ulysses : 5.24 — Bald einmal menschliche Wesen von 20000 Jahren Lebenserwartung gestalten, Hüter der Plutoniumwerke, memorierende Beobachter, flüsternde Sprecher durch Räume der Zeit, die bisher nicht vorstellbar sind, weil wir sie weder fühlen noch träumen, weil unsere Herzen durch die Atomzeit rasend schlagen wie die Herzen der Moskitoeintagsfliegen. — stop

Aus der Wörtersammlung: erwartung
bauchwellen
echo : 0.05 — Würde man die Gestalt eines Basskäfers auf einem Blatt Papier zur Aufführung bringen, wäre zunächst ein enormer Knochenraum zu zeichnen, eine Kammer, in der sich Luft befindet, Luft in Erwartung einer Kraft, die sie in geräuschvolle Schwingung versetzen wird. Irgendwo dort, an einem der schmaleren Enden dieses Raumes, sitzt ein kleiner Kopf, Fühler, Ohrensegel, falten sich tastend durch seine unmittelbare Umgebung, feinste Apparaturen. Dafür Augen keine, aber Beine, die sich flink bewegen. Er spielt, wie alle seine Artgenossen, im Liegen auf dem Rücken, greift dann nach feinsten Saiten von Kupferchitin, die über seinen Bauchregionen aufgespannt. Wundervolle, sonore Töne sind zu hören, indem der Käfer sich selbstvergessen langsam um die eigene Achse zu drehen beginnt, dumdum, dumdum, immerzu links, immerzu links, immerzu linksherum. — Nacht. stop. Kühl. stop. Habe meine Winterbeleuchtung angeschaltet. Vier Lampen in der Küche, zwei im Flur, sieben in den Spazierarbeitszimmern, hell ist’s, als sei Tag. Guten Morgen. — stop

lexingtonlineparticle
echo : 2.32 — Subway 86 St., Linie 4, spätester Abend: Menschenstille. Aber das Brausen tausender Ventilatoren, die kühle Luft durch blecherne Arterien blasen. Eine Rolltreppe, einsam quietschend, selbstgenügsames Wesen. Und das Wasser, woher, an den Wänden. Hier muss nicht geatmet werden, solange der Boden bebt von der Erwartung des Zuges. Man hört ihn schon von weit her kommen, dumpfe, pochende Erschütterung. Und wenn er dann hereinfliegt aus den Schatten, das rote, das gelbe, das blaue Zahlenauge. Luft zischt, Menschen treten hervor oder bleiben. Jede Kammer, jeder Waggon, hinter jedem Fenster, eine eigene, einzigartige Versammlung lebender Geschichten. stop. Wie sich die Türen schließen. stop. Wie man verschwindet. — stop

marina abramovic in new york
sierra : 6.32 — Diese seltsame Frau: Marina Abramović. Ich kauerte Stunden auf dem Sofa und beobachtete das Schweigen der Künstlerin in New York, war unruhig und war ruhig zur gleichen Zeit. Hörte dann Henry, meinen Regenkäfer Henry. Summend erwachte das tabakfarbene Wesen aus tiefem Schlaf. Hatte zwei lange Jahre auf Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own liegend zugebracht, war indessen trocken und leicht wie eine Feder geworden, weshalb nicht weiter erstaunlich gewesen, dass der Käfer wie betrunken von unsichtbaren Luftströmungen getragen durchs Arbeitszimmer wirbelte. Eine gute halbe Stunde und Henry war auf meinem Kopf gelandet. Ich sagte: Schön, dass Du wieder unter den Lebenden weilst, Henry! Atmete sanft, atmete gar nicht. Und der Blick wanderte wieder hin zur Stille in der tosenden Stadt. Da saß nun vor Mrs. Abramović eine weitere Frau, sie hatte ihre Schuhe ausgezogen [ warum? ] und Schreibwerkzeug und Hefte unter ihrem Stuhl abgelegt. Über ihrer Beobachtung bin ich eingeschlafen, und jetzt hellt bereits die Nacht, und irgendwie ist das ein wunderbarer Tag, der gleich beginnen wird. Henry, er schwebt im Bad im Regen der Maschinen, eine fliegende Frucht. Guten Morgen! — stop

