Aus der Wörtersammlung: buch

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sandaugen blau

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sier­ra : 10.15 — Ein Spa­zier­gang durch den Prä­pa­rier­saal bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren. Woll­te Augen betrach­ten, fixier­te Augen, und so ging ich von Tisch zu Tisch und such­te nach san­di­gen, bläu­lich schim­mern­den Bäl­len. Mein scheu­er, mein ruhi­ger, mein fast küh­ler Blick. In der ver­gan­ge­nen Nacht aber, weiß der Him­mel, war­um, ein star­ker Ein­druck von Unheim­lich­keit, indem ich Ansich­ten weck­te und buch­sta­bier­te gegen 2. Ich stand vor dem Schreib­tisch auf, öff­ne­te die Fens­ter, ließ war­ten­de Flie­gen und Fal­ter her­ein, hör­te Char­lie Par­ker bis in die Mor­gen­däm­me­rung und dach­te wei­ter nach über das Rüs­sel­prin­zip der Tief­see­ele­fan­ten. Die Fra­ge stellt sich seit Tagen drin­gend, wie sie Luft von der Mee­res­ober­flä­che zu sich in die Tie­fe holen. — Kön­nen Tief­see­ele­fan­ten sehen? — stop

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tiefseeelefanten

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : MONTAUK

Lie­ber Mr. Kek­ko­la, haben Sie vie­len Dank für die fei­ne Foto­gra­fie, die Sie mir ges­tern Abend über­mit­tel­ten. Wie ich mich herz­lich freue, dass Sie sich an mich erin­ner­ten, an die Geschich­te uralter Ele­fan­ten­wan­der­we­ge, die den Grund des Kari­ba­sees durch­kreu­zen. Und doch glau­be ich, ist der See, an den ich vor lan­ger Zeit ein­mal dach­te, viel zu tief und viel zu breit, als dass Ele­fan­ten ihn pas­sie­ren könn­ten, ohne Scha­den zu neh­men. Nun, wir wer­den sehen. Ich bin beru­higt, weil Sie mir schrei­ben, dass ich Ihren Namen als Pseud­onym wei­ter­hin ver­wen­den darf, auch für unheim­li­che Geschich­ten, wie die Geschich­te mei­ner spe­zi­el­len Käfer­we­sen von Men­schen­haut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuch­te Ihre Gegend mit der Goog­le — Earth­ma­schi­ne, habe ihr Haus beob­ach­tet und am Strand den Schat­ten einer mensch­li­chen Gestalt. Denk­bar, dass Sie das gewe­sen sind, so klein, so win­zig. Habe ich Ihnen berich­tet, dass ich ein Wunsch­buch für Träu­me füh­re seit eini­gen Tagen? Ich könn­te, nein, ich soll­te für die kom­men­de Nacht notie­ren: Schla­fen gegen zwei! Erzähl dir Ele­fan­ten­her­den, die den Atlan­tik durch­que­ren. Schwe­bend unter Rüs­seln von fan­tas­ti­scher Län­ge, leicht, wie Men­schen auf dem Mond, spa­zie­ren sie schnor­chelnd über schnee­wei­ßen Tief­see­sand. Herz­lich grüßt Sie Ihr Lou­is. Ahoi!


gesen­det am
12.07.2009
22.58 MEZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

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absent

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romeo : 3.15 — Küh­le Luft, leich­ter Regen, herbst­li­che Stim­mung. Wie immer, wenn ich zer­streut bin, in einem Aben­teu­er­buch gele­sen. Fol­gen­de Stel­le in H.G. Wells’ Roman Die Insel des Dr. Moreau: Mein Onkel ver­schwand auf etwa 5° süd­li­cher Brei­te und 105° west­li­cher Län­ge aus den Augen der Men­schen, und er erschien nach elf Mona­ten in der­sel­ben Gegend des Oze­ans wie­der. Wäh­rend der Zwi­schen­zeit muss er auf irgend­ei­ne Wei­se gelebt haben. In dem Moment, als ich die­se Zei­len pas­sier­te, wie aus hei­te­rem Him­mel ein merk­wür­di­ges Gefühl der Unwirk­lich­keit, als ob ich die­se Nacht, das Buch, den Stuhl, auf dem ich saß, nur träum­te, auch mich selbst träum­te, wie ich las, die Bil­der Men­schen jagen­der Motor­rad­fah­rer und die Nach­richt im Kopf, ein Rat mäch­ti­ger, reli­giö­ser Wäch­ter habe ges­tern noch, am Ende einer ande­ren Nacht, bestä­tigt, im Iran sei­en drei Mil­lio­nen Stimm­zet­tel nicht exis­tie­ren­der Wäh­ler zu ver­zeich­nen. — Wohin ist die­se Nach­richt geflo­hen? — Wann wird sie wie­der zu uns kom­men? — Wo hält sie sich auf in den Zei­ten der Abwe­sen­heit? — Wie vie­le Men­schen sind in den ver­gan­ge­nen Stun­den küh­len Regens spur­los aus ihren Häu­sern oder aus Hos­pi­tä­lern der Stadt Tehe­ran ver­schwun­den? — stop

