MELDUNG. Punta Arenas, Pantano Ecke Lautaro Navarro, 1. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 105 [ Marmor, Carrara : 8.11 Gramm ] vollendet. — stop
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delta : 1.28 — In den Abteilungen des Regenwaldes : 28° Celsius. Schwere, feuchte Luft wie ein warmes Tuch, das ich mit jedem Atemzug durch meine Lunge ziehe. Noch tropft kühles Wasser einer Regenmaschine von den Bäumen. Ein Katta badet auf einem steinernen Tisch, an dem ich Platz nehme, ohne sich von meiner Gegenwart stören zu lassen. Vielleicht habe ich nach Wochen, die ich unter seinen Bäumen sitzend zugebracht habe, einen Abdruck in seinem Gehirn hinterlassen, der in dem Moment, da ich im Palmenhaus erscheine, anstatt Gefahr, die Gestalt einer Sultanine zeigt. Scheue, hastige Blicke tiefschwarzer Augenperlen, dann wieder heftige Bewegungen des Kopfes gegen den Stein, die präzise in der Art und Weise der Lemure vorgetragen werden. — Immer wieder die Frage: Was sieht dieser kleine Affe, wenn er mich betrachtet? Was hört er, was nimmt er von mir wahr? Ein Wesen vielleicht, das weder Bäume noch Wände des gläsernen Hauses zu besteigen vermag, einen Mann, der schreibt. Bewegungen zweier Hände gegen ein Stück leuchtendes Holz, das kaum hörbar klappert. Ein Schnurren, sobald gesetzte Zeichenfolgen aus dem vorläufigen Speicher in das tiefere Gedächtnis der Maschine übertragen werden. Ein noch deutlicher hörbares Geräusch, sobald eine Information aus dem Gedächtnis der Maschine wieder verschwindet, ein Geräusch, das dem Geräusch einer Handvoll Muschelsandes ähnelt, der durch hohle Äste eines Baumes rinnt. Eine Hand, die unsichtbar wird zunächst, um kurz darauf Früchte auf den Tisch abzulegen. — Ist diese Hand, die sich über den Tisch fortbewegt, um eine Ameise zu vertreiben, die Hand des Mannes, der nicht fliegen, der nicht klettern kann, oder ist diese Hand ein Tier für sich, das Sultaninen auf dem Tisch erzeugt, sobald der Mann, der niemals fliegt, der niemals klettert, zugegen ist? – stop

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himalaya : 2.08 — Jeden Morgen, im Frühling oder im Sommer, Herbst oder Winter, erscheint Herr Bisaso gegen 4 Uhr am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Er trägt eine graue Hose, ein dunkelblaues Hemd, eine gelbe Krawatte und ein Schildchen, auf dem das Wort SECURITY zu lesen steht, außerdem ein Stäbchen von etwa 1 Meter 50 Länge, das er in der rechten oder linken Hand mit sich zu führen pflegt. Das Stäbchen scheint aus Bambusrohr gemacht, an seiner Spitze sitzt eine weiche Beere von Leder und Samt, die von Herrn Bisaso vermutlich höchstpersönlich dort angebracht worden war. Der alte Mann ist von stattlicher Erscheinung, beinahe zwei Meter groß, er wurde in Mombasa geboren, lebt aber schon lange Zeit, Jahrzehnte, in Europa. Blitzblanke, schwarze Schuhe. Auf diesen Schuhen macht er sich nun auf seinen morgendlichen Weg, der ihn über das Terminal 1 zum Terminal 2 und wieder zurückführen wird. Ich sehe ihn, wie er sich umsieht und pfeift, er scheint fröhlich zu sein, er liebt den Morgen und vielleicht auch seine Arbeit, seinen Auftrag. In dieser Weise, leise pfeifend, nähert er sich einer Bank, auf welcher ein Mann liegt, der schläft. Das Hemd des Mannes ist verrutscht, sein Bauch zu sehen, auch sind seine Schuhe zu Boden gefallen. Es riecht ein wenig bitter in der Luft. Behutsam berührt Herr Bisaso den Mann mit jenem weichen Ende seines Bambuszeigers an der Schulter, und schon fährt der Mann hoch aus einem Traum, reibt sich die Augen, fuchtelt dann mit den Händen, und beginnt laut zu schimpfen. Guten Morgen, entgegnet Herr