Aus der Wörtersammlung: menschen

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von der stille

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hima­la­ya : 20.12 UTC — Ein­mal spa­zier­te ich durch New York an einem war­men Tag im April. Ich ging eini­ge Stun­den lang ohne ein Ziel nur so her­um, manch­mal blieb ich ste­hen und beob­ach­te­te dies oder das. Ich dach­te, New York ist ein ausge­zeich­neter Ort, um unter­zu­tau­chen, um zu ver­schwin­den, sagen wir, ohne aufzu­hören. Ich stell­te mir vor, wie ich in die­ser Stadt Jah­re spa­zie­ren wür­de und schau­en, mit der Sub­way fah­ren, auf Schif­fen, im Cen­tral Park lie­gen, in Cafés sit­zen, durch Brook­lyn wan­dern, ins Thea­ter gehen, ins Kino, Jazz hören, sein, anwe­send sein, gegen­wärtig, ohne aufzu­fallen. Ich könn­te exis­tieren, ohne je ein Wort zu spre­chen, oder viel­leicht nur den ein oder ande­ren höfli­chen Satz. Ich könn­te Nacht­mensch oder Tag­mensch sein, nie wür­de mich ein wei­te­rer Mensch für eine län­ge­re Zeit als für eine Sekun­de bemer­ken. Sehen und ver­ges­sen. Wenn ich also ein­mal ver­schwin­den woll­te, dann wür­de ich in New York ver­schwin­den, vor­sich­tig über Trep­pen stei­gen, jeden Rumor mei­den, den sensi­blen New Yor­ker Blick erler­nen, eine klei­ne Woh­nung suchen in einer Gegend, die nicht all­zu anstren­gend ist. In Green­wich Vil­la­ge viel­leicht in einer höhe­ren Eta­ge soll­te sie lie­gen, damit es schön hell wer­den kann über Schreib­tisch und Schreib­ma­schine. Ich könn­te dann von Zeit zu Zeit ein Tonband­gerät in mei­ne Hosen­ta­sche ste­cken und für einen oder zwei mei­ner Tage ver­zeich­nen, was Men­schen, die mir begeg­ne­ten, erzähl­ten. So ging ich damals dahin, ich glau­be, ich spa­zier­te im Kreis her­um, berühr­te da und dort die Küs­te eines Flus­ses, und als es Abend wur­de, besuch­te ich Mari­na Abra­mo­vić, die seit Mona­ten bereits in einem Saal des Muse­ums für moder­ne Kunst auf einem Stuhl saß. Wie sie Men­schen erwar­te­te, um mit ihnen gemein­sam zu schwei­gen, berüh­ren­de Stun­den, und ich dach­te und notier­te, wie ich heu­te wie­der notie­re, es geht dar­um, in der Begeg­nung mit Men­schen Zeit zu tei­len, es geht dar­um, die Zeit zu syn­chro­ni­sie­ren, in mei­nem Fal­le geht es dar­um, lang­sa­mer zu wer­den, um Men­schen in der Wirk­lich­keit nahe­kom­men zu kön­nen, es geht dar­um in die­ser rasen­den Welt von Still­stand, so lang­sam zu wer­den, und wenn es nur für weni­ge Stun­den ist, dass ein Gespräch, eine Berüh­rung, über­haupt mög­lich sein kann. Dar­an wie­der erin­nern, Tag für Tag. — Heu­te bin ich nicht in New York. Wo ich bin, schwebt ein dunk­ler, schla­fen­der Zep­pe­lin am Hori­zont, der mög­li­cher­wei­se bald auf­wa­chen und blit­zen wird. Ein schö­ner, nach­denk­li­cher Tag, wei­te­re schö­ne Tage wer­den fol­gen. Ich wer­de lang­sam lesen und lang­sam spre­chen, und den­ken wer­de ich so lang­sam wie nie zuvor. Ich wer­de die Emp­fin­dung der Zeit zur Geschmei­dig­keit über­re­den, ja, das ist vor­stell­bar, wei­che, war­me Stun­den. — stop

