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india : 0.02 — Aufgabe : Eine Bibliothek erfinden, eine Substanz, die in kleinsten Teilen von Ameisen durch einen Wald getragen werden kann.

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india : 0.02 — Aufgabe : Eine Bibliothek erfinden, eine Substanz, die in kleinsten Teilen von Ameisen durch einen Wald getragen werden kann.

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~ : yanuk le
to : louis
subject : MOLLUSKEN
date : aug 23 08 2.15 p.m.
Lieber Mr. Louis, wir hatten heftigen Sturm, waren aber gut befestigt. Seit gestern funktioniert meine Kurbelmaschine wieder und ich kann Strom erzeugen, sodass ich schreiben und zugleich Nachrichten empfangen kann. Habe scheue Zikaden entdeckt, die Feuer entzünden, und schlohweiße Geckos, die vorzüglich schmecken. Bald meld ich mich wieder. — Yanuk
eingefangen
16.07 UTC
352 Zeichen

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echo : 6.05 — Eine Frau, sehr alt, sitzt in einem verwüsteten Zimmer auf dem Boden. Ihr Gesicht ist verletzt, das linke Auge erblindet, eine tiefblaue, geschwollene Wunde. Dann ist eine Straße zu sehen. Automobile fahren im Schritttempo schwer bepackt nach Norden oder Süden. Ein Hubschrauber der russischen Armee jagt über diese Straße hin, als würde ein Kinofilm gedreht. Ich schalte das Fernsehgerät aus, schließe die Wohnungstür und trete vor das Haus. Vögel pfeifen, immer pfeifen im Sommer Vögel, wenn ich auf die Straße trete, auch gestern, als wollten sie mir etwas sagen. Vielleicht wollten sie sagen, dreh Dich um, setz Dich an Deine Schreibmaschine, denk nach, versuche herauszufinden im Sucher Deines Seamonkeybrowsers, was dort geschieht vor den kaukasischen Bergen. Gestern, nachmittags, habe ich mich also doch auf den Weg gemacht, um in einem Warenhaus ein weißes Hemd zu kaufen. Zwei Stunden später saß ich im Café vor einer Tasse Schokolade und notierte, warum ich wegen ausgedehnter Beobachtungstätigkeit in dem Versuch scheiterte, ein weißes Herrenhemd zu kaufen. — stop

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echo : 5.22 — Einmal wartete ich im Regen stehend auf eine Straßenbahn. Das war ein sehr angenehmer, warmer, nach Steinen duftender Regen, eine Art Regen, bei der ich an das Wort Monsun denke, wenn ich seine Geräusche höre. Ich stand also im Regen und dachte an das Wort Monsun, als genau um 22 Uhr und 18 Minuten die Straßenbahn, die ich erwartete, vor mir hielt. Die Türen öffneten sich und ein Herr stieg aus der Straßenbahn, der eine Zigarre rauchte. Er trug einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, eine hellgrüne Krawatte, keine Schuhe, aber Strümpfe. Für einen kurzen Moment, ich hatte einen Fuß bereits in den Waggon der Straßenbahn gestellt, stand der Mann direkt neben mir. Ich sagte: Sie haben keine Schuhe an, mein Herr. So, erwiderte der Mann, blickte dann erstaunt an sich herab, sah mir in die Augen und fragte mit einer sehr hellen Stimme: Warum? — stop

