san lorenzo de esmeraldas

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kil­i­mand­scharo : 6.55 — Am Sam­stag der ver­gan­genen Woche erre­ichte mich eine Warensendung, die in einem Dorf namens San Loren­zo de Esmer­al­das bere­its im Juli aufgegeben wor­den war. Die kleine Ortschaft liegt nahe der Gren­ze zu Kolumbi­en im Dschun­gel unweit der Paz­i­fikküste, lange Nächte, feuchte Luft, kreis­chende Tama­rine. Das Päckchen, ich hat­te lange darauf gewartet, enthielt ein Kästchen von Holz in der Größe ein­er Zigar­ren­schachtel, das mit­tels eines blauen Gum­miriemens ver­schlossen wurde. Ich stellte das Kästchen auf meinen Schreibtisch ab, um es vor­sichtig zu öff­nen. Fein­er, heller Sand wurde sicht­bar, Sand, so fein wie gemahlen­er Kam­potpf­ef­fer. Bald arbeit­ete ich mich mit einem Pin­sel vor­sichtig in die Tiefe voran, bis ich auf zwei Kör­p­er stieß. Es han­delte sich um Käfer­we­sen, die deshalb etwas Beson­deres darstell­ten, weil sie je über zwei Köpfe ver­fügten und über sechs Füh­ler. die im Moment mein­er Besich­ti­gung nicht im Ger­ing­sten auf meine Gegen­wart reagierten. Nach ein­er hal­ben Stunde, ich hat­te die Käfer bis dahin liebevoll betra­chtet, waren endlich Leben­sze­ichen zu erken­nen, die Füh­ler der Käfer bewegten sich, und ich hob sie aus ihrem Sand­bett und sie schlu­gen mit den Flügeln, als woll­ten sie mich begrüßen. Ihre Kör­p­er waren weich, sie bebten, und sie ver­strömten einen feinen Duft, der mich an Man­deln erin­nerte. Zur ersten Probe set­zte ich einen der Käfer an mein linkes Ohr, und der Käfer drang unverzüglich in mich ein, sehr behut­sam, bis ich bemerk­te, dass seine Füh­ler mein Trom­melfell betasteten. Kurz darauf weit­ete sich sein Kör­p­er, ich hörte ihn knis­tern, bis er meinen Gehör­gang voll­ständig füllte. Ein Pochen war zu vernehmen, das mich müde wer­den lies. Kaum hat­te ich den zweit­en Käfer in das andere mein­er Ohren geset­zt, schlief ich ein. Zwölf Stun­den lang schlief ich tief und fest, meine Stirn ruhte auf dem Schreibtisch. Als ich erwachte, hat­ten sich bei­de Käfer wieder in ihr Sand­bett zurück­ge­zo­gen. Es ist jet­zt früher Mor­gen. — stop
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london tube

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echo : 6.50 — In einem Tun­nel des Lon­don­er U-Bahn­sys­tems kauerten Men­schen auf dem Boden. Kaum Licht, eine düstere Szene, die ein unbekan­nter Fotograf aufgenom­men hat­te irgend­wann Anfang der 40er Jahre. Bret­ter waren über U-Bah­n­geleise gelegt. In dieser Weise ent­standen unter der Stadt Flächen, die Men­schen bege­hen, auf welchen sie sitzen oder liegen kon­nten. Auch Kinder waren zu sehen, sie tru­gen Röcke, Schu­lu­ni­for­m­jack­en und sehr kleine Schuhe. Auf einem Schaukelpferd saß ein Junge, der schon älter gewe­sen war. Er bewegte sich vielle­icht in dem Moment der Auf­nahme, weshalb er etwas unscharf wiedergegeben wurde. In sein­er unmit­tel­baren Nähe lehnte eine junge Frau mit dem Rück­en zur Wand, sie las in einem Buch oder war eingeschlafen. Ich erin­nere mich, dass ich die Fotografie, die ich aus ein­er Zeitung geschnit­ten hat­te, ein­mal mit ein­er Lupe betra­chtete. Irgend­wann hat­te ich sie vergessen. Gestern Abend nun kehrte sie aus meinem Gedächt­nis zurück. – Neun Uhr in Luhan­sk, Ukraine. Zehn Uhr in Mossul, Irak. stop