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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR: „Nach 31 Tagen im Hun­ger­streik im Evin-Gefäng­nis in Tehe­ran geht es Ate­na Dae­mi gesund­heit­lich sehr schlecht und sie benö­tigt umge­hend eine sta­tio­nä­re Behand­lung. Sie ist seit Novem­ber 2016 auf­grund ihrer men­schen­recht­li­chen Akti­vi­tä­ten zu Unrecht inhaf­tiert. / Am 8. April trat die ira­ni­sche Men­schen­rechts­ver­tei­di­ge­rin Ate­na Dae­mi im Evin-Gefäng­nis in den Hun­ger­streik. Sie pro­tes­tiert damit gegen die Ver­ur­tei­lung ihrer Schwes­tern Hanieh und Ensieh zu aus­ge­setz­ten Gefäng­nis­stra­fen wegen “Belei­di­gung von Beamt_innen im Dienst”. Bei­de wur­den am 13. März 2017 von einem Straf­ge­richt in Tehe­ran zu aus­ge­setz­ten Gefäng­nis­stra­fen von drei Mona­ten und einem Tag ver­ur­teilt. Laut der Fami­lie von Ate­na Dae­mi hat sich ihr Gesund­heits­zu­stand sehr ver­schlech­tert. Sie soll etwa 12 kg Gewicht ver­lo­ren haben. Sie lei­det an stän­di­gem Schwin­del, Erbre­chen, Blut­druck­schwan­kun­gen und gro­ßen Nie­ren­schmer­zen. Am 2. Mai ver­lor sie kurz­zei­tig das Bewusst­sein. Sie wur­de am 8. Mai für kur­ze Zeit in ein Kran­ken­haus außer­halb des Gefäng­nis­ses gebracht, in dem eini­ge medi­zi­ni­sche Unter­su­chun­gen durch­ge­führt wur­den. Man brach­te sie jedoch ins Gefäng­nis zurück, noch ehe die Unter­su­chungs­er­geb­nis­se vor­la­gen. Ärzt_innen haben war­nend erklärt, dass ihre Nie­ren­ent­zün­dung einen kri­ti­schen Zustand erreicht habe und sie sofort sta­tio­när behan­delt wer­den müs­se. / Die Gefängnisbeamt_innen gewäh­ren ihr jedoch kei­ne ange­mes­se­ne medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Am 29. April erzähl­te Ate­na Dae­mi ihrer Fami­lie, dass die Gefängnisärzt_innen in ihren Berich­ten wei­ter­hin schrei­ben, dass ihr Gesund­heits­zu­stand nor­mal sei und sie ihre Erkran­kung nur “vor­täuscht”. Ende April wur­de sie in die Gefäng­nis­kli­nik gebracht, um ein EKG zu erstel­len, doch der Kran­ken­pfle­ger wei­ger­te sich, die Unter­su­chung durch­zu­füh­ren. Er recht­fer­tig­te sei­ne Wei­ge­rung damit, dass es für männ­li­ches medi­zi­ni­sches Per­so­nal “unan­ge­mes­sen” sei, die­se Unter­su­chung an Pati­en­tin­nen durch­zu­füh­ren, da sie dabei ihre Brust ent­blö­ßen müs­sen. Weib­li­che poli­ti­sche Gefan­ge­ne sehen sich häu­fig zusätz­li­chen For­men geschlechts­spe­zi­fi­scher Dis­kri­mi­nie­rung gegen­über, wenn sie Zugang zu medi­zi­ni­scher Behand­lung suchen. Weib­li­chen Gefan­ge­nen mit abend­li­chen oder nächt­li­chen Herz­pro­ble­men wur­den bereits bei meh­re­ren Gele­gen­hei­ten Not­fall-EKGs ver­wei­gert, da die Gefäng­nis­be­hör­den dar­auf bestan­den, dass die­se Tests von weib­li­chem Per­so­nal durch­ge­führt wer­den, da die Pati­en­tin­nen für die Unter­su­chung ihre Brust ent­blö­ßen müs­sen. / Ate­na Dae­mi und der Rechts­bei­stand ihrer Schwes­tern war­ten der­zeit auf die Über­prü­fung der Schuld­sprü­che und Straf­ma­ße durch das Beru­fungs­ge­richt. Der Rechts­bei­stand befürch­tet, dass die Rechts­mit­tel zurück­ge­wie­sen wer­den könn­ten. Amnes­ty Inter­na­tio­nal betrach­tet das Ver­fah­ren, das zu ihrer Ver­ur­tei­lung führ­te, als unfair und wür­de Hanieh und Ensieh Dae­mi bei einer Inhaf­tie­rung als gewalt­lo­se poli­ti­sche Gefan­ge­ne ein­stu­fen, die nur des­halb zur Ziel­schei­be wur­den, weil sie mit Ate­na Dae­mi ver­wandt sind.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Juni 2017 hin­aus, unter > ai : urgent action

