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romeo : 0.05 — z u n g e n r ü c k e n

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romeo : Vielleicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Straßen Venedigs denke, von Wellenbewegungen sprechen, die einem sehr langsamen Rhythmus folgen, von Halbjahreswellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigentlichen Zeit betrachte, wie Palomar’s Sekundenwellen benehmen. — Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrümmert? – Dämmerung. Stille. Nur das Geräusch der tropfenden Bäume. Eine Nacht voll Gewitter, glimmende Vögel irren am Himmel, Nachtvögel ohne Füße, Vogelwesen, die niemals landen. — stop

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romeo : 0.05 — Einmal, an einem heißen Sommerabend, habe ich eine Stadt durchwandert. Sie lag bereits unterm Nachtzeppelin, weshalb ich nicht sofort bemerkte, dass an der Innenseite meines linken Oberschenkels ein voluminöses Blutgefäß aus der Fassung gesprungen war. Der seltsame Eindruck, während ich spazierte, ein kleines Tier würde mich kosend berühren. Kurz darauf notierten Fahrgäste eines U‑Bahnwagons, ich würde, derart weit geöffnet, vielleicht bald ernsthaften Schaden erleiden. Und tatsächlich, da war ein Schlauch von dunkelblauem Gummi, der nahe meiner Leistengegend unruhig durch die Luft zappelte. Ich konnte seine Bewegung gut erkennen, weil ich, weiß der Himmel warum, insgesamt nicht bekleidet gewesen war. Eine ältere Dame, eine Ärztin, nahm dann Platz in meiner Nähe. Mit bloßen Händen erweiterte sie meinen Schenkel bis hin zum Knie, sodass weitere Schläuche aus dem Oberschenkel fielen, die sie sortierte, während sie gelassen eine Melodie vor sich hin summte. Da waren Strukturen, kein Blut, in gelber, in roter, in grüner, in blauer Farbe. Indem sie an einem der geschmeidigen Röhrchen zog, an einem filigranen Gefäß, nein, an einem hauchdünnen Seilzug, sandfarben, schloss sich das Linke meiner Augen gegen meinen Willen, und die Ärztin lachte und sagte, schau her, wie schön bunt Du doch bist. Wenn ich hier ein wenig ziehen werde, machst Du auch noch das rechte Auge zu. Dann wach. — Heute ist Sonntag, bald wieder Nacht. Geträumt habe ich bereits am Samstag. — stop
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romeo : 0.08 – Manche Menschen, zum Beispiel, wenn ich ihnen nachts auf der Straße begegne, grüßen mich, als würden wir uns gerade im Hochgebirge oder in einer anderen Wildnis befinden. Wir setzen uns dann auf die nächste Bank, tauschen ein wenig Proviant und die letzten Nachrichten aus, und fühlen einander verbunden, sagen wir, durch den Mangel an Licht. Andere Menschen wiederum fürchten sich vor mir, wie jene uralte Dame mit ihrem noch älteren Hund, sie fletscht die Zähne, sobald sie mich sieht gegen drei Uhr auf dem Adornoplatz. Vielleicht gehört sie bereits in den heranrückenden Morgen, ist Tagmensch, nicht Nachtmensch, hält mich für lichtscheues Gesindel. Obwohl ich ihr längst in meiner ganzen Harmlosigkeit bekannt sein müsste, doch stets dieselbe urmenschlich drohende Haltung. Vielleicht ist sie halbwegs schon blind geworden. Oder aber ich werde vergessen, immer wieder vergessen, einmal um die eigene Achse gedreht, und schon bin ich zu weiterem taufrischen Schrecken geworden.

