![]()
romeo : 0.02 — s c h a m b e i n f u g e

![]()
romeo : 0.01 — Da sind im Konzertsaal 8 Kontrabassisten und sie flüstern miteinander, während sie leise etwas Jazzmusik spielen, vielleicht weil das schon immer die beste Methode gewesen ist, ein Instrument aus dem Schlaf zu holen. Auch der Chor ist schon eingetroffen und raschelt mit seinen Papieren. Eine entspannte Atmosphäre, eine Stimmung, wie in den Wäldern kurz vor Anbrechen der Dämmerung, erste Geräusche, schon bewusste, aber auch noch Traumgeräusche, alles nur zur Probe. Und ich lausche und denke, dass ich in wenigen Minuten Zubin Mehta sehen werde, wie er Mahlers Symphonie No 3 dirigieren wird. Und wie ich so sitze, erinnere ich mich an Fingerbewegungen einer jungen Frau, die im Präpariersaal der Münchener Anatomie mit Sehnen und Muskeln eines Armes spielt, eine Geste, als würde sie versuchen, jenem namenlosen Arm ein Geräusch zu entlocken. Schnee fällt. Kniehoch wird er noch fallen. Jack London lesen, notiere ich. Und jetzt ist der Abend eines späteren Winters und ich sehe meine Schriftzeichen, ungelenk, weil schon im Halbdunkel des Konzertsaales ins Notizbuch geschrieben. Alles das, in meinem Kopf durcheinander. Ich fange am besten noch einmal von vorn an. Da sind also im Konzertsaal 8 Kontrabassisten, sie flüstern miteinander. Schnee fällt. Kniehoch wird er noch fallen. — stop
![]()
![]()
~ : geraldine
to : louis
subject : MEIN SOMMERHUT
Ahoi, Mr. Louis! Heute ist ein ganz besonderer Tag. Ich fühle mich wie neugeboren. Ja, wie neugeboren. Als ich gestern erwachte, saß der Doktor an meinem Bett. Ich hörte seine Stimme. Er sagte, ich glaube Geraldine wird wach. Und als ich die Augen geöffnet habe, lachte der Doktor und Mama lachte auch. Sie erzählten mir, dass ich zwei Tage geschlafen habe und ich weiß nicht, warum ich so lange Zeit geschlafen habe. Wenn Sie mich jetzt doch nur sehen könnten, Mr. Louis, wie ich in meinem Korbstuhl am Bug des Schiffes sitze und das helle Haar schäumenden Wassers betrachte, das wir hinter uns her ziehen. Ich trage meinen Sommerhut, den ich so liebe und ich hoffe, dass er mir nicht davonfliegen wird. Es ist heute sehr windig, müssen Sie wissen. Wie ich diesen Wind doch mag, seinen Duft. Aber das Schönste ist, dass ich ganz bunt bin im Gesicht. Mama hat mich geschminkt und jetzt sitze ich da und versuche meinen Mund nicht zu bewegen, damit mir die feine rote Farbe nicht verrutscht. Vielleicht wollen Sie wissen, warum ich mich geschmückt habe? Das will ich Ihnen gerne erzählen. Ich habe vor, meinen kleinen Steward heute noch nach seinem Namen zu fragen. Immerhin weiß er meinen Namen und deshalb habe ich wohl das Recht, auch seinen Namen zu wissen. Ich kann ihn sehen, während ich diesen Brief an Sie schreibe. Er arbeitet auf dem Unterdeck und ich sitze hier oben und schaue mit pochendem Herzen zu ihm hin und bewundere seine feinen, kleinen Schritte, wie er auf den Wellen tanzt. Manchmal denke ich, dass ich viel zu alt für ihn bin, aber das stimmt natürlich nicht, weil er 25 Jahre alt sein muss und ich bin nur 20, wie sie wissen. Und doch fühle ich, dass ich etwas schwerer bin an Zeit als er, den ich doch so liebe. Ich glaube, er hat mich schon bemerkt, er wird bald kommen, er tut nur so, als würde er mich nicht sehen. Ich muss jetzt aufhören, Mr. Louis, ich bin so schrecklich aufgeregt! Ist das nicht wunderbar, Mr. Louis? — Ich grüße Sie herzlich. Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 22.01.2009
20.12 MEZ

