Aus der Wörtersammlung: traum

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jean paul

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char­lie : 3.08 — Wäh­rend eines Gesprä­ches im Gehen erzähl­te ich Mut­ter, dass ich vor Jah­ren ein­mal fürch­te­te, ihr Leben könn­te vor dem Leben mei­nes Vaters enden. In Bruch­tei­len einer Sekun­de ant­wor­te­te sie, dass Vater ihr in die­sem Fal­le unmit­tel­bar nach­ge­stor­ben wäre. Ich war sofort ste­hen geblie­ben, das Wort nach­ster­ben irri­tier­te. Ich mein­te die­ses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­leg­te, ob Mut­ter das Wort viel­leicht erfun­den haben könn­te, ein Wort also für eine Situa­ti­on, die sie sich selbst vor­ge­stellt haben moch­te. Eini­ge Stun­den spä­ter such­te ich nach dem Wort in der digi­ta­len Sphä­re. Tat­säch­lich exis­tiert die­ses Wort bereits seit lan­ger Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewe­sen, das Wör­ter lernt, in dem es Geräu­sche von den Lip­pen sei­ner Mut­ter liest. Habe auf der Suche nach den Spu­ren jenes Wor­tes eine fei­ne Beob­ach­tung Jean Pauls ent­deckt: Außer­halb des Traums kom­men uns Emp­find­bil­der öfter von Tönen als von Reden und Schäl­len vor; nach einer Musik­nacht kann die beweg­te See­le sich will­kür­lich die Melo­dien, aber nicht die Gesprä­che wie­der­klin­gen las­sen; denn wie sehr der Musik­ton, die Poe­sie des Klan­ges, so tief mehr in uns als um uns zu spie­len und unter allen Emp­fin­dun­gen von uns mehr geschaf­fen als emp­fan­gen zu wer­den scheint, bewei­set die schon ange­führ­te Erfah­rung, daß wir an einem Sin­gen und Flö­ten, das in immer wei­te­re Fer­ne ver­fließt, gera­de mit dem gespann­tes­ten Ohre die letz­ten aus­ster­ben­den Töne von Außen nicht von den nach­ster­ben­den von Innen son­dern kön­nen. — stop. Drei Uhr. stop. Heu­te Nacht pfeift ein Vogel im Dun­keln, obwohl es noch lan­ge Zeit nicht hell wer­den wird. Das ist selt­sam. Er scheint mich im Auge zu behal­ten. Ich ste­he am Fens­ter und bewe­ge einen Arm und eine Hand, als wür­de ich win­ken. Die­se Ges­te lässt den Vogel ver­stum­men, war­um? — stop
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mr. ganga datt padong

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echo : 5.15 — Nicht zum ers­ten Mal stell­te ich mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer. Ich aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­tisch und stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Und wie­der sah ich aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te, kam zurück und mach­te einen Plan. Ich mach­te ihn gründ­lich, ich for­mu­lier­te die alt­be­kann­te Fra­ge, ob es wohl mög­lich ist, einen Zeit­raum von 5022 Jah­ren zu den­ken, das heißt, ein Gefühl zu fin­den für eine bibli­sche Zeit­di­men­si­on? Bald war Abend, bald war Nacht gewor­den und ich habe mich mit der Suche und Erfin­dung von Namen ver­gnügt. Wenn ich aus dem Fens­ter schaue, die Kro­nen der Bäu­me unter mir, in wel­chen Vögel schla­fen, fal­len mir tat­säch­lich sehr schö­ne Namen ein, Namen, die es ver­dien­ten, dass man die Geschich­ten, die hin­ter ihnen ste­hen, auf­spü­ren wird. Über­haupt sind Namen, genau genom­men, die Geräu­sche, die sie im Kopf erzeu­gen, gut dazu geeig­net, erzähl­ba­re Räu­me zu öff­nen. Einer der heu­te Nacht gefun­de­nen Namen lau­tet so: Mr. Ganga Datt Padong. Ich bemerk­te, dass ein Mann, der die­sen Namen tat­säch­lich trägt, sich ein­mal bei mir mel­den könn­te. Er schreibt: Mr. Lou­is, ich habe in die Such­ma­schi­ne geschaut. Woher ken­nen Sie mei­nen Namen? Ich ant­wor­te: Ver­ehr­ter Mr. Padong, ich habe Sie und ihren Namen erfun­den, könn­ten wir viel­leicht Freun­de wer­den? — Fol­gen­de Namen sind wei­ter­hin ver­zeich­net: Han­nah Pie­pen Pal­le Peter­son Pete Mai­do Franz Dant­zer Swet­la­na Anti­bes Julie P. Gol­ding Emil Dimit­rov Zine Hamm­dai Max Bus­ser Mer­go­zi­le Bier­manns Sophia Wie­sel­ha­gen Sarah Loui­sa Emmer Vero­ni­ka Pig­mat­ter Bas­heer Zeid Chris­tie Lee Ewe­li­na Zen­c­zak Miria Iri­na Save­do Sam Kek­ko­la Hoah Phat Cynet­te Krom­bou­te Laris­sa Todic Linea Apo Ludu Hil­mer Lil­li Marie Lorenz. — stop

