Aus der Wörtersammlung: sonne

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karawane

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del­ta : 0.02 — Auf dem Broad­way wan­der­te eine Kara­wa­ne mensch­li­cher Trä­ger süd­wärts. Ich folg­te die­ser merk­wür­di­gen Erschei­nung von der 30. bis zur 8. Stra­ße an einem win­di­gen Tag. Die Son­ne leuch­te­te tief vom Hud­son her, Staub war in der Luft, die Män­ner, die sich sehr lang­sam beweg­ten, hus­te­ten und nies­ten. Sie waren alle sehr ordent­lich geklei­det, Anzü­ge von dun­kel­grau­er Far­be und Kra­wat­ten in unter­schied­li­cher Mus­te­rung. Außer­dem tru­gen sie fin­ger­brei­te Schil­der über ihren Her­zen von japa­ni­schen Schrift­zei­chen besetzt. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich wun­der­te, weil die Män­ner nicht mit­ein­an­der spra­chen. Sie bil­de­ten eine lini­en­för­mi­ge Ein­heit, einer der Trä­ger führ­te die­se Linie an, er war sozu­sa­gen ihr Kopf. Sobald die­ser Mann nun eine Kreu­zung erreich­te, blieb er ste­hen und war­te­te, bis die Ampel der Kreu­zung zunächst rot wur­de und dann wie­der grün. Ein Mann stand jetzt exakt hin­ter dem ande­ren, in dem sie sehr geschickt ihren Bal­last auf ihren Köp­fen balan­cier­ten, jeder Trä­ger einen Kar­ton. Indes­sen schien die Kara­wa­ne der grau­en Män­ner jenen Men­schen, die mit oder gegen ihre Lauf­rich­tung über die Stra­ßen eil­ten, nicht beson­ders auf­zu­fal­len. Für einen Moment hat­te ich die Idee, sie wären viel­leicht unsicht­bar, genau­er, sie wären nur für mich sicht­bar gewe­sen, rei­ner Unsinn natür­lich, weil der Raum, den die Kara­wa­ne auf Geh­we­gen und Stra­ße ein­ge­nom­men hat­te, respek­tiert wur­de. Etwa drei Kilo­me­ter lie­fen sie so ruck­wei­se süd­wärts dahin, um dann in der 8. Stra­ße in einem Back­stein­haus zu ver­schwin­den. Ende der Geschich­te einer Beob­ach­tung. Es ist Mon­tag. In den Kas­ta­ni­en vor dem Fens­ter das Sum­men der Nacht­bie­nen. – stop
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wolfgang herrndorf : arbeit und struktur

