Aus der Wörtersammlung: traum

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missing flamingos

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sier­ra : 22.58 — Sanf­te Frau­en­stim­me spricht: Ach­tung! Hal­ten Sie 1 Meter 50 Abstand. Mei­den Sie Men­schen­an­samm­lun­gen! In der Hal­le, indes­sen kein Mensch zu sehen, kein Kof­fer, kein Hund, kei­ne Kat­ze, aber Mäu­se, ein gutes Dut­zend Mäu­se, die über den spie­geln­den Mar­mor­bo­den flitz­ten, als hät­ten sie Schlitt­schu­he an ihren Füßen. Ich war die ein­zi­ge mensch­li­che Per­son an einem Ort, der ver­mut­lich nie ohne Men­schen gewe­sen ist. Ich erin­ne­re mich, selbst inmit­ten der Nacht habe ich im Ter­mi­nal immer­zu flüs­tern­de Men­schen wahr­ge­nom­men, auch Schla­fen­de auf Sitz­bän­ken oder Stüh­len der Cafés. Nun war Stil­le, kein Traum wur­de erzählt. Sel­ten ein­mal das Geräusch sich bewe­gen­der Zei­chen auf einer Anzei­ge­ta­fel. Aus Neu­see­land kom­mend soll­te Minu­ten spä­ter ein Flug­zeug lan­den, ein Hin­weis wie ein letz­ter Reflex. Jene über den spie­geln­den Boden dahin­glei­ten­den Mäu­se jedoch, unbe­irrt, ob sie sich wun­der­ten über die­se eine war­ten­de Per­son im Saal, die ich selbst gewe­sen war in einem Moment des Notie­rens auf mei­ner fla­chen Schreib­ma­schi­ne? Wie ich sie ver­miss­te, Steh­schlä­fer, mei­ne Steh­schlä­fer, wel­che nicht Vögel sind, Fla­min­gos, sagen wir, nein, Steh­schlä­fer, die Men­schen sind, gegen­wär­ti­ge Per­so­nen, die sich, soll­ten sie ein­mal zurück­keh­ren, genau so ver­hal­ten wer­den, wie das Wort, das sie bezeich­net: Sie schla­fen im Ste­hen. — stop

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shenyang

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gink­go : 19.55 UTC — Sie kommt gera­de aus She­n­yang, ist ziem­lich müde, sitzt im Schnell­zug Rich­tung City zwi­schen zwei schwe­ren Metall­kof­fern, eine älte­re Dame, sie sei eine der ältes­ten, die noch flie­ge, Cabin Chief, sie rei­se gern, wenn auch etwas ängst­li­cher, man habe schon den Ein­druck, dass der Luft­raum unsi­che­rer gewor­den sei, aber die Welt ins­ge­samt sei unsi­cher gewor­den, die Ame­ri­ka­ner sind es vor allem, das dür­fe man aber nicht so laut sagen, frü­her hät­ten sie noch gewusst, wohin die Regie­rung im Not­fall flie­gen wür­de, das sei jetzt nicht mehr Ange­le­gen­heit der Luft­han­sa, das erle­di­ge die Luft­waf­fe, die wüss­ten jetzt Bescheid, auch dass bereits Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts bekannt gege­ben wur­de, dass bald ein neu­er gro­ßer Krieg kom­men wür­de, Isra­el wüss­te dar­über Bescheid und eben die Ame­ri­ka­ner, aber das sagen wir lie­ber nicht so laut, sagt sie, aber sie flie­ge immer noch gern, kom­me viel in der Welt her­um, sie kön­ne ver­ste­hen, dass die Men­schen flüch­ten, aber sie sei­en eigent­lich kei­ne rich­ti­gen Geflüch­te­ten wie ihre Eltern noch, die woll­te kei­ner haben, die flo­hen aus Schle­si­en, das waren noch rich­ti­ge Flücht­lin­ge, die Chi­ne­sen flie­hen ja auch nicht, irgend­wie geht alles selt­sa­me Wege, die Welt ist aus dem Gleich­ge­wicht, aber sie dreht sich noch, aber nicht mehr lan­ge. — Als der Zug steht, hört sie auf zu spre­chen, steigt aus, ohne sich noch ein­mal umzu­dre­hen, ver­schwin­det in der Men­ge, die­se zier­li­che und ziem­lich müde Per­son. — stop