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seegras

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sier­ra : 5.22 — Im Traum hat­te ich an jeder Hand unge­fähr ein­hun­dert Fin­ger. Mei­ne geträum­ten Fin­ger, jeder für sich, waren sehr dünn. Ich woll­te mit mei­ner lin­ken Hand zäh­len, wie vie­le Fin­ger sich an mei­ner rech­ten Hand exakt befan­den. Ich leg­te des­halb die rech­te Hand auf den Tisch und näher­te mich mit der lin­ken, aber ich konn­te kei­nen Fin­ger mei­ner lin­ken Hand exakt mit mei­nen Gedan­ken fin­den, um mit­tels eines wei­te­ren lin­ken Fin­gers, die Fin­ger mei­ner rech­ten Hand für Zäh­lung zu sor­tie­ren. Auch die Fin­ger der rech­ten Hand lie­ßen sich nicht anspre­chen, sie mach­ten, was sie woll­ten, sie beweg­ten sich unter mei­nem Atem wie See­gras in Strö­mung nahe Ufer. — stop

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ryūnosuke akutagawa

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char­lie : 5.05 — Nach der mög­li­chen Exis­tenz von Droh­nen im New Yor­ker Luft­raum gefragt, soll der Bür­ger­meis­ter der Stadt geant­wor­tet haben, dass man sol­che Ent­wick­lun­gen nicht auf­hal­ten kön­ne. „Wir wer­den mehr Sicht­bar­keit und weni­ger Pri­vat­sphä­re haben”. Es sei kei­ne Fra­ge, ob er selbst das gut oder schlecht fin­de. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwi­schen einer Droh­ne in der Luft und einer Kame­ra auf einem Gebäu­de.“ — In die­sem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, ver­lässt die Vor­stel­lung eines Posau­nis­ten, der früh­mor­gens an Bord der Fäh­re MS John F. Ken­ne­dy spie­lend einen neu­en Mor­gen begrüßt, wäh­rend er von einem sum­men­den Flug­ob­jekt in der Grö­ße einer Man­da­ri­ne umrun­det wird, ihren poe­ti­schen Raum. — stop. — Minus 5 Grad Cel­si­us. — stop. — Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sitzt eine Amsel. Ich neh­me an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu sin­gen. Ich habe eine hal­be Stun­de lang in der Beob­ach­tung des klei­nen dunk­len Vogel­schat­tens mein Gedächt­nis trai­niert, indem ich ver­such­te, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu ler­nen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryū­no­suke Aku­tag­awa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts wei­ter. — stop