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hima­la­ya : 6.52 — Ich weiß nicht wie viel ich zitie­ren darf. Aber ich will das zitie­ren, auf­be­wah­ren, fest­hal­ten, ver­wei­sen. Wolf­gang Herrn­dorf zählt in sei­nem Blog Arbeit und Struk­tur Mona­te. Im April notiert er von Essaoui­ra aus: 26.4. 11:46 Drei oder vier asyn­chro­ne Muez­zins. Auf der Hotel­dach­ter­ras­se in pral­ler Son­ne sit­zend und arbei­tend, über­rascht mich die Mel­dung vom Tod einer Brief­freun­din aus Frei­burg. Ihre Erst­dia­gno­se war im Dezem­ber 2010, nach jeder von drei Ope­ra­tio­nen wuchs das Glio­blas­tom sofort wei­ter. Im Gegen­satz zu mir mach­te sie sich gro­ße Hoff­nun­gen, klam­mer­te sich an neue Mit­tel und such­te in Stu­di­en rein­zu­kom­men. Vor zwei Mona­ten mail­te sie: Tam­oxi­fen scheint zu wir­ken, neu­er Herd löst sich auf, alte, bestrahl­te Stel­le unver­än­dert. Vor fünf Tagen starb sie. / Eine Freun­din von ihr schreibt, sie sei zuletzt rund um die Uhr betreut wor­den, selbst zum Tip­pen zu schwach. Der Ver­such, sie mit den Mit­teln der Pal­lia­tiv­me­di­zin in einen sta­bi­len Zustand zu brin­gen, hat­te wenig Erfolg. Auch im Hos­piz kam sie nicht zur Ruhe und schrie die Nacht durch vor Angst. Die offen­sicht­li­che Kraft, die zum Schrei­en vor­han­den war, habe, so die Freun­din wei­ter, im kras­sen Gegen­satz zum geschwäch­ten Gesamt­zu­stand gestan­den. Die Ärz­te konn­ten sie nur beru­hi­gen, indem sie sie kom­plett sedier­ten. Sie hat die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung von sieb­zehn Mona­ten knapp ver­fehlt, in der ungüns­ti­gen MGMT–Gruppe gehör­te sie noch zu den glück­li­che­ren 15 Pro­zent. / Unten in der Hotel­lob­by fin­de ich Per und Lars, an denen ich mich fest­hal­ten kann zum Glück. / 26.4. 18:46 Hin­ter den ande­ren her durch die Medi­na auf der Suche nach dem nörd­li­chen Strand und der Fabrik, in der Per sei­ne Scha­tul­len her­stel­len läßt. Das Gewim­mel der vor sich hin kre­peln­den Men­schen, die aus Müll und Abwas­ser gemach­ten Stra­ßen, der Gestank, das Geschrei, der Schmutz alles Leben­di­gen las­sen mich umkeh­ren. Sofort ver­lau­fe ich mich. Zwei­mal ren­ne ich die ver­stopf­te Haupt­stra­ße hoch und run­ter, bis ich end­lich die mit einem Stadt­tor mar­kier­te Abzwei­gung zum Hotel gefun­den habe. / Dann Bade­ho­se, dann Spa­zier­gang zum leer und befrei­end vor­ge­stell­ten, aber ver­müll­ten und von Quads zer­fet­zen süd­li­chen Strand, der vor zwei Jah­ren noch schön gewe­sen war. Ich gehe so weit ich kann und über den Fluß und zurück, um wenigs­tens erschöpft zu sein für den Abend. Ich ver­su­che, mir eine Vor­stel­lung davon zu machen, was es bedeu­tet, eine Nacht durch­zu­schrei­en vor Angst. Ich könn­te nicht ein­mal sagen, ob es Empa­thie ist oder Selbst­mit­leid. Ich den­ke nicht nach. / Auf dem Weg zum Ita­lie­ner ver­lie­re ich erneut die Ori­en­tie­rung und bin froh, als ich end­lich im Bett lie­ge und der Muez­zin zum hun­derts­ten Gebet des Tages ruft. Ein gro­ßer, mäch­ti­ger, töd­li­cher Gott, der so anhal­tend bebe­tet wer­den muß. [tbc] > Impres­sum

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leuchtfeuer

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echo : 8.01 — Die Wie­der­ho­lung einer Nacht­zeit vor weni­gen Stun­den noch. Regen. Das Geräusch des Was­sers, ein Geräusch des Bodens, der Stäm­me, der Dächer, der Regen­rin­nen. Viel­leicht, weil in ihm Zeit ent­hal­ten ist, Trop­fen für Trop­fen zu einer regel­mä­ßi­gen Bewe­gung, höre ich die­ses Geräusch als ein beru­hi­gen­des Geräusch. Oder auch des­halb, weil ich das Wesen der Kie­men­men­schen in mir tra­ge, weil ich von Men­schen­woh­nun­gen erzäh­le, die unter Was­ser ste­hen. An die­sem küh­len Mor­gen ist etwas Wesent­li­ches fest­zu­hal­ten, ein ange­neh­mes Wort, das Wort Leucht­feu­er. Und dass ich von Kra­ni­chen träum­te, ja träum­te, selbst ein Kra­nich unter Kra­ni­chen zu sein. Wir flo­gen eine Küs­te ent­lang. Ich erin­ne­re mich, dass ich durs­tig gewe­sen war, weil viel Son­ne vom Him­mel brann­te. Die Kra­ni­che bemerk­ten bald, dass mich die Hit­ze quäl­te. Sie such­ten nach mei­nem Schna­bel, um mich mit Was­ser zu füt­tern. Aber ich hat­te kei­nen Schna­bel, son­dern einen mensch­li­chen Mund, wes­halb sie bald auf­ga­ben, mich füt­tern zu wol­len. Statt­des­sen näher­te sich einer nach dem ande­ren, um nach­zu­se­hen, welch selt­sa­mer Vogel mit ihnen nach Nor­den flog. — stop