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india : 3.26 — Das Seltsame an den Nachtbüchern ist, dass man sie nur nachts und nur unter freiem Himmel lesen kann. Ich war deshalb bis kurz nach Zwei im Palmengarten am See und hörte den Spinnen zu beim Seilen, und lauschte Panthern bei leiser Fresserei und anderen angenehmen Dingen, die man so macht, wenn man bemerkt, dass man ein Panther geworden ist in einer Vorsommernacht. Dann ging ich nach Hause und legte das Nachtbuch, das von einer Chinesin erzählt, die sich wundert, dass sie eine Chinesin ist, ins Regal zu anderen Nachtbüchern zurück. Sitze jetzt auf dem Sofa und die Fenster sind geöffnet und ein Falter flattert in einem Lampion herum und notiere eine kleine wilde Geschichte. Diese Geschichte geht so: Irgendwann, sagen wir im Sommer, sagen wir morgens. Ein Spieler steht am Fenster. Er schaut in Richtung des gegenüberliegenden Hauses. Die Sicht ist gut. Kein Nebel. Kein Dunst. Ein oder zwei Vögel, Laternenhöhe, auf und ab. Jetzt richtet der Spieler den Revolver gegen die Schläfe. Alle Kammern der Waffe sind munitioniert. Der Spieler wartet ab. Glühender Kopf. Film zurück, mal bunt, mal nicht. Brillanter Streifen. Verlässt ein Mann das Haus, schießt sich der Spieler eine Kugel in den Kopf. Game over. Ende. Fin. Verlässt eine Frau das Haus, hat der Spieler einen Tag gewonnen. Es ist dann ein Tag leichten Genießens, ein Tag aber auch von Unruhe, sobald Abend geworden ist. Jetzt schläft der Spieler. Dann wacht der Spieler auf. Wieder steht er am Fenster, wieder ist früher Morgen und wieder ist Sommer. Die Maschine lässt sich nicht anhalten, auch die Zeit nicht, — Revolver gegen Stirn. Entweicht dem Haus eine Katze, wird eine Kugel entnommen. Jede weitere Katze entnimmt der Revolvertrommel eine weitere Kugel. Sechs Katzen bedeuten eine Frau. Frauen und Katzen bringen Glück. Natürlich lässt sich das unendlich verfeinern. Eine rote Katze erzwingt eine zweite Aufführung noch an demselben Morgen. Kommt ein Nashorn aus dem Haus, hört der Spieler für immer auf zu spielen. Ein Nashorn mit drei Hörnern und der Spieler wird Priester. Wir sehen, die Bedingungen des Spielers ein Priester zu werden, sind eindeutig definiert. Kein Entkommen. Kein Ausweg. Ein Liebhaber konzentrierten Lichts. Cinema Paradiso.
marimba : 1.15 — Saß frühabends am See unter blühenden Akazienbäumen. Vielleicht deshalb, weil die Akazien blühn, niesen in diesen Tagen und Nächten die Schwäne und auch die Rotwangenschildkröten niesen und alle Enten. Hör sie noch aus großer Entfernung, feine, helle Luftgeräusche, während ich am Schreibtisch sitze und Kenzaburo Oe’s Roman Der Stolz der Toten beobachte, das geschlossen vor mir liegt. Gleich werde ich das Buch öffnen und seine Zeichen zählen.
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echo : 0.01 — Eine Fotografie, die James Watson und Francis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Doppelhelix zeigt. Der Eindruck, Watson würde einen an der Zimmerdecke lungernden Trompetenkäfer betrachten, dessen Gattung zum Zeitpunkt der Aufnahme sich bereits abzuzeichnen beginnt.
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Vielleicht sollte ich sagen, dass Trompetenkäfer rein pneumatische Arbeiter sind, während Posaunenkäfer sowohl pneumatische als auch mechanische Verfahren der Tonerzeugung in sich vereinigen. Drummer knallen elektrisch. Bassisten verfügen über einen Körper von ungewöhnlicher Länge, über ein Gehäuse, welches von feinsten Lamellenknochen ausgebildet sein wird. Gerade diese wohlklingenden Wesen werden eines Tages mit Zigarren leicht zu verwechseln sein. Das Erstaunliche an musizierenden Käferwesen ist, dass sie den Musiker sowohl als auch ein Instrument, das von Menschen erfunden wurde, mit sich führen, dass sie also symbiotische Wesen sind. — stop