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taube

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nord­pol : 0.08 — Kürz­lich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Tau­be, geräusch­los war sie auf mei­ner lin­ken Schul­ter gelan­det. Ich erkun­dig­te mich, wes­halb sie und alle ihre Tau­ben­freun­de so tief, so dicht über den Boden flie­gen wür­den an die­sem schö­nen Som­mer­tag. Die Tau­be ant­wor­te­te: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wis­sen wir alles. Heu­te viel Son­ne von unten. Sie späh­te dann in das Buch, das ich mir zu lesen vor­ge­nom­men hat­te. Und weil sie sehr viel schnel­ler las als ich, zerr­te sie unge­dul­dig an mei­nem Ohr­läpp­chen, sobald sie war­ten wuss­te, bis ich end­lich wei­ter­blät­ter­te. – Ana­to­mi­sche Arbeits­wör­ter des Abends : Lobus Tem­po­ra­lis : Man­del­kern : Hip­po­cam­pus : Tha­la­mus. — stop

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china / mexiko

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tan­go : 0.00 — Ein Bild­schirm­saal, groß wie eine Turn­hal­le. Vor dem Moni­tor No 561 sitzt ein Mann und tippt mit sei­nem rech­ten Zei­ge­fin­ger Pas­sa­gen aus Italo Calvino’s Bänd­chen Herr Palo­mar in eine E‑Mailbox: In die­sem Spät­herbst gibt es in Rom etwas Unge­wöhn­li­ches zu sehen, näm­lich den Him­mel vol­ler Vögel. Zei­chen um Zei­chen arbei­tet sich der Mann vor­wärts. Zunächst wirft er einen Blick auf das mit lin­ker Hand gebän­dig­te Buch, dann einen Blick vor­wärts ins Licht, dar­auf folgt ein wei­te­res elek­tri­sches Zei­chen, ein fei­nes, viel­leicht von einer Feder wie­der­ge­ge­be­nes Geräusch unter dem Rau­schen tau­sen­der Federn, tau­sen­der Fin­ger­werk­zeu­ge, die Text erzeu­gen, Text ver­sen­den, flüch­ti­ges wie Rauch. — Ein­mal dort für eine Minu­te die Zeit anhal­ten. Lesen, was geschrie­ben wur­de, lesen, was auf den Bild­schir­men gera­de noch sicht­bar ist. Viel­leicht auch die Nach­richt, dass der ehe­ma­li­ge  Vor­sit­zen­de des chi­ne­si­schen P. E. N., LIU XIABO, Mit­un­ter­zeich­ner der Char­ter 2008, im Dezem­ber 2008 bereits ver­haf­tet, noch immer ver­schwun­den ist. Oder eine kur­ze Geschich­te, die von der Jour­na­lis­tin LYDIA CACHO RIBEIRO erzählt, deren Leben akut bedroht wird, weil sie in Mexi­ko gegen Han­del mit Frau­en kämpft. — stop

