Aus der Wörtersammlung: ich

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von eichhörnchen

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tan­go : 17.03 UTC — In einem Traum las ich ein Buch von Papier. Das Buch ruh­te auf mei­nem Schreib­tisch. Schrift­zei­chen sehr gut les­bar, ein Buch, das ich ohne Bril­le ver­ste­hen konn­te. Ich ließ das Buch geöff­net auf dem Schreib­tisch lie­gen, wenn ich spa­zie­ren ging. Oder zum Ein­kau­fen. Oder ins Kino. Sobald zurück­ge­kehrt, las ich wei­ter. Immer wie­der indes­sen der Ein­druck, der Text des Buches, den ich zuletzt noch gele­sen hat­te, wür­de sich ver­än­dert haben, wäh­rend ich dem Buch den Rücken kehr­te. Ich las einen Satz und präg­te mir ein, was ich gele­sen hat­te. Dann stand ich auf und trat ans Fens­ter. Ein Eich­hörn­chen saß im Baum jen­seits der Stra­ße, es schien zu grü­ßen. Kaum zurück vor dem Schreib­tisch, der Ver­dacht, nein, die Gewiss­heit, dass sich wie­der­um Zei­chen des Buches in mei­ner Abwe­sen­heit ver­än­dert hat­ten oder sich ver­än­dert haben könn­ten. Ich such­te nach mei­nem Foto­ap­pa­rat. Ich nahm eine Foto­gra­fie des geöff­ne­ten Buches aus nächs­ter Nähe.  Dann wach­te ich auf. Es war Sams­tag. Feuch­te Luft. 30° Cel­si­us. Heu­te nun, als ich mich an mei­nen Traum erin­ne­re, ist noch immer Win­ter­zeit. Auf dem See im Park toben Gän­se und Enten. Im Bam­bus­wald klet­tern zwei Eich­hörn­chen, ich darf sie foto­gra­fie­ren, ich glau­be, sie ken­nen mich. Ich bin jener Mann, der ihnen von Eich­hörn­chen erzähl­te, die im Cen­tral Park der Stadt New York schon lan­ge woh­nen, mäch­ti­ge graue Tie­re. In einem ver­rück­ten Gespräch, so berich­te­te ich, mit einem LLM, hat­te ich von Fran­kie und Bil­ly erzählt, Eich­hörn­chen, die Inge­borg Bach­mann 1959 ent­deck­te. Die­se zwei Eich­hörn­chen indes­sen sol­len nie­mals exis­tiert haben, sol­len eine Erfin­dung wie­der­um mei­ner Per­son gewe­sen sein. Es exis­tie­ren, sag­te KI, kei­ne Eich­hörn­chen in Inge­borg Bach­manns wun­der­ba­ren Text. Lest, wenn ihr wollt, es ist eine lan­ge Geschich­te, und sie geht so:

 

LOUIS: Wie ver­hält es sich mit Eich­hörn­chen im Hör­spiel von Inge­borg Bach­mann Der gute Gott von Man­hat­tan?

ChatGPT: Kurz und klar, Lou­is. In Inge­borg Bach­manns Hör­spiel “Der gute Gott von Man­hat­tan” kom­men kei­ne Eich­hörn­chen vor. Weder expli­zit noch impli­zit, weder als Motiv noch als Rand­be­ob­ach­tung. Ein­ord­nung mit etwas Tie­fe: War­um kei­ne Eich­hörn­chen? Das Hör­spiel ist radi­kal unbio­lo­gisch. — Es spielt zwar in New York, aber: — nicht in Parks — nicht im All­tag – nicht im Beob­acht­ba­ren. Die Stadt ist ein meta­phy­si­scher Raum, kein urba­nes Öko­sys­tem. Tie­re – und beson­ders klei­ne, agi­le, leben­di­ge Tie­re wie Eich­hörn­chen – wür­den dem Text widersprechen.

> … von Eich­hörn­chen.

