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echo : 8.58 — v e n o l e n g e f ä ß

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echo : 8.58 — v e n o l e n g e f ä ß

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nordpol : 22.05 — Lag nachmittags unter Sonne vor Ameisenstadt. Beobachtete, wie Bewohner, nein, Konstrukteure der knisternden Metropole, Käfer, Spinnen, Fliegen, Raupen, Rosenblätter, auch menschliche Papiere ins Wohngehäuse transportierten. Was, fragte ich mich, wird mit einer getöteten oder einer gelähmten Fliege, mit schlafenden Käfern und schlafenden Spinnen geschehen hinter der Fichtennadelhaut? Vielleicht einmal mit einer sehr kleinen Kamera eintauchen und schauen. Ich würde wohl auf eine Halle treffen, auf einen Ort der Zerlegung, des Tranchierens am laufenden Band. Hier also werden Prachtfliegen zerteilt und dort noch lebende Spinnen fein sortiert. In tiefer gelegenen Arsenalen dann die Kammer der Fluggeräte, die Kammer der Fliegen‑, der Libellenflügel, bitter duftende Luft, leichtes Flugglas bis unter die Decke geschichtet. In einer weiteren Höhlung sind je nach Länge und Stärke Spinnenbeine sortiert und aufeinandergelegt, Baumstämme, haarig, noch immer in zitternder Bewegung. Stunden werde ich in Magazinen schillernder Augen verweilen, ein begeisterter Zeuge in Fabriken gefangener Spinnen. Man hat ihnen die Beine abgenommen, aber sie leben und singen feinste Seide. Werden sie müde, werden sie an Soldaten verfüttert. — Kurz nach elf Uhr. Abend. Gerade eben hörte ich vom Tod des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. — stop

~ : yanuk le
to : louis
subject : LIGHT
date : july 12 08 6.15 p.m.
Lieber Mr. Louis, ich schreib Dir noch rasch, bevor die Dunkelheit wie ein nasses Tuch vom Himmel fallen wird. Ist Dir bekannt, dass ich seit bald zweihundert Tagen auf Baum No 728XZ sitze, ohne einmal den Erdboden berührt zu haben? Viel Zeit habe ich in den vergangenen Wochen damit verbracht, mein Zelt gegen das Licht der Sonne abzudichten. Werde fortan versuchen, am Tag zu schlafen und nachts meinen Forschungsarbeiten nachzugehen. Bin zufrieden, habe viele neue Wesen entdeckt, aber die Hitze setzt mir zu, und das Licht scheint doch eine Flüssigkeit zu sein, die durch den kleinsten Spalt fließen und mein Zelt auszufüllen vermag. Vielleicht ist das Licht deshalb nicht auszuschalten, weil ich weiß, dass es dort draußen, vor meinem Zelt unter dem Mantel von Blättern, hell ist, oder weil Licht in meinem Kopf brennt, das ich nicht zu Ende denken kann. Und doch, mein lieber Louis, bin ich glücklich. Dank Dir herzlich für den feinen Simmons Text. Das erste Buch, das ich per E‑Mail erhalten habe. Ich bin natürlich bislang nicht sehr geübt im Lesen vor Bildschirmen und die Falter setzen mir zu. Sie haben die Größe meiner Hände, sind staubig und zu schwer für die Zungen der Frösche, die in meiner Nähe sitzen und warten, dass ich mit meinen Selbstgesprächen beginnen werde. Manchmal habe ich das Gefühl, bereits seltsam geworden zu sein. Vielleicht bin ich ein erfundenes Geschöpf? Wirst Du schreiben, sobald Du etwas Verrücktheit bei mir findest? – 6.12 p.m. 32 °C. 97 Prozent Luftfeuchte. Position 1°38’S 61°42’W — Yanuk
eingefangen
22.05 UTC
1538 Zeichen

