echo : 12.03 — Sagen wir das so: Tiefseeelefanten, sobald sie geboren werden auf hoher See in großer Tiefe, bleiben ihren Müttern lange Zeit verbunden. Solange Zeit genau wandern sie in nächster Nähe, bis ihre Rüssel ausreichend gewachsen sind, um zur Oberfläche des Meeres gelangen zu können. Wie sie sich küssen von Zeit zu Zeit in ewiger Dunkelheit, wie eine Mutter ihrem kleinen Elefanten Luft einhaucht, wie das taumelnde Wesen im Moment der Übergabe lustvoll seine blinden Augen schließt, eine Ahnung vom berauschenden Duft der Welt weit über ihm, von salzigen Schäumen, von Motorölen, Tang und weiteren angenehmen Substanzen, die ihm bald unmittelbar begegnen werden. Manchmal, eher selten, steigen sie, Miniaturen einer späteren Zeit, langsam aufwärts. Sie haben dann aus dem Munde ihrer Mutter einen Ballon süßer Luft entgegengenommen, der zu groß geworden sein könnte von Sorge und Liebe. Zwei oder drei Tage sind sie nun schwebend unterwegs, bis die Oberfläche des Wassers erreicht sein wird. Das feine Geräusch ihrer ersten Rüsselhupe, mit der sie die lichte Welt begrüßen. – Sonntag. Leichter Schneefall. Viel Jazz im Kopf. — stop

Aus der Wörtersammlung: lust
dorothy parker
india : 23.12 — Ein seltsamer Traum. Als ich erwachte, stolperte ich unverzüglich zum Schreibtisch und notierte: Mit Dorothy Parker spaziert. Manchmal frage ich mich, wie meine Träume entstehen, wie ich dazu komme, mir Geschichten zu erzählen, die von kosmischer Ferne sind, obwohl ich doch selbst in ihnen enthalten bin. Vor dem Hotel im Traum, 37. Straße West, wartete eine uralte, strahlend schöne Frau, die nach meinem rechten Arm verlangte, ohne ein Wort zu sprechen, eine geschmeidige, eine unwiderstehlich reizende Geste, und schon waren wir auf dem Weg dem Süden zu. Winterzeit, die Straßen dampften. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Die alte Frau trug einen schweren, dunklen Pelzmantel, feine Lederhandschuhe von weißer Farbe und einen roten Hut, auf den ich herabsehen konnte, weil die Gestalt an meiner Seite sehr zierlich gewesen war. Ich kann mich nicht erinnern, wer nun wen durch Manhattan führte, jedenfalls passierten wir den Broadway, die Bowery, die Brooklyn Bridge. Wir mussten lange Zeit unterwegs gewesen sein, weil Mrs. Dorothy Parker, die sich selbst im Traum nicht zu erkennen gab, sehr, sehr langsam ging. Einmal hob ich sie hoch und trug sie eine Weile und sie schlief in meinen Armen ein. Dann erreichten wir den Prospect Park, eine Gegend, die mir bekannt zu sein schien. Da war eine Kreuzung. Und da war Harvey Keitel, der fotografierte. Er kam auf mich zu und betrachtete das Gesicht der alten Frau und lächelte und erkundigte sich, ob ich denn wüsste, wen ich da in den Armen halten würde. — Und jetzt ist wieder Nacht geworden und ich habe gute, sehr gute Laune und funkende Lust traumwärts weiterzuerzählen. Wie nur komme ich über den Atlantik hinweg genau an den Ort meiner kleinen Schlafgeschichte zurück?
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raumschiff
india : 20.56 — Eine Libelle gegen den Abend zu, marineblau, die sich nahe meiner Nase in die Luft setze. Bald eine Viertelstunde betrachtete sie mich oder schlief, während ich einen Roman beobachtete und doch zugleich an entfernte Dinge dachte, an eine Mondlandung vor vierzig Jahren zum Beispiel, und an die Nachricht, das durchschnittliche Alter der Besatzung des Flugzeugträgers USS Harry S. Truman, dessen Cruise-Missiles Bagdad bombardierten, habe 19 Jahre betragen. Und da war noch ein anderes, ein wärmendes Bild in meinem lesenden Kopf, von dem ich gestern noch während eines Spazierganges in einer Weise erzählte, als wäre ich leibhaftig in nächster Nähe gewesen, als auf hoher See der Rüssel eines Tiefseeelefanten den Schrei einer Möwe derart lustvoll imitierte, dass tatsächliche Möwen, ein Schwarm, aus dem heiterem Himmel stürzten. — Ein lachender Mund, der sich langsam näherte. — Ein Raumschiff. — Wie alle Geschichten plötzlich endeten und auch die Zeit. — stop
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elephantisland
~ : rob salter
to : louis
subject : ELEPHANTISLAND
date : june 2 09 8.58 p.m.
Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stürmischer See Elephantisland erreicht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenommen. Südwestliche Bewegung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeelefantengruppen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mittags dann auf menschliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Untergrund, hüfthoher Steinwall nordwärts. Im Windschatten: drei gebleichte Walknochen, ein halbes Duzend fingerdicker Hautstücke, ein Kamm, zwei rostige Kugelschreiber, eine Blechtasse, zwölf Pinguinschnäbel, fünf Batterien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruchstücke eines Sonnenkollektors und einer Schreibmaschine. Das Werkzeug war in einer Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und richtete ein Messer gegen einen Seeelefanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armeslängen entfernt und scheuerte mit dem Rücken über den Felsen. Eigenartige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine verbeulte Trompete verschluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreischende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeitpunkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wandernde Spuren von Dehydration. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg angetreten, indessen, bei genauerer Betrachtung unserer Umgebung, auf Felsformationen entlang der Küste Fragmente von Zeichenketten entdeckt. Eindeutig Millers Handschrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause.
eingefangen
22.57 UTC
1817 Zeichen