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sekundenglück

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romeo : 17.10 UTC — Ade­le, die in Süd­afri­ka gebo­ren wur­de, in Johan­nes­burg, genau­er, in Sove­to, sitzt auf einer Bank der Zen­tral­sta­di­on. Sie soll­te eigent­lich längst auf dem Weg zur Arbeit sein, es ist kurz nach zehn Uhr, statt­des­sen sitzt sie hier unter wei­te­ren Men­schen auf einer Bank und weint. Sie sagt, sie habe ihre Bril­le ver­ges­sen, ohne Bril­le kön­ne sie nicht arbei­ten, wenn sie heu­te nicht arbei­ten wür­de, wer­de das sehr schlim­me Fol­gen haben, man wür­de ihren Ver­trag nicht ver­län­gern, ohne Arbeit sei ihre Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung bald ver­wirkt, sie müs­se dann zurück nach Süd­afri­ka, ich könn­te mir gar nicht vor­stel­len, was das für sie bedeu­ten wür­de, des­halb wei­ne sie, des­halb sei sie ganz am Ende, nein, dass Lese­bril­len exis­tie­ren, die nicht ein­mal so viel kos­ten wie eine Wochen­zei­tung, das wuss­te sie nicht, das ist jetzt doch eine wun­der­ba­re Über­ra­schung. Bril­len gleich hier um die Ecke, Bril­len, die stark sind, nein wirk­lich! Wie sie jetzt auf­springt, wie sie zunächst auf die Uhr blickt, dann auf die klei­ne Skiz­ze, die sie aus den Wör­tern pflück­te, die ich ihr erzähl­te, wie sie auf knall­ro­ten Turn­schu­hen los­rennt, wie sie mit einem Lächeln zurück in der Men­schen­men­ge ver­schwin­det, so viel Glück, dass die Luft zu knis­tern beginnt, soviel Glück. — stop

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die geschwindigkeit der wörter

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tan­go : 22.30 UTC — Wie flink ver­mag ich mit einem Fin­ger auf einem Bild­schirm zu schrei­ben, wie schnell mit einem Sen­sor­stift? Am schnells­ten schrei­be ich, wenn ich mit­tels Wör­tern den­ke? Ich schrei­be dann, ohne eine sicht­ba­re Spur zu hin­ter­las­sen, schrei­be eine den­ken­de Spur, die erin­nert oder sofort ver­ges­sen wer­den könn­te, wie jener Mann, der in einer Erzäh­lung Patri­cia Highsmith’s einen Roman nach dem ande­ren Roman im Kopf notiert. Das Schrei­ben per Hand auf Papier oder mit­tels einer Tas­ta­tur auf einem Bild­schirm bewirkt ver­mut­lich ohne Aus­nah­me eine Ver­lang­sa­mung des Den­kens, eine Prä­zi­sie­rung. Das spre­chen­de, erzäh­len­de Den­ken scheint der Luft, den Vögeln ver­bun­den, das schrei­ben­de Den­ken dem Was­ser, den Fischen. Ich stel­le mir vor, Men­schen, die mich ein­mal schweig­sam wahr­ge­nom­men haben, eine in sich gekehr­te Per­son, wer­den die­se Gedan­ken in einer voll­kom­men ande­ren Wei­se wahr­neh­men, als jene Men­schen, die einen spru­delnd erzäh­len­den, Wör­ter sprü­hen­den Mann erleb­ten. — stop

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lions writers inc.