polaroidtimessquare

krim : lichtbild No 2

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ulysses : 6.55 — Asso­cia­ted Press ver­öf­fent­lichte vor eini­gen Monat­en eine bemerkenswerte Fotografie. Men­schen sind zu sehen, die an der Kasse eines Ladens dar­auf war­ten, bedi­ent zu wer­den, oder Waren, die sie in Plas­tik­beu­teln mit sich füh­ren, bezah­len zu dür­fen. Es han­delt sich bei die­sem Laden offen­sichtlich um ein Lebens­mit­tel­ge­schäft, das von künst­li­chem Licht hell aus­ge­leuch­tet wird. Im Hin­ter­grund, rech­ter Hand, sind Regale zu erken­nen, in wel­chen sich Sekt– und Wein­fla­schen anein­an­der­rei­hen, gle­ich dar­un­ter eine Tief­kühl­truhe in der sich Speiseeis befind­en kön­nte, und lin­ker Hand, an der Wand hin­ter der Kasse, wei­tere Regale, Zeit­schrif­ten, Spi­ri­tuo­sen, Scho­ko­lade, Bon­bon­tü­ten. Es ist alles sehr schön bunt, der Laden kön­nte sich, wenn man bere­it ist, das ein oder andere erkenn­bare kyril­li­sche Schrift­zei­chen zu über­se­hen, in einem Vor­ort der Stadt Paris befin­den oder irgend­wo in einem klei­nen Städt­chen im Nor­den Schwe­dens, nahe der Stadt Rom oder im Zen­trum Lis­sa­bons. Es ist Abend ver­mut­lich oder Nacht, eine küh­le Nacht, weil die Frau, die vor der Kasse war­tet, einen Ano­rak trägt von hell­blauer Farbe und feine dun­kle Hosen, ihre Schuhe sind nicht zu erken­nen, aber die Schuhe der Män­ner, es sind vier Per­so­nen ver­mut­lich mitt­le­ren Alters. Sie tra­gen schwarze, geschmei­dig wir­kende Mili­tär­stie­fel, aus­ser­dem Uni­for­men von dun­kel­grü­ner Farbe, runde Schutz­helme, über wel­chen sich eben­so dun­kel­grüne Tarn­stoffe span­nen, wei­ter­hin Wes­ten mit aller­lei Kampf­werk­zeu­gen, der ein oder andere der Män­ner je eine Sturm­wind­brille, Knie­schüt­zer, Hand­schuhe. Die Gesich­ter der Män­ner sind der­art ver­mummt, dass nur ihre Augen wahr­zu­neh­men sind, nicht ihre Nasen, nicht ihre Wan­gen, nicht ihre Mün­der. Sie tra­gen keine Hoheit­sze­ichen, aber sie wir­ken kampf­be­reit. Ein­er der Män­ner schaut mis­strauisch zur Kam­era hin, die ihn ins Visi­er genom­men hat, ein Blick kurz vor Gewalt­tä­tig­keit. Jed­er Blick hin­ter eine Maske her­vor ist ein selt­sa­mer Blick. Ein­er ander­er der Män­ner hält sei­nen Geld­beu­tel geöff­net. Die Män­ner wir­ken alle so, als hät­ten sie sich ger­ade von einem Kriegs­ge­sche­hen ent­fernt oder nur eine Pause ein­ge­legt, ehe es wei­ter gehen kann jen­seits die­ses Bil­des, das Erstau­nen oder küh­le Furcht aus­zu­lö­sen ver­mag. Ich stelle mir vor, ihre Sturm­ge­wehre lehn­ten vor dem Laden an ein­er Wand. Und wenn wir gle­ich her­aus­tre­ten an die frische Luft, wenn wir den Blick zum Him­mel heben, wür­den wir die Sterne über Sim­fe­ro­pol erken­nen, oder über Yal­ta, Luhan­sk, Mar­i­upol. — stop / kof­fer­test : updat­ed — ich habe diese auf­nahme mit eige­nen augen gese­hen.
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anna ludmilla

