß nicht, wie weit das im Augen­blick geschieht. Ich glaube, nicht genug. – stop
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london . mittags

picping

MELDUNG. Auto­mo­bile, fol­gende, wur­den am frü­hen Nach­mit­tag nach einem Kauf­haus­be­such zu Lon­don in Mar­tha B., 90, vor­ge­fun­den. Magen – 1 Biz­zar­rini P538 [ 1967 ], Dünn­darm – 1 Laffly Feu­er­wehr­fahr­zeug [ 1923 ], Dick­darm – 1 Mar­lin Roads­ter [ 1914 ]. Ein Rich­ter hatte die Durch­su­chung des hoch­be­tag­ten Bau­ches bereits zum fünf­ten Male ange­wie­sen. – stop

tapetenfabrik

mrs sini reiss

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marimba : 0.08 – Vor eini­ger Zeit besuchte ich Mrs. Sini Reiss, die im 22. Stock eines Wohn­hoch­hau­ses nahe der Clark Street wohnt. Ich hörte, sie sei hoch betagt und habe ihr Apart­ment seit über zehn Jah­ren nicht ver­las­sen. Die alte Dame lese viel und schaue gern vom Bal­kon aus zu den oran­ge­far­be­nen Schif­fen hin, die zwi­schen Man­hat­tan Süd und Sta­ten Island pen­deln. Ich erkun­digte mich, ob ich mich mit der alten Dame unter­hal­ten müsse. Nein, nein, ich solle nur ein paar Getränke vor­bei­brin­gen und viel­leicht ein biss­chen nach dem Müll schauen, Mrs. Reiss habe noch nie einen deut­schen Mann ken­nen­ge­lernt, nur wel­che im Fern­se­hen gese­hen, sie werde sicher neu­gie­rig sein, sie spre­che aber nur sehr wenig, sie werde also neu­gie­rig vor allem mit ihren Augen sein. Über­haupt solle ich mich nicht wun­dern, ich würde das hören sobald ich aus dem Auf­zug steige, in ihrer Woh­nung sin­gen Vögel und brül­len Affen und zetern Zika­den unent­wegt. Wenn du die Augen schließt, dann meinst du dich im Urwald zu befin­den, das ist so, weil es in den Ohren der alten Dame seit vie­len Jah­ren hef­tig rauscht und pfeift, wes­halb sie jene frem­den Stim­men in ihre Woh­nung holte, damit sie das Geräusch, das sich in ihren Ohren befin­det, nicht als ihr eige­nes Geräusch wahr­neh­men müsse. Mrs. Sini Reiss trage ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res auf dem Kopf, ihr Mund sei hell­rot geschminkt, ihre Wan­gen apri­ko­sen­far­ben bepu­dert, sie trage ein dun­kel­blaues Kos­tüm, und sie lese die New York Times von der ers­ten bis zur letz­ten Seite Tag für Tag, sie wisse über die Welt sehr gut Bescheid, aber sie wolle eigent­lich nichts hören und nicht spre­chen, son­dern nur die Zei­tung lesen und den Vögeln und Zika­den lau­schen. Genau so ist es gewe­sen. Es war einem Diens­tag. – stop
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schatten eines mädchens

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nord­pol : 0.58 – Ich notierte: Viel­leicht ist das so, dass sich die Seele eines Ortes, bei­spiels­weise die Seele eines Fähr­schif­fes, auf Wör­ter über­trägt, wenn diese Wör­ter an dem Ort, von dem sie erzäh­len, geschrie­ben wer­den wäh­rend einer län­ge­ren Zeit der Beob­ach­tung. Ich sehe, was ich nicht erfin­den kann. Oder ich erfinde, was ich nur hier erfin­den kann. Ja, so könnte das sein. South Ferry. Hur­ri­cane Deck. Zit­tern­des, schep­pern­des Brum­men. Obwohl Mai, bläst eis­kal­ter Wind durch eine halb­ge­öff­nete Tür ins Innere des Schif­fes. Ein Mäd­chen, das unent­wegt leise spricht, hüpft über den höl­zer­nen Boden des Decks. May i have your atten­tion, please. The Ferry is docking shortly. Die Stimme des Mäd­chens, die kaum hör­bar ist, aber sicht­bar, spricht die Sätze der Maschi­nen­stimm­loops nach. Sie lacht und eilt, ihre Mut­ter hin­ter sich her zie­hend, zum Heck des Schif­fes, wo sich in die­sem Moment das Land dem Schiff durch die Dun­kel­heit in Gestalt einer eiser­nen Brü­cke ent­ge­gen­fal­tet, Trom­pe­ten­ge­räu­sche, wim­mern­des Metall, Klänge, die das lachende Mäd­chen imi­tie­rend zu über­tö­nen sucht. Ein paar Möwen, die dicht über dem Schiff krei­sen, ver­ren­ken ihre Köpfe, als ob sie dem Mäd­chen zuhö­ren wür­den. – stop
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