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16 uhr 18

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lima : 16.18 UTC — Hör­te Fried­ri­ke May­rö­cker von Stei­nen spre­chen: Ist das Schrei­ben etwa wie das Anset­zen von Domi­no­stei­nen? — stop

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am telefon

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echo : 16.12 UTC — In Traum erzähl­te mir eine sehr alte Frau am Tele­fon, ich dür­fe, soll­te ich ein­mal zu Besuch kom­men, ihr weder Foto­gra­fien noch Film­auf­nah­men zei­gen, die ich viel­leicht ent­deckt und auf­be­wahrt haben könn­te. Sie sag­te, dass sie sich vor Foto­gra­fien fürch­te, sie habe immer sofort alles im Blick, sie kön­ne nicht ein­fach nur eine klei­ne Por­ti­on betrach­ten, einen Aus­schnitt eines Ortes, vor dem sie sich fürch­te, es wäre immer alles sofort gegen­wär­tig, die Absicht des Bil­des oder ein Zufall. Ich erin­ne­re mich in die­sem nächt­li­chen Gespräch ver­si­chert zu haben, ihr nie­mals eine Foto­gra­fie von dort zu zei­gen. Aber ich gab nicht sofort auf. Ich bemerk­te, dass es immer­hin mög­lich wäre, Foto­gra­fien in klei­ne­re Tei­le zu zer­le­gen, ich könn­te die­se Tei­le num­me­rie­ren und mit ihr gemein­sam auf einem Tisch Teil­bild für Teil­bild sehr lang­sam ergän­zen, sie könn­te sich in die­sem Fal­le also an ein lang­sam ent­ste­hen­des Bild zunächst gewöh­nen, indes­sen ich ihr erzäh­len wür­de, was auf den Teil­bil­dern bereits von der Absicht oder einem Zufall zu sehen ist. Als ich mei­ne Rede unter­brach, blieb es still da drü­ben jen­seits mei­nes Tele­fon­hö­rers, der selbst als ein voll­stän­di­ges Tele­fon bezeich­net wer­den könn­te. Dann wach­te ich auf, es war Sonn­tag. — stop

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wildnis

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india : 8.15 UTC — Ein­mal, und in der ver­gan­ge­nen Nacht wie­der, im Traum eine Not­la­dung nach einem Flug dicht über das Was­ser hin über den Atlan­tik in einer Wild­nis vor New York. Wir wer­den eva­ku­iert, ich ver­ges­se im bren­nen­den Flug­zeug Kof­fer und Papie­re. Bin plötz­lich ein Nie­mand, einer, der in einem Bett liegt, in einem Zim­mer, in wel­chem sich Men­schen vor Bil­dern bewe­gen, die sie betrach­ten und bespre­chen. Auch ich bin ein Bild, wer­de dis­ku­tiert, darf mich nicht bewe­gen, kann Sprech­spra­chen nicht ver­ste­hen. — stop

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“Hi!” — “Hi!”

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romeo : 0.33 UTC — War Zeu­ge einer Begeg­nung zwei­er Algo­rith­men bei mir Zuhau­se auf einem Bild­schirm, der sich teil­te, und zwar in der Mit­te. In rasen­der Geschwin­dig­keit wur­den dort Zah­len­ket­ten erzeugt. Nach drei oder vier Minu­ten stopp­te die Zah­len­pro­duk­ti­on in der lin­ken Spal­te. Nach weni­gen wei­te­ren Sekun­den erschien die Zei­chen­fol­ge: Hi! Kurz dar­auf stopp­te auch in der rech­ten Spal­te die Zah­len­pro­duk­ti­on, wie­der­um für weni­ge Sekun­den Stil­le oder Lee­re. Dann erschien auch hier die Zei­chen­fol­ge: Hi! Ich war gerührt, man stel­le sich das ein­mal vor, Algo­rith­men, die sich zur Begrü­ßung einer Spra­che bedien­ten, die ich zu lesen, in der Lage gewe­sen war. — stop
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regenschirmtiere vol.3

