delta : 18.01 UTC — Einmal spazierte ich an einem frostigen Tag im Schnee unter dem Papierlichthimmel, als ich auf einer Lichtung im Wald stehend im Unterholz einen Bus von gelber Farbe entdeckte. Der Bus war da und dort von Moos bedeckt, auch von Blättern der Buchen, die in seiner Nähe wuchsen. Auf der Haube des Motors lag ein halber Meter Schnee, in der Mitte dieser Mütze von Schnee ein kreisrundes Loch, dessen Rand vereist zu sein schien. In dem Moment als ich mich gerade herumdrehen wollte, um weiterzugehen, beobachtete ich eine Blaumeise, die sich dem Bus näherte, sie verschwand im Schnee. Kurz darauf landeten ein Rotkehlchen sowie ein Dompfaff auf der Motorhaube des Busses und tauchten auf demselben Wege wie die Blaumeise unter. Ich ging zurück und spähte in das Innere des Busses, ein erstaunlicher Anblick. Es war an einem späten Nachmittag gewesen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: himmel
korken
delta : 0.15 UTC — Das waren Zeiten, als wir noch Kinder waren, die unter freiem Himmel mit Flugdrachen spielten. Wie wir durch die Wälder krochen, um Knochen zu sammeln. Ein Bild zeigt mich in kurzen Hosen, wie ich einen Erdapfel über offenes Feuer halte, ich sammelte Briefmarken, Schmetterlinge, Steine und Kronkorken, ließ Seilbahnen über Bindfäden fahren von Haus zu Haus. Heute sammele ich gerne Geschichten von Kiemenmenschen, hölzerne Elefanten oder Marienkäfer, die nachts schlafend an warmen Lampenschirmen sitzen. — stop
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samarkand
echo : 0.28 UTC — Am Telefon erzählte unlängst eine Freundin, die 32 Jahre länger lebt als ich selbst, sie höre mir gern zu, auch dann, sagte sie, wenn du schnell sprichst. Sie gehe manchmal kurz in die Küche und mache sich einen Tee oder lese in einem Buch über die Stadt Samarkand. Hin und wieder stehe sie auf dem Balkon und betrachte den Abendhimmel, das Telefon ruhe indessen stets in Hörweite auf dem Wohnzimmertisch. Ich vernehme Dich also, lieber Louis, ich mag deine Stimme, aber Du solltest lernen, Pausen zu machen, langsamer zu werden. Ich antwortete: Ja, das ist gut, ich bin schon seit einigen Wochen in der Übung langsamer zu werden. Es ist sehr angenehm, langsam zu gehen und langsam oder gar nicht zu sprechen. Fortan werde ich, das ist ein Versprechen, immer wieder einmal zu Hause oder unterwegs eine Pause einlegen. Dann fragte ich: Was macht man denn so in einer Pause? — Es ist sehr schön wie meine Freundin lacht. Sie reist viel herum, nach Amerika, nach Paris, nach Jerusalem. — stop
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von wasserläufern
nordpol : 20.25 UTC — Heute Nachmittag habe ich eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich sass vor einem See in einem Garten und beobachtete sehr kleine Tiere, wie sie sich nahe oder auf der Oberfläche des Wassers bewegten. Da waren unter anderem Fliegen, die im Wasser des Sees badeten, und Schatten der Libellenlarven, die sich den badenden Fliegen nährten, auch Wasserläufer, die einander jagten im Spiel. Plötzlich fragte ich mich, ob ich eventuell in der Lage wäre, das Verhalten der Wasserläufer vorherzusagen, ob sich ein bestimmter Wasserläufer eher in östliche oder eher in westliche Richtung fortbewegen würde. Eine Weile folgte ich dem von mir gewählten Tier mit meinen Augen, dann zeichnete ich seinen Weg auf ein Blatt Papier. Wolken spiegelten sich im Wasser, der Himmel hier unten war grün, er schimmerte. Eine Unterwasserschnecke passierte mein Beobachtungsfeld sehr langsam, und ich notiere: Schnecke. In diesem Augenblick bemerkte ich fünf Goldfische, die sich in einem Halbkreis im Wasser vor mir versammelt hatten. Sie bewegten sich kaum merklich und ich hatte plötzlich den Eindruck, sie würden mich betrachten. Tatsächlich fühlte ich mich von einer Sekunde zur anderen Sekunde selbst beobachtet. Das war ein merkwürdiger Augenblick gewesen, ein Moment auch von Verlegenheit, weshalb ich mich wieder einem Gespräch auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine zuwendete, das ich mit einem Computerprogramm namens ELIZA in englischer Sprache vor langer Zeit einmal geführt und kurz darauf in die deutsche Sprache übersetzt hatte. Ich, der ich Louis gewesen war, fragte Eliza: guten abend! wie geht es dir, eliza? Eliza : > gut! und dir? Louis : prächtig. Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann das problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : darf ich dir eine frage stellen? Eliza : > sicher! Louis : was bedeutet das wort liebe? Eliza : > hast du schmetterlinge im bauch? Louis : eliza! bitte! was bedeutet das wort liebe! Eliza : > lass uns das eine weile zurückstellen. Louis : warum, eliza? Eliza : > du musst mich nicht mit namen rufen, ich bin immer bei dir. Louis : das ist beruhigend, eliza! Eliza : > erzähl weiter! Louis : eliza! liebe? Eliza : > hast du schon andere gefragt? Louis: aber natürlich! Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann dein problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : warum? Eliza : > ich sehe, du bist ein schwieriger fall. Louis : warum bin ich ein schwieriger fall, eliza? Eliza : > scherz beiseite, kommen wir zur sache. — stop
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late late blues
echo : 18.30 UTC — Samstag. Kaum auf den Beinen beschließe ich, ein Experiment zu wagen, an dem ich mich vor Jahren schon einmal versuchte. Ich wünschte, einen Gedanken genau so zu denken, als wäre dieser Gedanke der letzte meiner Gedanken. Die Beobachtung, dass sich bereits die Wahrnehmung eines letzten Gedankens in einer Zeit weit nach dem letzten Gedanken zu befinden scheint, als ob jedem Gedanken sofort ein Echo folgte. Vielleicht wird überhaupt jeder Gedanke niemals als Gedanke im Moment seiner Verfertigung, sondern immer nur in seiner Echospur für mich verfügbar sein. — Noch zu tun: Nachdenken über den Sandmann. — stop
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kaktusblüte
nordpol : 18.52 UTC — Ein Zufall führte mich in einem Moment zu Herrn K., als er gerade zum ersten Mal sein neues Bürozimmer betrat. Er führte einen Karton mit sich, nicht größer als eine Schuhschachtel. Aus diesem Behältnis hob er eine Notebookschreibmaschine, ein Mäppchen mit Bleistiften, eine farbige Fotografie sowie einen Kaktus, der blühte. Herr K. prüfte die Schubladen des Schreibtisches, der zu dem kleinen Zimmer mit Ausblick auf einen Park gehörte, sie waren leer. Seinen Kaktus stellte er auf die Fensterbank, die Fotografie neben ein Telefon, das sich bereits im Zimmer befunden hatte, ehe Herr K. eingetreten war. Er setzte sich auf einen Stuhl und sagte: Wissen Sie, mehr brauche ich nicht. Das sollten Sie immer bedenken, nur niemals heimisch werden, nur nicht glauben, dass Ihnen dieses Büro gehört. Im Gegenteil, Sie selbst gehören diesem Zimmer wie jeder andere, der nach Ihnen an dieser Stelle arbeiten wird. Wer in und von diesem Zimmer aus operiert, muss sich bewusst sein, dass er jederzeit ebenso plötzlich wie er gekommen ist, auch wieder gehen wird. In dieser Postion, die Sie hier oben bekleiden, haben Sie Erfolg oder sie haben keinen Erfolg. Binden Sie sich also nicht, arbeiten Sie konzentriert und genießen Sie die Aussicht, aber, um Himmels willen, fühlen Sie hier niemals zu Hause! — Diese Geschichte ereignete tatsächlich an einem Freitag im Juli des vergangenen Jahres. — stop
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nachtfaltung
