Aus der Wörtersammlung: gin

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manhatten / hippodrom

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del­ta

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : HIPPODROM

Lie­be Vio­let! Lie­be Dai­sy! Ich grü­ße Euch ganz herz­lich. Ich hof­fe, Ihr seid fröh­lich! War ges­tern lan­ge spa­zie­ren, folg­te dem Duft­fa­den der Koh­le­öfen durch die Stadt. Und wie ich so ging, dach­te ich an Euch, weil ich wie­der ein­mal Foto­gra­fien betrach­tet hat­te, die Euer Lachen zei­gen, eine Freu­de, die mir so wirk­lich zu sein scheint, obwohl ich manch­mal den­ke, dass ihr doch unglück­lich gewe­sen sein könn­tet, genau in dem Moment unglück­lich, als Euer gesam­mel­tes Licht von einem Foto­ap­pa­rat ein­ge­fan­gen wur­de. Vor weni­gen Tagen, das will ich Euch rasch erzäh­len, ehe ich wie­der an mei­ne nächt­li­che Arbeit gehen wer­de, habe ich gele­sen von Eue­rem Enga­ge­ment 1924 in New York. Wie nur konn­te man Euch das antun! Eine Are­na, groß wie ein Base­ball­sta­di­on, das Hip­po­drom, und dort ihr zwei klei­nen Wun­der­we­sen im blen­den­den Licht der Schein­wer­fer. Euer Zit­tern, Euer Beben. Bald ein­mal wer­de ich Man­hat­tan besu­chen. Ich habe den Ort des Ver­ge­hens an Euch in mei­nem Spa­zier­plan ver­merkt. Ich wer­de, ver­spro­chen, die Gegend für Euch foto­gra­fie­ren. Eine auf­re­gen­de Geschich­te, ich bin mir sicher, vom Ver­schwin­den, wird sich wie von selbst notie­ren. — Euer Louis.

gesen­det am
7.11.2009
0.05 MEZ
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lou­is to dai­sy and violet »

twins2

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kakaduzwerge

9

gink­go : 6.55 – Ein schläf­ri­ger Mann sitzt in die­sen Minu­ten mit einer Schreib­ma­schi­ne auf dem höl­zer­nen Boden sei­nes Arbeits­zim­mers. Habe zuletzt zwei Stun­den in Chris­toph Rans­mayrs letz­ter Welt gele­sen, in einem Buch, das ich immer dann zur Hand neh­me, wenn mir die Spra­che müde zu wer­den scheint. Der Mai kam blau und stür­misch. Ein war­mer, nach Essig und Schnee­ro­sen duf­ten­der Wind fraß die letz­ten Eis­rin­den von den Tüm­peln, feg­te die Rauch­schwa­den aus den Gas­sen und trieb zer­ris­se­ne Gir­lan­den, Papier­blu­men und die öli­gen Fet­zen von Lam­pi­ons über den Strand. (Chris­toph Rans­mayr). Kaum hat­te ich das Wort Schnee­ro­se zu Ende gele­sen, stand ich auf und war­te­te erhitzt zwei oder drei Minu­ten vor mei­nem Aqua­ri­um. Dort woh­nen seit eini­gen Mona­ten Wäl­der und Fische, die mich im Zwie­licht schwe­bend, Stun­de um Stun­de beob­ach­ten. Ein­mal, gegen Zwei, ent­fal­te­te ich einen Stadt­plan New Yorks. Das mach­te sie wild. Dann wie­der Ruhe. Flos­sen­fä­den. Flug­dra­chen­schwän­ze. Und die­ser Mann, die­ser schläf­ri­ge Mann, der sich wie­der und wie­der nähert. Sei­ne Freu­de, dass ihn das Wort Schnee­ro­se, indem es dem Wort Essig folg­te, der­art begeis­ter­te, dass ihm warm wur­de, feu­rig und alle die­se Din­ge. Aber natür­lich, aber natür­lich erneut die Fra­ge, ob mei­ne Kaka­du­zwer­ge mich als einen der ihren, als einen Fisch betrach­ten. — Guten Morgen!
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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Anisha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te gern, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Anisha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird, zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
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déjà vu

