Aus der Wörtersammlung: elle

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zeppeline

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alpha : 8.06 — Seit Tagen den­ke ich dar­über nach, wes­halb mich die Ansicht japa­ni­scher Fes­sel­bom­ben­bal­lo­ne irri­tiert. Ich komm nicht dahin­ter. Viel­leicht ein­mal eine Geschich­te erzäh­len, die von oder mit Bom­ben­bal­lo­nen han­delt, eine Art fabu­lie­ren­de Denk­be­we­gung, die die Sub­stanz die­ser selt­sa­men Idee in mei­nem Leben wirk­li­cher, greif­ba­rer wer­den lässt. Nicht also erfin­den, son­dern etwas Gefun­de­nes buch­sta­bie­ren, um es genau­er den­ken oder über­haupt als etwas Eige­nes spü­ren zu kön­nen. Ges­tern Abend noch erzähl­te ich in einem Gespräch von Zep­pel­in­kä­fern, wie sie durch mei­ne Woh­nung schwe­ben. Ich erzähl­te in einer Wei­se, dass ich eher sagen müss­te, dass ich von der Erschei­nung der Zep­pel­in­kä­fer in mei­nem Zim­mer berich­te­te, weil sie, im Febru­ar zunächst wort­wei­se auf Notiz­pa­pier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirk­li­chen Erschei­nung gewor­den sind. — Eine beru­hi­gen­de Beob­ach­tung. — stop
luftschiffbombe

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erfindung

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del­ta : 17.10 – Schirm­chen von Haut, die sich in damp­fen­den Näch­ten lin­dernd über lesen­de Augen ent­fal­ten. Trans­pa­rent. Und kühl. Nach Art der Schnee­pa­pie­re. Iris­la­mel­len. — stop.
ping

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ohrwesen

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romeo : 0.08 – Kurz nach Mit­ter­nacht. Leich­ter Regen, aber nur als Vor­stel­lung, als Übung, als Suche in den Maga­zi­nen mei­nes Gehörs. Plötz­lich erin­ner­te ich mich, ein­mal heim­lich ein Ohr aus nächs­ter Nähe beob­ach­tet zu haben, ein Wun­der der Schöp­fung. Ich betrach­te­te die­ses Ohr so lie­be­voll und so lan­ge Zeit, dass ich bald etwas ganz ande­res in ihm sehen woll­te, als eine hal­be Stun­de noch zuvor, ein Wesen näm­lich ganz für sich. Der Gedan­ke, ich könn­te jeder­zeit ein schla­fen­des Ohr mit mei­nem Blick berüh­ren, ohne dass es davon wach wer­den wür­de, fas­zi­niert mich außer­or­dent­lich. Wenn ich aber sagen wür­de, lei­se, lei­se: Du bist wun­der­schön, dann wür­de das Ohr mich viel­leicht anse­hen, ein noch halb­wegs träu­men­des Auge von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
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tauchgang wiegend

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nord­pol : 0.02 — Tief­see­ele­fan­ten wirk­lich zu begeg­nen, heißt, gegen den Grund zu rei­sen, dort­hin, wo Herz und Gehirn, Ohren und Augen auf kräf­ti­gen Bei­nen über den Mee­res­bo­den wan­dern. Viel­leicht ist man gera­de in einem Boot auf dem Weg, ein paar Fische zu fan­gen. Man ver­nimmt ein Schnau­ben zunächst, eine Begrü­ßung, eine Fra­ge, aber schon mit dem fol­gen­den Gedan­ken, wird man sich, von einem Rüs­sel zärt­lich in die Wie­ge genom­men, im Was­ser wie­der fin­den. Dann geht’s abwärts. Eine Fahrt in die Tie­fe, wie kei­ne ande­re je zuvor. Ein­hun­dert Meter Blau, jetzt schlie­ßen sich die Augen. Man träumt von Rüs­sel­wäl­dern, von Schwär­men glim­men­der Fische, von der Küh­le, vom Eis, von feu­ri­gen Augen, für die man kei­ne Wor­te fin­den kann, so selt­sam ihr Aus­druck, so gedul­dig, so wei­se, und so son­der­bar die Geräu­sche der eige­nen Kno­chen, ein Mal­men, in dem man klei­ner wird und klei­ner. — Woher ich das alles weiß? Nun, ich bin in der ver­gan­ge­nen Nacht gegen Zwei, Ben­ny Good­man im Ohr, ins Was­ser gefal­len. — Ein Knis­tern, noch heu­te. — stop
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abendsegeln