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frau mit löffel

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india : 5.28 — Ein­mal mach­te ich einen Aus­flug zu einer Tan­te, die seit über zehn Jah­ren in einem Heim lebt, weil sie sehr alt ist und außer­dem nicht mehr den­ken kann. Der Flie­der blüh­te, die Luft duf­te­te, mei­ne Tan­te saß mit ande­ren alten Frau­en an einem Tisch und schlief oder gab vor zu schla­fen. Ihr Gesicht war schmal, ihre Augen­li­der durch­sich­tig gewor­den, Augen waren unter die­ser Haut, blau, grau, rosa, eine Gischt hel­ler Far­ben. Ich drück­te mei­ne Stirn gegen die Stirn mei­ner Tan­te und nann­te mei­nen Namen. Ich sag­te, dass ich hier sei, sie zu besu­chen und dass der Flie­der im Park blü­hen wür­de. Ich sprach sehr lei­se, um die Frau­en, die in unse­rer Nähe saßen, nicht zu stö­ren. Sie schlie­fen einer­seits, ande­re betrach­te­ten mich inter­es­siert, so wie man Vögel betrach­tet oder Blu­men. Es ist schon selt­sam, dass ich immer dann, wenn ich glau­be, dass ich nicht sicher sein kann, ob man mir zuhört, damit begin­ne, eine Geschich­te zu erzäh­len in der Hoff­nung, die Geschich­te wür­de jen­seits der Stil­le viel­leicht doch noch Gehör fin­den. Ich erzähl­te mei­ner Tan­te von einer Wan­de­rung, die ich unlängst in den Ber­gen unter­nom­men hat­te, und dass ich auf einer Bank in ein­tau­send Meter Höhe ein Tele­fon­buch der Stadt Chi­ca­go gefun­den habe, das noch les­bar gewe­sen war und wie ich den Ein­druck hat­te, dass ich aus den Wäl­dern her­aus beob­ach­tet wür­de. Ich erzähl­te von Leber­blüm­chen und vom glas­kla­ren Was­ser der Bäche und vom Schnee, der in der Son­ne knis­ter­te. Doh­len waren in der Luft, wun­der­vol­le Wol­ken­ma­le­rei am Him­mel, Sala­man­der schau­kel­ten über den schma­len Fuß­weg, der auf­wärts führ­te. So erzähl­te ich, und wäh­rend ich erzähl­te eine hal­be Stun­de lang, schien mei­ne Tan­te zu schla­fen oder zuzu­hö­ren, wie immer, wenn ich sie besu­che. Ihr Mund stand etwas offen und ich konn­te sehen, wie ihr Bauch sich hob und senk­te unter ihrer Blu­se. Am Tisch gleich gegen­über war­te­te eine ande­re alte Frau, sie trug wei­ßes Haar auf dem Kopf,  Haar so weiß wie Schreib­ma­schi­nen­pa­pier. Vor ihr stand ein Tel­ler mit Erb­sen. Die alte Frau hielt einen Löf­fel in der Hand. Die­ser Löf­fel schweb­te wäh­rend der lan­gen Zeit, die ich erzähl­te, etwa einen Zen­ti­me­ter hoch in der Luft über ihrem Tel­ler. In die­ser Hal­tung schlief die alte Frau oder lausch­te. — stop

 

polaroidgebirge

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rund um das müllnerhorn

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sier­ra : 0.02 — Den hal­ben Abend mit der Über­le­gung zuge­bracht, was ein moder­ner Ken­taur, ein Ken­taur unse­rer Tage, der in der Gegend um das Müll­ner­horn in einem Laub­wald unter Buchen, Eichen und Lin­den­bäu­men leben könn­te, zum Früh­stück ger­ne zu sich neh­men wür­de. Wie im Flug ist die Zeit ver­gan­gen, ein Zustand leich­ter Selbst­ver­ges­sen­heit. Ich habe mir zunächst Dun­kel­heit vor­ge­stellt, Däm­me­rung, dann, in die­sem glim­men­den Licht des nahen­den Tages, die Umris­se eines Ken­taur von zier­li­cher Gestalt, wie er noch schla­fend seit­lich auf etwas Moos gebet­tet liegt und träumt. Kaum sicht­ba­re Atmung, die Hän­de, lose gefal­tet, ruhen auf der Brust, ein Auge leicht geöff­net, peit­schen­de Bewe­gung der weiß­haa­ri­gen Spit­ze sei­nes Schwan­zes. Von einem ers­ten Son­nen­strahl berührt, setzt er sich auf, reibt sich das Fell, kurz dar­auf eine schwung­vol­le Bewe­gung und schon steht der Ken­taur auf sei­nen vier Bei­nen. Ein wun­der­bar blau­er Him­mel über ihm, ein Him­mel, den man sofort für ein gestürz­tes Meer hal­ten könn­te, ein Meer ohne Wind, ruhig, da und dort eine Wol­ke von Fisch. Jetzt liegt der Ken­taur wie­der seit­lich auf dem Boden, sei­nen schö­nen Kopf auf eine Hand gestützt, nascht er von einem Häuf­chen Bee­ren, blät­tert in einem ram­po­nier­ten Tele­fon­buch der Stadt Chi­ca­go, liest den ein oder ande­ren Namen laut vor sich hin, ein­mal eine Him­bee­re, dann wie­der einen Namen. Ja, ich ahn­te, Ken­tau­ren bevor­zu­gen viel­leicht wil­de Wald­him­bee­ren zum Früh­stück. Und nun, es ist kurz nach Mit­ter­nacht, stellt sich die Fra­ge, ob es Ken­tau­ren mög­lich ist, Bäu­me zu bestei­gen? — stop

für h.d.

