himalaya : 2.28 — Gestern Abend machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Es war schön warm geworden, über den Opernplatz jagten ein paar Haifüssliere in Kopfhöhe unter den flanierenden Menschen dahin, eine wirklich schöne dunkelblaue Stunde. Und während ich so ging, telefonierte ich scheinbar, das heißt, ich hielt mein Mobiltelefon an mein rechtes Ohr, aber anstatt einer Stimme zuzuhören, die gar nicht aus dem Telefon herauskommen konnte, weil ich mit niemandem verbunden war, fotografierte ich wild herum, ohne freilich sehen zu können, was mir vor die Ohrlinse kam. Auf der Kaiserstraße machte ich in dieser Weise heimlich Aufnahmen von einem Hütchenspieler. Ich musste mich dazu seitwärts zum Geschehen in meiner Nähe positionieren. Jemand könnte in diesem Moment vielleicht Verdacht geschöpft haben, als ich weiterging, wurde ich beobachtet, zwei Herren, die mir nicht gefielen, begleiteten mich. Sie kamen sehr nah an mich heran. Um mich zu retten, begann ich in mein Telefon zu sprechen. Ich tat so, als ob ich irgendjemandem eine Geschichte erzählen würde. Ich berichtete von Häusern, die unter riesigen Ballonen schweben. Indessen ging ich nicht schneller voran als üblich. Zweimal blieb ich stehen, und auch die zwei Männer blieben stehen. Am Londoner Platz fiel mir zu Ballonhäusern nichts mehr ein, ich gab darum eine Weile vor, selbst einer Geschichte zuzuhören, nickte immer wieder, lachte, dann fragte ich mit fester Stimme, ob ich vielleicht die Geschichte von den Eisbüchern erzählen sollte. Da ließen, weiß der Himmel, warum, beide Herrn von mir ab. — stop

Aus der Wörtersammlung: arm
von regenschirmen
romeo : 6.48 — In der Dämmerung die Vorstellung, ich würde unter Bäumen liegen, Vögel singen, was für ein wunderschöner Morgen, es ist warm, es ist kurz vor fünf. Ich höre wie sich ein großes Tier durchs Unterholz bemüht, das könnte ein Bär sein oder ein Hirsch oder ein Bison. Häuser existieren an diesem Morgen keine, weder Briefkästen noch Fahrräder, ich ruhe auf Blättern, die ich am Abend zuvor zu einem Haufen legte. Es ist vielleicht das Jahr 8022 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Ich ahne noch nicht, dass ich bald eine Tasse Kaffee begehren werde. Ich bin glücklich, ich bin noch keinem Wolf begegnet. Aber ich habe, glaube ich, die Apparatur eines Regenschirms bereits erfunden, sie ist, wie mein Bett, von hölzernen Stäbchen und Blättern gefertigt. Vermutlich werde ich an einem weiteren Tag in demselben Leben erkennen, dass ich aus einem größeren Regenschirm ein Haus bauen könnte, heute aber, in der Morgendämmerung, gerade beginnen die Vögel zu singen, ich bin noch schläfrig, noch kein Erfindergeist. Es ist warm, es existieren weder Häuser noch Fahrräder, noch Briefkästen, noch Uhren. — stop

geister
india : 0.58 — Das tödliche Elend kommt nicht in Sekundenbruchteilen auf arme Menschen nieder, als eine Welle langsam und kontinuierlich ansteigender Preise für Zucker, Mais, für Wasser kommts daher. Wer sind diese Personen, die mit Getreide spekulieren? Könnte man nicht einen Namen finden? Ein Gesicht? Ein menschliches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befragen könnte: Warum tun Sie das? — stop

