nordpol : 18.16 UTC — Eine Sammlung von Kerzen am Ende eines Bahnsteiges, Sammlung von Rosen, Nelken, Tulpen, hunderte Sträuße und Briefe in allen möglichen Farben und Sprachen: Mach’s gut, kleiner Mann! Immer wieder dieser Satz, es leuchtet auch am Tag, und Menschen erscheinen oder bleiben stehen. Sie sind still, weil ein Kind von einem Zug überfahren wurde, weil ein verwirrter Mann das Kind vor einen Zug gestoßen hatte, ein Mann, der in Afrika geboren wurde, weswegen auch böse Personen immer wieder einmal böse Sätze über Hautfarben und Menschen aus der Fremde sagen. Meist aber ist es still, auch deshalb, weil die Fotoapparate heutzutage Telefone sind, die sich auch wie Fotoapparate benehmen, man hört nicht, wenn sie das Licht einfangen. Es wird viel fotografiert, vielleicht weil es hier berührt, hunderte Teddybären. Eine Frau, sie trinkt aus einer kleinen Flasche Cognac, neben ihrem Rollstuhl kauert ein Hund. Die Frau sieht elend aus, weint: Das arme Kind, sagt sie, und dass die hier fotografieren, das auch noch. Furchtbar ist das. Dann fährt sie davon, sehr dicht an der Bahnsteigkante entlang, Tage später ist vor Ort nichts mehr zu sehen, aber die Bilder in digitalen Kammern, auch vom Jungen, vom kleinen Mann, ein Bild, eine Fälschung. — stop
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Aus der Wörtersammlung: sehen
paperwhite
echo : 15.12 UTC — Esmeralda erzählte im Zug zur Arbeit, sie lese schon seit drei Jahren an einem Buch in ihrem Kindle Paperwhite Lesegerät, das von Reisen durch die Stadt New York erzähle. Du liest langsam, frage ich. Nein, antwortete Esmeralda, ich bin eine geübte Leserin, ich glaube, ich werde immer schneller. Das Buch ist wohl sehr umfangreich, fuhr ich fort, wer hat es denn geschrieben, wollte ich wissen. Ein Spaziergänger namens L, sagte sie, es heißt, das Buch sei noch gar nicht fertig, sondern würde immer weiter fortgeschrieben, während andere es bereits lesen. Das ist eine gute Erklärung, antwortete ich, kann ich einmal sehen? Esmeralda reichte mir das Lesegerät, das leicht war wie eine Tafel Popcorn-Schokolade, dort tatsächlich schönes Papierlicht wie geschälter Reis. Ich las: Freitag. Es ist Freitag geworden. Fahre im Zug der Staten Island Railway ans Ende der Welt durch borstige Landschaft. Ortschaften, die sich ähnlich sind, Häuser von Holz, ein oder zwei Stockwerke hoch, helle Farben, Gärten, klein und von Holzwänden umzäunt, als wollten die Bewohner dieser seltsamen Gegend einander nicht sehen, nicht hören. Kirchturmspitzen, Tankstellen, Fabriken, Straßen ohne Ende, eine eiserne Wildnis, in welcher Öltanks und Schrottberge wie Pilze aus kargen Wäldern wachsen. Durch diese Menschenlandschaft schaukelt der Zug, dass man sich festhalten muss. Auf einem Schiffsdock liegt ein Schaufelraddampfer, den ich sofort mit mir nehmen würde, wenn ich ihn in meine Hosentasche stecken könnte. Frierende Menschen steigen ein und frieren weiter. Aus einer Tasche ragt die dampfende Schwanzflosse eines gekochten Fisches. Kondukteure wandern von Abteil zu Abteil, schlagen Eis von den Türen. Und da ist dieser wilde Kerl, läuft rufend und singend im Wagon auf und ab. Gefrorene Möwen fallen vom Himmel. Tompkinsville. Great Kills. Atlantic. - stop
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vom warten