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sierra : 6.02 — Das sind lustige Tage, Tage wie dieser hier nach durcharbeiteter Nacht. Noch immer, drinnen wie draußen, sehr warme und feuchte Hitze. In der Dämmerung schloss ich die Fenster. Auf das Bett waren leichte Tücher gelegt, das luftigste Material, das zu finden gewesen ist, die Fenster verdunkelt, alles bereit, den beginnenden Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde macht. Ich dachte, dass ich nichts denken sollte, schaute nach Lichtern, die unter den Lidern in Schlafaugen wandern. Fast war ich weggekommen, als eine Fliege auf meiner Schulter landete und sofort mit dem Mundstempel nach Salz und anderen Dingen zu forschen begann. Ich sagte, bitte, bitte nicht, Lucie, heute bitte nicht, ich muss schlafen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hörte, wie sie eine langsame, traurig summende Runde linksherum durch mein Zimmer flog. Dann schlief ich ein und träumte zwei blaue Schnecken. Sie waren von kühler Temperatur und hatten sich wie Polarfüchse in einer Schneehöhle, in meine Augenhöhlen gelegt. Als ich wach wurde, als ich zunächst wach geworden war, wie immer mit geschlossenen Augen, hörte ich Gewitterdonner, dann entdeckte ich Lucie in nächster Nähe. Sie hatte sich, während ich träumte, vorsichtig auf den Rücken meiner linken Hand gesetzt und ihre Beine angezogen, sodass sie nicht saß, vielmehr auf mir lag. Ja, ist es denn Fliegentieren möglich, die Augen zu schließen? — stop
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sierra : 5.15 — Für einen Moment, für 20 oder 30 Sekunden, war heute Nacht der Strom ausgefallen. Überfallartig die schwarze Farbe der feuchtwarmen Luft und in dieser Farbe, die sanft mein Gesicht berührte, das schnurrende Geräusch der Propeller meiner Süßwasserfiltermaschine, Fische, die schlaftrunken durchs Wasser schossen, Fische, die die Grenzen ihrer gläsernen Welt berührten, auch das ein Geräusch, ein etwas dunkleres p i n g, knöchern, schmerzhaft. Da war noch das Seufzen der Kühlschranktür von der Küche her, das Geräusch meiner Finger, die auf dem Schreibtisch nach einem Feuerzeug suchten, Schritte von oben, vom Dach, mein Atem. In diesem Moment der Finsternis, ich weiß nicht warum, erinnerte ich mich an Noe, meinen Taucher, und sofort, nachdem das Licht zurückgekehrt war und mit diesem Licht, die Möglichkeit, das Internet zu erreichen, besuchte ich Noe, lauschte eine Weile, las was er zu sagen hatte, was er in der Tiefe des Atlantiks vor Neufundland in die Schreibmaschine tippte, war glücklich, dass Noe noch existierte: r e d f i s h r i g h t w a r d s. s t o p also schreibe ich. s t o p ich schreibe was ich sehe. s t o p feine stäube treiben durchs wasser. s t o p schattenlose wesen. s t o p lichtzeichen. s t o p pulse. s t o p habe versucht die gestalt eines kühlschranks zu erinnern? s m a l l b l u e f i s h r i g h t h a n d . s t o p lange zeiten der beobachtung. s m a l l g r e e n f i s h t o p l e f t. s t o p meine schreibenden hände. s t o p die bewegung der handschuhe auf der tastatur der maschine. s t o p als ob ein anderer arbeitete so fern scheinen mir ihre gesten zu sein. s t o p fremd. s t o p wie lange zeit habe ich meine unbekleideten hände nicht gesehen? s t o p