hydra
sierra : 6.30 — Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, in einem Kolonialwarenladen für zwei Stangen Zimt den fünffachen des geforderten Preises in aufrichtiger Erwartung zu bezahlen, man möge das zugesetzte Geld an Plantagenarbeiter und ihre Familien nach Sri Lanka transferieren? – Sie schmeichelten dem charmantesten Kopf einer Hydra! — stop
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franny and zooey
foxtrott : 10.00 — Flugzeug über Atlantik quer. 7 Stunden 25 Minuten. Bewegung auf dem Bildschirm wie Dämmerung, wie Eisschmelze, wie Graswachsen. Luft von Zimt, Mundvoll Lebkuchen. So liegen, ein Auge ruhend auf Pixelmeer, das andere auf Salingers Franny. Wispernde Stimmen der Manhattenoffizers, leise Aufnahme, einen Tag festhalten, eine Nacht. Das Wasser des Grönlandeises, noch langsamer als das Älterwerden und so sicher, so ausgemacht, wie es im Süden nach den Häusern der armen Küstenmenschen greift. Man hört das nicht, man denkt das nicht. Es ist längst schon eingearbeitet, vielleicht, in jede Erwartung. Luft von Zimt, Mundvoll Lebkuchen. Ein Auge ruhend auf dem Meer, das andere auf Franny. Coltrane, John: A love supreme. Zeit vergeht. — stop

existenz
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : EXISTENZ
Wie weit Sie wohl gekommen sind, mein lieber Kekkola? Sie sollten New Hampshire längst erreicht haben. Nach wie vor ersehne ich eine Nachricht, obwohl ich mir ungezählte Male vorgenommen habe, nie wieder in einem Zustand von Erwartung zu leben. Und doch ist das jetzt so gekommen, dass ich mich sorge, weil Sie kein Zeichen, nicht das geringste Lebenszeichen übermitteln. Ein Satz, mein Freund, eine leere E‑Mail würde genügen, ich wäre zufrieden, weil ich doch wüsste, dass Sie in der Lage sind, zu lesen, was ich für Sie notiere. Stellen Sie sich vor, in der vergangenen Nacht habe ich mir überlegt, ob Sie nicht vielleicht reine Erfindung sind und Ihre Briefe an mich nur ausgedacht. Mein lieber Kekkola, wo auch immer Sie sich aufhalten mögen, nehmen Sie wahr, dass ich an Sie denke. Unlängst, das sollten Sie wissen, stellte ich noch die Frage, wie Tiefseeelefanten hören, was sie miteinander sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasseroberfläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Ihr Louis, hoffend.
gesendet am
10.10.2009
22.38 MESZ
1138 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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ante portas
himalaya : 20.07 – n a c h t o h r e n

speed
alpha : 0.02 – Werden Bewegungen jener Menschen, deren Schreibmaschinen über Doppelherzprozessoren verfügen, vielleicht beschleunigt? — stop
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nadja einzmann : zeit vergeht
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tango : 8.25 — Ein warmer Wind wehte gestern Abend Laub von der Straße her ins Café. Lauschte einer angenehmen Stimme. Hörte eine Geschichte, die einmal meine Geschichte gewesen war und noch immer zu mir gehört und doch eine ausgewanderte, eine geschenkte Geschichte ist. Diese Geschichte schildert eine erste Wahrnehmung der Zeit. Als ich sie vor zwei oder drei Jahren an genau jenem Tisch erzählte, an dem sie nun aus einem Buch vorgelesen wurde, hatte ich nicht die Erwartung, sie einmal kunstvoll zwei Sätzen eingeschrieben und gedruckt zu sehen: Seine vielleicht erste Erinnerung, dass er unter dem Weihnachtsbaum liegt und sich in einer roten Weihnachtskugel spiegelt. Als er sich im folgenden Jahr wieder so gespiegelt vorfindet, denkt er zurück und weiß auf einmal, dass Zeit vergangen ist, dass Zeit vergeht. Nadja Einzmann