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gink­go : 1.28 – Wie sich die Din­ge wie­der­ho­len. Okto­ber. Ich hat­te vor einer Stun­de noch mei­ne Fens­ter weit geöff­net. Kurz dar­auf segel­te ein Nacht­fal­ter durchs Arbeits­zim­mer. Das Tier war so müde und so schwach, dass es nach­gab und sich der Luft anver­trau­te. Bald hock­te der Fal­ter auf dem Boden. Ich hob ihn auf und setz­te ihn behut­sam an eine Wand. Er scheint in die­ser Minu­te zufrie­den, wenn nicht glück­lich zu sein. Ein paar Dioden­lich­ter glü­hen zu mir her­über. Ob ich den Fal­ter nicht viel­leicht füt­tern soll­te, über den Win­ter brin­gen? Er könn­te 250 Jah­re alt, er könn­te ein Lich­ten­berg­fal­ter sein. stop. Ein Déjà-vu. stop. Noch zu tun: stop. Nach ana­to­mi­schen Geräu­schwör­tern lau­schen. stop. Tsching. Tsching. — stop

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sprechgeräusche

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gink­go : 2.15 – Etwas Selt­sa­mes ist gesche­hen. Bin ges­tern Abend im Gar­ten ein­ge­schla­fen, obwohl ich in einem äußerst span­nen­den Buch geblät­tert hat­te. Viel­leicht war’s die schwe­re, war­me Luft oder eine schlaf­lo­se Nacht der ver­gan­ge­nen Jah­re, die rasch noch nach­ge­holt wer­den muss­te. So oder so schlief ich eine Stun­de tief und fest im Gras und wäre ver­mut­lich bis zum frü­hen Mor­gen hin in die­ser Wei­se anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gele­gen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­deln­den Amei­se geweckt wor­den wäre. Kaum hat­te ich die Augen geöff­net, war ich schon mit einer Fra­ge beschäf­tigt, die ich erst weni­ge Stun­den zuvor ent­deckt hat­te, mit der Fra­ge näm­lich, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Eine dif­fi­zi­le Fra­ge, eine Fra­ge, auf die ich bis­her viel­leicht des­halb kei­ne Ant­wort gefun­den habe, weil ich eine Ant­wort nur im Schlaf fin­den kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fan­gen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minu­ten in Isfa­han, Iran. – stop
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sandaugen blau

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sier­ra : 10.15 — Ein Spa­zier­gang durch den Prä­pa­rier­saal bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren. Woll­te Augen betrach­ten, fixier­te Augen, und so ging ich von Tisch zu Tisch und such­te nach san­di­gen, bläu­lich schim­mern­den Bäl­len. Mein scheu­er, mein ruhi­ger, mein fast küh­ler Blick. In der ver­gan­ge­nen Nacht aber, weiß der Him­mel, war­um, ein star­ker Ein­druck von Unheim­lich­keit, indem ich Ansich­ten weck­te und buch­sta­bier­te gegen 2. Ich stand vor dem Schreib­tisch auf, öff­ne­te die Fens­ter, ließ war­ten­de Flie­gen und Fal­ter her­ein, hör­te Char­lie Par­ker bis in die Mor­gen­däm­me­rung und dach­te wei­ter nach über das Rüs­sel­prin­zip der Tief­see­ele­fan­ten. Die Fra­ge stellt sich seit Tagen drin­gend, wie sie Luft von der Mee­res­ober­flä­che zu sich in die Tie­fe holen. — Kön­nen Tief­see­ele­fan­ten sehen? — stop

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abendsegler

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romeo : 2.15 — Eines Tages im Zwie­licht in gro­ßer Höhe über einer blü­hen­den Gar­ten­stadt auf einem Fens­ter­brett sit­zen und mit einer Angel Fle­der­mäu­se fischen. — Sind Abend­seg­ler genieß­bar? — Die kräf­ti­gen Mus­keln ihrer Brust viel­leicht? — Oder ihre Flü­gel? — Wäh­rend ich vor­hin so saß und über­leg­te, wel­che Hal­tung ich ein­neh­men soll­te, um noch stil­ler zu wer­den, um noch tie­fer in die Din­ge hin­ein hören zu kön­nen, die Ein­sicht, dass ich nie­mals einen ande­ren Men­schen tat­säch­lich erfin­den wer­de, als mich selbst. — Womit könn­te ich begin­nen? — Viel­leicht mit mei­nen Hän­den? — Die Ster­ne sind rund. — Zar­te Fin­ger von Licht. — stop. – Kurz nach 2 Uhr. — stop. – Ich beob­ach­te­te mei­ne Hän­de, wie sie eine Melo­ne schäl­ten. Indem ich eine Melo­ne mit dem Vor­satz öff­ne­te, mei­ne Hän­de zu beob­ach­ten, wur­den mei­ne Hän­de unsi­cher. Der Ein­druck, als wäre die­se Melo­ne die ers­te Melo­ne, die ich je geöff­net habe. — Erstaun­lich. — stop
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