olimambo : 5.52 — Ich beobachtete, wie ich die Augen schloss, obwohl ich eigentlich die Ohren schließen wollte. — stop
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Aus der Wörtersammlung: einmal
radionuklidbatterie
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~ : louis
to : mr. eliot
subject : RADIONUKLIDBATTERIE
Lieber Eliot! Guten Morgen! Wie geht’s, wie steht’s? Ich fragte mich, ob Du die Hitze, — auch bei Dir drüben soll es sehr heiß sein -, gut vertragen kannst? Ich sorge mich ein wenig, vermutlich ohne Grund! Mir jedenfalls bekommt die Hitze nicht sehr gut. Auch Vaters alter Uhr nicht. Ich trage sie, seit er gestorben ist vor vier Jahren. Jetzt ist sie stehengeblieben, vermutlich weil ihre Batterien in der warmen Luft müde geworden sind. Für ein paar Stunden habe ich mir ausgemalt, dass die Zeit meines Vaters nun endgültig endete. Das ist schmerzvoll, ich würde ihm gern noch einmal erzählen von meinen Wünschen, von einem Vogel beispielsweise, der mein Leben verzeichnet, der mich begleitet, Gespräche, die ich täglich mit Menschen führe oder heimliche Gespräche mit mir selbst. Auch würde vom Vogel aufgenommen, was ich gesehen habe während ich reiste, einen Kentauren im Gebirge, Regentropfen am Strand von Coney Island, eine schlafende Hand, die zeichnete. Manchmal ist es angenehm, sich wünschen zu können, was nicht möglich zu sein scheint, eine große Freiheit der Spekulation. Aber in den vergangenen Tagen wurde mir bewusst, dass die Verwirklichung eines mich begleitenden Vogelwesens nicht länger utopisch sein muss. Ich kann mir eine fliegende Maschine ohne weitere Anstrengung vorstellen, ein künstliches Luftwesen, vier Propeller, angetrieben von einer leichten Radionuklidbatterie, die sich tatsächlich für Jahrzehnte an meiner Seite in der Luft aufhalten könnte, ein beinahe lautloses Wesen in der Gestalt eines Kolibris, eines Taubenschwänzchens oder einer Biene, davon erzählte ich schon. Ich weiß nicht warum das so ist, ich habe den Eindruck, wenn ich Vaters Uhr bald wieder in Gang setzen werde, wird sie meine Uhr geworden sein, das ist vielleicht ein wenig verrückt, oder auch nicht. Gestern habe ich eine Geschichte von 18 Seiten Länge auf ein Tonband gesprochen und derart beschleunigt, dass meine Stimme zu einem Geräusch von 10 Sekunden Dauer wurde, eine Art Hochgeschwindigkeitshörspiel, das ich selbst nicht hören konnte, weil ich sehr hohe Geräusche seit langer Zeit nicht mehr wahrnehme. Ich sende Dir die Datei anbei. Würdest Du bitte prüfen, ob Du selbst sie vielleicht noch hören kannst, oder irgendjemand sonst? Melde Dich bald! Dein Louis
gesendet am
10.09.2016
22.56 UTC
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nachtbild
charlie : 2.02 — Noch dunkel, aber doch soviel Licht, dass ich eine Hand entdecke, die sich genauso bewegt, als würde sie malen. Der Mensch, zu dem diese malende Hand gehört, schläft, vermutlich ereignen sich im Augenblick meiner Beobachtung Träume, die die Hand bewegen. Ich versuche in der Beobachtung herauszufinden, das heißt, vorzustellen, was diese Hand gerade malen oder zeichnen könnte. Darüber schlafe ich ein. Als Morgen geworden ist, sage ich fröhlich: Du hast heute Nacht vielleicht im Schlaf gemalt! Kannst Du Dich erinnern, an welchem Bild Du gearbeitet haben könntest? — Es ist die Zeit der Hummerernte. Erste kalte Winde fließen über die großen Seen südostwärts. Ecke Willow St. passiert ein Leguan die Cranberry St., ein Polizist, der sich freut, regelt den Verkehr. Plötzlich eine Frage wie eine brennende Lunte, eine Frage, die ich in einer fremden Sprache vorsichtig notiere, ob sich Hummertiere an menschlichen Körpern vergreifen? Beunruhigend, wie damals, Ende des vergangenen Jahrhunderts, die Frage nach den Vorlieben der Viktoriaseebarsche? — stop
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kein wort unterstrichen
