Aus der Wörtersammlung: buch

///

schneelicht

9

del­ta : 0.14 – Von einer Rei­se him­mel­wärts geträumt. Such­te auf Bild­schirm nach Fähr­schiff­ver­bin­dun­gen Athen – San­to­ri­ni und stieß auf eine selt­sa­me Offer­te. Der Text zu einer Foto­gra­fie, die eine For­ma­ti­on wil­der Gewit­ter­wol­ken zeig­te, lau­te­te in etwa so: Tages­rei­se ins Jen­seits. Buchen Sie noch heu­te. Flü­ge ab Lon­don, Madrid, Mün­chen, auch an Sonn­ta­gen, stünd­lich. Unver­züg­lich flog ich los. Eine äußerst kur­ze Rei­se, ein Wim­pern­schlag nur und das Flug­zeug lan­de­te in einem schnee­wei­ßen Raum ohne jede Begren­zung. Ich erin­ne­re mich, dass ich eine Flug­be­glei­te­rin, die nahe der Gang­way war­te­te, frag­te, ob es an die­sem Ort jemals dun­kel wer­den wür­de, ich kön­ne im Hel­len nicht schla­fen. Sie ant­wor­te­te lächelnd: Wenn Sie hier ein­mal für immer ange­kom­men sein wer­den, müs­sen sie nie wie­der schla­fen. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Ein Buch Julio Llama­za­res’ liegt vor mir auf dem Schreib­tisch. Ich habe das Buch geöff­net, um nach einem zärt­li­chen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Sei­te 4 einer fei­nen Samm­lung erzäh­len­der Stumm­film­sze­nen zu fin­den. Er geht so: Für mei­ne Mut­ter, die schon Schnee ist. — stop
ping

///

korallenknistern

9

tan­go : 0.02 – Die Fens­ter weit geöff­net, Luft­an­geln aus­ge­wor­fen. — Gera­de eben ent­deck­te ich auf Kar­tei­kar­te No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Janu­ar 2007 im ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal mit Blei­stift buch­sta­bier­te: Einem Abschnitt des atlan­ti­schen Rückens glei­chend, tritt schritt­wei­se eine Wir­bel­säu­le aus dem zurück­wei­chen­den Mus­kel­kör­per her­vor. Wir befin­den uns in der 4. Woche. Ich weiß zu die­sem Zeit­punkt: Venen sind hohl. Man kann die Innen­wän­de der Gefä­ße gegen­ein­an­der ver­schie­ben. Hap­ti­sche Erfah­rung. Arte­ri­en­ko­ral­len. Ein Knir­schen. Knar­zen. Knis­tern. Hören, mit den Spit­zen der Fin­ger h ö r e n. 

ping

///

sprechgeräusche

9

gink­go : 2.15 – Etwas Selt­sa­mes ist gesche­hen. Bin ges­tern Abend im Gar­ten ein­ge­schla­fen, obwohl ich in einem äußerst span­nen­den Buch geblät­tert hat­te. Viel­leicht war’s die schwe­re, war­me Luft oder eine schlaf­lo­se Nacht der ver­gan­ge­nen Jah­re, die rasch noch nach­ge­holt wer­den muss­te. So oder so schlief ich eine Stun­de tief und fest im Gras und wäre ver­mut­lich bis zum frü­hen Mor­gen hin in die­ser Wei­se anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gele­gen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­deln­den Amei­se geweckt wor­den wäre. Kaum hat­te ich die Augen geöff­net, war ich schon mit einer Fra­ge beschäf­tigt, die ich erst weni­ge Stun­den zuvor ent­deckt hat­te, mit der Fra­ge näm­lich, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Eine dif­fi­zi­le Fra­ge, eine Fra­ge, auf die ich bis­her viel­leicht des­halb kei­ne Ant­wort gefun­den habe, weil ich eine Ant­wort nur im Schlaf fin­den kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fan­gen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minu­ten in Isfa­han, Iran. – stop
ping

