india : 6.22 — Schaute gegen den Himmel. Bemerkte, dass sich die Dunkelheit wie eine Flüssigkeit verhielt. Vögel hüpften in dieser feuchten Lichtlosigkeit in Kastanienbäumen von Ast zu Ast, ein traumartiges Bild. Vielleicht habe ich etwas gesehen, das ich nur deshalb beobachten konnte, weil ich ohne jeden Grund auf der Straße stand, wie aus einem Versehen heraus, ein Mann, der die falsche Tür genommen hatte. Jetzt, etwas später, ahne ich, dass ich dort vor dem Haus gelandet war, weil ich insgeheim wünschte, mit meinen Gedanken an den gewaltsamen Tod eines Torhüters, unter freiem Himmel zu stehen. Und wie ich so wartete, hörte ich die Stimme seiner mutigen, jungen Frau in meinem Kopf, eine Stimme, die versuchte, von all dem Wahnsinn, dem Wahnsinn des Verheimlichens zu sprechen. Da war einmal ein Mensch gewesen, der nicht weiterleben konnte, der sterben musste, weil er seine Verletzlichkeit, seine Schwäche, seine Menschlichkeit nicht zeigen durfte oder glaubte, sie nicht zeigen zu dürfen. So könnte das gewesen sein. Ein Mensch, der lange Zeit über Wasser hastete. So weit ist er gelaufen, dass kein Land mehr zu sehen, kein Laut mehr zu hören gewesen war. — 2 Uhr und fünfzehn Minuten. Die Welt dreht sich, um einen Atemzug langsamer geworden, weiter, immer weiter. Soeben wurde amtlicherseits die Öffnung folgender Weihnachtspostämter, nördliche Hemisphäre, bekannt gegeben: Nordpol-Grönland Santa Claus Nordpolen, Julemandens Postkontor DK-3900 Nuuk / Finnland Santa’s Main Post Office FIN-96930 Napapiin / USA Santa Claus Indiana 47579.
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Aus der Wörtersammlung: zeit
dorothy parker
india : 23.12 — Ein seltsamer Traum. Als ich erwachte, stolperte ich unverzüglich zum Schreibtisch und notierte: Mit Dorothy Parker spaziert. Manchmal frage ich mich, wie meine Träume entstehen, wie ich dazu komme, mir Geschichten zu erzählen, die von kosmischer Ferne sind, obwohl ich doch selbst in ihnen enthalten bin. Vor dem Hotel im Traum, 37. Straße West, wartete eine uralte, strahlend schöne Frau, die nach meinem rechten Arm verlangte, ohne ein Wort zu sprechen, eine geschmeidige, eine unwiderstehlich reizende Geste, und schon waren wir auf dem Weg dem Süden zu. Winterzeit, die Straßen dampften. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Die alte Frau trug einen schweren, dunklen Pelzmantel, feine Lederhandschuhe von weißer Farbe und einen roten Hut, auf den ich herabsehen konnte, weil die Gestalt an meiner Seite sehr zierlich gewesen war. Ich kann mich nicht erinnern, wer nun wen durch Manhattan führte, jedenfalls passierten wir den Broadway, die Bowery, die Brooklyn Bridge. Wir mussten lange Zeit unterwegs gewesen sein, weil Mrs. Dorothy Parker, die sich selbst im Traum nicht zu erkennen gab, sehr, sehr langsam ging. Einmal hob ich sie hoch und trug sie eine Weile und sie schlief in meinen Armen ein. Dann erreichten wir den Prospect Park, eine Gegend, die mir bekannt zu sein schien. Da war eine Kreuzung. Und da war Harvey Keitel, der fotografierte. Er kam auf mich zu und betrachtete das Gesicht der alten Frau und lächelte und erkundigte sich, ob ich denn wüsste, wen ich da in den Armen halten würde. — Und jetzt ist wieder Nacht geworden und ich habe gute, sehr gute Laune und funkende Lust traumwärts weiterzuerzählen. Wie nur komme ich über den Atlantik hinweg genau an den Ort meiner kleinen Schlafgeschichte zurück?