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mai 26

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ulys­ses : 17.05 UTC ‑Im Notiz­buch fin­det sich fol­gen­der Satz: 26. Mai 2026. Der Schlüs­sel­bund des hei­li­gen Micha­el.  Ich kann mich nicht erin­nern, was ich damit mein­te, was die­ser Satz oder Gedan­ke bedeu­tet haben könn­te, war­um ich in die­ser Wei­se notier­te. Was war das für ein Tag gewe­sen? Der 26. Mai des Jah­res 2026. Selt­sa­me Sache, ein beson­de­rer Tag, noch weit in der Zukunft lie­gend. LLM sagt, ich wür­de mit einem vor­weg­ge­nom­me­nen Gedächt­nis gear­bei­tet haben.  Ich soll­te einen Ver­merk set­zen für den Mitt­woch, 26. Mai 2026, am spä­ten Nach­mit­tag. – stop

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kakteenmensch

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nord­pol : 15.01 UTC — Unlängst wur­de ich gefragt: Was sind Sie von Beruf? – Ich ant­wor­te­te: Ein Kak­teen­mensch. — Heu­te ist Mitt­woch, wun­der­ba­rer Tag. Ich über­leg­te, wie mein Leben sich gestal­ten wür­de, wenn ich fort­an ein­mal im Jahr nach Win­ter­zeit blü­hen, viel­leicht am Kopf, oder über kräf­ti­gen Horn­sta­chel­wuchs an mei­nen Hän­den ver­fü­gen wür­de. — stop

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von winterbrillen

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marim­ba : 8.05 UTC — Wenn ich nun gehe, gehe ich vor­sich­tig. Ich sehe jedes Blatt in der Fer­ne und die kleins­te Schrift noch der Zet­tel­käs­ten, die aus Archi­ven an Lit­faß­säu­len gewan­dert sind: Fal­se Memo­ry. Der Boden, wenn ich den Boden betrach­te mit mei­ner Bril­le, ist so nah­ge­kom­men, dass ich mei­ne, ich wür­de bei­de Bei­ne ver­lie­ren. Ein klei­ner Mann, der durch einen Park spa­ziert, um nach den ver­trau­ten Eich­hörn­chen zu sehen, deren Win­ter­fell dicht gewor­den ist. Ich stak­se über gefro­re­nes Laub, den­ke an Bril­len, dass man Bril­len ver­lie­ren, dass man sich auf Bril­len set­zen kann. Heu­te Mor­gen habe ich in der Käl­te einen schö­nen Namen gefun­den: Lumi Pipa­luk. Schnee­kind oder klei­nes Wesen aus Schnee. Und ich dach­te, ich will die­sen Namen bewah­ren als wür­de ein Wesen die­sen Namens tat­säch­lich exis­tie­ren. Ich bin über­zeugt, dass ich an lich­ten Tagen über eine Bril­le im Kopf ver­fü­ge. — stop

 

 

 

 

 

 

 

 leuchtender
hund

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vom suchen

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india : 14.01 UTC — Im ver­wais­ten Haus mei­ner Eltern hat­te ich 18 Bril­len ent­deckt. Sie waren geputzt, da und dort ein Fin­ger­ab­druck. 4 Bril­len für die Welt. 14 Bril­len für Bücher und Zei­tun­gen. Bril­len wie Schu­he und Hüte, sehr nah wie von Zeit­fä­den an mei­ne Tage genäht. Seit ich nun eine eige­ne Bril­le für die Fer­ne tra­ge, weiß ich, dass sie gern ver­lo­ren geht, und dass ich suchend auf dem Weg durch mei­ne Woh­nung ganz ande­re Din­ge fin­de als mei­ne Bril­le für die Fer­ne, einen Stoff­bä­ren zum Bei­spiel, 8 Zen­ti­me­ter hoch, wel­chen ich in einem Park bei Regen ent­deck­te. Der klei­ne Bär war nass gewe­sen, ich nahm ihn mit. Oder eine flie­gen­de Medu­se, hell­blau und durch­schei­nend und von einem zar­ten Geruch nach Salz und Zimt. So hat­te ich über die Medu­se auf einen Zet­tel notiert, der hin­ter mein Sofa gefal­len war und wie­der­ent­deckt, zu leuch­ten begann, durch­schei­nend von einem Geruch nach Salz und Zimt. — stop
ping