himalaya : 12.22 UTC — Da sind Menschen, die in einem Kontrollzentrum Bildschirme beobachten. Sie haben sich versammelt, gemeinsam die Landung einer Marssonde zu erleben. Was gerade geschieht, in großer Entfernung, ist derart spannend, dass sie alle ganz still sind. Sie stehen oder sitzen und betrachten also Bildschirme, auf welchen nichts zu sehen ist, als Zahlenreihen, die sie vermutlich zu lesen in der Lage sind, als wären sie Wörter, welche eine Geschichte erzählen, die in diesem Augenblick der Beobachtung vermutlich längst schon vollendet ist. Blackout expected, sagt eine Stimme. — stop
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16 uhr 18
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lima : 16.18 UTC — Hörte Friedrike Mayröcker von Steinen sprechen: Ist das Schreiben etwa wie das Ansetzen von Dominosteinen? — stop

am telefon
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echo : 16.12 UTC — In Traum erzählte mir eine sehr alte Frau am Telefon, ich dürfe, sollte ich einmal zu Besuch kommen, ihr weder Fotografien noch Filmaufnahmen zeigen, die ich vielleicht entdeckt und aufbewahrt haben könnte. Sie sagte, dass sie sich vor Fotografien fürchte, sie habe immer sofort alles im Blick, sie könne nicht einfach nur eine kleine Portion betrachten, einen Ausschnitt eines Ortes, vor dem sie sich fürchte, es wäre immer alles sofort gegenwärtig, die Absicht des Bildes oder ein Zufall. Ich erinnere mich in diesem nächtlichen Gespräch versichert zu haben, ihr niemals eine Fotografie von dort zu zeigen. Aber ich gab nicht sofort auf. Ich bemerkte, dass es immerhin möglich wäre, Fotografien in kleinere Teile zu zerlegen, ich könnte diese Teile nummerieren und mit ihr gemeinsam auf einem Tisch Teilbild für Teilbild sehr langsam ergänzen, sie könnte sich in diesem Falle also an ein langsam entstehendes Bild zunächst gewöhnen, indessen ich ihr erzählen würde, was auf den Teilbildern bereits von der Absicht oder einem Zufall zu sehen ist. Als ich meine Rede unterbrach, blieb es still da drüben jenseits meines Telefonhörers, der selbst als ein vollständiges Telefon bezeichnet werden könnte. Dann wachte ich auf, es war Sonntag. — stop

nachts
sierra : 3.02 — Louis bat mich, eine Geschichte zu erzählen vom Glück, als ich noch ein Kind gewesen war. Ich musste nicht lange überlegen. Ich sagte, dass ich abends, sobald das Licht in meinem Zimmer ausgeschaltet wurde, heimlich in meinen Büchern gelesen habe. Zu diesem Zweck hatte ich eine Taschenlampe unter meinem Kopfkissen versteckt. Ich las immer im Sitzen, die Beine verschränkt, Jules Verne zum Beispiel. Aufregend, nicht nur die Bücher, sondern das verbotene Lesen zur Nachtzeit selbst. Während ich Louis von meinem Glück berichtete, erinnerte ich mich, wie mein Bruder, der in demselben Zimmer geschlafen hatte, einmal erzählte, ich, der Ältere, habe zur Sommerzeit wie ein leuchtender Berg ausgesehen, der sich manchmal bewegte. Hin und wieder, ich erinnere mich, flackerte das Licht, weil die Kraft der Batterien in der kleinen Lampe zur Neige ging. Ich musste dann immer ein wenig warten, bis sich die Batterien wieder erholten. Oft war ich in dieser Zeit des Wartens noch im Sitzen eingeschlafen. Da lachte Louis, vermutlich, weil er sich erinnerte.- stop

von blüten
