Aus der Wörtersammlung: wörter

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vögel

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char­lie : 2.08 — Plötz­lich war er da, wie aus dem Nichts, der Jun­ge heut Nacht woher zurück­ge­kom­men. Knie­te auf einem Stuhl vor dem Bett, auf dem sei­ne Mut­ter ruh­te. Ein Arzt hat­te zu ihm gespro­chen, erklärt, wes­halb die Mut­ter so lan­ge Zei­ten schla­fen müs­se, die­sen merk­wür­di­gen Schlaf, Mona­te, Mona­te, Mona­te. Und dass die Mut­ter nicht ant­wor­ten, aber hören kön­ne, wenn man zu ihr spre­chen wür­de. Also erzähl­te der Jun­ge sei­ner Mut­ter von der Schu­le, vom Schnee, vom Ball­spiel, von damp­fen­den Loko­mo­ti­ven sei­ner Modell­ei­sen­bahn. Manch­mal flüs­ter­te er, beug­te sich hin zum schla­fen­den Ohr, erzähl­te von gehei­men Din­gen. Und von den Vögeln berich­te­te der klei­ne Mann, von Vögeln, die sehr nah gleich hin­ter dem Fens­ter an der Brüs­tung des Bal­kons ihre Schnä­bel wetz­ten. Vögel waren das, beson­de­re Vögel, sie hal­fen, wei­ter­zu­er­zäh­len, wenn ihm nichts ein­fal­len woll­te. Ein­mal hör­te ich, wie er einen Vogel erfand, ein Wesen, das allein durch Wör­ter für Sekun­den exis­tier­te, einen Vogel der Poe­sie. Sei­ne glo­cken­hel­le, auf­ge­reg­te Stim­me, sein erhitz­tes Gesicht, sei­ne müden Augen, sei­ne Hän­de, die die Luft beschrie­ben. — stop
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denkfalter

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india : 0.02 — Begeis­tert, nach­dem ich in einem Wör­ter­buch der eng­li­schen Spra­che zur Über­set­zung der Zitro­nen­fal­ter Varia­tio­nen gesam­melt habe. Brims­tone but­ter­fly, herr­li­cher Klang! Ich erin­ner­te mich, dass mir das Wort brims­tone schon ein­mal begeg­ne­te, ich mei­ne das Wort vor lan­ger Zeit in Jan Gabri­als Buch My Life with Mal­colm Lowry ent­deckt zu haben, ein vul­ka­ni­sches Wort, und weil ich mir nicht ganz sicher gewe­sen war, noch ein­mal der Blick ins Kom­pen­di­um. Eine Mee­res­ge­schich­te der Schwe­fel­fal­ter wird nun denk­bar, wie sie von sal­zi­gen Win­den über Zin­no­ber­sand gewir­belt wer­den. Und da ist noch eine wei­te­re, eine viel­leicht selt­sa­me Beob­ach­tung an die­sem Abend. Das ist näm­lich so, ich kann nichts sagen über den eigent­li­chen Duft der Schmet­ter­lings­we­sen. — stop

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wortklangstempel

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echo : 0.06 — Da war ein i am frü­hen Mor­gen, viel­leicht weil ich nach einer lan­gen Traum­nacht noch nicht ganz wach gewe­sen, in das Wort Leben­de hin­ein­ge­ra­ten, sodass das Wort Lei­ben­de ent­stand. Im Zusam­men­hang einer blü­hen­den Regen­kä­fer­ge­schich­te eigent­lich kein ver­rück­tes oder schlam­pi­ges Wort, und doch eine merk­wür­di­ge Sache, weil ich den klei­nen Text zwei- oder drei­mal, ehe ich ihn ver­öf­fent­lich­te, prüf­te, ohne das nach­drück­lich umge­stal­ten­de i ent­deckt zu haben. Ich spie­le nun mit dem Ver­dacht, dass ich Tex­te, die ich notie­re und kurz dar­auf wie­der lese, zunächst einem Nah­zeit­spei­cher mei­nes Gehirns ent­neh­me, in wel­chem Wör­ter oder gan­ze Sät­ze eines Tex­tes als schein­bar kor­rek­te Klang­stem­pel im Moment der Zei­le erin­nert wer­den. Und dann gehe ich schla­fen oder spa­zie­ren, beob­ach­te einen Film oder unter­hal­te mich mit einem Freund oder einer Freun­din, Zeit ver­geht, in wel­cher die Stem­pel mei­nes erfun­de­nen Tex­tes wie­der zu Buch­sta­ben, zu iso­lier­ten Tönen zer­fal­len, so dass ich mei­ne Gedan­ken, mei­ne Wör­ter und Sät­ze genau so zu lesen oder zu hören ver­mag, als wären sie von einem ande­ren Men­schen notiert. Ja, so könn­te das sein, so wol­len wir das zunächst ein­mal anneh­men. — Noch zu tun in die­ser Nacht: Dimen­sio­nen der Papier­tie­re erspü­ren / µm = 10–6 m = 0,000.001 m. — stop
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handkuss

