india : 2.24 — Im Schlaf eine interessante Erfahrung der Zeit. Das war gestern, nachdem ich mir vorgenommen hatte, eine Zugfahrt nach Montauk zu träumen. Stattdessen, feine Sache, träumte ich, Stanisław Lem habe mir einen Brief geschrieben. Und weil ich die kleine Geschichte nun ganz genau erzählen möchte, muss ich an dieser Stelle notieren, dass Herr Lem im Nachtgeschehen keinen unmittelbaren Kontakt aufzunehmen vermochte, dass vielmehr ein geheimnisvolles Büro den ersten und einzigen Buchstaben einer Nachricht mit dem Hinweis übermittelte, ich müsse mich fortan gedulden, da die Zeit der jenseits Lebenden sehr viel langsamer vergehen würde, als die Zeit der diesseits lebenden Menschen. Mit einem weiteren Zeichen, einem zweiten Zeichen des Briefes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des laufenden Jahres, zu rechnen. Ich wachte dann auf und war fröhlich und machte mich unverzüglich an die Beobachtung eines Nachrichtenschattens, den fliegende vulkanische Mikrogebirge derzeit über Europa erzeugen. – Abwarten. stop. Teetrinken. — stop
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Aus der Wörtersammlung: geste
herzgeschichte
olimambo : 0.02 — Das weiße Papier ist niemals leer. Diesen Satz habe ich gestern Nachmittag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier verzeichnet ist. Ich saß am kleinen See im Palmengarten und dachte an Herzen und solche Dinge, und als ich den Satz eine Stunde später noch einmal gelesen habe, konnte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigentlich aufgeschrieben hatte. Das war ein merkwürdiger Moment gewesen, diese Sekunde, da ich bemerke, dass ich einen Satz, den ich selbst ausgedacht, nicht erkennen konnte. Trotzdem gefiel mir der Satz. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen wahren Satz handeln könnte, und dass ich nur abwarten müsse, bis sich sein feines Wesen zeigen wird. Und so lausche ich nun also. Irgendetwas brummt in meiner nächsten Nähe. Dämmerung. Und ich stelle mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Menschen für eine gewisse Zeit ihre Herzen teilen könnten. Man meldet sich zum Beispiel in einem Hospital. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heute Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unverzüglich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lichter und Düfte und legt sich sehr bald zu einem Menschen, dessen Herz schwach geworden ist, verbunden liegt man Stunden still.
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sanfte bewegung
echo : 2.12 — g e h i r n w e l l e
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standardminute
delta : 6.05 — Wie ich abends im Warenhaus eine moderne Standardminute erlebte, das will ich rasch noch berichten, eh mir die Augen zufallen, müde vom Wundern. Eine ganze Minute also. In dieser Minute, an ihrem Anfang genauer, befindet sich eine Kassiererin mittleren Alters, unruhig sind Augen und Mund, und ihre flatternden Hände, Werkzeuge, die Waren über Lichttaster ziehen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr langsam bewegt, ein wahres Reptil, würdevoll, bedächtig. Ein wenig zerstreut scheint sie zu sein, hebt immer wieder den Blick, beobachtet scheu die Bewegung des Bandes, die Reise ihrer persönlichen Ware: eine Schachtel Pralinen, ein Fläschchen Jägermeister, Salzstangen, drei Dosen Katzenfutter, ein duzend Schokoladenostereier in Grün, in Gelb, in Rot, und ein weiteres Fläschchen noch hinterher. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Aprikosensafttüten schieben sich, einem Eisbrecher ähnlich, in den wartenden Bezirk der alten Frau hinein, falten Eier, Salzstangen und andere Warenteile steil zur Seite. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höflich um Geduld bittet, um Nachsicht, eine freundliche, eine herzerwärmende Stimme, und das Geräusch einer Flasche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun aufrichtet, wie ihre hellen Augen meine Hände beobachten, die versuchen, weiteres Unglück abzuwenden. Ungläubig schaut sie mich an, dann das Förderband entlang, das weitere Waren voran transportiert. Ja, bald stehen wir und staunen zu zweit, und auch die Verkäuferin ist zur mitfühlenden Beobachterin geworden. Sie lurt zum Warenstrom hin, der über die Kante der Rollbandtheke in die Tiefe stürzt. Ihre Hände, diese seltsamen Hände, sie arbeiten weiter und weiter, schieben und schieben, als führten sie ein eigenes Leben oder gehörten schon der Maschine mit ihrem Rotlichtaugengehirn. stop. Minute zu Ende. stop. Guten Morgen. — stop