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tango : 2.15 – Eines Tages im Jahre 1965, vielleicht an einem Samstag, vielleicht an einem Sonntag, ich konnte schon laufen und hatte gelernt, mir die Schuhe zu binden, nahm Roman Opalka den kleinsten seiner verfügbaren Pinsel in die rechte Hand und malte mit titanweißer Farbe das Zeichen 1 auf eine schwarz grundierte Leinwandfläche. Bevor er diese erste Ziffer malte, fotografierte er sich selbst. Er war gerade 34 Jahre alt geworden, und als er etwas später seine Arbeit unterbrach, — er hatte weitere Ziffern, nämlich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Leinwand gesetzt -, fotografierte er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jahre alt, aber doch um Stunden, um Ziffern gealtert. Auch am nächsten und am übernächsten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr, wurde er älter, indem er Ziffern malte, die an mathematischer Größe gewannen. Wenn eine Leinwand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekommen war in einer letzten Zeile unten rechts, setzte er fort auf einer weiteren Leinwand oben links, die indessen eine Lichtspur heller geworden war, als die Grundierung des Bildes zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl lauthals in die Luft, um mit seiner Stimme auf einem Tonband die Spur seiner Zeichen zu dokumentieren. — In unserer Zeit, heute, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir morgen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opalka mit weißer Farbe auf weißen Untergrund malen, Ziffern, die nur noch sichtbar sind durch die Erhebung des Materials auf der Oberfläche des Details. Der Betrachter, stelle ich mir vor, muss das Bild von der Seite her betrachten, um die Zeichen in ihren Schatten erkennen zu können. — stop![]()
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3.15 — Bei feiner Coltranemusik Notizparticles für Lowrystory übertragen. Sagen wir : Atlantik : Dampfer : Koffer : Blackout : Ellis Island : Trompete : Mexiko : Höllenstein : Gin : Satellit : Vulkan : Bellevue : Walfischvogel : Melville : Battery Park : : lunar caustic. — Um nicht einzuschlafen, verbringe ich diese Nacht auf einem sehr harten, hölzernen Gartenstuhl. 70 Meter tief unter der Wasseroberfläche, 2000 m hoch über dem Meeresboden. | stop | Lichtblitze einer Meduse. | stop | Schlafende Wale. | stop | Senkrecht schwebende Türme. | stop | Ein Granatbarsch, der sich um mein linkes Ohr bemüht. | stop | Salz im Mund. | stop | Suche nach neuen Pseudonymen. — Elf Uhr fünfundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop

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~ : louis
to : Mr. eliot
subject : TROMPETENKÄFER
Lieber Eliot, bei uns ist jetzt schon Dienstag. Gestern, also am Montag noch, war ich spazieren im schönsten Garten der Stadt. Stürmische Luft, alles ging verkehrt herum, es regnete aus dem Boden, die Sonne war auch irgendwo da unten und ich konnte nicht notieren, weil mir mein Notizbuch davon geflogen war. Ich habe Dir deshalb nicht viel zu berichten, weil ich ohne mein Notizbuch nicht anfange zu denken. An den letzten Gedanken, den ich in mein Notizbuch notierte, ehe es an den Wind verloren ging, kann ich mich gerade noch erinnern. Das also sollst Du wissen, ich habe entdeckt, dass ich, sobald ich einen Trompetenkäfer zu entwerfen wünsche, über die Lunge dieses Wesens, genauer über seine Luftpumpe und ihre Position in den Zusammenhängen eines Käferkörpers nachzudenken habe, andererseits, aus vorwiegend physikalischen Gründen, über die Füße des Käfers, die derart zu konzipieren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trompetenton zu erzeugen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blütenblatt oder einem menschlichen Finger zu verankern, um dem Rückstoß, den wir sehr sicher erwarten dürfen, Widerstand entgegensetzen zu können. Zu weiteren Gedanken, lieber Eliot, war ich gestern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch herübergekommen sein. Diese E‑Mail ist schneller als der Wind. Dein Louis
gesendet am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

