nordpol : 0.12 — Der Versuch, rückwärts zu denken. Wie das Wort salamanderlinks mit einem Finger ins Wasser zu schreiben. Oder das Wort teheran.
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nordpol : 0.12 — Der Versuch, rückwärts zu denken. Wie das Wort salamanderlinks mit einem Finger ins Wasser zu schreiben. Oder das Wort teheran.
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lima : 0.03 — Die sanfte, singende Stimme Zoé Valdés. Wie sie erzählt, sie habe in Havanna mit Freunden nachts Romane kopiert, um sicher sein zu können, kostbare, verbotene Texte niemals zu verlieren. Besondere Bücher, stelle ich mir vor, die zu jeder Zeit nur dann in ihre Tiefen lesbar, also hörbar, also denkbar sind, indem sie von Hand auf weitere Papiere übertragen werden. Abends über den Tischen des Hofgartens das feine Orkanlicht der Propellerkäfer. — stop
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tango : 0.00 — Ein Bildschirmsaal, groß wie eine Turnhalle. Vor dem Monitor No 561 sitzt ein Mann und tippt mit seinem rechten Zeigefinger Passagen aus Italo Calvino’s Bändchen Herr Palomar in eine E‑Mailbox: In diesem Spätherbst gibt es in Rom etwas Ungewöhnliches zu sehen, nämlich den Himmel voller Vögel. Zeichen um Zeichen arbeitet sich der Mann vorwärts. Zunächst wirft er einen Blick auf das mit linker Hand gebändigte Buch, dann einen Blick vorwärts ins Licht, darauf folgt ein weiteres elektrisches Zeichen, ein feines, vielleicht von einer Feder wiedergegebenes Geräusch unter dem Rauschen tausender Federn, tausender Fingerwerkzeuge, die Text erzeugen, Text versenden, flüchtiges wie Rauch. — Einmal dort für eine Minute die Zeit anhalten. Lesen, was geschrieben wurde, lesen, was auf den Bildschirmen gerade noch sichtbar ist. Vielleicht auch die Nachricht, dass der ehemalige Vorsitzende des chinesischen P. E. N., LIU XIABO, Mitunterzeichner der Charter 2008, im Dezember 2008 bereits verhaftet, noch immer verschwunden ist. Oder eine kurze Geschichte, die von der Journalistin LYDIA CACHO RIBEIRO erzählt, deren Leben akut bedroht wird, weil sie in Mexiko gegen Handel mit Frauen kämpft. — stop
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~ : rob salter
to : louis
subject : ELEPHANTISLAND
date : june 2 09 8.58 p.m.
Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stürmischer See Elephantisland erreicht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenommen. Südwestliche Bewegung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeelefantengruppen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mittags dann auf menschliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Untergrund, hüfthoher Steinwall nordwärts. Im Windschatten: drei gebleichte Walknochen, ein halbes Duzend fingerdicker Hautstücke, ein Kamm, zwei rostige Kugelschreiber, eine Blechtasse, zwölf Pinguinschnäbel, fünf Batterien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruchstücke eines Sonnenkollektors und einer Schreibmaschine. Das Werkzeug war in einer Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und richtete ein Messer gegen einen Seeelefanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armeslängen entfernt und scheuerte mit dem Rücken über den Felsen. Eigenartige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine verbeulte Trompete verschluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreischende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeitpunkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wandernde Spuren von Dehydration. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg angetreten, indessen, bei genauerer Betrachtung unserer Umgebung, auf Felsformationen entlang der Küste Fragmente von Zeichenketten entdeckt. Eindeutig Millers Handschrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause.