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koffer unsichtbar

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echo : 0.03 — Mein Vater war ein Lieb­ha­ber tech­ni­scher Mess­ge­rä­te. Er notier­te mit ihrer Hil­fe Dau­er und Kraft des Son­nen­lichts bei­spiels­wei­se, das auf den Bal­kon über sei­nem Gar­ten strahl­te. Die Tem­pe­ra­tu­ren der Luft wur­den eben­so regis­triert, wie die Men­ge des Regens, der in den war­men Mona­ten des Jah­res vom Him­mel fiel. Selbst die Bewe­gun­gen der Gold­fi­sche im nahen Teich wur­den ver­zeich­net, Erschüt­te­run­gen des Erd­bo­dens, Tem­pe­ra­tu­ren der Pro­zes­so­ren sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Es ist merk­wür­dig, bei­na­he täg­lich gehe ich zur­zeit auf die Suche, weil wie­der irgend­ei­ne die­ser Mess­ap­pa­ra­tu­ren einen piep­sen­den Ton von sich gibt, als ob mein Vater mit­tels sei­ner Maschi­nen noch zu mir spre­chen wür­de. Indes­sen habe ich seit zwei Tagen Kennt­nis von einer Foto­gra­fie, die mich neben mei­nem ster­ben­den Vater zeigt. Ich sit­ze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­se­hen wag­te. Ich habe tat­säch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwi­schen mei­nen Fin­gern her­vor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrach­te. Die Foto­gra­fie zeigt einen fried­li­chen Moment mei­nes Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lan­ge Zeit gefürch­tet habe. Wei­nen und Lachen fal­ten sich, wie Hän­de sich fal­ten. Mut­ter irrt zwi­schen Haus und Fried­hof hin und her, als wür­de sie irgend­ei­ne unsicht­ba­re Ware in gleich­falls unsicht­ba­ren Kof­fern tra­gen. — stop

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ameisengesellschaft ln — 788

picping

MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN — 788 [ lasi­us niger ] : Posi­ti­on 48°21’N 07°01’O : Fol­gen­de Objek­te wur­den von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das süd­öst­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : sechs tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], acht­zehn Baum­stäm­me [ à 5 Gramm ], elf Rau­pen in Grün, zwei­und­zwan­zig Rau­pen in Oran­ge, zwei Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die eines Zitro­nen­fal­ters ], drei Streich­holz­köp­fe [ à 2 Gramm ], vier Flie­gen der Gat­tung Cal­li­pho­ri­dae in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 100 Gramm ], sechs Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], drei gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 1162 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], acht Rüs­sel­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], die Aas­ku­gel eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, eine Wild­bie­ne, ein Modell­flug­zeug­rei­fen [ Space­shut­tle Dis­co­very ] 12 Gramm. — stop

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luftzungen

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nord­pol

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : LUFTZUNGEN

Lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let! Was für ein stür­mi­scher Mor­gen hier bei uns in Mit­tel­eu­ro­pa. Wet­ter, wie ich es mir wün­sche in die­sen Tagen. Eis­kör­ner pfei­fen durch die Luft, Wol­ken­däm­me­rung. Ich ver­mu­te, Ihr wer­det bemerkt haben, mein Vater ist gestor­ben. Drei Stun­den war ich noch an sei­nem Bett gewe­sen, habe von Bil­dern eines nahen Sees berich­tet, den ich vom Zim­mer des Hos­pi­tals aus sehen konn­te. Ein Schau­fel­rad­damp­fer fuhr hin und her, der Wind schrieb mit Luft­zun­gen schim­mern­de Spu­ren ins Was­ser, Möwen segel­ten über den Ufer­bäu­men. Wie mein Vater gestor­ben ist, war es noch hell, die Son­ne nicht unter­ge­gan­gen, weiß der Him­mel, ob er sie zu erken­nen ver­moch­te, sein Blick war ein Blick, wie ich mein­te, der schon nach innen sich rich­te­te. Wenn ich Euch sage, es ist nicht wirk­lich begreif­bar, nicht wirk­lich fühl­bar, dass ein gelieb­ter Mensch nie wie­der neben uns am Tisch sit­zen wird, wer­det Ihr viel­leicht ver­ste­hen, wovon ich spre­che. Die­ses Nie­wie­der macht einen Ein­druck von Unwirk­lich­keit, von Unwirk­sam­keit, als wür­de man ver­su­chen, eine Trom­pe­te vom Schall­be­cher her zu bespie­len. Und doch, nach und nach wer­de ich ruhi­ger, ich schla­fe tief, träu­me selt­sa­me Geschich­ten. Ja, so ist das, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let. Was machen die Sim­mons? Ist alles o. k.? Ahoi – Euer Lou­is — stop

