Aus der Wörtersammlung: menschen

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an einem frühen morgen

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oli­mam­bo : 8.05 — An einem frü­hen Mor­gen spricht ein Mann im Schwein­wer­fer­licht einer Fern­seh­ka­me­ra. Er ist Abge­ord­ne­ter des Deut­schen Bun­des­ta­ges, ein tap­fe­rer Mann, er ver­tei­digt die Poli­tik sei­ner Par­tei, sei­ner Bun­des­kanz­le­rin. Er spricht unge­fähr so: Wir haben viel geschafft. Wir haben uns bemüht. Wir haben den Men­schen­schleu­sern das Hand­werk gelegt. Es kom­men weni­ger Men­schen zu uns, die flüch­ten wol­len. Nicht län­ger müs­sen Men­schen im Mit­tel­meer ertrin­ken. – Es ist frü­her Mor­gen, ein Mor­gen eines Tages im Sep­tem­ber. Es ist das Jahr 2016. Wenn ich über die Fern­be­die­nung mei­nes Fern­seh­ge­rä­tes einen wei­te­ren Fern­seh­ka­nal anwäh­le, erfah­re ich, dass der Som­mer zurück­keh­ren wird, obwohl doch schon Herbst gewor­den ist. – stopschaltung6

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die insel der farbenblinden

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echo : 0.12 — Oli­ver Sacks notiert in sei­nem Rei­se­be­ob­ach­tungs­buch Die Insel der Far­ben­blin­den Fol­gen­des: Mei­ne Besu­che auf die­sen Inseln waren kurz und unvor­be­rei­tet, nicht an einen fes­ten Plan oder ein Pro­gramm gebun­den, nicht dazu bestimmt, eine The­se zu bewei­sen oder zu wider­le­gen, son­dern ein­fach der Beob­ach­tung gewid­met. Doch so impul­siv und unsys­te­ma­ti­sch sie auch waren, ich ver­danke ihnen inten­sive, viel­schich­tige Erleb­nisse, die sich in alle mög­li­chen, mich stän­dig über­ra­schen­den Rich­tun­gen ver­zweig­ten. Viel­leicht bedurf­te es erst mei­ner Rück­kehr, der Mög­lich­keit, die Erleb­nisse wie­der und wie­der Revue pas­sie­ren zu las­sen und zu sich­ten, um ihres Zusam­men­hangs und ihrer Bedeu­tung (oder zu min­des­tens eines Teils ihrer Bedeu­tung) hab­haft zu wer­den ― und um die­sen Impuls zu ver­spü­ren, sie zu Papier zu brin­gen. Die­se Nie­der­schrift, die mich wäh­rend der letz­ten Mona­te beschäf­tigt hat, erlaub­te mir, ja zwang mich, die Inseln in mei­ner Erin­ne­rung erneut auf­zu­su­chen. Und da die Erin­ne­rung, wie Edel­mann aus­führt, nie­mals nur sim­ple Auf­zeich­nung oder Repro­duk­tion ist, son­dern ein akti­ver Pro­zess der Reka­te­go­ri­sie­rung, der Rekon­struk­tion und Fan­ta­sie­tä­tig­keit, ― ein Pro­zess, der von unse­ren eige­nen Wer­ten und Per­spek­ti­ven bestimmt wird, hat mich die Erin­ne­rungs­ar­beit dazu geführt, die Besu­che in gewis­ser Wei­se neu zu erfin­den und so ein per­sön­li­ches, eigen­wil­li­ges, viel­leicht exzen­tri­sches Bild die­ser Inseln zu ent­wer­fen, das zusätz­lich genährt wur­de durch mei­ne Lei­den­schaft für Inseln und Insel­bo­ta­nik. — stop
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wörterbilder

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echo : 2.12 — In der Stadt Kyiv sol­len noch Mona­te nach der Hava­rie des Reak­tors 4 in Tscher­no­byl Stra­ße um Stra­ße ent­lang der Häu­ser­wän­de per­fo­rier­te Roh­re instal­liert wor­den sein, aus wel­chen Was­ser ström­te, um das strah­len­de Gift von den Stra­ßen zu schwem­men. Eine Bekann­te erzähl­te mir von der Exis­tenz die­ser Roh­re, sie war damals in Kyjiw für eini­ge Tage. Ich ken­ne die­ses Bild, ich erin­ne­re mich, das ein Wör­ter­bild ist, kein Licht­bild, da ich kei­ne Foto­gra­fie in der digi­ta­len Sphä­re ent­de­cke. Wie lan­ge Zeit soll­te ich suchen? Stun­den? Oder Tage? Das Wör­ter­bild scheint plau­si­bel zu sein, oder sogar wahr­schein­lich. Wie vie­le Men­schen exis­tie­ren in der Stadt, in der ich lebe, also in mei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe, die mit dem Tod bedroht wer­den, weil sie sich Glau­ben und wei­te­ren Ritua­len wider­set­zen? — stop