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alpha : 17.25 UTC — Eine Notiz der Lions Wri­ters Sup­port Ser­vices. Inc., die ich an die­ser Stel­le mit gro­ßer Freu­de über­setzt wie­der­ge­be, berich­tet von Mr. und Mrs. Sha­pi­ro: > AUF NACH CONEY ISLAND. Als Mr. Sini Sha­pi­ro, wohn­haft zu New York (Park Ave­nue 720), im ver­gan­ge­nen Jahr den drin­gen­den Wunsch äußers­te, end­lich ein­mal sei­ne Woh­nung ver­las­sen zu dür­fen, um sich in der Stadt sei­ner Geburt umzu­se­hen, waren wir mit enor­men Her­aus­for­de­run­gen kon­fron­tiert. Wie könn­te es mög­lich wer­den, frag­ten wir, einem Kie­men­men­schen, der zeit sei­nes Lebens ein hoch spe­zia­li­sier­tes Was­ser­ha­bi­tat in Man­hat­tan bewohnt, einen Zugang zur Stadt zu ermög­li­chen, ohne ihn umzu­brin­gen. Bald folg­ten wir einer kon­kre­ten Spur. Aus der nau­ti­schen Samm­lung der Fami­lie Land­au, die auf Long Island lebt, erwar­ben wir einen Tief­see­tau­cher­an­zug, wel­cher zuletzt in den 40er-Jah­ren der unter­see­ischen Minen­räu­mung dien­te. Der Anzug selbst wog 240, Mr. Sha­pi­ro, ein zar­tes Wesen, 32 Kilo­gramm, die Maße stimm­ten, und der Anzug, wenn man ihn mit Was­ser füll­te, erwies sich als voll­stän­dig dicht über vie­le Tage hin. Am 5. Juni des Jah­res 2016 unter­nah­men wir mit Mr. Sha­pi­ro einen ers­ten Ver­such unter wirk­lich­keits­na­hen Bedin­gun­gen. Getes­tet wur­de in der Woh­nung der Sha­pi­ros zunächst unter Was­ser, ob Mr. Sha­pi­ros Leib sich in den Anzug füg­te und ob er sich gebor­gen füh­len konn­te. In einer zwei­ten Pha­se des Tes­tes ver­such­ten wir einen Ein­druck von der Beweg­lich­keit des Anzugs zu gewin­nen, immer­hin war das Gefäß nun voll­stän­dig mit Was­ser gefüllt. Der Tau­cher­an­zug, Mr. Sha­pi­ro plus Was­ser­fül­lung, sowie ange­schlos­se­ne tech­ni­sche Wei­te­run­gen, Fil­ter und Pum­pen, eine Foto­ka­me­ra sowie zwei Funk­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­du­le, wogen ins­ge­samt 352 Kilo­gramm. Am 22. Juli dann in den frü­hen Mor­gen­stun­den von sor­gen­vol­len Bli­cken sei­ner Frau beglei­tet, wag­te Mr. Sha­pi­ro sich zum ers­ten Mal in das Leben jen­seits der Schleu­sen­tü­ren sei­ner Woh­nung hin­aus. Der alte Mann wur­de in sit­zen­der Posi­ti­on über Auf­zü­ge des Hau­ses vor­sich­tig zu einem Sub­aru – Sam­bar – Auto­mo­bil trans­por­tiert, das sich, von einem Poli­zei­fahr­zeug eskor­tiert, bald lang­sam über die Man­hat­tan Bridge, kurz dar­auf über die Coney Island Ave­nue süd­wärts beweg­te. Mr. Sha­pi­ro woll­te das Meer mit eige­nen Augen betrach­ten. Brook­lyn, äußer­te er spä­ter, gefal­le ihm. / — stop New York City. May 3 2017 by Miu Gallane 