lima : 15.01 UTC — Vor der Verkündung des Urteils hat sich das Gericht vornehm zurückgezogen. Der Angeklagte sitzt auf seinem Platz und wartet. Links und rechts etwas erhöht haben sich auch seine Verteidiger, zwei angesehene Anwälte der Stadt, von ihren Plätzen nicht erhoben, man rechnet mit einer raschen Entscheidung. So auch der Staatsanwalt, ein jüngerer Herr, nicht einmal seine Robe hat er abgelegt, währenddessen er den Angeklagten gleichen Alters in einer vorsichtigen Art und Weise betrachtet, als sei er sich nicht sicher, mit seinem Plädoyer eine ausreichende Begründung für die hohe Strafe dargelegt zu haben, die er zuletzt über den Angestellten der städtischen Bibliotheken zu werfen forderte. Genau so hatte er noch gesprochen, werfen, nicht verhängen solle man eine Strafe über diesen Mann, der sich hier im Saale höchst unauffällig benommen hatte. Wann hatte er die erste Blume freigelassen, wann den ersten Samen ausgestreut? War es ihm denn nicht in den Sinn gekommen, dass er unrecht handelte, als er mit Vorsatz versuchte Urwald in der Stadt auszusetzen? Ja, wie konnte er denn glauben, dass man ihn ohne Strafe davon kommen lassen würde, nachdem seine Larentiae Sinensios vor dem Opernhaus das Pflaster sprengten, nachdem man im schönsten der zentralen Parks gerade noch verhindern konnte, dass der goldrote Samenstaub der Lobelia Frasensis sich des Palmenhauses bemächtigte? Ja wie konnte er gestatten, dass man ihn rühmte als einen guten Menschen, da doch die von ihm vornehmlich unter der Straßenbahnfahrt in die Luft gepuderten Kostbarkeiten der Nemuso Lasastro in den Lungen der städtischen Bürger wundersame Blüten zu treiben begannen? Man hatte lange Zeit Mühe, sie in ihrem Wachstum zu begrenzen. Das Wunder ihrer feuerroten Kelche drang aus den Gräbern derer, die an den Blüten erstickten. Dort, unter den Ulmen und Kastanienbäumen, kämpften die Gärtner einen ungleichen Kampf, wie ihre Brüder und Schwestern in den Hängenden Gärten der gläsernen Bankentürme, die vergeblich versuchten, die Taraxaca des gefräßigen Schäferkorbbaums aus ihren Häusern zu kämpfen. Morgens, wenn die herrliche Oktobersonne von Osten her in die riesigen Atriien schien, sah man wohlgeformten Fallschirme dieser fruchtbarsten Pflanzengeschöpfe in den künstlichen Winden des Gebäudes auf und niedergehen. Es war dies die Stunde, da man sich geschlagen gab, um dann doch wieder auszuschwärmen, um den Notrufen zu folgen, die von verzweifelte Angestellten aus ihren Büros abgesetzt worden waren. Der junge Staatsanwalt sieht durch das kühle Licht des Saales zu dem Angeklagten hinüber, und ein Schauer überläuft ihn bei dem Gedanken, dass gerade jene von der Stadt bezahlten Stunden des Studiums es den Bibliothekaren ermöglichten, in den biologischen Sammlungen und Archiven nach den Gierigsten unter den Blumen dieser Welt zu forschen. Er sieht diesen bescheidenen Herrn an einem behördlichen Schreibtisch sitzen, einem hölzernen, wie er die Fächer seiner ledernen Tasche mit Samen munitioniert. Und dann sieht er ihn spazieren, da dort lächelnd eine Dosis Blütensamen auf den Boden werfend, sodass schon bald darauf im Wechsel der Duft von Kamille, der Duft der blauen Andenhyazinten vom Schotter der Straßenbahngeleise aufzusteigen begann. Aus der Regenrinne des Polizeipräsidiums wuchert noch heute eine Commeline Cestre himmelhoch über Radioantennen hinaus, das Bersten ihrer Nüsse im Oktober ist noch über hunderte Metern hin deutlich zu hören, es sind Schüsse, es ist die reinste Gefahr, die dort über den Dächern der Stadt auf den Winter lauert. Da sitzen sie nun, ein junger Herr, ein Samenwerfer und ein junger Staatsanwalt, und warten auf das Urteil, das eine gerechte Strafe aussprechen möge. — stop