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nor­pol : 0.33 — Während ich aus dem Fen­ster schaue, höre ich einen Bericht, der vom Fernse­hen gesendet wird. Ulyana M., das heißt die Stimme ihrer Über­set­zerin, erzählt, sie habe mit ihrem Mann nahe Mar­i­upol Zuflucht vor Granatbeschuss im Keller eines Nach­barn gesucht. Ein Mann, den sie von Ferne kan­nte, habe den Keller ver­lassen, um nach seinem Häuschen zu sehen. Er sei nicht zurück­gekom­men. Als der Beschuss aufge­hört habe, seien sie zu ihrem Haus zurück­gekehrt. Auf dem Weg fan­den sie den Mann, der nach seinem Häuschen gese­hen hat­te. Er lag in seinem Garten ohne Kopf, sein Häuschen bran­nte. An dieser Stelle des Bericht­es machte die Stimme, die ich hörte, eine kurze, selt­same Pause. Ich hat­te nicht den Ein­druck, dass die Stimme der orig­i­nalen Erzäh­lerin Ulyana M. eine Pause machte, aber die Über­set­zerin macht eine Pause, ihre eigene Pause. Fünf Sekun­den später fuhr sie fort in ihrer Arbeit. Sie sagte, man habe nach dem Kopf des Mannes gesucht, man habe ihn gefun­den und zurück­ge­bracht zu dem Kör­p­er des Mannes, der in seinem Garten lag. – Früher Abend. Kas­tanien­bäume tief unten ste­hen bere­its in Flam­men, Bahn­steige der Straßen­bahn­hal­testelle bedeckt von Stachel­frücht­en, die nicht zer­platzen. Eich­hörnchen­schat­ten tra­gen sie nachts davon, obwohl noch Anfang Sep­tem­ber ist. Anna Lud­mil­la L.. Ich erin­nere mich an Anna Lud­mil­la L., die in St. Peters­burg geboren wurde. Sie lebt seit 15 Jahren in Deutsch­land, wollte Mod­ell wer­den, hei­tatete, gebar eine Tochter und wurde geschieden. Seit Jahren arbeit­et sie in der Post­stelle eines Frank­furter Ver­lagshaus­es. M. erzählte, Anna zwinkere seit eini­gen Wochen, wenn man mit ihr spreche, mit einem Auge, eine flat­ternde Bewe­gung. Er habe sie ein­mal gefragt, wie es ihr gehe, wie ihrer Fam­i­lie, ob sie Ver­wandte in der Ukraine habe. Sie habe sich über seine Frage vielle­icht gefreut, er sei sich aber nicht sich­er. — stop

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katta

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delta : 1.28 — In den Abteilun­gen des Regen­waldes : 28° Cel­sius. Schwere, feuchte Luft wie ein warmes Tuch, das ich mit jedem Atemzug durch meine Lunge ziehe. Noch tropft küh­les Wass­er ein­er Regen­mas­chine von den Bäu­men. Ein Kat­ta badet auf einem stein­er­nen Tisch, an dem ich Platz nehme, ohne sich von mein­er Gegen­wart stören zu lassen. Vielle­icht habe ich nach Wochen, die ich unter seinen Bäu­men sitzend zuge­bracht habe, einen Abdruck in seinem Gehirn hin­ter­lassen, der in dem Moment, da ich im Pal­men­haus erscheine, anstatt Gefahr, die Gestalt ein­er Sul­ta­nine zeigt. Scheue, hastige Blicke tief­schwarz­er Augen­perlen, dann wieder heftige Bewe­gun­gen des Kopfes gegen den Stein, die präzise in der Art und Weise der Lemure vor­ge­tra­gen wer­den. — Immer wieder die Frage : Was sieht dieser kleine Affe, wenn er mich betra­chtet? Was hört er, was nimmt er von mir wahr? Ein Wesen vielle­icht, das wed­er Bäume noch Wände des gläser­nen Haus­es zu besteigen ver­mag, einen Mann, der schreibt. Bewe­gun­gen zweier Hände gegen ein Stück leuch­t­en­des Holz, das kaum hör­bar klap­pert. Ein Schnur­ren, sobald geset­zte Zeichen­fol­gen aus dem vor­läu­fi­gen Spe­ich­er in das tief­ere Gedächt­nis der Mas­chine über­tra­gen wer­den. Ein noch deut­lich­er hör­bares Geräusch, sobald eine Infor­ma­tion aus dem Gedächt­nis der Mas­chine wieder ver­schwindet, ein Geräusch, das dem Geräusch ein­er Hand­voll Muschel­sandes ähnelt, der durch hohle Äste eine Baumes rin­nt. Eine Hand, die unsicht­bar wird zunächst, um kurz darauf Früchte auf den Tisch abzule­gen. — Ist diese Hand, die sich über den Tisch fort­be­wegt, um eine Ameise zu vertreiben, die Hand des Mannes, der nicht fliegen, der nicht klet­tern kann, oder ist diese Hand ein Tier für sich, das Sul­ta­ni­nen auf dem Tisch erzeugt, sobald der Mann, der niemals fliegt, der niemals klet­tert, zuge­gen ist? – stop