![]()
nordpol : 2.15 — Im Süden, in den Bergen, liegt ein Tal in großer Höhe, eine Hochebene, die dicht von Ahornbäumen bewachsen ist. Jedes Jahr im Herbst möchte man meinen, ein großes Feuer sei im Tal unter den Bäumen ausgebrochen, eine Feuersbrunst, die nicht nur alle die verwitterten Bäume verschlingen wollte, sondern gleich noch ein paar Berggipfel und Dörfer dazu. Aber das ist natürlich Unsinn, die Luft ist für ein wirkliches Feuer viel zu kalt und die Wiesen unter den Bäumen sind saftig und feucht. Libellen, schon langsam geworden, fliegen auf und ab. Sie ahnen den Winter, wie die Sumpfdotterblumen, die morgens nur noch außergewöhnlich aufstehen wollen. Nichts Aufregendes also in dieser Landschaftsbeschreibung. Alles das kommt vor in den Bergen, auch Schulen blutjunger Kentauern, die in der Dämmerung vergeblich nach Hasen jagen. Wenn da nicht jene seltsamen Pilze wären, die noch ohne Namen sind, weil man sich bisher nicht einigen konnte, ob sie nun tatsächlich noch Pilze oder nicht doch schon ganz andere Wesen sind. Solange das Sonnenlicht ins Tal einfallen kann, verstecken sie sich zwischen den Gräsern der Bergwiese in Gestalt der Boviste, sobald es aber dunkel geworden ist, ich kann ihnen sagen, fliegen sie los. Sie entfalten Schirme von unglaublicher Größe und leuchten in zitronengelber Farbe und schweben stundenlang und lautlos dicht über die Kronen der Ahornbäume dahin. Was haben Pilze dort oben am Himmel verloren? Und wie finden sie wieder zurück auf die Erde? Warum überhaupt kommen sie zurück? Seltsame Substanzen. Ich muss das im Auge behalten. – Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Eigentlich hatte ich vor, einen kleinen Brief an Kenzaburo Oe zu schreiben, um ihm mitzuteilen, dass Mrs. Callas gestern in den frühen Morgenstunden endgültig abreisen konnte, dass sie für mich wieder zu reinen Schriftzeichen geworden ist. Für diesen Brief ist es jetzt zu spät. Werde morgen eine Depesche notieren. — stop

![]()
romeo : 0.01 — Glühbirnen sammeln für 500 Jahre Glühfadenlicht. stop. Dazu Handkurbelmaschinen zur Stromerzeugung. stop. Denkbar, dass ich den Ursprung einer wilden Geschichte entdeckte, während ich gestern Nachmittag schlafend durch den Palmengarten spazierte. stop. Verrückt sein. stop. Eine literarische Geschichte ins wirkliche Leben ziehen. stop. Seit Stunden nun geistert das Wort Menlo Park durch meinen Kopf. stop. Ahne, woher das schöne Wort gekommen ist. stop. Wie lange Zeit, bei günstigsten Witterungsbedingungen, leuchtet eine 60 Watt Glühlampe? — stop

![]()
romeo : 0.08 — Gestern Abend gegen 22.00 Uhr ist etwas Merkwürdiges geschehen. Ich hatte drei Stunden vertieft an einem Text gearbeitet, da wurde ich von einer Sekunde zur anderen Sekunde von einem heftigen Glücksgefühl angesprungen, von einem Katzentier, das vielleicht schon einige Wochen in nächster Nähe gewartet hatte, um sich nun, – geschmeidiges, schnurrendes Wesen -, wärmend um meinen Hals zu legen. stop. Was frisst dieses Tier, was trinkt es, kann es schreiben? stop. Gute Nacht. — stop.

![]()
himalaya : 15.00 — Ein Krieg aus „heiterem Himmel“. stop. Von einer Meldung zur anderen. stop. Kinder bauen in Bunkern Höhlenzelte. stop. Kinder haben, noch ehe sie zu schreiben lernen, Kinderfeinde, die nicht schreiben können, die sie töten wollen. stop. Kinder von dunkler Haut, die im Geheimen so leicht geworden sind, dass jeder Wind sie mit sich in die Wüste tragen könnte. stop. Das schneeweiße Gesicht eines Kindes, das nie wieder schlafen wird. stop. Vielleicht komme ich als schreibender Mensch näher heran, wenn ich mir eingestehe, dass ich an diesem vorletzten Tag des Jahres 2008 die Zahl 1, und somit alle weiteren Zahlen, noch immer nicht verstanden habe. — stop

