afrika

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nord­pol : 2.28 UTC – Zen­tral­afri­ka­ni­sche Land­schaft. Savanne. Affen­brot­bäume. Das Ufer eines Flus­ses oder Sees. Wol­ken, schnee­weiß, getürmt. Ent­lang der Ufer­li­nie flie­gen Fla­min­gos, ein Schwarm, 200 oder 300 Tiere. Sie sind ver­mut­lich gerade erst gestar­tet. Wenn ich mich mit einer Lupe der Land­schaft, die auf eine Brief­marke gepresst wurde, nähere, ver­mag ich die Füße ein­zel­ner Vögel gut zu erken­nen, eine hoch­auf­lö­sende Druck­ar­beit, mög­li­cher­weise könnte man unter einem Mikro­skop Federn ent­de­cken, das Licht, das sich in den Augen der Flie­gen­den bricht, Mos­ki­tos, die über dem Was­ser schwe­ben, Libel­len und wie­derum die Füße der Libel­len. Ein sel­te­nes Exem­plar einer Pan­ora­ma­marke von 2.8 cm Höhe und 1 Meter und 50 cm Breite. Man könnte diese Brief­marke für Briefe ver­wen­den, die über ent­spre­chende Breite ver­fü­gen, sagen wir, für sehr lange Lang­briefe, oder aber man ver­wen­det die­ses wun­der­volle Post­wert­zei­chen auf Kurz­brie­fen übli­cher Breite, dann muss man die Brief­marke fal­ten. Genauso ist das vor­ge­se­hen, natür­li­che Fal­ten sind der Brief­marke bei­ge­bracht, eigent­lich liegt die Brief­marke, sofern man sie erwer­ben möchte, in gefal­te­tem Zustand vor, ein Bänd­chen von Haa­res­breite hält sie in der Gestalt einer Zieh­har­mo­nika zusam­men. Auch jetzt sind Fla­min­gos gut zu erken­nen. Es han­delt ich um eine wirk­lich sehr schöne Marke. – stop

drohne27

wörterbilder

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echo : 2.12 – In der Stadt Kiew sol­len noch Monate nach der Hava­rie des Reak­tors 4 in Tscher­no­byl Straße um Straße ent­lang der Häu­ser­wände per­fo­rierte Rohre instal­liert wor­den sein, aus wel­chen Was­ser strömte, um das strah­lende Gift von den Stra­ßen zu schwem­men. Eine Bekannte erzählte mir von der Exis­tenz die­ser Rohre, sie war damals in Kiew gewe­sen für einige Tage. Ich kenne die­ses Bild, ich erin­nere mich, das ein Wör­ter­bild ist, kein Licht­bild, da ich keine Foto­gra­fie in der digi­ta­len Sphäre ent­de­cke. Wie lange Zeit sollte ich suchen? Stun­den? Oder Tage? Das Wör­ter­bild scheint plau­si­bel zu sein, oder sogar wahr­schein­lich. Wie viele Men­schen exis­tie­ren in der Stadt, in der ich lebe, also in mei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe, die mit dem Tod bedroht wer­den, weil sie sich Glau­ben und wei­te­ren Ritua­len wider­set­zen? – stop

ping

zwei wartende männer

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nord­pol : 3.18 – Als wir auf einen Zug war­te­ten, erzählte ich Piotr von einer schla­fen­den Frau, die ich ein­mal in einem Flug­zeug beob­ach­tet hatte. Sie kaute, ohne eine Pause ein­zu­le­gen, einen Kau­gummi. Ich sagte, ich sei mir nicht sicher gewe­sen, ob die Frau tat­säch­lich schlief oder sich nur vor­stellte, sie würde schla­fen. Unver­züg­lich wollte auch Piotr eine Geschichte erzäh­len. Als er noch in Polen lebte, sei er ein­mal von Kra­kau nach Mos­kau gereist. Kurz nach sei­ner Ankunft habe er eine Post­karte, die er noch im Bahn­hof erwor­ben hatte, mit einem Gruß ver­se­hen und an seine Geliebte geschickt, die natür­lich in Kra­kau lebte. Dann sei er mit dem nächst­bes­ten Zug wie­der nach Hause gefah­ren. Piotr war damals ein jun­ger Mann. Er war in sei­nem lan­gen Leben nur ein­mal in Mos­kau gewe­sen, die Post­karte sei in Kra­kau nie ange­kom­men. – stop