ulysses : 0.25 — Konstantin erzählte von einer Bibliothek unberührter Bücher, die sich in seiner Wohnung befinden soll. Als ich ihn fragte, was er unter unberührten Büchern verstehen würde, erklärt er, das seien Bücher, die er besitze, aber nie geöffnet habe, nie in ihnen geblättert, keine Notiz wurde auf irgendeiner der Seiten der Bücher hinterlassen, kein Wort unterstrichen. Seltsamerweise habe er jedes dieser Bücher gelesen, ihre digitalen Schatten. Er lese ausschließlich Bücher in elektronischer Bearbeitung, er sehe nicht mehr gut, er könne die Zeichen elektronischer Bücher in seiner Lesemaschine vergrößern, so wie es für seine Augen angenehm sei. Einmal habe er bemerkt, dass er Bücher, die ihn begeisterten, unbedingt besitzen müsse, ihre Ausgabe auf Papier sichtbar in einem Bücherregal. Einmal habe er einen elektronischen Text selbst ausgedruckt und zu einem Buchkörper geformt, weil er eine papierene Ausgabe des Buches zum Kauf nicht finden konnte. — stop
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vom suchwörterschatten
echo : 0.55 — Ein faszinierender Suchwörterschatten, der Particles in den vergangenen Monaten berührte: Tattermandl . Herzohren . Papierhaut . Schneckengeschichten . Wasserwohnungen . künstlicher Babybauch zum Selbermachen . Andreas Einfinger . Brustmilchgang . Kalkutta . Mann ohne Mund . Stöpselkopfameise. Aber auch Versuchum Versuch, das Wort Particles zu formulieren: particlees . particeles . particals . xparticles . partticles. – Habe ich je über Coco Chanels Wintermütze notiert? – stop

zwei wartende männer
nordpol : 3.18 — Als wir auf einen Zug warteten, erzählte ich Piotr von einer schlafenden Frau, die ich einmal in einem Flugzeug beobachtet hatte. Sie kaute, ohne eine Pause einzulegen, einen Kaugummi. Ich sagte, ich sei mir nicht sicher gewesen, ob die Frau tatsächlich schlief oder sich nur vorstellte, sie würde schlafen. Unverzüglich wollte auch Piotr eine Geschichte erzählen. Als er noch in Polen lebte, sei er einmal von Krakau nach Moskau gereist. Kurz nach seiner Ankunft habe er eine Postkarte, die er noch im Bahnhof erworben hatte, mit einem Gruß versehen und an seine Geliebte geschickt, die natürlich in Krakau lebte. Dann sei er mit dem nächstbesten Zug wieder nach Hause gefahren. Piotr war damals ein junger Mann. Er war in seinem langen Leben nur einmal in Moskau gewesen, die Postkarte sei in Krakau nie angekommen. — stop
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nahe lemmon creek park
charlie : 2.58 — Seit einer halben Stunde suche ich nach einem Namen für einen Mann, den ich einmal vor längerer Zeit beobachtet habe auf Staten Island an einem Strand im Winter. Ich dachte, verdammt, hätte ich ihn doch nur nach seinem Namen gefragt, ich fürchtete damals, ihn zu stören, fürchtete, dass er sofort in den wilden Wäldern nahe dem Lemmon Creek Park verschwinden würde. So still wie damals am Strand, sitze ich nachdenklich und rufe mir die Gestalt des Mannes in Erinnerung, eine schattenlose Figur, die auf einem verwitterten Baumstamm hockt. Du heißt vielleicht Laurentius, denke ich, oder Henry, nein, nicht Henry, Laurentius wird ein guter Name sein. Der Strand ist nass vom Regen und vom Nebel, der tief über dem Meer hängt. Wenn man herausschaut, weg vom Land, sieht man Schiffe, aber nur ihre Bäuche, nicht Brücken, Container, winkende Passagiere. Ich glaube, auch Laurentius beobachtet in diesem Moment seines Lebens Schiffe und Nebel, manchmal schreibt er ein paar Sätze auf ein Notizblatt, reißt das Papier aus seinem Block, fasst in seine rechte oder linke Hosentasche, holt ein Fläschchen hervor, wickelt das Notizblatt um einen Bleistift, führt das in dieser Weise geformte Notizpapierstäbchen in den Hals des Fläschchens ein, verschließt den Behälter mit einem Korken, steht auf und schleudert ihn aufs Meer hinaus. Dann setzt er sich wieder auf den verwitterten Baumstamm, beobachtet die Schiffe, die west- und ostwärts der Küste folgen, um nach einigen Minuten eine weitere Notiz zu fertigen. Einmal kehrt eines der Fläschchen zurück, es ist möglicherweise von der Bugwelle eines größeren Schiffes aus der Strömung getragen worden. Als Laurentius das Fläschchen bemerkt, steht er auf, holt das Fläschchen aus der Brandung, dreht den Korken vom Flaschenhals und schüttelt das Fläschchen so lange, bis das Notizzettelröllchen auf seine Handfläche rutscht. Dann wirft er die leere Flasche wieder weit hinaus aufs Wasser, wo es für einen kurzen Moment verschwindet. — stop