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landau

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ulys­ses : 16.05 UTC – Wenn ich Men­schen, jun­ge oder älte­re Men­schen fra­ge, ob sie den Moment erin­nern, da sie sich zum ers­ten Mal in ihrem Leben selbst die Schu­he gebun­den haben, sind sie erstaunt, nicht nur des­halb, weil ich mich nach einem weit zurück­lie­gen­den Ereig­nis erkun­dig­te, son­dern auch, weil sie nicht sel­ten sofort in der Lage waren, eine Geschich­te vom Schuh­bin­den zu erzäh­len. Men­schen, wel­che sie lehr­ten, ihre Schu­he zu bin­den, auch die Far­be der Schu­he oder Orte, eine Trep­pe, die Küche oder ein Gar­ten kehr­ten ins Bewusst­sein zurück. Wer sich die Schu­he selbst zu bin­den ver­mag, kann das Haus ver­las­sen, kann eine kom­ple­xe Figur mit Hän­den gestal­ten, über­all auf der Welt scheint die Metho­de der Schlei­fe zu exis­tie­ren, ja, Schlei­fen sind kom­ple­xe Struk­tu­ren, die einer­seits sich selbst erhal­ten mit­tels Umar­mung, ande­rer­seits sich auf einen Zug­wunsch hin sofort aus ihrer Bin­dung lösen. Ich selbst habe mich in Land­au unter einem Apfel­baum auf einem Bänk­chen von Holz sit­zend in der Schuh­bin­dung geübt, mei­ne Damals­schu­he waren blau und rot, die Gän­se­blüm­chen weiß, der Löwen­zahn gelb, die Luft roch nach Stall und mei­ne Tan­te duf­te­te nach Moos und 4711. Gidhs­ti, die in Eri­trea groß gewor­den ist, sag­te: Was für eine selt­sa­me Fra­ge! Wir hat­ten nichts zu bin­den, wir sind bar­fuß gewe­sen oder tru­gen San­da­len. Ich war unge­fähr 20 Jah­re alt, als ich lern­te, mei­ne Schu­he zu bin­den. Dar­auf muss man erst ein­mal kom­men, an einem Sonn­tag­nach­mit­tag. — stop
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beckett

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char­lie : 6.32 UTC — In dem klei­nen Café, das den Namen Saha­ra trägt, wird Men­schen, die am Flug­ha­fen arbei­ten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gera­de von der Arbeit. Außer­dem schneit es in einer Wei­se, als wäre Win­ter. Sie zieht ihren Man­tel aus und die Hand­schu­he, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstim­mung in der Tür­kei nicht spre­chen. Spre­chen wir über mei­ne nächs­te Rei­se, ich weiß nicht, wohin ich rei­sen soll, ich bin seit ich den­ken kann, immer in die Tür­kei gereist, die­ses Mal wer­de ich nicht in die Tür­kei rei­sen. — Ist es zu gefähr­lich, fra­ge ich. — Nein, ant­wor­tet Iclal, es ist nicht gefähr­lich für mich, ich will nicht. Wohin könn­te ich nur rei­sen im Som­mer? — Ich sage: Vene­dig ist schön, aber eher im spä­ten Herbst, viel­leicht magst Du in die Ber­ge gehen, Du könn­test auf einer Hüt­te im Kar­wen­del­ge­bir­ge woh­nen und wan­dern, das ist ganz wun­der­bar dort. In die­sem Moment ent­de­cke ich einen Schrift­zug von wei­ßer Far­be, der Iclal’s rosa­far­be­nes T‑Shirt bedeckt: Ever tried. Ever fai­led. No mat­ter. Try Again. Fail again. Fail bet­ter. Das sind wun­der­ba­re Wor­te, sage ich, Samu­el Beckett hat sie geschrie­ben. — Ja, wirk­lich, ant­wor­tet Iclal, wer ist das? Sie sieht an sich her­ab. Ich habe nicht dar­auf geach­tet, was da steht, das ist Eng­lisch, ich kann kein Eng­lisch, was steht da, das Beckett geschrie­ben hat? — Ich über­le­ge, wie ich Becketts Sät­ze kor­rekt über­set­zen könn­te. Ich über­le­ge lan­ge. Das ist offen­sicht­lich schwie­rig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poe­sie, da muss man sehr behut­sam mit den Wör­tern umge­hen, man muss sehr genau sein. Kurz dar­auf wer­de ich mit mei­ner Über­set­zung fer­tig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dach­te noch, wie ger­ne ich ihr Lachen in die­sem Moment auf Ton­band auf­ge­nom­men hät­te — stop