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1 Uhr 24

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india : 0.15 – Wann wurde das Wort Dro­me­dar zum ers­ten Mal von einem mensch­li­chen Mund for­mu­liert? Oder das Wort Stra­ßen­bahn? Oder das Wort Chlor­gas? – stop
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postkarte

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echo : 5.15 – In mei­nem Brief­kas­ten ruhte eine Post­karte, die von irgend­je­man­dem mit äußerst klei­nen japa­ni­schen Zei­chen beschrif­tet wor­den war. Zunächst wirkte der Text wie ein Mus­ter, das sich erst dann zu Schrift­zei­chen auf­löste, als ich meine Brille aus der Schuh­b­lade holte. Ich konnte den Text natür­lich nicht lesen. Ich nehme an, die Post­karte wurde ver­se­hent­lich in mei­nen Brief­kas­ten gewor­fen. Bei genau­e­rer Unter­su­chung stellte ich jedoch fest, dass die Post­karte in jedem ande­ren Brief­kas­ten ver­mut­lich gleich­wohl ein ver­se­hent­li­ches Ereig­nis gewe­sen wäre, die Post­karte trug näm­lich keine Anschrift an der dafür vor­ge­se­he­nen Stelle, aber eine Brief­marke des japa­ni­schen Hoheits­ge­bie­tes. Auch auf ihrer Rück­seite war kein Adres­sat zu erken­nen. Eine Foto­gra­fie zeigt Samuel Beckett, der unter einem blü­hen­den Kirsch­baum sitzt, oder einen Mann, der Samuel Beckett ähn­lich sein könnte, der Dich­ter im Alter von 160 Jah­ren, er hat sich kaum ver­än­dert. Ein sehr inter­es­san­tes Bild. Auf einem Ast des Bau­mes sind Eich­hörn­chen zu erken­nen, sie­ben oder acht Tiere, die ihre Augen geschlos­sen hal­ten. Ich erin­nere mich, dass ich ein­mal davon hörte, Men­schen wür­den immer wie­der ein­mal Post­kar­ten notie­ren, oft sehr auf­wen­dig aus­ge­ar­bei­tete Schrift­stü­cke, um zuletzt die Adresse des Emp­fän­gers zu ver­ges­sen. Das ist tra­gi­sch oder viel­leicht eine Methode, Infor­ma­tion an die Welt zu sen­den, die nie­man­den oder irgend­ei­nen belie­bi­gen Men­schen errei­chen soll. Nun liegt diese Post­karte neben Zimt­ster­nen, Bana­nen und Äpfeln auf mei­nem Küchen­ti­sch. Zunächst hatte ich das Wort L i e ­b e r in die Goo­gle – Über­set­zer­ma­schine ein­ge­ge­ben und in die japa­ni­sche Spra­che über­setzt. Zei­chen, die sich auf mei­nem Bild­schirm for­mier­ten, waren mit den ers­ten Zei­chen auf der Post­karte iden­ti­sch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In die­sem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, mei­nen Namen in die Maske der Such­ma­schine ein­zu­ge­ben. Bald Mor­gen­däm­me­rung im Kof­fer­text, ich höre schon Tau­ben auf dem Dach spa­zie­ren. – stop