![]()
~ : geraldine
to : louis
subject : GERALDINE WÜNSCHT
Seit zwei Tagen fahren wir sehr langsam im Kreis auf dem Atlantik herum. Ich kann das noch immer nicht glauben. Als ob mein sehnlicher Wunsch, Southampton niemals zu erreichen, in Erfüllung gehen würde. Vielleicht träume ich das alles nur. Oder ich bin in meinem Hoffen so weit gekommen, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Irgendjemand sagte, wir würden Schiffbrüchige suchen. Ein Gerücht nehme ich an. Wir Menschen brauchen immer Gerüchte, wenn etwas geschieht, das ungewöhnlich ist. Wir könnten noch Jahre so herumfahren, ich hätte nichts dagegen. Würde an der Reling sitzen und die Farben des Wassers beobachten. Heute ist das Meer von einem hellen Blau, silbern glänzt es, weil uns Fische begleiten, deren Rücken weiß und grün im Licht der Sonne glitzern. Ich kann meinen Blick nicht abwenden von diesem Wasserlicht, für das ich keine Worte finde. Gestern, Mr. Louis, habe ich meine seidenen Handschuhe getragen hier oben an Deck in der kalten Luft, meine feinen Handschuhe zum Tanzen, Handschuhe, die nur ein Hauch sind, meine Haut schimmerte durchs Gewebe. Natürlich hatte ich noch Fäustlinge darüber gezogen. Als der Stewart kam, – Sie wissen, der junge Mann, von dem ich schon erzählte, – habe ich sie ausgezogen und ihm heimlich meine kleinen Hände dargeboten. Lange habe ich so gestanden und zugesehen, wie er sie betrachtete, ohne sie zu berühren. Meine Knie, Mr. Louis, haben gezittert, weil ich unendlich schwach geworden bin, aber dieser Blick auf meine Hände, dieser Blick, der meine Hände liebte, hatte mir Kraft gegeben und auch das Wünschen und dass wir Southampton niemals erreichen werden. – Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 20.12.2008
22.12 MEZ

![]()
echo : 3.15 — Man stelle sich das einmal vor, Mrs. Callas kann pfeifen. Sie war zu Besuch gekommen und hatte eine besondere Fotografie entdeckt. Auf dieser Fotografie sitzt sie unter Menschen an einem Tisch, den sie nicht erinnern konnte, und darüber war sie verwundert oder beunruhigt, also machte sie merkwürdige Geräusche mit dem Mund. Wer sind diese Leute, wollte sie wissen. Wann war das gewesen? Woher haben Sie diese Fotografie? — Wir gingen dann noch spazieren um kurz nach Mitternacht. Angenehmes Papierlicht, die Sonne war nicht untergegangen, strahlte etwas schläfrig am Himmel herum. Noch immer leichter Seegang, aber zwei schöne Stunden heiterer Gespräche. Wie ich mich freute, Mrs. Callas staunen zu sehen. Ich habe keine Kinder, nein, nein, ich habe keine Kinder. Doch, doch sagte ich, Sie haben Kinder geboren, sie sind eine fabelhafte Mutter. Sieben Töchter, jawohl, sieben sehr seltsame Töchter, Sie werden sich doch um Himmelswillen an ihre Töchter erinnern, an Svenja, Marlene, Bobby, Lydwien, Vassilliki, Eleonore, Bumubai. Soll ich Ihnen von Ihren Geburten erzählen, Mrs. Callas? – Kaum zurück, legte sie sich aufs Sofa und vertiefte sich wieder in jenes Bild, das von ihr, wie sie glaubte, abgenommen worden war. Manchmal näherte sie sich mit einem Finger, flüsterte, oh, ich glaube, da ist etwas, diesen Herrn kenne ich vielleicht, ja, das könnte ein Musiker sein, ein Bassist, nein, das ist einer, der Cello spielt. — Seit Stunden nun liegt sie so herum. Sie hat etwas von einer Katze, ganz ohne Zweifel. Ich weiß, sie wird sich bald erheben, und sie wird zu mir herüberkommen, wird die Fotografie auf den Schreibtisch legen und sagen: Irgendetwas stimmt hier nicht, Mr. Louis! Ich glaube, ich werde jünger. Ich glaube, die Zeit geht falsch herum. Was haben Sie dazu zu sagen? Sprechen Sie!
![]()
![]()
alpha : 6.55 — Gestern Abend um 22 Uhr und 8 Minuten folgende E‑Mail: „Und? Hat Nabokov schon geantwortet? N.“ Seither warte ich. Als ob ich in den vergangenen Wochen nicht genug gewartet hätte. Auf Schnee, zum Beispiel. Hemingway, vor zwei Jahren, antwortete gar nicht, Lowry nach drei Monaten und in einer Weise, die ich bis heute nicht enträtselt habe. Aber Djuna Barnes, um Himmels willen, Djuna Barnes, als hätte sie meine Zeilen erwartet, antwortete noch in der Stunde meines Schreibens. stop. Ich muss das suchen. stop. Geräuschwort für 750000 vorwärts schlagende Herzen bisher nicht entdeckt. stop Regen. stop. Seidig. stop. Als würde der Erdboden schwitzen. — stop