luftlaufen
pupille : 0.02 — Gestern Nachmittag im Regen durch den Palmengarten spaziert. Saß bald unter dem Schirm gut verpackt auf einer Bank am See und las in einer Sammlung feiner Texte, die Anton Tschechow in seiner persönlichen Ausgabe der Selbstbetrachtungen Marc Aurels vor langer Zeit einmal markiert hatte. Dort folgende Bemerkung: Du musst Dich daran gewöhnen zu denken und zu handeln, als sei das Ende Deines Lebens schon da. Und ich dachte, es ist genau so, dass zwischen dem vorgestellten Ende des eigenen Lebens und dem tatsächlichen Ende, dessen Zeitort unbekannt, dessen Nahen von Tag zu Tag wahrscheinlicher wird, schmale oder noch breite Stege von Hoffnung, von Unkenntnis sich befinden, auf welchen ich mich bewegen kann, langsam, nachdenklich, oder in Tanzschritten, glücklich, übermütig und verwegen. – Wieder der Versuch, die Tropfgeräusche des Regens zu zählen. Nichts könnte beruhigender sein. — stop
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bermuda
alpha : 0.03 — Ob es wohl möglich ist, ein Blatt Papier, das aus Millionen sehr kleiner Lebewesen bestehen wird, mit einer Schere, sagen wir, in zwei Teile zu zerlegen? Was sollte geschehen? Würden meine papierenen Tiere Geräusche erzeugen, die Widerspruch signalisieren, Empörung, Furcht? Oder würden sie weichen, sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, eine blitzschnell sich vollziehende Bewegung der Entropie? – Sonntag. stop. Warme, geschmeidige Stunden. stop. Hell vom Schnee, die Luft.

copy & paste
romeo : 2.56 — Vor wenigen Stunden noch wollt ich vom Abend einer Ameise unter sommerlichem Feigenbaum erzählen. Kaum angefangen, beobachtete ich, dass in dem Text, den ich wünschte aufzuschreiben, Wörter enthalten sein werden, die bereits vor meiner Textzeit von anderen Menschen in weiteren Texten verwendet worden sind. Das wohlklingende Wort Himmel, ich hab’s nicht erfunden, auch nicht das Wort Herzbeutelchen oder das Wort Sinusknoten. Alle diese Wörter, geliehene Wörter. Ich leg sie mir in den Mund, unter meine schreibenden Finger, Tag für Tag und Nacht um Nacht, als ob sie mir, Geschichten gleich, die aus der Luft zu stürmen scheinen, allein gehörten. Aber dann das elektrische Knistern meines Gehirns, in dem es die Entdeckung im Schlaf zu feinen Wirklichkeitsnetzen verwebt. – Weit nach Mitternacht. Eisluft vor den Fenstern, im Zimmer warten Feigen und Bäume. Hab jetzt einen kleinen Knoten im Kopf. — stop
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animals
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : ANIMALS
Gestern, stellen Sie sich vor, habe ich die erste Fotografie eines Papiertierchens entgegengenommen. Sie zeigt das kleine Wesen, wie es sich durch die Luft eines abgedunkelten Labors bewegt. Bin voller Freude, habe den halben Tag herumgetanzt, sollte langsam zur Ruhe kommen. Eine Kopie der Aufnahme ist für Sie beigefügt. Sieht das nicht kraftvoll aus, eine Persönlichkeit, ein Wunder! Ich komme meinen Träumen nun endlich näher, meinen Wünschen, meinen Geschichten in der Wirklichkeit. Nehmen wir einmal an, lieber reisender Freund, ein Bogen lebenden Papiers in der Größe 15 x 30 Zentimeter würde aus 750000 Tieren bestehen, ja, und nehmen wir einmal an, dieses Papier würde schon jetzt in unserer Welt existieren, dann würden vor uns auf einem Schreibtisch 750000 kleine Herzen schlagen. Da muss doch irgendein Geräusch wahrzunehmen sein, so viele Herzen in nächster Nähe auf engstem Raum. Auch einen Hauch von Luft wird man wohl spüren, eine Strömung, weil sie alle durcheinander atmen. — Ahoi! Ihr Louis
gesendet am
06.02.2010
23.55 MEZ
1088 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
auf dem viktualienmarkt
olimambo : 2.10 — Ein Eichhörnchen am Nachmittag, wie es durch den warmen Schnee springt. Immer wieder hält das Tierchen an, dreht sich nach mir um, betrachtet mich, als ob es meine Gedanken ahnen würde. Einmal sage ich leise zu ihm hin: Fürchte Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Münchener Viktualienmarkt gewesen vor wenigen Stunden. Die Tage nun länger, bald wird Frühling und Menschen und das Bier und der Kaffee werden in Strömen fließen. Wieder, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude laufe und meine Nase in den Gewürzwind stecke, schau ich nach dem Achternbusch, Herbert. Würd’ gern einmal ein paar Worte mit ihm wechseln. Gestern war von ihm nichts zu sehen gewesen, weshalb ich ganz einfach an ihn gedacht habe, an eine Filmsequenz, deren Besichtigung mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Herbert Achternbusch in einem Tierhaus des zoologischen Gartens Hellabrunn. Er steht unter einem Faultier, das unbeweglich, und zwar sehr lange Zeit, an einem Ast hängt. Der Dichter bewundert die Klauen des Tieres und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwinkert das Faultier mit den Augen. Und Achternbusch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Scheinschlaftier! – Guten Morgen, gute Nacht! — stop

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romeo : 0.03 — t r ä n e n k a n ä l c h e n
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