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echo : 2.26 — Früher ein­mal existierten Büch­er, deren Seit­en miteinan­der ver­bun­den waren. Bevor man die Seit­en dieser Büch­er lesen kon­nte, musste man sie voneinad­er tren­nen. Selt­samer­weise hat­te ich ihre Exis­tenz vergessen, bis ich ger­ade eben solche Büch­er in einem Text von Nathalie Sar­raute bemerk­te. Aber vielle­icht ist das Wort vergessen in diesem Zusam­men­hang nicht richtig gewählt, ich hat­te jahre­lang nicht an sie gedacht, im Geheimen waren sie ver­mut­lich immer anwe­send gewe­sen. Sofort begann ich damit, die Umge­bung mein­er Erin­nerung zu erkun­den. Ich ent­deck­te eine Tante. Wenn die Tante zu Besuch kam, küsste sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauch­suppe, weil sie einen Gemüse­händler kan­nte, der ihr Lauch­stan­gen schenk­te. Diese Tante also, deren Gesicht zer­furcht war von unzäh­li­gen Fal­ten, schenk­te mir ein­mal ein Buch genau dieser erwäh­n­ten Art, ein Buch, dessen Seit­en miteinan­der ver­bun­den waren, so dass ich jede Seite mit ein­er Schere zunächst von der näch­sten tren­nen musste. Das Buch war kein Kinder­buch gewe­sen, ich hat­te noch nicht sehr viel mit Büch­ern zu tun zu diesem Zeit­punkt, aber Nathalie Sar­raute, die damals unge­fähr in meinem Alter gewe­sen sein kön­nte, in einem Alter, als mich die Tante mit den Lauch­stan­gen noch besuchte. Sie notierte: Es liegen über­all Büch­er herum, in allen Zim­mern, auf den Möbeln und sog­ar auf dem Boden, Büch­er, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekom­men sind … kleinere, mit­tlere und große …Ich nehme die Neuankömm­linge in Augen­schein, ich schätze die Mühe, die jedes erfordern wird, die Zeit, die es mich kosten wird … Ich wäh­le eins aus und set­ze mich mit dem aufgeschla­ge­nen Buch auf den Knien hin, ich umk­lam­mere das bre­ite Papier­mess­er aus grau ausse­hen­dem Horn, und ich fange an … zuerst zertren­nt das waagerecht gehal­tene Papier­mess­er den oberen Falz der vier zusam­men­hän­gen­den Dop­pel­seit­en, dann senkt es sich, richtet sich wieder auf und gleit­et zwis­chen die bei­den Seit­en, die nur noch längs­seits miteinan­der ver­bun­den sind … dann kom­men die „leicht­en“ Seit­en, sie sind an ihrem lan­gen Rand offen und brachen nur noch oben getren­nt wer­den. Und wieder die vier „schwieri­gen“ Seit­en … und dann vier „leichte“, und dann vier „schwierige“, und so weit­er, immer schneller, meine Hand wird müde, mein Kopf wird schw­er, er brummt, mir wird ein wenig schwindlig, … „Hör jet­zt auf, mein Liebling, das reicht, hast du wirk­lich nichts Inter­es­san­teres zu tun? Ich werde beim Lesen sel­ber auf­schnei­den, das stört mich nicht, ich mache das ganz automa­tisch …“ Es kommt jedoch nicht in Frage, dass ich aufgebe. — stop / Nathalie Sar­raute Kind­heit — aus der franzö­sis­chen Sprache über­set­zt von Eri­ka und Elmar Tophoven

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sidorno

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MELDUNG. Nahe Sider­no, beina­he zeit­gle­ich, sind Men­schen [ 22 Per­so­n­en ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts her­aus an Land gekom­men. Man ist fiebrig, aber fre­undlich wie immer. — stop

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