sierra : 20.22 UTC – Etwas Merkwürdiges hat sich ereignet. Ich will das schnell erzählen. Es ist nämlich so, dass ich einer Figur, die in einem Textgeschehen existiert, vor Monaten einmal, ich glaube im November bereits, einen Namen gegeben habe, welcher dunkel leuchtet, ein mächtiger, unheimlicher Name. Es handelt sich um die Zeichenfolge Mandrill. Immer wieder einmal erzählte ich in der langsamen Entwicklung des Textes von einem Mann dieses Namens. Als Mandrill gestern unvermittelt in einer Weise handelte, die ich nicht erwartet hatte, zart und einfühlsam, schmerzte der Name, als hätte ich meiner Figur Unrecht getan. Heute Morgen war die wilde Verwerfung, die ich gestern noch spürte, wieder schön gefaltet. Ich trat ans Fenster im ersten Licht der Sonne, der Himmel war voll Wasserdampfspuren, welche Nachtfernflüge an den Himmel zeichneten. Kein Mensch auf der Straße, aber zwei Eichhörnchen, die auf einem Briefkasten saßen. Das habe ich noch nie so gesehen, gestern noch hätte ich behauptet, Eichhörnchen würden niemals auf Briefkästen sitzen. Deniz Yücel weiterhin in Haft. — stop

morgenstaubgeschichte
ulysses : 12.22 UTC — Was für ein schöner Sonntag. Das noch tief stehende Licht der Sonne, die am frühen Morgen in den Zentralbahnhof leuchtet, als würde sie immer dort in genau dieser Höhe von Osten her durch die Fenster scheinen. Eine Sonne nur für diesen Ort. Da ist feiner Rauchstaub, der aus einem Laden heraus durch die Halle schwebt. Die Raucher rauchen, indessen sie neue Rauchwaren besorgen. Bitter schmeckende Holzpapierluft. So muss das geduftet haben, genau so oder so ähnlich, ohne moderne Parfüme, wenn unter den Hafenhimmeln des 16. Jahrhunderts, nach langer Fahrt, die Bäuche der Handelsschiffe geöffnet wurden. Die Entzündung des getrockneten, des weit gereisten Materials vor der Mundöffnung eines Europäers führte zu einem Vorgang, den man zunächst als die Sauferei des Nebels bezeichnete, als Rauch- oder Tabaktrinken. Ja, was für ein schöner Sonntag. Ich gehe zu ungewohnter Zeit mit Tagaugen durch meine Stadt, als würde ich durch Brooklyn spazieren. — stop
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von gedankenlichtern
bamako : 22.01 UTC — Vor wenigen Tagen spazierte ich an einem späten Nachmittag in einem Garten. Da ist etwas Merkwürdiges geschehen. Während ich sehr langsam Schritt für Schritt vorwärts, seitwärts oder rückwärts ging, begann ich zu erzählen, Geschichten wie Blüten in meinem kleinen Kopf. Kaum hatte ich eine Geschichte zu Ende erzählt, waren weitere Geschichten aus den Wörtern bereits gewachsen, die sich öffneten, die erzählt werden wollten, helle oder dunklere Geschichten wie Lebewesen, und ich dachte noch, wie das so geht, wie die Geschichten kommen und gehen, Erinnerungen, als wollte sich plötzlich mein halbes Leben erzählen. So, im Erzählen im langsamen Gehen, habe ich die Zeit vergessen. Der Flug der Taubenschatten vor dem Abendhimmel, die vom Luftglück der Vögel erzählten. Ich hörte von Gedankenlichtern, von glimmenden Tastaturen. Seit zwei Tagen sitze ich immer wieder einmal ganz still und versuche mir Gedanken vorzustellen, die parallele Gedanken sind, Gedanken zur selben Zeit. Ich befinde mich sozusagen auf der Suche nach Gedanken, die vielleicht stimmlos, aber voll Licht sind, Gedanken wie Bilder, die sich in derselben Zeit bewegen? Jetzt habe ich einen kleinen Knoten im Kopf. — stop
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monsun
sierra : 12.01 UTC — Bald einmal ist dringend eine Sammlung von Beobachtungen anzulegen, von Ereignissen, die ich mit meinem persönlichen Leben nicht unmittelbar in Verbindung setzen kann, die jedoch zentrale Erfahrungen ungezählter Menschen sind, die vor meinen Augen auf Fernsehbildschirmen erscheinen, auf Titelseiten papierener oder elektrischer Zeitungen. Kann ich mir Hunger vorstellen? Ich meine, nicht vorsätzlichen Hunger der Fastenzeit, vielmehr tatsächlichen Hunger, Hunger, der einen menschlichen Körper beschädigt oder zerstört. Wie fühlt es sich an, in Brooklyn ohne Ausweispapiere zu existieren? Oder die Furcht einer Frau, in einem Außenbezirk der Stadt Delhi nach einer Spätschicht einen Bus zu besteigen. L., der ich leibhaftig begegnete, erzählte Folgendes: Ich bin in Mumbai geboren, ich liebe mein Land. Ich liebe mein Land zu jeder Jahreszeit. In Indien bedeutet das Wort Regenzeit Monsun oder Barsaat. In Kalkutta wirst Du Monsunregen erleben, der vom Himmel kommt, auch außerdem eine Art Monsun, der aus dem Boden steigt. — stop