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echo : 0.01 — Der Ver­such, im Gar­ten die Däm­me­rung des Abends mit mei­nen Augen, also mit mei­nem Gehirn zu begrei­fen. Es ist wie­der ein­mal son­der­bar, ich habe einen Kno­ten in mei­nem Kopf. Immer genau dann, wenn ich sagen woll­te: Schau her, vor einer Sekun­de ist es ein wenig dunk­ler gewor­den, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht irr­te, weil ich das Dun­kel­wer­den nicht eigent­lich gese­hen, son­dern viel­mehr gefühlt oder ange­nom­men hat­te. Ein­mal schloss ich mei­ne Augen für zwei Minu­ten und hoff­te ver­geb­lich, mir das Licht­bild mer­ken zu kön­nen, das ich zuletzt gese­hen hat­te. Und doch habe ich eine fei­ne Ent­de­ckung gemacht. Sobald ich im Dun­keln mein Gehirn mit mei­nen Lidern bede­cke, wird das Dun­kel hel­ler. Ich muss das im Auge behal­ten! — stop

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loop

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sier­ra : 0.08 — Geschich­ten, die sich gut begrün­det wie­der­ho­len, ver­traut gewor­de­ne Geschich­ten. Die­se hier, zum Bei­spiel, im Febru­ar 2008 aus der Luft gefischt: Da war mir doch in den Zei­ten der Vogel­grip­pe, bei klei­ne­ren Tur­bu­len­zen, im Gang eines Flug­zeu­ges eine uralte Lady ent­ge­gen­ge­kom­men, deren Gesichts­zü­ge mich sofort an Coco Cha­nel erin­ner­ten. Von zier­li­cher Gestalt trug sie einen dunk­len Man­tel, leich­te, fla­che Schu­he und mach­te Schrit­te wie ein Matro­se auf hoher See. Vor allem ihr schloh­wei­ßes Haar und ihr äußerst wil­lens­star­ker Blick sind nah geblie­ben, auch ihr hell­rot geschmink­ter Mund, der min­des­tens acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein muss­te, und doch bei­na­he wirk­te wie der Mund einer jun­gen Frau. Eines Abends, wäh­rend ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folg­te, erin­ner­te ich mich an die­se selt­sa­me Frau, und ich stell­te mir vor, wie sie aus der drit­ten Eta­ge eines Miets­hau­ses in den Kel­ler steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort für immer abge­stellt hat­te, nach­dem sie beim Ein­kau­fen um ein Haar gestürzt war. Es ist also frü­her Mor­gen, es ist Win­ter und noch dun­kel, als die alte Dame das Haus ver­lässt. Ich sehe sie mit vor­sich­ti­gen Schrit­ten in ihrem Man­tel und Pelz­stie­fel­chen über die Stra­ße gehen. An der ers­ten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer wei­te­ren schma­len Stra­ße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kom­men. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kas­se ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Fla­sche Was­ser aus dem Regal. Sie trägt die Fla­sche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächs­te Was­ser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heim­weg über die Stra­ße gezo­gen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hau­ses ange­kom­men. — Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Trep­pe, die zur Haus­tü­re führt. — Jetzt ist sie mit einer der Fla­schen im Haus ver­schwun­den. — Zehn Minu­ten ver­ge­hen. Dann erscheint sie wie­der auf der Stra­ße. Sie hat ihren Man­tel aus­ge­zo­gen, trägt eine graue Jacke und Sport­schu­he. Kurz, für zwei oder drei Sekun­den, hält sie sich am Gelän­der der Trep­pe fest. — stop
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appalachian trial

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : NACHTBÄREN

Lie­ber Mr. Kek­ko­la, haben Sie sich also auf den Weg gemacht! Wie sehr ich mich für Sie freue! Den Appa­la­chi­an-Trail ein­mal anstatt von Süden kom­mend, von Nor­den her zu bewan­dern: fei­ne Idee. Ich bin begeis­tert! Aber Sie sind spät, sehr spät sind Sie, vie­le Tage wer­den Sie unter Regen­wol­ken wan­dern. Ich hof­fe, man hat Sie gut vor­be­rei­tet, hof­fe, dass Sie über ein was­ser­fes­tes Tele­fon und eine gleich­wohl was­ser­fes­te Schreib­ma­schi­ne ver­fü­gen. Ihre ers­te Nach­richt ist heu­te Mor­gen jeden­falls bei mir ein­ge­trof­fen. Eine E‑Mail, der nicht anzu­se­hen ist, dass sie in der Wild­nis geschrie­ben wur­de. Wir leben doch in selt­sa­men Zei­ten. Ich habe mir sofort eine klei­ne Kar­te ihrer Rou­te besorgt. Was machen die Bären? Und die Bie­nen? Und die Amei­sen? Natür­lich wer­de ich unver­züg­lich an Sie schrei­ben, sobald ich einen ers­ten tie­fe­ren Ein­druck vom Rüs­sel­prin­zip der Tief­see­ele­fan­ten gewon­nen habe. Ich den­ke Tag und Nacht über das Atmen in gro­ßer Tie­fe nach. Ganz vor­sich­tig tei­le ich Ihnen mit, dass ich viel­leicht bereits eine Ahnung habe. Bis bald, mein lie­ber Kek­ko­la. Pas­sen Sie gut auf sich auf! – Ihr Louis