eingefangen
22.57 UTC
1817 Zeichen

himalaya : 0.02 — Wie würde Hannah Arendt über das Wagnis der Öffentlichkeit formulieren in unserer Zeit, in einer Zeit, da Menschen ohne jede Scheu und in gut begründeter Voraussicht, zutiefst verletzt zu werden, mit Worten, Bildern, Filmen öffentlich in intimste Winkel ihrer Seelen leuchten? Einmal, als Computer noch mittels Transistorröhren rechneten, bemerkt sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme, das Wagnis der Öffentlichkeit sei für eine Person nur möglich im Vertrauen auf die Menschlichkeit der Menschen selbst. — stop

echo : 0.50 — Walter Kempowski bemerkt in einem Gespräch, dass die wichtigen Dinge im Leben in Sekundenzeit geschehen. Er habe vor sehr langer Zeit einmal von einem fahrenden Zug aus, in einem Fenster oder in einer Tür eines gleichfalls fahrenden, eines entgegenkommenden Zuges, die Gesichter dreier Lagerhäftlinge gesehen. Das dauerte nur eine Zehntelsekunde: Nie vergessen! — Sein großes Werk vom Lauschen, Fragen, Sammeln, Sortieren, Konfigurieren: Echolot. — stop
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romeo : 22.02 — Atemlos eine Kameraluftreise der jungen Filmemacherin Anna Ditges beobachtet. Zwei Jahre lang filmte sie ihre Begegnungen mit Hilde Domin. Als ich meine Fernsehmaschine ausschaltete, war ich voll Glück und Freude, und ich dachte, dass ich mich vermutlich verliebt habe, in den Film, in die junge Filmemacherin, oder nein, ich glaube, ich habe mich in Hilde Domin verliebt. Und wie ich diese Zeilen gerade schreibe, denke ich, dass Hilde Domin, sollte sie mir über die Schulter sehen, vielleicht sagen würde: Aber das geht doch nicht, das ist unhöflich, so nah heranzukommen. – Ich saß im Park am Nachmittag, folgte einer Spinne, die auf Buchseiten turnte und las in Hilde Domins Gedichten: Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / dass der Wind / hindurchfährt. Ihre von der Zeit gezeichnete Hand, die im Film genau diese Zeilen mit einem Bleistift auf ein Blatt notierte. Wie sie sagt zur jungen Frau hinter der Kamera: Wir sehen uns gerne an, weil wir uns mögen. — stop
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ulysses : 15.02 — Nördliches Griechenland. Karge Landschaft. Man erzählte mir von Siatista, dort sollen Wölfe leben in den Bergen, aus welchen die Steine der Häuser der kleinen Stadt geschlagen sind. Im Winter fällt Schnee und bleibt liegen. Dann kommen die Wölfe näher heran, sind zu hören in den Nächten, ihr heulendes Gespräch. Alt sind sie, uralt wie die Menschen in dieser Gegend, die sich widersetzen, wenn ihre letzte Stunde gekommen ist, leben sie einfach weiter. Sobald ein Winter endet und die Berge blühen für eine kurze Zeit in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann, liegt eine junge Frau auf einer Wiese herum. Diese Wiese ist weiß von den Körben der Kamille, eine Wiese, die die Gestalt der jungen Frau erinnert, wie sie auf dem Rücken liegt, immer an derselben Stelle in den Himmel schaut und glaubt über ein Eismeer zu fliegen. Wenn man sie besuchen, wenn man sich neben sie legen würde, könnte man Geschichten hören, die sie mit tiefer Stimme sogleich erzählen wird. Dass sie blau war zum Beispiel, ein blau häutiges Kind, dass sie nicht atmen konnte in der ersten Stunde ihres Lebens, dass man sie mit Luft, anstatt mit Wasser taufte, weil man glaubte, sie werde ihre zweite Lebensstunde nicht betreten. Dass sie sich im Alter von vier Jahren im Schnee verirrte, dass zwei Wölfinnen sie wärmten für eine Nacht, bis man sie fand. Dass sie eine Partisanentochter sei, dass sie mit den Schildkröten sprechen könne und den Schlangen, den Faltern, den Fliegen. Dann wird sie ein wenig schweigen und eine Handvoll Akazienblüten reichen, sie schmeckten vorzüglich, man müsse sie sich auf die Zunge legen und warten, bis sie schmelzen. Jetzt liegt die junge Frau wieder auf dem Rücken zum Eismeer hin, erzählt weiter, erzählt von den langen Wegen im Winter zur Schule und dass sie ein Jahr zurück das erste Mal das Meer gesehen habe. Ein großer Frieden. Ihre Stimme, die so seltsam tief ist. Das Brummen dreihundert Jahre alter Insekten. Auch Wölfe fressen weiße Blüten. — stop
india : 10.02 — Da war ein Buch vor langer Zeit, ein Buch, das Thomas Alva Edisons Leben erzählte. In diesem Buch, ich seh das noch genau vor mir, wurde das elektrische Licht erfunden. Zunächst machte man einen gläsernen Behälter, der glühte und flüssig war und heiß, denn die Männer, die an ihm arbeiteten, trugen kräftige Handschuhe, auch ihre Gesichter waren mit Tüchern verbunden. Man konnte das Glas, so flüssig war es unter dem Feuer geworden, wie heiße Schokolade von einer Tasse in eine andere gießen. Ich habe diese Zeichnung als Junge stundenlang betrachtet und erzählt, was dort für mich zu sehen war. Seither ist alles Licht, vor allem dann, wenn es warm, goldfarben, ja, wenn es sichtbar ist, flüssig und von Schokolade.