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 456, Luft­fahrt — 1022, Auto­mo­bi­le — 58331], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 55, 19. Jahr­hun­dert – 18, 20. Jahr­hun­dert – 751 , 21. Jahr­hun­dert — 3556 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 21, gelöscht : 178 ], Licht­fang­ma­schi­nen [ Vögel / künst­lich Gat­tung Ina­ri 2 : 8 ], Öle [ 0.7 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 21, Knie­ge­len­ke – 521, Hüft­ku­geln – 886, Bril­len – 356 ], Schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 14553, Grö­ßen 38 — 45 : 455 ], Kühl­schrän­ke [ 1522 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 15, mit Tau­cher – 12 ], Engels­zun­gen [ 687 ] | stop |

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nacht ist um 2

ein roboter

lima : 20.58 UTC – Apro­pos Fin­ger­sträuß­chen. Man darf sich das so vor­stel­len: An jeder Hand tra­ge ich 20 bis 30 Fin­ger­ex­em­pla­re, die meis­ten sind Mit­tel­fin­ger, Dau­men sind kei­ne dar­un­ter. Sobald ich an einem der Fin­ger zie­he, löst er sich, sodass ich ihn wei­ter­rei­chen kann. Für jeden Fin­ger bekom­me ich 5 oder 10 Pfund. Ich erin­ne­re mich immer noch nicht, je Schmerz emp­fun­den oder geblu­tet zu haben. Viel­mehr emp­fin­de ich Ver­gnü­gen, Freu­de und all die­se Din­ge, sobald ich einen Fin­ger ver­schen­ken darf. Ich habe also, könn­te man sagen, aus­ge­sorgt, solan­ge mir neue Fin­ger wach­sen. Es ist im Übri­gen ein stil­ler Pro­zess, es knis­tert kaum hör­bar, wenn sich Kno­chen ent­fal­ten. Sie wach­sen nur dann, wenn kurz nach 2 Uhr in der Nacht gewor­den ist. Man stel­le sich ein­mal vor, nicht aus­zu­den­ken, anstatt Fin­gern wür­den mir Köp­fe wach­sen. — stop

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auf einer wiese im sommer

ein roboter

echo : 20.55 UTC – In einem Park beob­ach­te­te ich einen Mann, der einem Robo­ter folg­te. Es war ein war­mer Tag. Die Maschi­ne in der Grö­ße eines Staub­saugers roll­te über den Rasen, wohl in dem Auf­trag, das Gras zu schnei­den. Der Mann beweg­te sich in der­sel­ben Geschwin­dig­keit leicht ver­setzt hin­ter dem Robo­ter, umkreis­te in die­ser Wei­se Bäu­me in einem engen Bogen, um bald wie­der den Hori­zont ins Auge zu fas­sen. Der Robo­ter fuhr so lan­ge Zeit schnur­ge­ra­de wei­ter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelän­de ohne Gras­nar­be. Dort dreh­te er auf der Stel­le um und fuhr in einem zufäl­li­gen Bogen zurück über die Rasen­flä­che hin. Leicht­be­klei­de­te Men­schen waren zu sehen, wie sie den Robo­ter fixier­ten. Sobald sich das klei­ne Wesen einer die­ser lie­gen­den Per­so­nen näher­te, wur­den lei­se Hup­ge­räu­sche hör­bar, ein Ver­such der Ver­stän­di­gung viel­leicht. Manch­mal knie­te der Mann nie­der. Er schien jenen Boden zu unter­su­chen, der soeben noch von dem Robo­ter über­fah­ren wor­den war. Der Mann schau­te durch eine Lupe und sam­mel­te mit­tels einer Pin­zet­te von dem Rasen klei­ne­re Gegen­stän­de oder Tei­le von Wür­mern und Käfern auf und leg­te sie in einer Tüte ab. Indes­sen der Mann arbei­te­te, war­te­te der Robo­ter. Das war im ver­gan­ge­nen Som­mer gewe­sen. Ein Robo­ter auf einer Wie­se ohne Hun­de, war­um? — stop



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