///

zeppeline

9

alpha : 8.06 — Seit Tagen den­ke ich dar­über nach, wes­halb mich die Ansicht japa­ni­scher Fes­sel­bom­ben­bal­lo­ne irri­tiert. Ich komm nicht dahin­ter. Viel­leicht ein­mal eine Geschich­te erzäh­len, die von oder mit Bom­ben­bal­lo­nen han­delt, eine Art fabu­lie­ren­de Denk­be­we­gung, die die Sub­stanz die­ser selt­sa­men Idee in mei­nem Leben wirk­li­cher, greif­ba­rer wer­den lässt. Nicht also erfin­den, son­dern etwas Gefun­de­nes buch­sta­bie­ren, um es genau­er den­ken oder über­haupt als etwas Eige­nes spü­ren zu kön­nen. Ges­tern Abend noch erzähl­te ich in einem Gespräch von Zep­pel­in­kä­fern, wie sie durch mei­ne Woh­nung schwe­ben. Ich erzähl­te in einer Wei­se, dass ich eher sagen müss­te, dass ich von der Erschei­nung der Zep­pel­in­kä­fer in mei­nem Zim­mer berich­te­te, weil sie, im Febru­ar zunächst wort­wei­se auf Notiz­pa­pier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirk­li­chen Erschei­nung gewor­den sind. — Eine beru­hi­gen­de Beob­ach­tung. — stop
luftschiffbombe

///

südpol

9

nord­pol : 22.50 — Ges­tern, abends kurz nach Acht, wur­de mir das ers­te Eis­buch mei­nes Lebens zuge­stellt. Fol­gen­des, beglei­tend, war notiert: Das Wal­fisch­or­ches­ter. Eine Novel­le von Lou­is Kek­ko­la. 102 Sei­ten. 22.85 £. Halt­bar bei minus 5° C bis Dezem­ber 2012. Hoch­ach­tungs­voll ∼ Marks & Com­pa­ny, 84. Cha­ring Cross Road. Lon­don. / Zwei Stun­den lang, ein Tiger, vor dem Kühl­schrank auf und ab. — stop

ping

///

sandaugen blau

9

sier­ra : 10.15 — Ein Spa­zier­gang durch den Prä­pa­rier­saal bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren. Woll­te Augen betrach­ten, fixier­te Augen, und so ging ich von Tisch zu Tisch und such­te nach san­di­gen, bläu­lich schim­mern­den Bäl­len. Mein scheu­er, mein ruhi­ger, mein fast küh­ler Blick. In der ver­gan­ge­nen Nacht aber, weiß der Him­mel, war­um, ein star­ker Ein­druck von Unheim­lich­keit, indem ich Ansich­ten weck­te und buch­sta­bier­te gegen 2. Ich stand vor dem Schreib­tisch auf, öff­ne­te die Fens­ter, ließ war­ten­de Flie­gen und Fal­ter her­ein, hör­te Char­lie Par­ker bis in die Mor­gen­däm­me­rung und dach­te wei­ter nach über das Rüs­sel­prin­zip der Tief­see­ele­fan­ten. Die Fra­ge stellt sich seit Tagen drin­gend, wie sie Luft von der Mee­res­ober­flä­che zu sich in die Tie­fe holen. — Kön­nen Tief­see­ele­fan­ten sehen? — stop