Bisaso mit tiefer Stimme. Er steht ganz ruhig und wartet, bis der noch halbwegs, Schlafende aufgestanden ist. Jetzt ist er zufrieden. Er schlendert zur nächsten Bank, die zum Nachtlager einer jungen Frau geworden ist, auch sie scheint ein wenig bitter zu riechen und ohne Koffer zum Flughafen gekommen zu sein. Bald steht auch sie, reibt sich die Augen, betrachtet den großen Mann und sein Stäbchen, das Herr Bisaso noch nicht sehr lange Zeit mit sich führt. Folgende Nachricht wäre vor wenigen Wochen noch möglich gewesen. MELDUNG: Von 4 bis 5 Uhr wurden in den Terminals des Frankfurter Flughafens 87 Personen, die auf Sitzgelegenheiten ruhten, von Mr. Bisaso geweckt. Er musste deshalb 2 Tritte, eine Umarmung, allesamt unwillkürlich, aber nur zwei Ohrfeigen entgegennehmen. — stop
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tango : 5.12 — In der vergangenen Nacht hörte ich eine Tonaufnahme, die vor einigen Jahren während eines Spazierganges an der Isar in München aufgezeichnet wurde. Ein herbstlicher Tag. Das Rauschen des Flusses, bisweilen tosende Geräusche, wie ein weiteres Gespräch im Hintergrund. Und Hunde, und Gitarrenmusik immer wieder, und Schritte, nicht die Schritte der zwei Gehenden vor dem Mikrofon, sondern Schritte entgegenkommender Passanten. Wir unterhalten uns über Arme und Beine, Muskeln, Sehnen, Nervenstränge. Einmal beginnt es zu regnen, aufschlagende Tropfen sind auf Schirmen deutlich zu hören. Aber wir verlieren kein Wort über den Regen. Die junge Frau, die an meiner Seite wandert, spricht sehr langsam, macht lange Pausen, manchmal scheint sie nicht mir, sondern dem Wasser zuzuhören. Immer wieder erkundigt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschichte daraus machen könne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wiedergebe: Nenn mich ‚junge Frau‘ oder nenn mich ‚Studentin‘. Manchmal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platzanweiserin in einem Kino arbeite. Sie sei so müde, dass sie einmal im Präpariersaal am Tisch beinahe eingeschlafen wäre. Das Skalpell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen, da sei sie gerade noch rechtzeitig wieder ganz wach geworden. Der Job wäre aber sehr praktisch, weil sie in den Zeiten der laufenden Filme, manchmal lernen könne, sie führe ihren Taschenatlas immer in ihrer Handtasche mit sich, Notizen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schlagen würde, wo es bei den anderen Kindern üblich wäre. Sie fühlte ihr Herz immer auf der rechten Seite schlagen. Niemand habe sie ernst genommen. Nicht einmal ihr erster liebster Freund habe ihr zugehört, und auch nicht ihr zweiter Freund, der immer an der falschen Stelle sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der dritte Freund war ein Mediziner gewesen, ein Student, der habe endlich nicht nur nach ihr, sondern auch nach ihrem Herzen an der richtigen Stelle gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inversus, eine Normabweichung. In dieser Sekunde habe sie beschlossen, Ärztin zu werden. — stop

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echo : 2.55 — Am Abend besuche ich Louis in seiner Küche unter dem Dach, Duft von Zimt und warmem Brot, in einer Lampe sirrt eine Wespe herum. Auf dem Küchentisch stapeln sich Tonbandspulen, 528 kleine Kassetten, die beschriftet sind: No 24 — Café Mozart 8. Mai / Laura — Über Lungenflügel : 1 Stunde 25 Minuten. Oder: No 48 — Botanischer Garten 5. Juni / Sebastian — Herzbetrachtungen : 2 Stunden 3 Minuten. Ich sehe Louis, wie er vor dem Tisch sitzt. Er ist alt geworden. Eine Schreibmaschine ruht unweit der Spulen. Es ist eine Hewlett Packard mit einem Bildschirm, sehr