gesen­det am
22.04.2012
7.05 MEZ
1212 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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ein alter mann

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romeo : 0.32 — Ich erin­ne­re mich, vor einem Jahr, an einem Som­mer­abend, saß mein Vater auf einem Stuhl in sei­nem Gar­ten. Vor ihm stand ein klei­ner Tisch und auf die­sem Tisch eine Fla­sche Was­ser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaub­te, dass mein Vater mich nicht bemerk­te. Er schien mit der Fla­sche zu spre­chen. Er beug­te sich vor, hielt die Fla­sche mit der einen Hand fest, wäh­rend er mit der ande­ren Hand an ihrem Ver­schluss dreh­te. Aber die Fla­sche war nicht leicht fest­zu­hal­ten gewe­sen, ver­mut­lich des­halb, weil sich die Feuch­te der Luft auf ihr nie­der­ge­schla­gen hat­te. Also lehn­te sich mein Vater wie­der auf sei­nem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich neh­me an, er wird ein­ge­schla­fen sein. Als er wie­der erwach­te, war ich noch immer da und auch die Fla­sche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beug­te sich vor, nahm die Fla­sche und dreh­te an ihrem Ver­schluss. Erneut schien er sich mit der Fla­sche zu unter­hal­ten, ohne aber die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, weil die Fla­sche sich noch immer dage­gen wehr­te, geöff­net zu wer­den. Also lehn­te sich mein Vater erneut zurück, er schüt­tel­te den Kopf. In die­sem Moment schweb­te eine Libel­le über den Tisch. Sie betrach­te­te mei­nen Vater, setz­te sich auf den Ver­schluss der Fla­sche und fal­te­te ihre Flü­gel. Ein Moment der Stil­le, des Frie­dens. Ein paar Zika­den waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wie­der ein­ge­schla­fen, es wur­de dun­kel und die Libel­le ver­schwand. Als er erwach­te, saß ich vor ihm. Ich hat­te die Fla­sche für ihn geöff­net und ein Glas mit Was­ser gefüllt. Mein Vater erzähl­te, dass er sich gewun­dert habe, war­um er die Fla­sche nicht öff­nen konn­te, er habe sie doch selbst zuge­dreht. — stop

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wörterzunge

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alpha : 2.05 Hör­te im Bild­schirm­ge­spräch Tho­mas Bern­hard wie­der sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­de­nes. Froh bin ich über die­sen Satz. Nach Selbst­be­ob­ach­tung scheint in mei­ner erzäh­len­den Welt ein Zeit­an­nä­he­rungs­werk zu exis­tie­ren, das nach Ent­de­ckung zunächst arbei­ten muss im Kopf. Ich habe ges­tern unter ande­rem den Ver­such eines Man­nes notiert, eine Bie­ne von Stein zu fabri­zie­ren, ein sozia­les Wesen, das in der Lage sein soll­te, sich in die Luft zu erhe­ben. Die­se Vor­stel­lung war mir zunächst fremd gewe­sen, mein eige­ner Gedan­ke. Als ich dann nach zwei Stun­den von einem Spa­zier­gang an den Schreib­tisch zurück­kehr­te, war mir der Mann und sein Unter­neh­men so ver­traut gewor­den, als wür­de er in einer benach­bar­ten Woh­nung leben, ich wür­de ihn besucht haben und über die Schul­ter geschaut, wie er etwas Fels­spat mit einem Mei­ßel­chen behut­sam fächert, dass es als Flü­gel­teil­chen bald ein­mal durch die Luft segeln könn­te. Es scheint viel­leicht so zu sein, dass sich mei­ne Wirk­lich­keit zunächst mit­tels einer Wör­t­er­zun­ge vor­sich­tig in unbe­kann­te Räu­me tas­tet. — Vier Uhr zwei in Homs, Syria. — stop
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