morgens
olimambo : 0.15 — Einmal sitze ich in einer Straßenbahn. Plötzlich fällt ein Gedanke vom Himmel. Ich könnte, dachte ich, Gespräche inszenieren, Sätze wie Lebewesen für sich, Sätze, die vor den Menschen gewesen sind. Notwendige oder natürliche Sätze. — Ich notierte diesen Text vor ein oder zwei Jahren. Er berührt mich, aber ich kann nicht erinnern, was ich unter Sätzen, die vor den Menschen gewesen sind, verstanden haben könnte. — stop
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wegen unsichtbarkeit
lima : 0.08 — Die kleine M. erzählte, sie habe mit ihrer Mutter fünf Jahre im fünfzehnten Stock eines Mietshauses auf Roosevelt Island gelebt. Dort hatten sie zwei Nachbarn, eine Familie links, puerto-ricanischer Herkunft, Mutter, Vater, drei Kinder, – sowie eine vermutlich alleinstehende Frau in der Wohnung rechts. Während M. und ihre Mutter sehr herzlichen Kontakt zu den Menschen auf der linken Seite ihrer Wohnung pflegten, man feierte sogar gemeinsame Feste, grüßte von Balkon zu Balkon, waren sie jener Frau, deren Stimme häufig schrill durch die Wand zu ihnen in die Wohnung drang, in all den Jahren räumlicher Nähe nie persönlich begegnet. Auch auf dem Balkon, berichtete M., hätten sie die Person, die zu der schrillen Stimme gehörte, nie gesehen, nur das Licht, das von der Wohnung her kam, Licht auch, das unter der Tür hindurch auf den Flur leuchtete, ein schmaler Streifen, fade. Das Schildchen, das neben der Tür zur Wohnung angebracht worden war, behauptete hinter der Tür lebe Lucilla Miller, ein Briefkasten, der zur Wohnung gehörte, existierte vor dem Haus, der Briefkasten wurde von irgendjemandem regelmäßig geleert. Manchmal nachts war aus der Wohnung Streit zu hören, Mrs. Millers keifende Stimme, dann wieder Flüstern, von Zeit zu Zeit auch Geräusche, die möglicherweise aus einem Fernsehgerät kamen, Schritte weiterhin, ferne Schritte. Mrs. Miller telefonierte häufig und jeweils lange Zeit, während dieser Gespräche schien Mrs. Miller herumzulaufen, zwei oder dreimal hatten ihre Nachbarn den Verdacht, sie sei vielleicht verreist, einmal wollte man das Jaulen einer Katze vernommen haben. Eigentlich war alles in Ordnung, eigentlich gab es keinen Grund zur Beunruhigung, wenn man doch Mrs. Lucilla Miller wenigstes einmal gesehen hätte, einen Schatten, oder eine Hand, die hinter den vergitterten Fenstern einer Aufzugstüre winkte. Darum, wohl hauptsächlich, wegen Unsichtbarkeit, wurde an einem eisigen Wintertag jene geheimnisvolle Wohnung von zwei Feuerwehrmännern geöffnet. Die Wohnung war, von zwei Lautsprechern abgesehen, auf welchen eine schäbige Lampe thronte, vollständig leer. Die kleine M. sagte, während sie an ihrem großen Zeh drehte wie an einem Radioknopf, dass sie sich sehr gewundert habe. Auch alle anderen haben sich gewundert, wie natürlich auch ich, der diese Geschichte aufgeschrieben hat. — stop
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wildlaborbiene
alpha : 10.58 — Nehmen wir einmal an, eine Untersuchungsmaschine von der Größe einer Wildbiene existierte, ein wanderndes Labor, welches sich aus eigener Kraft innerhalb oder über Körper olympischer Athleten bewegen würde, wäre das nicht eine beruhigende, ja begeisternde Vorstellung, da eine feine Bohrung in Muskeltiefe, dort eine Messung elektrischer Salzwasserströme, stündlich eine Blutprobe, die im Sondenkörper sogleich ausgewertet sein würde, jede erdenkliche Substanz, die unnatürlicher Leistungssteigerung diente, würde unverzüglich entdeckt und per Funksignal gemeldet sein. — stop