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morgens

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oli­mam­bo : 0.15 — Ein­mal sit­ze ich in einer Stra­ßen­bahn. Plötz­lich fällt ein Gedan­ke vom Him­mel. Ich könn­te, dach­te ich, Gesprä­che insze­nie­ren, Sät­ze wie Lebe­we­sen für sich, Sät­ze, die vor den Men­schen gewe­sen sind. Not­wen­di­ge oder natür­li­che Sät­ze. — Ich notier­te die­sen Text vor ein oder zwei Jah­ren.  Er berührt mich, aber ich kann nicht erin­nern, was ich unter Sät­zen, die vor den Men­schen gewe­sen sind, ver­stan­den haben könn­te. — stop

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die luft über aleppo

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nord­pol : 22.01 — Seit Tagen lässt sich in aller Ruhe die Erfin­dung eines fra­gen­den Gedan­kens beob­ach­ten. Es han­delt sich bei die­sem Gedan­ken um eine Zei­chen­ket­te fol­gen­den Inhalts: Ist es viel­leicht denk­bar, die ein­ge­schlos­se­nen Bür­ger­men­schen der Stadt Alep­po mit Trink­was­ser, Medi­ka­men­ten und Brot aus der Luft zu ver­sor­gen? Noch lässt sich nicht sagen, ob der Gedan­ke so weit in einer logi­schen Form ver­wirk­licht wer­den wird, dass aus einem Gedan­ken im Sta­di­um der Ent­wick­lung, ein Gedan­ke wer­den könn­te, der sich tat­säch­lich den­ken, also ver­ste­hen lässt, dem­zu­fol­ge mit einem wei­te­ren Gedan­ken in Ver­bin­dung gebracht wer­den könn­te: Wann wer­den wir die ein­ge­schlos­se­nen Bür­ger­men­schen der Stadt Alep­po mit Trink­was­ser, Medi­ka­men­ten und Brot aus der Luft ver­sor­gen? — stop

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ai : TÜRKEI — petition

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Tür­kei: Men­schen­rech­te gel­ten auch nach dem Putsch­ver­such! Die tür­ki­schen Behör­den gehen nach dem geschei­ter­ten Putsch vom 15. Juli hart gegen tat­säch­li­che und ver­meint­li­che Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker der Regie­rung vor. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal hat glaub­wür­di­ge Bewei­se zusam­men­ge­tra­gen, denen zufol­ge Gefan­ge­ne nach dem Putsch­ver­such gefol­tert wur­den. Unter ande­rem gibt es Berich­te über Schlä­ge und Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Regie­rungs­an­ge­hö­ri­ge haben sich für eine Wie­der­ein­füh­rung der Todes­stra­fe für die am Putsch­ver­such Betei­lig­ten aus­ge­spro­chen. / Mehr als 10.000 Per­so­nen sind seit dem Putsch­ver­such inhaf­tiert wor­den, mehr als 45.000 Men­schen wur­den ent­las­sen, dar­un­ter auch Poli­zei­kräf­te, Rich­te­rin­nen und Rich­ter sowie Staats­an­wäl­tin­nen und Staats­an­wäl­te. Im Land herr­schen Angst und Ver­un­si­che­rung. Vie­le Men­schen fürch­ten aus gutem Grund um ihre Rech­te und Frei­hei­ten. / Zwar müs­sen die wäh­rend des Putsch­ver­suchs began­ge­nen Men­schen­rechts­ver­stö­ße unter­sucht und die Ver­ant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Die Men­schen­rech­te müs­sen dabei jedoch in vol­lem Umfang respek­tiert wer­den. / Die völ­ker­recht­li­chen Pflich­ten der Tür­kei sowie die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hart erkämpf­ten Rech­te und Grund­frei­hei­ten müs­sen auch unter dem der­zeit ver­häng­ten Aus­nah­me­zu­stand gel­ten. Die Regie­rung darf die Men­schen­rech­te nicht im Namen der Gerech­tig­keit miss­ach­ten. Denn wenn die Men­schen­rech­te nicht geach­tet wer­den, kann sich nie­mand sicher füh­len. Wer­den Sie aktiv! Betei­li­gen Sie sich an unse­rer Online-Peti­ti­on und for­dern Sie Prä­si­dent Erdo­gan auf, auch unter dem der­zeit ver­häng­ten Aus­nah­me­zu­stand die Men­schen­rech­te zu respek­tie­ren!” Lesen Sie hier den voll­stän­di­gen > PETITIONSTEXT