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nordpol : 2.55 — Beobachtete nachmittags auf meinem Fernsehbildschirm einen Blitz, der einen Abend zuvor von einer Handykamera aufgenommen worden war. Dieser Blitz ereignete sich in Istanbul zu einem Zeitpunkt, als ich gerade überlegte, ob ich in einem Buch lesen sollte oder besser noch etwas notieren über die Kirschholzwangen einer japanischen Frau, die ich gerade erfinde. Aber mein Kopf war in der feuchtwarmen Luft doch sehr langsam geworden, also stellte ich mich für zwei Minuten unter kaltes Wasser und als ich zurückkam und mein Fernsehgerät einschaltete, konnte ich sehen, was der Blitz, den ich erst einen Tag später mit eigenen Augen sehen würde, angerichtet hatte. Menschen lagen bewegungslos auf einer Straße herum und andere Menschen, die sich bewegten, versuchten jene Menschen, die lagen und sich nicht mehr bewegten, zu überreden, es ihnen gleichzutun, also zu atmen und weiterzuleben, als sei der Blitz nie geschehen. Da war das Geräusch von Ambulanzen, ein jaulender Ton, von dem ich häufig träume, und da war die Stimme einer amerikanischen Frau, die die Explosion zweier Bomben meldete, einer kleineren, lockenden Bombe und einer größeren, mordenden Bombe. Als ich gestern Nachmittag dann auf meinem Fernsehbildschirm jenen Blitz beobachtete, der so viele Menschen tötete, dass zwei Hände nicht ausreichen, sie mit den Fingern zu zählen, habe ich überlegt, ob ich nicht bald einmal wagen sollte, einen Attentäter zu erfinden, also mich in einen Attentäter zu verwandeln auf dem Papier, mich hineinzuversetzen in eine Figur, die Bomben legt, um Menschen zu töten. Ist es möglich, frage ich, mich in einen Attentäter so lange hineinzudenken, wie ich mich in eine japanische Frau hineindenke, eine japanische Frau mit einem kirschhölzernen Gesicht, ohne Schaden zu nehmen? — stop
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india : 5.12 – Ich wiederholte einen Gedanken, den ich gegen Mitternacht wahrgenommen hatte, in dem ich versuchte, ihn zunächst langsam und kurz darauf in einer schnelleren Weise zu denken. Und während ich also Geschwindigkeiten probierte, entdeckte ich, dass ich einerseits mit Wörtern, mit Stimmwörtern denke, aber auch ohne Stimme, ohne Wörter. Ich kann die Wörterstimme in meinem Kopf schneller denken oder ich kann sie langsamer denken. Gedanken, erste Gedanken, die scheinbar ohne Sprache sind, sind dagegen so schnell, dass sie bereits fertig geworden sind, wenn sie in meinem Kopf bisher nicht angefangen haben. – Gestern wurde Radovan Karadžić gefangen. — stop
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echo : 15.00 — Ich habe in einer E‑Mail folgende Notiz entdeckt: Wenn ich in mich hineinschaue, schaue ich nicht wirklich, sondern höre in mich hinein. Ich habe das aufgeschrieben, ohne geprüft zu haben, ob stimmt, was ich behauptete. In der vergangenen Nacht, während der Arbeit an einer kleinen Geschichte, die von den Simmons erzählt, einem Ehepaar, das in diesen Tagen 216 Jahre alt geworden sein soll, habe ich mich eingehend beobachtet. Und tatsächlich glaube ich, voller Überzeugung sagen zu können, dass ich über keine Augen verfüge, die nach innen gerichtet sind, sondern über Ohren, vornehmlich in meinem Kopf. Wenn ich das Wort Leporello lese, sehe ich das Wort, wenn ich aber das Wort Leporello in meinem Kopf suche und wieder finde, dann höre ich das Wort. Auch Geschichten, die sich in meinem Kopf befinden, sind zunächst Geräusche. — Siebzehn Uhr und eine Minute MESZ in Shangil Tobay, Darfur. — stop
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papa : 22.00 ‑Eine grauenhafte Vorstellung ist, es könnte eines schönen Tages Cognac regnen. Eine taubengraue Wolke würde aufgezogen sein und mit Weinbrand werfen. Vor allem an schwülheißen Tagen würde sich rasch ein Zustand allgemeiner Unordnung ergeben. Man könnte vielleicht gerade noch unter die Dächer der Häuser fliehen, um der süßen Dampfluft zu entgehen. Auch Bäume wären sichere Orte, sobald das Malheur weiter gezogen sein wird. Man sitzt jetzt mit anderen Flüchtlingen nahe der Krone unter betrunkenen Vögeln. Wie ist das möglich, wird man fragen, wer hat den Weinbrand in die Wolke gesteckt? — stop