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ulys­ses : 0.12 UTC — Ein Jour­na­list, der für das Radio arbei­tet, erzähl­te unlängst am Tele­fon, er habe ein­mal an einer Repor­ta­ge gear­bei­tet, die von der Ent­de­ckung der Regen­schirm­tie­re berich­te­te. Unge­fähr in der Mit­te sei­nes Bei­tra­ges habe er einen Feh­ler ent­deckt. Er saß vor dem Radio­ge­rät und hör­te der Stim­me einer Spre­che­rin zu, die sei­nen Text sehr deut­lich las, es war also zu spät, der Jour­na­list konn­te an sei­nem Feh­ler nichts ändern. Das ver­sen­det sich, wur­de er von einer Redak­teu­rin getrös­tet. Und ich dach­te, das ist ein schö­nes Wort für ver­lo­re­ne Wor­te oder Gedan­ken, das ist wie mit Träu­men, die sich von der Erin­ne­rung lösen wie Regen­was­ser, das sich nicht wirk­lich fest­hal­ten, nicht wirk­lich begrei­fen lässt mit Hän­den, die­ses hel­le Was­ser, das die Luft erhell­te in einem Traum, den ich gera­de noch erzäh­len konn­te auf einem Blatt Papier, ehe der Traum sich ver­flüch­tig­te, in dem ich mich wun­der­te, dass ich, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt gehen konn­te, obwohl ich doch allein unter einem Regen­schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut, ja, Haut von der Art der Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es reg­net noch immer. Ich wer­de gleich tele­fo­nie­ren. — stop
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zufällige blicke

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lima : 1.
58 UTC — Ein­mal stell­te ich mir vor, wie ich, indem ich schla­fend oder wachend durch Man­hat­tan spa­zie­re, lern­te, mei­ne Ohren in der Wei­se der See­hun­de durch Mus­kel­kraft zu ver­schlie­ßen. Bald war denk­bar gewor­den, dass mir Lamel­len feins­ter Haut wach­sen wer­den, Innen­ohr­se­gel, über deren Bewe­gung ich ver­fü­gen könn­te, wie ich die Bewe­gung mei­ner Hän­de vor­her­sa­gen kann. Mensch­li­che Stim­men im Vor­über­ge­hen in den Far­ben sanf­ter Traum­ge­sprä­che. Der Schlaf der Augen in der Sub­way, die Wild­heit zufäl­li­ger Bli­cke. — stop
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im schnee

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oli­mam­bo : 8.28 UTC — Im Traum war Win­ter. Eich­hörn­chen hüpf­ten durch den Schnee, manch­mal waren sie kaum zu erken­nen, nur eine Bewe­gung, eine klei­ne Wol­ke von Kris­tal­len, etwas Fell. Wenn sie sich dann näher­ten, waren sie zutrau­lich, natür­lich etwas scheu und ner­vös, aber dann doch der­art zutrau­lich, dass ich sie in die Hän­de neh­men und mein Ohr auf ihren Bauch legen konn­te. Ich hör­te ihr Herz schla­gen und etwas Musik, Swing, was war das doch für Musik gewe­sen? Musik, die ich nur von Schall­plat­ten her kann­te. All jene Eich­hörn­chen, die mir begeg­ne­ten, waren von Musik erfüllt. Wie sie das mach­ten? — stop

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auf dem friedhof

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bamako : 20.16 UTC – Es war im Traum ein Som­mer­abend, schon Däm­me­rung. Ich spa­zier­te über einen ver­trau­ten Fried­hof. Ver­traut der Fried­hof dar­um, weil ich schon als Kind dort gewe­sen war. Auf dem Fried­hof lagen vie­le Men­schen in den Grä­bern, die ich, das Kind, noch kann­te, da waren sie sehr leben­dig und mäch­tig, weil eben erwach­sen gewe­sen. Nun waren sie tot und drin­gend auf Hil­fe ange­wie­sen. Im Traum waren plötz­lich Lich­ter in der Luft, sie kamen vom Wes­ten her ange­flo­gen, ver­teil­ten sich über den Kro­nen der alten Bäu­me, um kurz dar­auf lang­sam abzu­stei­gen. Ich saß im Traum am Grab mei­ner Eltern, beob­ach­te­te aus nächs­ter Nähe, wie sich eine Droh­ne näher­te. Über einem Pla­teau von Hand­tel­ler­grö­ße hielt sie inne. Die Droh­ne summ­te sehr schön. Bald öff­ne­te sich ihr trans­pa­ren­ter Leib, die Droh­ne set­ze behut­sam mit­tels einer Greif­hand von blit­zen­dem Metall ein Tee­licht ab. Kurz dar­auf schloss sich ihr Bauch und sie flog schnell davon, auch Hun­der­te wei­te­rer Droh­nen summ­ten da und dort. Licht nun über und unter den Bäu­men. — stop



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