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samstags

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fox­trott : 5.12 — Frü­her Nach­mit­tag, Som­mer. Ich beob­ach­te auf einem Fähr­schiff, das nach Sta­ten Island fährt, einen älte­ren Mann bei kon­zen­trier­ter Arbeit. Er sitzt auf einer Bank des Pro­me­na­den­decks, tief über ein Buch gebeugt. Eini­ge Kin­der tol­len in sei­ner Nähe her­um, er nimmt, so sehr ist er bemüht, mit einem Blei­stift den Zei­len eines Buches zu fol­gen, kei­ne Notiz von ihnen. Ich den­ke zunächst, der alte Mann wür­de sei­ne Augen mit­hil­fe eines Blei­stifts ent­lang der Zei­chen­li­nie füh­ren, aber als ich mich nähe­re, ent­de­cke ich Wort für Wort eine leich­te Ver­zö­ge­rung der Bewe­gung, die aus der Ent­fer­nung betrach­tet doch wie eine flie­ßen­de Bewe­gung wirkt. Am Ende jeder Zei­le notiert der Mann eine Zif­fer, ver­mut­lich des­halb, weil er die Wör­ter des Buches zählt. Das ist selt­sam und zugleich berüh­rend, wie er so selbst­ver­ges­sen auf dem gro­ßen Schiff ver­weilt, und ich hof­fe, er möge auf Sta­ten Island ange­kom­men, mit dem nächs­ten Schiff zurück­fah­ren nach Man­hat­tan, und wie­der­um auf sei­nem Trans­fer Wör­ter zäh­len. Als das Schiff an das St. Geor­ge Ter­mi­nal anlegt, schließt der alte Mann das Buch, ver­staut sei­nen Blei­stift in einer Tasche sei­nes Jacketts, erhebt sich mühe­voll, um das Schiff lang­sam gehend über die Brü­cke, die sich zur Fäh­re hin senk­te, zu ver­las­sen. Im Saal des Ter­mi­nals bleibt er für einen Augen­blick vor einem Aqua­ri­um ste­hen, betrach­tet die Fische oder sein Spie­gel­bild, um sich weni­ge Minu­ten spä­ter von der Men­schen­men­ge, die auf das war­ten­de Schiff strömt, mit­neh­men zu las­sen. Nebel ist auf­ge­kom­men, die Möwen, die das Schiff auf sei­nem Weg nach Man­hat­tan beglei­ten, still. Ich ste­he drau­ßen auf der Pro­me­na­de und beob­ach­te das Was­ser, wie es weit unten ent­lang des Schiffs­kör­pers schäumt. Gele­gent­lich schaue ich durch Fens­ter zu dem alten Mann hin, zu sei­nem Buch, sei­nem Blei­stift, sei­nen Hän­den. — stop
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sechs finger

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sier­ra : 0.28 — Kurz nach Mit­ter­nacht wie­der­um stürz­te ein Fal­ter auf mei­nen Schreib­tisch. Ich hat­te die Fens­ter geöff­net, küh­le und doch wür­zi­ge, feuch­te Luft von drau­ßen, und eben der Fal­ter, der plötz­lich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rühr­te, als wäre er wäh­rend sei­nes Nacht­flu­ges tief und fest ein­ge­schla­fen. Da war nun eine selt­sa­me Fra­ge. Wie wecke ich einen schla­fen­den Fal­ter, ohne ihn in Angst und Schre­cken zu ver­set­zen? Ich könn­te mit mei­nem Atem etwas Wind erzeu­gen, oder aber ich könn­te nach einem fei­nen Pin­sel suchen. Ich könn­te ande­rer­seits vor­ge­ben, als wäre der Fal­ter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort ent­schei­den. Nein, ich muss das nicht sofort ent­schei­den. Ich notie­re: Vor weni­gen Stun­den mel­de­ten Nach­rich­ten­agen­tu­ren, Rebel­len hät­ten einen Kor­ri­dor zu ein­ge­schlos­se­nen Men­schen im Zen­trum der Stadt Alep­po frei­ge­kämpft. Wer sind die­se Rebel­len, was den­ken sie, was haben sie vor? Vor weni­gen Tagen noch beob­ach­te­te ich, wie die klei­ne M. ihre Fin­ger zähl­te, es war selt­sa­mer­wei­se immer­zu sechs Fin­ger. Auch ich habe sechs Fin­ger, wenn M. sie zählt. — stop
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