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~ : geraldine
to : louis
subject : LIMONADE
Lieber Mr. Louis, stellen Sie sich vor, heute habe ich einen Vogel gefüttert. Ich lag, wie jeden Tag seit wir New York verlassen haben, auf einer Liege an Deck und habe geschlafen. Als ich meine Augen öffnete, saß eine Möwe vor mir auf der Reling. Ich habe mich vorsichtig aufgesetzt und etwas Brot in die Luft geworfen und die Möwe hat das Brot gefangen und ist sofort weitergeflogen. Seit gestern haben wir viel Wind. Papa kommt immer wieder vorbei und schaut nach mir, aber es geht ihm nicht gut, ihm ist übel und auch Mama liegt im Bett, weil sie beide seekrank sind. Ich glaube, sie wissen jetzt, wie ich mich fühle, immerzu fühle. Sie sehen beide gar nicht gut aus. Mir aber scheinen die hohen Wellen nichts auszumachen, ich sitze oder liege und schaue auf das Meer und hoffe, dass die Sonne nicht untergehen wird, bis wir in Europa sein werden. Die Möwen sind still hier draußen. Vielleicht wird ihr Schreien vom Wind fortgetragen. Ein wirklich kräftiger und kühler Wind, und der junge Kellner, der Stewart, wie man hier sagt, muss sich gegen ihn stemmen, wenn er über das Deck zu mir kommt. Er kennt meinen Namen. Er sagt, Mrs. Geraldine, ich soll mich um Sie kümmern, wollen Sie eine Limonade. Ja, und immer will ich sofort eine Limonade. Sie ist blau, Mr. Louis, noch nie zuvor habe ich blaue Limonade getrunken, sehr süße blaue Limonade, die nach Lakritze schmeckt. Ich sehe gerne seinen Händen zu, wie er die Flasche für mich öffnet, weil ich doch kaum Kraft habe die Flasche selbst zu öffnen. Er hat mir gestern gesagt, Mr. Louis, dass ich schön sei, fast durchsichtig, und dass er sich sehr gerne mit mir unterhalten würde. Sein Blick ist traurig, ich kann nicht sagen, warum er so traurig ist, wenn er mich anschaut. Manchmal schlägt er die Augen nieder, wenn ich ihn ansehe. Ich habe mir gedacht, dass er vielleicht seine Gedanken vor mir verbergen möchte. Ich weiß jetzt, dass ich nicht schreien werde, wenn er mich bald einmal küssen wird. Ich bin so müde, Mr. Louis, ich bin 20 Jahre alt, aber ich bin unendlich müde. Höre auf zu schreiben für heute: Ich grüße Sie herzlich. Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 24.6.2008
22.15 MESZ

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india : 5.08 — Wie in schwieriger Zeit im Schlaf die Welt nach und nach neu geordnet wird, kein Stein bleibt auf dem anderen. Jeder beginnende Tag, ein Tag vor unbekannter Landschaft. Jede erlebte Geschichte erzählt sich, als wäre sie nie geschehen. Die Sonne ist rund.

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sierra : 0.01 — Stellte mir vor, die Zeit würde sich rückwärts bewegen. Reisen, woher ich gekommen bin. — stop

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ulysses : 0.18 — Oft schon über das Licht nachgedacht. Woher das Licht kommt und was geschieht, wenn das Licht auf einen Gegenstand oder auf die Oberfläche eines Lebewesens trifft. Was wäre, wenn ich ganz ohne das Licht auskommen müsste, wenn ich nur noch hörend oder mit meinem Tastsinn die Welt erfahren könnte? — Einmal habe ich versucht, den Moment wahrzunehmen, da die Morgendämmerung einsetzte, aber ich konnte nicht bestimmen, wann genau das erste Photon mein Auge berührte. — stop
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sierra : 0.25 — Seit Jahren, mit Vergnügen, beobachte ich einen Gedanken, der sich nicht bewegt, kein Buchstabenzeichen des Gedankens rührt sich von der Stelle. Manchmal denke ich, der Gedanke bewegt sich heimlich, während ich andere Gedanken denke. — stop
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marimba : 1.05 — Auf Haiti, einer Insel, essen Menschen, sobald sie ein Gefühl des Hungers verspüren, Plätzchen, das heißt, sie verzehren von der Sonne getrocknete Scheiben von Lehm, der mit Margarine und einer Handvoll Salz in Metallfässern verrührt worden ist. Kurz darauf haben die Menschen Schmerzen, aber keinen Hunger für drei Stunden. Wenn sie auf die Straße gehen, um der Welt von ihrem Hunger, der bald wiederkommen wird, und ihren Schmerzen im Bauch zu erzählen, werden sie von Soldaten der UN und Polizisten ihres Landes erschossen. stop. Von meinem Fernsehbildschirm abgenommen. stop. Zwanzig Uhr und zwölf Minuten in Port-au-Prince, Haiti. — stop

Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 1222, Luftfahrt — 3798, Automobile — 55635], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 2, 19. Jahrhundert – 164, 20. Jahrhundert – 1318 , 21. Jahrhundert — 428 ], physical memories [ bespielt — 387, gelöscht : 5 ], Lichtfangmaschinen [ PFXLW-II Panaflex : 2 ], Öle [ 0.7 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 28, Kniegelenke – 12, Hüftkugeln – 331, Brillen – 1266 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1356, Größen 38 — 45 : 1218 ], Kühlschränke [ 158 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 34 ], Engelszungen [ 221 ] | stop |