gesen­det am
27.07.2009
18.58 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

trail

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südpol

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nord­pol : 22.50 — Ges­tern, abends kurz nach Acht, wur­de mir das ers­te Eis­buch mei­nes Lebens zuge­stellt. Fol­gen­des, beglei­tend, war notiert: Das Wal­fisch­or­ches­ter. Eine Novel­le von Lou­is Kek­ko­la. 102 Sei­ten. 22.85 £. Halt­bar bei minus 5° C bis Dezem­ber 2012. Hoch­ach­tungs­voll ∼ Marks & Com­pa­ny, 84. Cha­ring Cross Road. Lon­don. / Zwei Stun­den lang, ein Tiger, vor dem Kühl­schrank auf und ab. — stop

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raumschiff

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india : 20.56 — Eine Libel­le gegen den Abend zu, mari­ne­blau, die sich nahe mei­ner Nase in die Luft set­ze. Bald eine Vier­tel­stun­de betrach­te­te sie mich oder schlief, wäh­rend ich einen Roman beob­ach­te­te und doch zugleich an ent­fern­te Din­ge dach­te, an eine Mond­lan­dung vor vier­zig Jah­ren zum Bei­spiel, und an die Nach­richt, das durch­schnitt­li­che Alter der Besat­zung des Flug­zeug­trä­gers USS Har­ry S. Tru­man, des­sen Crui­se-Mis­siles Bag­dad bom­bar­dier­ten, habe 19 Jah­re betra­gen. Und da war noch ein ande­res, ein wär­men­des Bild in mei­nem lesen­den Kopf, von dem ich ges­tern noch wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges in einer Wei­se erzähl­te, als wäre ich leib­haf­tig in nächs­ter Nähe gewe­sen, als auf hoher See der Rüs­sel eines Tief­see­ele­fan­ten den Schrei einer Möwe der­art lust­voll imi­tier­te, dass tat­säch­li­che Möwen, ein Schwarm, aus dem hei­te­rem Him­mel stürz­ten. — Ein lachen­der Mund, der sich lang­sam näher­te. —  Ein Raum­schiff. — Wie alle Geschich­ten plötz­lich ende­ten und auch die Zeit. — stop

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anatomische stille

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hima­la­ya : 6.05 — Viel­leicht kann ich sagen, dass ich dann lei­den­schaft­lich an einem Gegen­stand, an sei­ner Ver­wand­lung in Zei­chen, in Spra­che arbei­te, wenn ich immer und immer wie­der zu ein­zel­nen Wör­tern zurück­keh­re, weil sie bis­her nicht die rich­ti­gen Wör­ter sind für dies oder das, oder weil über­haupt noch kein geeig­ne­tes Wort bekannt gewor­den ist, um einen bestimm­ten Ort, eine sel­te­ne Stim­mung, eine beson­de­re Far­be, ein atem­lo­ses Geräusch wie­der­ge­ben zu kön­nen. Mein Prä­pa­rier­saal bei­spiels­wei­se, fast voll­stän­dig schon in Zei­len über­setzt, da und dort aber noch die wei­ße Stil­le des Papiers, eine Mor­gen­stil­le, sagen wir, wie ich allein dort im Saal unter Toten sit­ze. Sie sind noch bedeckt von feuch­tem Tuch, und so schlie­ße ich die Augen und notier­te, was ich hören kann. Das knis­tern­de, sau­sen­de Geräusch einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne. Eine Ambu­lanz von der Stra­ße her. Das Ticken der Saal­uhr minu­ten­wei­se. Die Kör­per aber, ein­hun­dert Kör­per, sind still. Und doch sind sie nicht ohne Laut, weil ich ihre Stil­le zu hören mei­ne. Auch in die­ser Nacht wie­der ver­geb­lich nach dem einen mög­li­chen Geräu­schwort ihrer Abwe­sen­heit gesucht. — stop

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