#HongKongProtests
ulysses : 22.46 MESZ — Seit einigen Jahren, ich muss das schnell erzählen, kaufe ich immer wieder einmal ein digitales Buch, obwohl ich mir vorgenommen hatte, papierenen Büchern, die ich in die Hand zu nehmen vermag, treu zu bleiben, ihren Geräuschen und ihrem Duft. Nun ist das zunächst so gewesen, dass ich Romananfänge in der digitalen Sphäre zu sammeln begann. In meiner kleinen handlichen Schreibmaschine waren bald über eintausend Leseproben versammelt. Melvilles Erzählung Bartleby war der erste digitale Text gewesen, den ich zu mir holte. Etwas später folgten Dostojewskij, Auster, DeLillo, Humboldt, John Dos Passos. Plötzlich bemerkte ich, dass mir John Dos Passos’ Buchtext Manhattan Transfer fehlen würde, ich meine, dieser wundervolle Roman als wirkliches Buch, das in meinem Bücherregal stehen würde, sichtbar sein Rücken, dieses Buch habe ich gelesen. Auch Humboldt Ansichten der Natur würde fehlen und Austers Roman 4321. Ich ertappte mich bei der Überlegung, ein Stück Holz in mein Regal zu stellen in der ungefähren Größe des originalen papierenen Buches. Ich dachte, ich könnte das Stück Holz mit einem Buchrücken versehen, einer Kopie, ich könnte demzufolge, eine Instanz des digitalen Buches kreieren, die mir anzeigt, dass ich das Buch besitze, dass ich es gelesen habe oder bald einmal lesen könnte. Oder die Instanz eines Buches, das überhaupt noch als ein papierenes Buch zu schreiben wäre: #HongKongProtests — stop
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von teefliegen
ulysses : 22.55 UTC — Wie ist das mit der Wirklichkeit oder der Wahrheit in meinem schreibenden Leben? Jahrelang wohnte etwa eine Schnecke in meiner Wohnung, außerdem ein Lichtenbergfalter, Springspinnen, Libellen, ein Puma und Teefliegen, immer wieder Teefliegen. Ich habe sie mit eigenen Augen alle gesehen oder mit meinen erfindenden Augen, die in meinem Kopf verweilen. Ich könnte deshalb sagen, nicht jeder meiner Trompetenkäfer wäre vorzeigbar, aber doch vorstellbar. Nun habe ich eine weitere deutliche Spur gelegt hin zur Arbeitsbeschreibung, Radar ist zu lesen unter jedem meiner Particles – Texte, ein Hyperlink, der auf einen Text verweist, welcher meine Arbeit beschreibt. Dieser Text existiert seit 12 Jahren, heute habe ich entsprechende Textpassage, die Wirklichkeit und Erfindung bedeutet, zunächst unterstrichen, dann, wenige Minuten später in kursive Zeichen gesetzt. Das muss genügen. — Ich wünschte, eine Raupe würde noch heute durch mein Zimmer spazieren. — stop

bürgermenschen
Nordpol : 15.45 UTC — In der Straßenbahn Linie 11 sitzen zwei junge Männer. Sie sehen hin zum Fluss. Da ist ein Weg zu sehen, der gepflastert ist. Hier hat man die Juden entlang zu einer Halle geführt, sagt einer der jungen Männer. Dort haben sie gewartet und dann wurden sie in Züge gesetzt und nach Osten transportiert. Deportiert! — wiederholt der andere junge Mann und sieht hin zu dem Weg, über den die Menschen damals gingen. Sie trugen Koffer, nehme ich an, setzte der junge Mann fort, der zunächst von dem Weg und den unsichtbaren Menschen auf dem Weg erzählte. Es waren viele Juden, sagte er, es waren 10.000 oder vielleicht ungefähr 40.000 Juden. Er machte eine Pause. Es sagte dann: Ich kann mir die Zahl nicht merken. — stop
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