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nahe lemmon creek park

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char­lie : 2.58 – Seit einer hal­ben Stunde suche ich nach einem Namen für einen Mann, den ich ein­mal vor län­ge­rer Zeit beob­ach­tet habe auf Sta­ten Island an einem Strand im Win­ter. Ich dachte, ver­dammt, hätte ich ihn doch nur nach sei­nem Namen gefragt, ich fürch­tete damals, ihn zu stö­ren, fürch­tete, dass er sofort in den wil­den Wäl­dern nahe dem Lem­mon Creek Park ver­schwin­den würde. So still wie damals am Strand, sitze ich nach­denk­lich und rufe mir die Gestalt des Man­nes in Erin­ne­rung, eine schat­ten­lose Figur, die auf einem ver­wit­ter­ten Baum­stamm hockt. Du heißt viel­leicht Lau­ren­tius, denke ich, oder Henry, nein, nicht Henry, Lau­ren­tius wird ein guter Name sein. Der Strand ist nass vom Regen und vom Nebel, der tief über dem Meer hängt. Wenn man raus schaut, weg vom Land, sieht man Schiffe, aber nur ihre Bäu­che, nicht Brü­cken, Con­tai­ner, win­kende Pas­sa­giere. Ich glaube, auch Lau­ren­tius beob­ach­tet in die­sem Moment sei­nes Lebens Schiffe und Nebel, manch­mal schreibt er ein paar Sätze auf ein Notiz­blatt, reißt das Papier aus sei­nem Block, fasst in seine rechte oder linke Hosen­ta­sche, holt ein Fläsch­chen her­vor, wickelt das Notiz­blatt um einen Blei­stift, führt das in die­ser Weise geformte Notiz­pa­pier­stäb­chen in den Hals des Fläsch­chens ein, ver­schließt den Behäl­ter mit einem Kor­ken, steht auf und schleu­dert ihn  aufs Meer hin­aus. Dann setzt er sich wie­der auf den ver­wit­ter­ten Baum­stamm, beob­ach­tet die Schiffe, die west- und ost­wärts der Küste fol­gen, um nach eini­gen Minu­ten eine wei­tere Notiz zu fer­ti­gen. Ein­mal kehrt eines der Fläsch­chen zurück, es ist mög­li­cher­weise von der Bug­welle eines grö­ße­ren Schif­fes aus der Strö­mung getra­gen wor­den. Als Lau­ren­tius das Fläsch­chen bemerkt, steht er auf, holt das Fläsch­chen aus der Bran­dung, dreht den Kor­ken vom Fla­schen­hals und schüt­telt das Fläsch­chen solange, bis das Notiz­zet­tel­röll­chen auf seine Hand­flä­che rutscht. Dann wirft er die leere Fla­sche wie­der weit hin­aus aufs Was­ser, wo es für einen kur­zen Moment ver­schwin­det. – stop

propeller

morgens

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oli­mambo : 0.15 – Ein­mal sitze ich  in einer Stra­ßen­bahn. Plötz­lich fällt ein Gedanke vom Him­mel. Ich könnte, dachte ich, Gesprä­che insze­nie­ren, Sätze wie Lebe­we­sen für sich, Sätze, die vor den Men­schen gewe­sen sind. Not­wen­dige Sätze oder natür­li­che Sätze. – Ich notierte die­sen Text vor ein oder zwei Jah­ren.  Er berührt mich, aber ich kann nicht erin­nern, was ich unter Sät­zen, die vor den Men­schen gewe­sen sind, ver­stan­den haben könnte. – stop

ping

turku

picping

MELDUNG. Turku, Maa­ri­an­katu 3, 4. Etage, stei­ner­nes Zim­mer : Kir­sche No 852 [ Mar­mor, Car­rara : 6.05 Gramm ] voll­endet. – stop

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hybrid

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delta : 0.05 – Eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Radio­sta­tion mel­dete vor weni­gen Tagen, die Regie­rung der USA habe die Absicht, Beschrän­kun­gen finan­zi­el­ler Mit­tel für For­schung und Ent­wick­lung hybri­der Lebe­we­sen auf­zu­ge­ben. Eich­hörn­chen sind nun denk­bar, die nicht nur in der Vor­stel­lung, viel­mehr tat­säch­lich mensch­li­che Her­zen in sich tra­gen, Her­zen in der Größe wie wir sie in Föten kurz vor ihrer Geburt beob­ach­ten, gut trai­nierte Her­zen, jeder­zeit bereit, gepflückt zu wer­den. – stop
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die luft über aleppo

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nord­pol : 22.01 – Seit Tagen lässt sich in aller Ruhe die Erfin­dung eines fra­gen­den Gedan­kens beob­ach­ten. Es han­delt sich bei die­sem Gedan­ken um eine Zei­chen­kette fol­gen­den Inhalts: Ist es viel­leicht denk­bar, die ein­ge­schlos­se­nen Bür­ger­men­schen der Stadt Aleppo mit Trink­was­ser, Medi­ka­men­ten und Brot aus der Luft zu ver­sor­gen? Noch lässt sich nicht sagen, ob der Gedanke soweit in einer logi­schen Form ver­wirk­licht wer­den wird, dass aus einem Gedan­ken im Sta­dium der Ent­wick­lung, ein Gedanke wer­den könnte, der sich tat­säch­lich den­ken, also ver­ste­hen lässt, dem­zu­folge mit einem wei­te­ren Gedan­ken in Ver­bin­dung gebracht wer­den könnte: Wann wer­den wir die ein­ge­schlos­se­nen Bür­ger­men­schen der Stadt Aleppo mit Trink­was­ser, Medi­ka­men­ten und Brot aus der Luft ver­sor­gen? – stop

manuskript3