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seelenvögel
tango : 0.01 — > s e e l e n v ö g e l
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balance
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alpha : 10.02 – all of old. nothing else ever. ever tried. ever failed. no matter. try again. fail again. fail better. — Samuel Beckett 1981
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srebrenica
marimba : 14.05 – Zur Zeit unserer ersten Begegnung war Anisha zwanzig Jahre alt gewesen, hatte gerade ihr Medizinstudium aufgenommen und ging gern spazieren, während ich Fragen stellte, zum Beispiel, ob es für sie, eine Muslima, nicht schwierig sei, menschliche Körper zu zergliedern. Ich erinnere mich, auch im Präpariersaal lief sie gern herum, immerzu musste ich nach ihr suchen und ich suchte gern, weil sie oft feinsinnige Gedanken in mein kleines Tonbandgerät diktierte. Einmal standen wir in einem Warenhaus vor Fernsehgeräten. Ein Dokumentarfilm wurde gezeigt, Srebrenica, wie die Bürger der Stadt an serbische Truppen ausgeliefert wurden. Eine Weile schaute Anisha schweigend zu. Dann erzählte sie in kurzen Sätzen eine schwerwiegende Geschichte. Das digitale Aufnahmegerät lief weiter, während ich ihr zuhörte, weswegen ich ihre Stimme bald darauf mit mir nehmen konnte, und ich notierte ihre Bemerkungen so genau wie möglich. Gestern Abend nun las ich Anisha persönlich vor, was ich damals eingefangen hatte. Ein seltsamer Moment. Der Eindruck, dass erst jetzt, sehr viel später, mit jedem gelesenen Wort mein Text authentisch wurde. Die Geschichte geht so: Stell Dir Männer vor, die Aprikosenbäume rauchen. Wenn Abend wird, zünden wir Kerzen an, die wir aus dem Öl der Fischkonserven fabrizieren. Und dann ist Nacht. Mutter steht am Fenster. Und dann ist Morgen und die schweren Mäntel, die wir als Nachthemden tragen, sind kalt geworden. Anstatt der Hähne unseres Dorfes, die wir längst gefressen haben, krähen uns Schüsse an. Ich sehe die dürren Finger meines Vaters, die in seinem Gesicht nach Auswegen graben. Sie kommen über eine graue Wolldecke spaziert und putzen mir den Ruß von der Nase. Mutter steht immer noch am Fenster. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich trage einen Koffer, der groß ist wie ich. Auf einer Wiese brennen Kühe.
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ante portas
himalaya : 20.07 – n a c h t o h r e n

schneelicht
sierra : 0.02 – 2 2. j a n u a r 2 0 0 7 / Schnee über Nacht. Die Umrisse der Bäume, die sich auf den opaken Scheiben der hohen Fenster des Präpariersaal’s abbildeten, waren kaum noch zu erkennen, als wären sie von einem hauchdünnen Pinsel neu gezeichnet. Ein seltsam helles Licht, ein Licht war im Raum, von dem ich nicht sagen konnte, ob es tatsächlich anwesend war oder von dem Wort Schnee her leuchtete, mit dem ich erwachte. Auch die Geräusche, waren andere Geräusche als zuvor, gedämpfte, sanfte Traumgeräusche. Ich erinnere mich, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte reine Erfindung sein, eine Figur, auch die Tische der Toten, die unter roten Planen verborgen lagen, reine Erfindung, die Bäume, der Schnee und die Schulkinder, deren Lachen von der Straße her zu hören war. Dann öffnete sich die Tür des Aufzuges, ein Präparator trat in den Saal. Er sagte: Guten Morgen! Er nannte mich beim Namen.
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korallenknistern
tango : 0.02 – Die Fenster weit geöffnet, Luftangeln ausgeworfen. — Gerade eben entdeckte ich auf Karteikarte No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Januar 2007 im anatomischen Präpariersaal mit Bleistift buchstabierte: Einem Abschnitt des atlantischen Rückens gleichend, tritt schrittweise eine Wirbelsäule aus dem zurückweichenden Muskelkörper hervor. Wir befinden uns in der 4. Woche. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt: Venen sind hohl. Man kann die Innenwände der Gefäße gegeneinander verschieben. Haptische Erfahrung. Arterienkorallen. Ein Knirschen. Knarzen. Knistern. Hören, mit den Spitzen der Finger h ö r e n.

blaue kamele
tango : 3.28 – Wie wir auf den Schultern unseres Vaters durch die Welt schaukelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dromedars, das die menschliche Sprache sprechen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwindigkeit und die Zeit, die das Licht unterwegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drummerman, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heimlich meine Schreibmaschine angeschaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzuschreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bildschirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Freitagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbeitete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Computerlochkarten, kräftige, beige Papiere, in welchen sich seltsame Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erinnere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeisterter Maler, ich malte mit Wachskreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Buntsein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeuteten, über deren Existenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich so lange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater. — stop
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lichtbilder
echo : 0.01 – In den Magazinen meiner Computermaschine existieren zwei Ordner, welche Fotografien versammeln, die mich beunruhigen oder in Begeisterung, in Staunen versetzen. In der einen Ordnerabteilung Fotografien, die schmerzen, auch deshalb schmerzen, weil sie nicht gezeigt werden dürfen aus meiner Sicht. Eine dieser Fotografien präsentiert eine junge Frau, die in der Stadt Moskau auf einer Straße liegt. Sie wurde, so erzählen Texte, die in der Nähe der Fotografie anzutreffen sind, von Scharfschützen erschossen, weil sie damit drohte, sich in die Luft zu sprengen. Eine Trophäe, so sieht das aus, ein Bild, das existiert. Was mache ich mit diesem Bild? — In der anderen Abteilung meiner Sammlung warten Fotografien, die mich gleichwohl beunruhigen, Fotografien, die ich vorzeigen könnte, weil sie nicht Teil einer Drohung sind. Eine dieser Fotografien, die mich schon lange Zeit in Gedanken begleitet, beleuchtet einen alten Mann in dem Moment, da er Reparaturarbeiten an sich selbst ausführt. Eine Aufnahme, die ich als präzise, als zärtliche, als behutsame Aufnahme wahrnehmen kann. Ich stellte mir vor, dass der alte Mann kurz innehält, dass er den Kopf dreht, mich ansieht und das Wort NEIN ausspricht. Wie ich sogleich meine Augen schließe. — stop