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hilde domin

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romeo : 22.02 — Atem­los eine Kame­raluft­rei­se der jun­gen Fil­me­ma­che­rin Anna Dit­ges beob­ach­tet. Zwei Jah­re lang film­te sie ihre Begeg­nun­gen mit Hil­de Domin. Als ich mei­ne Fern­seh­ma­schi­ne aus­schal­te­te, war ich voll Glück und Freu­de, und ich dach­te, dass ich mich ver­mut­lich ver­liebt habe, in den Film, in die jun­ge Fil­me­ma­che­rin, oder nein, ich glau­be, ich habe mich in Hil­de Domin ver­liebt. Und wie ich die­se Zei­len gera­de schrei­be, den­ke ich, dass Hil­de Domin, soll­te sie mir über die Schul­ter sehen, viel­leicht sagen wür­de: Aber das geht doch nicht, das ist unhöf­lich, so nah her­an­zu­kom­men. – Ich saß im Park am Nach­mit­tag, folg­te einer Spin­ne, die auf Buch­sei­ten turn­te und las in Hil­de Dom­ins Gedich­ten: Wer es könn­te / die Welt / hoch­wer­fen / dass der Wind / hin­durch­fährt. Ihre von der Zeit gezeich­ne­te Hand, die im Film genau die­se Zei­len mit einem Blei­stift auf ein Blatt notier­te. Wie sie sagt zur jun­gen Frau hin­ter der Kame­ra: Wir sehen uns ger­ne an, weil wir uns mögen. — stop

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licht

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india : 10.02 — Da war ein Buch vor lan­ger Zeit, ein Buch, das Tho­mas Alva Edi­sons Leben erzähl­te. In die­sem Buch, ich seh das noch genau vor mir, wur­de das elek­tri­sche Licht erfun­den. Zunächst mach­te man einen glä­ser­nen Behäl­ter, der glüh­te und flüs­sig war und heiß, denn die Män­ner, die an ihm arbei­te­ten, tru­gen kräf­ti­ge Hand­schu­he, auch ihre Gesich­ter waren mit Tüchern ver­bun­den. Man konn­te das Glas, so flüs­sig war es unter dem Feu­er gewor­den, wie hei­ße Scho­ko­la­de von einer Tas­se in eine ande­re gie­ßen. Ich habe die­se Zeich­nung als Jun­ge stun­den­lang betrach­tet und erzählt, was dort für mich zu sehen war. Seit­her ist alles Licht, vor allem dann, wenn es warm, gold­far­ben, ja, wenn es sicht­bar ist, flüs­sig und von Schokolade.

teilchen5

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salto

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tan­go : 20.01 — Kein Lebe­we­sen, das nicht über eine Spra­che ver­füg­te. Aber doch Lebe­we­sen, deren Spra­che ich zunächst ent­de­cken oder erfin­den muss. — Eine Spring­spin­ne, die mei­nen Schreib­tisch bewohnt. Wie sie zwi­schen Blei­stif­ten tollt, wie sie inne­hält und mich minu­ten­lang zu beob­ach­ten scheint. Viel­leicht schläft sie oder sonnt sich in der Wär­me mei­ner Lam­pe. Wie sie sich duckt, wenn ich mich nähe­re, aber nicht flüch­tet. Vor weni­gen Minu­ten, wäh­rend ich las, hüpf­te sie von Ost nach West über das Buch hin­weg. Eine Vor­stel­lung viel­leicht, um mei­ne Auf­merk­sam­keit zu gewin­nen. — stop

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iriden

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sier­ra : 22.00 — Eine Frau betrat an der Sta­ti­on Charles Michels den Metro­wa­gon, setz­te sich und begann in einem Buch japa­ni­scher Zei­chen zu lesen. Ich beob­ach­te­te ihre Augen, wie sie von der obe­ren Kan­te des Buches senk­recht nach unten wan­der­ten, wie sie sofort wie­der nach oben hüpf­ten und ein wenig zur Sei­te, um dann erneut nach unten zu glei­ten. — Eine ver­ti­ka­le Welt. — Als sie mich aber mus­ter­te, mich oder mei­nen Blick, eine hori­zon­ta­le Bewe­gung: Auge um Auge, von dem einen zum ande­ren und wie­der zurück. — Ein selt­sa­mer Moment. — Der Ein­druck, dass die Frau mei­ne Augen betrach­te­te, als wären sie Schrift­zei­chen, dass sie sich zunächst für die eine, dann für die ande­re Iris inter­es­sier­te. Dar­auf­hin die Ein­sicht, dass ich, wenn ich ein Auge, sagen wir, das lin­ke Auge eines Men­schen für sich betrach­te, den Men­schen hin­ter dem Auge weder sehen noch erken­nen kann. — stop

loop



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