atmen
top secret
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india : 2.15 — Wie eigenartig, dass wir Menschen seit Jahrtausenden bereits unseren Erfindungen nicht gewachsen sind. Es ist die Geschwindigkeit der Gegenstände einerseits, die Langsamkeit der Menschen anderseits, die töten. Und Mordlust. Und Einsamkeit, Verzweiflung, Wut, Irrsinn, Spieltrieb, Gier. — stop

remington
geraldine verliert ihren sommerhut
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~ : geraldine
to : louis
subject : MEIN SOMMERHUT
Es ist windig heute, Mr. Louis, aber das Meer bewegt sich nicht. Kleinste Wellen nur, als würde das Wasser frieren. Weil dazu die Sonne scheint, hatte Papa am Vormittag den Schiffsfotografen und meinen Sommerhut mitgebracht. Jetzt schwimmt mein Hut auf dem Atlantik, weil ich einen Moment nicht aufgepasst und ihn nicht festgehalten habe. Bald werde ich eine Fotografie besitzen mit einem Hut, den es nicht mehr gibt. Eine lustige Geschichte, nicht wahr? Aber was erzähle ich Ihnen da für unwichtige Dinge? Ich muss immerzu an meinen kleinen, lieben Steward denken. Seit zwei Tagen liegt er in seiner Kajüte, weil er krank geworden ist. Nichts Ernstes, nur ein Schnupfen und etwas Husten. Und natürlich darf ich nicht zu ihm, ich könnte mich infizieren mit Himmelweißwas und das würde mich umbringen, sagt der Doktor, obwohl ich das nicht glaube, weil ich doch sehr verliebt bin. In zwei Tagen darf ich vielleicht zu ihm. Bis dahin schicke ich kleine Briefe, weshalb ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, an Sie zu schreiben. — Ahoi, Mr. Louis, Ahoi! Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 22.02.2009
22.18 MEZ

GERALDINE TO LOUIS / ENDE
elefanten
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zoulou : 8.30 — In der vergangenen Nacht träumte ich eine lustige Geschichte, das heißt, ich träumte mich in ein Bild, das mir bekannt zu sein schien, weshalb ich ein Selbstgespräch führte, in etwa so, als würde ich einen Film kommentieren. Als ich wach geworden war, erinnerte ich mich, vor einiger Zeit eine Traumgeschichte aufgezeichnet zu haben, die von seltsamen Menschenohren erzählte. Und tatsächlich habe ich diese Geschichte und mit ihr den Traum der vergangenen Nacht soeben wiedergefunden, sodass heute Morgen nichts zu tun ist, als die Wiederholung des Traumes von den seltsamen Ohren und seinen Zeichenschatten auch an dieser Stelle zu dokumentieren. Ich saß also vor längerer Zeit und noch vor wenigen Stunden > in einem Café nahe einem Meer unter Männern, die Go oder etwas anderes spielten mit kleinen, runden, bernsteinfarbenen Steinen. Die Luft an diesem Ort war heiß und trocken, deshalb wunderte ich mich nicht, dass die Männer, die von hohem Alter gewesen waren, sich mit gewaltigen Ohren Luft zufächelten in der Art und Weise der Elefanten. Seltsame Geräusche waren zu hören, schwere, knarzende Töne, als würde an hölzernen Schrauben gedreht. Und doch war die Haut der Ohren so fein, dass man durch sie hindurch sehen konnte. Sobald sie hinter den verwitterten Köpfen zusammenschlugen, wurden die Augen der Herren zu Schlitzen, bewegten sich die luftigen Häute zurück, öffneten sie sich. Hinter dem Tresen dämmerte ein weiterer Mann, der hatte sich mit seinem Pergament das Gesicht zugedeckt. Ich betrachtete ihn eine Weile, und schon war ich, noch im Stehen, dem heutigen Tag zu eingeschlafen. – Guten Morgen! Heute ist Sonntag.

mrs. callas : at covent garden
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tango : 0.15 — Hatte einen lustigen Traum. Saß im Zug und naschte Schokolade. Ich naschte so viel Schokolade, dass sich meine Stirn und meine linke Hand in eine Stirn und eine Hand von reinster Schokolade verwandelten. Ein Kind kam vorbei, kostete von meinem Zeigefinger und sagte: Du schmeckst gut. Und dann war schon Samstag geworden. — stop