große Schriftzeichen, weil Louis nicht mehr gut sieht. Ein Satz ist dort zu lesen: Die Augen gehen auf, aber niemand sieht einen an. Ich höre Stimmen, sehr helle Stimmen. Stimmen in etwa so, wie sie klingen, wenn ein Mensch spricht, der Helium atmet. Louis sagt, das komme davon, dass er seine Tonbandmaschine schneller laufen lasse, beschleunigte Zeit, aus einer Stunde des Sprechens würde eine halbe Stunde, aus einem langen Schweigen ein kürzeres Schweigen. So, sagt Louis, ist das vielleicht zu schaffen in diesem Sommer, wenn ich nicht schlafe bis Ende September. — stop
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bamako : 6.55 — Vor einem Schalter am Zentralbahnhof stand eine alte Dame mit einem Koffer, den sie hinter sich herziehen konnte. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröhlich zu warten wie ihr kleiner Koffer, auf den zweiten Blick allerdings war zu sehen, dass sie nicht nur wartete, sondern bewacht wurde von einer weiteren, sehr viel jüngeren Frau und einem Mann, der die Uniform der Bahngesellschaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Dame, die junge Frau hatte überdies die Handtasche der Bewachten an sich genommen, um sie zu durchsuchen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln weithin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Dokument zur Identifizierung aufspüren ließ, schüttelte sie den Kopf, beugte sich noch einmal herab, sprach leise zu der alten Dame hin, um sich kurz darauf an einen Schalter zu wenden. Dort saß hinter spiegelndem Glas ein Schatten, der ein Mikrofon an seinen Mund führte, kurz darauf war eine warme, melodische Stimme zu hören, die durch die Bahnhofshalle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit, vor dem Informationsschalter Gleis 24 wartet ein Personenfundstück. Bitte melden Sie sich! — Diese Geschichte ereignete sich gestern am frühen Abend, kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahnhof erreichte. Auf dem Bahnsteig warteten viele Menschen. Manche hielten Blumen in ihren Händen. Andere fotografierten. — stop

delta : 5.57 — Im Flughafenterminal 1 existiert ein Mann, den ich vor sieben oder acht Tagen bemerkte. Ich war an einer Bank vorüber gekommen, auf welcher der Mann schlafend lagerte. Bevor er eingeschlafen war, muss er seine Schuhe sorgsam nebeneinander unter das festgeschraubte Bett gestellt haben. Sein Kopf ruhte auf Armen, die in den Ärmeln eines hellblauen Hemdes steckten. Er trug keine Strümpfe. Koffer waren in seiner Nähe nicht zu sehen. An jedem Morgen seither, sah ich ihn wieder, immer in derselben Position auf derselben Bank liegend. Auch seine Schuhe waren immerzu anwesend. Gestern hatte ich den Eindruck, als würde der Mann möglicherweise gar nicht existieren, sondern wäre nur eine Idee, ein Bild, aber der Mann atmet, das ist gut zu sehen. Auch scheint er sich zu rasieren, wenn ich nicht da bin. Er muss seit seiner Ankunft mehrfach aufgewacht sein, um zu trinken oder zu essen oder ein wenig zu spazieren. Dieser Mann könnte der einzige Mensch sein, den ich seit langer Zeit kenne, ohne seine geöffneten Augen je gesehen zu haben. Er kommt vielleicht aus Bukarest, oder aus Athen, Belgrad, Sofia, das ist denkbar. — stop

MELDUNG. Automobile, folgende, wurden nach einem Kaufhausbesuch zu London in Martha B., 88, vorgefunden. Magen — Bentley Coupe 6 [ 1934 ] , Dünndarm ‑1 Crawshay-Williams 20 HP [ 1906 ], Dickdarm — Citroen C2 [ 1922 ]. Ein nachsichtiger Richter hatte die Durchsuchung des hochbetagten Bauches einerseits, sowie unmittelbare Rückführung der Fahrzeuge in das Warenhaus Harrods an der Brompton Road andererseits, dringend empfohlen. — stop