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kamelschnellbahngeschichte

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marim­ba : 6.28 UTC — Der jun­ge Mann, der mir eine Geschich­te von Kame­len erzählt, ist 22 Jah­re alt. Er trägt ein leuch­tend blau­es Hemd, das sieht gut aus, weil sei­ne Haut­far­be dun­kel ist, weil er ein Mann ist, der tat­säch­lich aus Afri­ka kommt, der aus Afri­ka geflüch­tet ist, obwohl er ganz sicher nicht aus Afri­ka flüch­ten woll­te. Wäre er nicht aus der Not her­aus geflüch­tet, mit Zügen und Bus­sen und zwei Flug­zeu­gen, dann wäre er jetzt tot. Weil er nicht tot ist, sitzt er mit mir in einer Schnell­bahn und wir spre­chen kurz über sein Land, das ich unbe­dingt ein­mal besu­chen wer­de, wenn es dort so sein wird, dass man mich nicht sofort umbrin­gen wird. Der jun­ge Mann kommt aus Soma­lia, sein Groß­va­ter hüte­te Kame­le. In sei­ner Kind­heit trank er immer viel Kamel­milch. Es gibt, sagt er, nichts Gesün­de­res auf der Welt als Kamel­milch. Sie schil­lert nicht wie die Milch der Kühe, sie ist etwas bit­ter und süß zur glei­chen Zeit. Er sagt noch, dass er gera­de sein Geld zäh­le, er wol­le nach Afri­ka rei­sen. In Afri­ka ange­kom­men wer­de er so viel Kamel­milch trin­ken, wie in sei­nen klei­nen Bauch über­haupt jemals hin­ein pas­sen wird. Und jetzt ist die Schnell­bahn am Ziel, und der jun­ge Mann steigt aus. Ich sehe noch sei­ne Hand, wie sie mir winkt über die Köp­fe der Pend­ler­men­schen hin. — stop

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vom suchen und finden

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zou­lou : 15.01 UTC — Das Suchen nach Gegen­stän­den in Gär­ten, oder das Suchen nach Men­schen in Wäl­dern oder Park­land­schaf­ten, wo sie sich frei­wil­lig ver­steck­ten, Ver­gnü­gen, Freu­de, Glück, wie das Suchen nach Büchern oder Zita­ten in Anti­qua­ria­ten, die zum Zeit­punkt der Suche noch nicht digi­ta­li­siert wor­den waren. Ein­mal hör­te ich eine Freun­din an ihrem 85. Geburts­tag, wie sie sich nach ihrer Bril­le erkun­dig­te. Ich wuss­te genau, wo sich die Bril­le in dem Moment ihrer Fra­ge auf­ge­hal­ten hat­te, aber mei­ne alte Freun­din schimpf­te, wäh­rend sie nach ihrer Bril­le such­te, so freund­lich vor sich hin, und erzähl­te Geschich­ten, die sie ent­deck­te, obwohl sie doch nach ihrer Bril­le such­te, dass ich mir ein wenig Zeit ließ, um ihr zu sagen, wo sie ihre Bril­le sofort fin­den könn­te. Ich erin­ne­re mich, wie ich als Kind einen Wald durch­such­te, in dem ein wei­te­rer, etwas klei­ne­rer Wald ent­hal­ten war, ein Efeu­dschun­gel näm­lich, es war ein feucht­war­mer Tag und die Luft duf­te­te nach Löwen­mäul­chen. Anstatt der erwar­te­ten Schne­cken­ge­häu­se, fand ich eine Her­de gold­brau­ner Frö­sche vor, die sich ver­mut­lich über mein Erschei­nen wun­der­ten. Vor drei Tagen bemüh­te ich mich län­ge­re Zeit um die Erfin­dung einer Tele­fon­num­mer, die in der Stadt Chi­ca­go vor­kom­men könn­te, aber garan­tiert nicht exis­tiert. Und noch heu­te, vor drei Stun­den, such­te ich nach einer grö­ße­ren oder klei­ne­ren Stadt, in der fol­gen­de Adres­se exis­tiert: im Schnee 10. Obwohl ich zahl­rei­che, auch spe­zi­el­le Such­ma­schi­nen ver­wen­de­te, war ich nicht erfolg­reich gewe­sen. Ich soll­te viel­leicht sagen, dass manch­mal wun­der­bar ist, nicht zu fin­den, was man sucht, es könn­te dann rei­ne Erfin­dung sein. — stop



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