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oli­mam­bo : 0.02 — Wie­der ein­mal wahr­ge­nom­men, dass ich mei­ne Gegen­wart nicht in moder­nen Signal­wör­tern erzäh­len kann. Wenn ich Gegen­wart erzäh­le, ver­wen­de ich Wör­ter einer Zeit, die mir eine alte Zeit zu sein scheint: Auto­mo­bil stop Hos­pi­tal stop Gram­mo­phon stop Schreib­ma­schi­ne stop Traum­me­cha­nik stop Sprech­ap­pa­rat stop Schall­plat­te stop Hand­kuss stop. – Da ist noch etwas Wei­te­res an die­sem Abend, ein Gerücht, das mich fröh­lich stimmt, sobald ich dar­über nach­zu­den­ken begin­ne. Man erzählt, Autoren des New Jour­na­lism sol­len lan­ge, sol­len vie­le Jah­re dau­ern­de Zeit unter ihren Figu­ren gelebt haben: Gay Tale­se stop Tru­man Capo­te stop Tom Wol­fe stop. Man ist dem­zu­fol­ge nicht ver­rückt. Oder man ist ver­rückt, aber nicht allein ver­rückt. — War­um nur duf­tet die­ser Abend nach Zimt und Frö­schen? — stop
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meerestee

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char­lie : 0.03 — Jedes Wort als win­zi­ges Tier betrach­ten, mit einer je sehr lan­gen Lebens­ge­schich­te. Das Wort Him­mel, zum Bei­spiel, ein fei­nes Wesen, sei­ne viel­fäl­ti­ge Gestalt in den Spra­chen die­ser Welt, Zei­chen­män­tel, irr­lich­tern­des Plank­ton in einer Tas­se Mee­res­tee. Und so flie­gen die Wör­ter in Her­den durch Luft und Raum um den hal­ben Erd­ball her­um von einem Men­schen zu einem ande­ren Men­schen in Sekun­den­schnel­le. Hier wer­den sie gele­sen, ein Tier nach dem ande­ren Tier, behut­sam, scheu. — Gute Nacht und guten Morgen!
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copy & paste

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romeo : 2.56 — Vor weni­gen Stun­den noch wollt ich vom Abend einer Amei­se unter som­mer­li­chem Fei­gen­baum erzäh­len. Kaum ange­fan­gen, beob­ach­te­te ich, dass in dem Text, den ich wünsch­te auf­zu­schrei­ben, Wör­ter ent­hal­ten sein wer­den, die bereits vor mei­ner Text­zeit von ande­ren Men­schen in wei­te­ren Tex­ten ver­wen­det wor­den sind. Das wohl­klin­gen­de Wort Him­mel, ich hab’s nicht erfun­den, auch nicht das Wort Herz­beu­tel­chen oder das Wort Sinus­kno­ten. Alle die­se Wör­ter, gelie­he­ne Wör­ter. Ich leg sie mir in den Mund, unter mei­ne schrei­ben­den Fin­ger, Tag für Tag und Nacht um Nacht, als ob sie mir, Geschich­ten gleich, die aus der Luft zu stür­men schei­nen, allein gehör­ten. Aber dann das elek­tri­sche Knis­tern mei­nes Gehirns, in dem es die Ent­de­ckung im Schlaf zu fei­nen Wirk­lich­keits­net­zen ver­webt. – Weit nach Mit­ter­nacht. Eis­luft vor den Fens­tern, im Zim­mer war­ten Fei­gen und Bäu­me. Hab jetzt einen klei­nen Kno­ten im Kopf. — stop
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grüne schuhe

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lima : 22.02 — Beob­ach­tung des New Yor­ker Poli­zei­funks. Schep­pern­de Stim­men, als wür­de man Trans­pa­rent­pa­pier beatmen, Spra­che von Zah­len, von Codes. Gele­gent­lich Pas­sa­gen, die Geschich­ten erzäh­len. Eine laut­hals sin­gen­de Frau im Cen­tral Park, Höhe Dako­ta Buil­ding, sie kehrt als Spur, als Wör­ter­in­sel immer wie­der zurück, man ver­mu­tet, dass sie viel­leicht ver­rückt sein könn­te. Die Frau ist etwa 50 Jah­re alt, trägt grü­ne Schu­he, Blue Jeans, eine beige Jacke und läuft im Kreis her­um. Ein­mal will man ihre Papie­re über­prü­fen und da hör­te ich im Rau­schen des Äthers tat­säch­lich eine hell schim­mern­de Stim­me. — stop
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