romeo : 18.52 — Im Traum vergangene Nacht mit Geraldine im Central Park spaziert. Ich erinnere mich, es schneite. Ein Regenschirmtierchen schwebte fröstelnd über uns, und ich wunderte mich, dass Geraldine das Wesen, das sich langsam um die eigene Achse drehte, nicht zu bemerken schien. Das lag vielleicht daran, dass sie in einer pausenlosen Art und Weise erzählte, als ob sie ahnte, dass wir jederzeit erwachen und dann nie wieder zueinanderfinden könnten. Im Übrigen bewegte sie sich rückwärts hüpfend vor mir her, war sommerlich gekleidet, froh und glücklich. Ich glaube, ich habe in diesem Traum zum ersten Mal Geraldine’s Stimme gehört und ihr Lachen. Sie berichtete, dass sie in der Nähe des Hauses, in dem sie vor ihrer Reise nach Europa gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Zwillingsschwester wohnte, Audrey Hepburn bei der Arbeit an dem Film Breakfast at Tiffany’s beobachten konnte, und dass sie diese Schauspielerin sehr bewundern würde, aber doch viel lieber Forscherin sein wolle. Kurz darauf weckte mich eine Feuerwehrsirene und ich war erleichtert, dass mir im Traum Geraldine’s Schicksal nicht bekannt gewesen war. – Heute ist also Sonntag, und es schneit schon wieder. Vor wenigen Minuten habe ich etwas entdeckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in meinem Leben das pressende Denken immer seltener, das lauschende Denken hingegen immer häufiger zur Anwendung kommt. Guten Abend, gute Nacht! — stop

Aus der Wörtersammlung: pause
one man band
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himalaya : 2.10 — Einmal, im Alter von fünf oder sechs Jahren, beobachtete ich einen Mann, von dem nichts zu sehen gewesen war, als die Spitzen seiner Schuhe, eine ramponierte Hose, ein rußiges Hemd und ein Hut mit Feder, weil der Mann von Musikinstrumenten geradezu überfallen gewesen zu sein schien. Ich hatte den Eindruck, dass nicht der Mann auf seinen Instrumenten spielte, sondern die Instrumente auf einem Gefangenen. An diese Geschichte, von meinem damals jungen Gehirn vor einem wirklichen Bild entworfen, erinnerte ich mich gestern Abend, während ich an der Konstruktion eines Rasselkäfers arbeitete. Bald geisterte die Gestalt eines weiteren Mannes durch meinen Kopf, auf dessen Körper hunderte knatternde Käferwesen Platz genommen hatten. Nein, sie hatten sich nicht eigentlich niedergelassen, sie waren fest mit ihm verbunden, sie waren Teil, sie waren ihm aus der Haut gefahren und knisterten und klapperten ohne eine Pausenzeit einzulegen, weswegen es sich bei jenem von mir eroberten Menschenwesen, um eine Person ohne Gehör handeln musste. Könnte dieser Mann glücklich sein? Ich wüsste gerne, was nun zu unternehmen ist! Schluss jetzt. Fangen wir noch einmal von vorne an. Heute ist Dienstag, Frühling und Winter. — stop
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jonglieren
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charlie : 3.05 — Das Wort weicht nicht vor dem Wort, sondern vor dem Text zurück. — Eine merkwürdige Erfahrung. — Ich nehme das Wort REGENKÄFER aus einem Text heraus, lege es auf ein Blatt Papier und suche weitere Wörter. Solange Zeit suche ich, bis das WORT zufrieden geworden ist. Dann mache ich eine Pause, beobachte einen Film, der vom Victoriasee erzählt, schlafe ein, wache auf, gehe zum Schreibtisch zurück und nehme das Wort ERINNERUNG aus einem Text heraus, lege es auf ein Blatt Papier und suche so lange Zeit weitere Wörter, bis das WORT zufrieden geworden ist. — Ich notiere: Zwei Uhr und achtzehn Minuten. Wieder habe ich bemerkt, dass sich die Zeit rückwärts nur in kleinen oder großen Sprüngen einnehmen lässt. Die Zeit mag sich nicht in die Vergangenheit spulen. — stop