zitronengelb
charlie : 7.08 — Über meinen Großvater, den ich nie persönlich kennengelernt habe, ist mir nicht sehr viel bekannt. Er soll ein warmherziger Mensch gewesen sein, der als Beamter der Stadt München in ein kleines Bürozimmer versetzt worden war, das im Winter nicht beheizt werden konnte. Mein Großvater wollte nicht in die Partei eintreten, deshalb musste er frieren, deshalb war er oft krank gewesen. Die Familie, meine Mutter war ein Mädchen von damals fünf oder sechs Jahren, bewohnte eine kleine Wohnung in einem nördlichen Stadtteil. Sie waren dort zu fünft, die Eltern und ihre drei Töchter. In der Küche der Wohnung im zweiten Stock war Parkettfußboden verlegt, keine Selbstverständlichkeit für diese Zeit. Wenn Bomben ins Münchener Zentrum fielen, zitterte in Moosach der Boden und die Hölzer des Parketts hüpften wie Frösche herum. Vor einem Spiegel steht mein Großvater. Er rasiert sich mit zitternden Händen. Er hat Zucker und kein Insulin. Er ist immer sehr durstig und spricht vom Durchhalten wegen der Rente. Vor allem ist sein Gesicht so gelb wie eine Zitrone. Diese Vorstellung habe ich einer Erzählung meiner Mutter unlängst entnommen, die ich hörte, als wir über den Nordfriedhof gingen, um das Grab der Großmutter und des Großvaters zu besuchen. Bald wird das Grab verschwunden sein, aber die Knochen bleiben im Boden zurück. Zum Zeitpunkt unseres Besuches war alles anwesend, wie früher noch, als ich selbst, ein Kind, an Sonntagen vor das Efeugrab getreten war. Einmal stand ich dort in blauen Sandalen. Auf dem Grabstein spazierte eine Schnecke. Sie legte eine Bleistiftstrecke zurück, dann blieb sie sitzen und schlief in der warmen Herbstsonne ein. — stop

abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 507, Luftfahrt — 701, Automobile — 53], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 8, 19. Jahrhundert – 66, 20. Jahrhundert – 1001 , 21. Jahrhundert — 355 ], Trolleykoffer [ blau : 7, rot : 66, gelb : 5, schwarz : 532 ] physical memories [ bespielt — 6, gelöscht : 122 ], Armbanduhr — Audemars Piguet / Typ Royal Oak Grande : [ 1 ], Frösche [ Pärchen ] auf Treibholz [ 8 ], Öle [ 0.76 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 8, Kniegelenke – 66, Hüftkugeln – 2, Brillen – 562 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 54, Größen 38 — 45 : 88 ], Plastiksandalen [ 307 ], Kühlschränke [ 3 ], Telefone [ 65 ], Porzellanpuppenhände [ 16 ] Gasmasken [ 17 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 18 ], Pfeifenköpfe — Bruyèreholz [ 2 ], Engelszungen [ 51 ] | stop |

morgens kurz nach fünf
zoulou : 6.10 — Eine Stechmücke setzte sich in der Dämmerung nach einer langen Arbeitsnacht auf meinen Arm. Ich beobachtete, wie sie ihren Rüssel an mich legte, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich meiner Reife nicht sicher geworden sei. Kurz darauf wartete ich vor einer Kasse in einer Menschenschlange. Irgendwo in der Ferne lachte eine Kassiererin. Plötzlich bemerkte ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine Ohrfeige bekommen habe, oder alle Ohrfeigen, die ich bekommen habe, vergessen konnte. So endete meine Nacht mit zwei spannenden Geschichten, ich war zufrieden. — stop

sydney
dos passos
india : 0.28 — Der Mann im Traum könnte John Dos Passos gewesen sein. Er trug einen Kittel wie ihn Ärzte tragen. Ich kam gerade sehr vorsichtig eine steile Treppe herunter, als ich ihn entdecke. Er stand breitbeinig unter einer Lampe, die sich langsam hin und her bewegte, weil wir uns auf einem Schiff befanden. Leichter Seegang. Um die Lampe herum schwebte ein Kind. Es musste gerade erst geboren worden sein, ein Stück der Nabelschnur baumelte noch von seinem Bauch, außerdem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Mandarine, anstatt Armen und Händen verfügte es über Flügel, damit schwebte das Kind, und John Dos Passos schaute ihm zu. Er schien sich nicht zu wundern, ich hatte vielmehr den Eindruck, als würde er das Kindwesen prüfen. Eine Mutter war nicht zugegen. — stop