///

tiefseeelefanten

14

echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : MONTAUK

Lie­ber Mr. Kek­ko­la, haben Sie vie­len Dank für die fei­ne Foto­gra­fie, die Sie mir ges­tern Abend über­mit­tel­ten. Wie ich mich herz­lich freue, dass Sie sich an mich erin­ner­ten, an die Geschich­te uralter Ele­fan­ten­wan­der­we­ge, die den Grund des Kari­ba­sees durch­kreu­zen. Und doch glau­be ich, ist der See, an den ich vor lan­ger Zeit ein­mal dach­te, viel zu tief und viel zu breit, als dass Ele­fan­ten ihn pas­sie­ren könn­ten, ohne Scha­den zu neh­men. Nun, wir wer­den sehen. Ich bin beru­higt, weil Sie mir schrei­ben, dass ich Ihren Namen als Pseud­onym wei­ter­hin ver­wen­den darf, auch für unheim­li­che Geschich­ten, wie die Geschich­te mei­ner spe­zi­el­len Käfer­we­sen von Men­schen­haut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuch­te Ihre Gegend mit der Goog­le — Earth­ma­schi­ne, habe ihr Haus beob­ach­tet und am Strand den Schat­ten einer mensch­li­chen Gestalt. Denk­bar, dass Sie das gewe­sen sind, so klein, so win­zig. Habe ich Ihnen berich­tet, dass ich ein Wunsch­buch für Träu­me füh­re seit eini­gen Tagen? Ich könn­te, nein, ich soll­te für die kom­men­de Nacht notie­ren: Schla­fen gegen zwei! Erzähl dir Ele­fan­ten­her­den, die den Atlan­tik durch­que­ren. Schwe­bend unter Rüs­seln von fan­tas­ti­scher Län­ge, leicht, wie Men­schen auf dem Mond, spa­zie­ren sie schnor­chelnd über schnee­wei­ßen Tief­see­sand. Herz­lich grüßt Sie Ihr Lou­is. Ahoi!


gesen­det am
12.07.2009
22.58 MEZ
1425 zeichen

lou­is to jonathan
noe kekkola »

ping

///

absent

9

romeo : 3.15 — Küh­le Luft, leich­ter Regen, herbst­li­che Stim­mung. Wie immer, wenn ich zer­streut bin, in einem Aben­teu­er­buch gele­sen. Fol­gen­de Stel­le in H.G. Wells’ Roman Die Insel des Dr. Moreau: Mein Onkel ver­schwand auf etwa 5° süd­li­cher Brei­te und 105° west­li­cher Län­ge aus den Augen der Men­schen, und er erschien nach elf Mona­ten in der­sel­ben Gegend des Oze­ans wie­der. Wäh­rend der Zwi­schen­zeit muss er auf irgend­ei­ne Wei­se gelebt haben. In dem Moment, als ich die­se Zei­len pas­sier­te, wie aus hei­te­rem Him­mel ein merk­wür­di­ges Gefühl der Unwirk­lich­keit, als ob ich die­se Nacht, das Buch, den Stuhl, auf dem ich saß, nur träum­te, auch mich selbst träum­te, wie ich las, die Bil­der Men­schen jagen­der Motor­rad­fah­rer und die Nach­richt im Kopf, ein Rat mäch­ti­ger, reli­giö­ser Wäch­ter habe ges­tern noch, am Ende einer ande­ren Nacht, bestä­tigt, im Iran sei­en drei Mil­lio­nen Stimm­zet­tel nicht exis­tie­ren­der Wäh­ler zu ver­zeich­nen. — Wohin ist die­se Nach­richt geflo­hen? — Wann wird sie wie­der zu uns kom­men? — Wo hält sie sich auf in den Zei­ten der Abwe­sen­heit? — Wie vie­le Men­schen sind in den ver­gan­ge­nen Stun­den küh­len Regens spur­los aus ihren Häu­sern oder aus Hos­pi­tä­lern der Stadt Tehe­ran ver­schwun­den? — stop

ping

///

taube

9

nord­pol : 0.08 — Kürz­lich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Tau­be, geräusch­los war sie auf mei­ner lin­ken Schul­ter gelan­det. Ich erkun­dig­te mich, wes­halb sie und alle ihre Tau­ben­freun­de so tief, so dicht über den Boden flie­gen wür­den an die­sem schö­nen Som­mer­tag. Die Tau­be ant­wor­te­te: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wis­sen wir alles. Heu­te viel Son­ne von unten. Sie späh­te dann in das Buch, das ich mir zu lesen vor­ge­nom­men hat­te. Und weil sie sehr viel schnel­ler las als ich, zerr­te sie unge­dul­dig an mei­nem Ohr­läpp­chen, sobald sie war­ten wuss­te, bis ich end­lich wei­ter­blät­ter­te. – Ana­to­mi­sche Arbeits­wör­ter des Abends : Lobus Tem­po­ra­lis : Man­del­kern : Hip­po­cam­pus : Tha­la­mus. — stop

ping



ping

ping