gedankengeschichte
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romeo : 16.25 — Mit einer jungen Ärztin im Gespräch über Menschen, die sich aus modischen Gründen von kleineren Teilen ihrer Wangen trennen, um sie durch edelste Hölzer zu ersetzen, je nach Teint, stellte ich mir vor, hellere oder etwas dunklere Materialien, die man polieren kann, die glühen wie die Substanzen feiner Pfeifenköpfe. Ich erzählte diese Gedankengeschichte bei einer Tasse Schokolade, rückte mit meiner Fantasie langsam vorwärts, weil ich erwartete, sie würde vielleicht aufspringen und sich entfernen wollen. Stattdessen stellte sie die Frage, ob man die Materialien des Waldes, über die ich nachgedacht hatte, als Schmuckware betrachten sollte, die im Fleisch des Körpers schwimmen würde, oder eher um Bojenkörper, welche mit einem der Gesichtsknochen verbunden sein müssten. Sie machte eine kleine Pause und noch ehe ich antworten konnte, stellte sie nüchtern fest: Die Ränder der Natürlichkeit sind ein Problem. stop. Kurz nach vier Uhr und fast schon dunkel. Seit einer Stunde Regen. Er kommt in einer Weise vom Himmel gefallen, dass ich ihn wieder hören kann. — stop

sames salter
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~ : louis
to : Mr. james salter
subject : MARIT
Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wunderbaren Erzählungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatthaare eines Elefantenfußbaumes, der neben meiner Computermaschine steht, und beobachtete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe überlegt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spinnen vielleicht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzugehen, ob Spinnen über Ohrenpaare oder doch wenigstens über einen zentralen Gehörgang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Computermaschine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luftnummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinauszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst herausgekommen war, verspeiste, demzufolge verkürzte. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrachtete, das ist denkbar, weil ich aufgehört hatte, laut zu lesen für einen Moment, um nachzudenken, vielleicht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf meiner Augenhöhe bleiben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe heruntergekommen war, Marit, die doch eigentlich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erinnern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüttert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreibtisch und überlegte, ob auch sie, James Salter, erschüttert waren, als Marit so langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herunterkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreibmaschine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mit ihren sehr kleinen Beinen, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist mit einer elektrischen Schreibmaschine zwei Buchstaben zur gleichen Zeit, also übereinander, auf das Papier oder den Bildschirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herzlichen Grüßen. Louis.

zyklope
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20.33 — Einmal, vor zwei oder drei Jahren, erzählte mir ein junger Medizinmann einen merkwürdigen Traum. Folgendes, sagte der Mann. Stell dir einen Wartesaal vor, einen Bahnhof. Reisende sitzen dort auf hölzernen Bänken. Sie rauchen und plaudern miteinander. Unweit einer Schaltergalerie kauern unbekleidete Zyklopen von schneeweißer Haut zu einem Kreis auf dem Boden, tauschen Herzen und Gehirne und Beine und Arme von Menschen. Sie rauchen gleichwohl und scherzen in einer Sprache, die nicht zu verstehen ist. Ich erinnere mich, meinen eigenen Kopf gesehen zu haben. So lange reichen sie ihn herum, bis jeder der Zyklopen ihn ein Mal in Händen gehalten und von allen Seiten her betrachtet hat. — An dieser Stelle machte der junge Mann eine Pause. — Wolkenloser Nachthimmel mit Mond. Der Eindruck, es würde regnen. — stop

engelwerkstatt
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18.52 — Engelwerkstatt [ Blaupause No 7752 ] : Die Engel der Nilpferde, zum Beispiel, manchmal kann man sie sehen in den Winden, die das Gras der Steppen durchwehen. — stop
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