lilly
delta : 0.05 — Ich wollte mit einem armen Menschen sprechen, wollte erfahren, wie es ist, mittellos geworden zu sein. Ich hatte Glück, eine Bekannte, die für die Bahnhofsmission arbeitet, erwähnte eine seltsame Frau, Lilly, die sich seit Monaten auf den Bahnsteigen 22, 23 oder 24 gewöhnlicherweise aufhalten würde, sie sei sehr lieb und sehr arm und würde gerne erzählen. Ich entdeckte Lilly auf einer Bank sitzend, Bahnsteig 18, sie war zunächst eher scheu gewesen, aber dann doch bereit sich mit mir zu unterhalten. Ja, Lilly. Sie spricht schnell, wenn sie spricht, und sie schämt sich ein bisschen, vielleicht deshalb, weil sie ahnt, dass sie nicht so gut riecht, wie sie gerne riechen möchte, und ihr Haar, das hell geworden ist an der ein oder anderen Stelle, scheint feucht und klebrig geworden zu sein vom Talg. Ich fasse zusammen, was Lilly etwas durcheinander herumerzählte. Wenn eine Frau arm geworden sei, wenn eine Frau auf der Straße leben müsse, erklärte Lilly, sollte sie zunächst versuchen, solange Zeit wie möglich ihren Status der Armut zu verbergen, sie sollte so wirken, als habe sie noch Geld zur Verfügung, als sei alles in Ordnung, dann würde man sie aus den Warteräumen eines Bahnhofes beispielsweise oder eines Flughafens nicht vertreiben. Sie trage aus genau diesem Grund noch immer einen Hosenanzug, manchmal, bei gnädigem Licht, wirke sie so, als würde sie zur Arbeit gehen oder soeben von der Arbeit kommen. Meine Schuhe sind geputzt, und wenn ich sie schonen werde, sollten sie doch noch lange Zeit als Schuhe einer erfolgreichen Frau erscheinen. Ich habe gelernt, im Sitzen zu schlafen, weiß jederzeit, wo ich mich waschen könnte, auch meine Bluse, meine Strümpfe, es ist sehr anstrengend, mich selbst und meine Kleidung in allgemein zugänglichen Toilettenräumen zu säubern, immerzu bin ich erschöpft, niemand kennt mich persönlich, weiß, woher ich komme, ahnt, wer ich einmal gewesen bin. Ich esse sparsam, ich esse, was ich finde, und trinke aus öffentlichen Brunnen. Ich darf nicht rauchen, ich darf keinen Alkohol trinken, das ist ja selbstverständlich in meiner Lage! Einmal im Jahr nehme ich einen Zug und fahre im Winter nach Süden, ein weiteres Mal fahre ich im Sommer nach Norden, aber das ist nur ausgedacht. Ich lese Zeitungen, die ich da und dort entdecke. Ich spreche mit den Tauben, leise, sehr leise, damit ich nicht verrückt werde. In meinem Koffer befindet sich eine zweite Bluse, und dies und das und ein Paar Turnschuhe, ein Halstuch in roter Farbe, ein Halstuch in gelber Farbe, ein Halstuch in blauer Farbe, das grüne Tuch trage ich gerade in diesem Moment, ich habe einen schönen Hals, nicht wahr! Ja, ich darf nicht rauchen und nicht trinken und nicht verrückt werden, das ist dringend, ich muss bei mir sein, ich fürchte Schlafhäuser, ich fürchte diese schrecklichen Schlafhäuser, ich bin mir nicht sicher, ob ich noch bin. — stop

minutenbild
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himalaya : 3.12 — In einer Schublade meines Vaters entdeckte ich Bleistifte, Spitzer, Lineale, Rechenschieber, Uhren und eine Trillerpfeife. Zwei Klebstofftuben, hart wie Stein, waren nie geöffnet worden. In einer Schachtel von Metall eine Handvoll Batterien. Sie gehörten zu einem Blutdruckmessgerät, das ich selten beachtete, solange mein Vater noch lebte. Es war ein Gerät für alte Leute, scheinbar unsichtbar für die Augen eines jungen Mannes. Ich erinnere mich, beinahe hätte ich dieses Minutenbild vergessen, wie mein Vater vor seinem Schreibtisch sitzt, die Manschette des Prüfgerätes um den linken Arm gelegt. Das Geräusch einer Pumpe ist zu hören, ein Brummen. Wie mein Vater nun reglos wartet auf den Moment, da das Gerät die Umklammerung seines Armes lockern wird, ein scheuer Blick, so stelle ich mir vor, auf Leuchtziffern, deren Bedeutung er fürchtete oder über die er sich freute. Vor einigen Wochen fand ich in einem Ordner lange Zahlenreihen in Tabellen, die der alte Mann selbst angefertigt hatte. Seine akkurate Schrift, jede Zeile ein Zeugnis von Überwindung, ein Beweis, dass mein Vater sich kümmerte, dass er kein Flüchtender gewesen war. — stop