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flamingo

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alpha : 2.25 — Seit eini­gen Wochen der Ver­dacht, dass sich Wör­ter mei­ner Par­tic­les-Sphä­re genau so ver­hal­ten, als wären sie unge­bän­dig­te Lebe­we­sen, sie tun näm­lich in heim­li­cher Wei­se was sie wol­len, fügen sich zum Bei­spiel selbst Buch­sta­ben hin­zu oder las­sen Buch­sta­ben, die für ihre spe­zi­el­le Exis­tenz unver­zicht­bar sind, ver­schwin­den. Ande­re Wör­ter las­sen Buch­sta­ben krei­sen, einen Buch­sta­ben um einen ande­ren Buch­sta­ben. Kaum habe ich nach lan­ger Arbeit in der Nacht die Augen zuge­macht, geht das alles los. Und wenn ich dann wach gewor­den bin und betrach­te, was ich nachts notier­te, mein Gott, den­ke ich, aus Wet­ter ist Wat­te gewor­den, aus Mie­te Mut, aus Regen­schir­men Schir­me von Schnee. Gera­de eben habe ich das Wort Möwe in einem Text beob­ach­tet, den ich vor Mona­ten notier­te. Ich hat­te die­ses Wort schon lan­ge im Auge. Eine Stun­de betrach­te­te ich das Wort, ohne dass es sich ver­än­der­te. Kaum aber war ich für eine Minu­te aus dem Raum getre­ten, um in die Küche zu gehen, wur­de aus der Möwe eine Mive, das kann ich so genau sagen, weil ich, als ich an den Schreib­tisch zurück­kehr­te, gera­de noch sehen konn­te, wie aus dem Wort Mive wie­der das Wort Möwe wur­de. Eine selt­sa­me Sache. Auch gan­ze Wör­ter schei­nen durch den Text­raum wie durch Zeit zu rei­sen. Im Juli 2008 fabri­zier­te ich eine klei­ne Geschich­te, die davon erzählt, war­um ich nachts manch­mal im Dunk­len sit­ze. Genau die­sen Text scheint das Wort Fla­min­go beson­ders ange­nehm zu fin­den, wes­we­gen es immer wie­der erschei­nen will im Text anstel­le der Flie­gen, die Tee­flie­gen sind. Schau­en Sie selbst, Sie müs­sen nur lan­ge genug Beob­ach­ter oder Beob­ach­te­rin sein, dann wer­den Sie schon sehen: Heut Nacht sit­ze ich im Dun­keln, weil ich her­aus­zu­fin­den wün­sche, ob Libel­len auch in licht­lee­ren Räu­men flie­gen, schwe­ben, jagen. Als ich ges­tern, das soll­ten Sie wis­sen, gegen den Mit­tag zu erwach­te, balan­cier­te eine Libel­le, mari­ne­blau, auf dem Rand einer Karaf­fe Tee, die ich neben mei­nem Bett abge­stellt hat­te, schau­te mir beim Auf­wa­chen zu und nasch­te, solan­ge ich nur ein Auge beweg­te, indem sie rhyth­misch mit einer sehr lan­gen Zun­ge bis auf den Grund des zimt­far­be­nen Gewäs­sers tauch­te. Viel­leicht jag­te sie nach Fischen oder Lar­ven oder klei­nen Flie­gen, nach Tee­flie­gen, kochend heiß, die küh­ler gewor­den sein moch­ten, wäh­rend ich schlief. Oder aber sie hat­te end­lich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, wes­halb ich kurz vor Mit­ter­nacht einen Löf­fel Honig erhitz­te und auf die Fens­ter­bank trop­fen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so war­te ich nun bereits seit drei Stun­den und höre selt­sa­me Geräu­sche, von Men­schen viel­leicht oder ande­ren wil­den Tie­ren. — stop – Zwei Uhr und fünf­und­zwan­zig Minu­ten. Wahr­schein­lich ist auch heu­te, wäh­rend ich schlief, wie­der alles in Bewe­gung gewe­sen. — stop

polaroidvoegel

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auf der roseninsel

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india : 5.15 — Ich habe etwas Lus­ti­ges geträumt. War nachts mit einem Zug nach Pos­sen­ho­fen gefah­ren. Ein har­ter Win­ter, ich schlen­der­te am Ufer des Starn­ber­ger Sees. Man­schet­ten von Eis umsäum­ten Stei­ne und Höl­zer, die im Nied­rig­was­ser sicht­bar gewor­den waren. Ich erin­ne­re mich, dass ich ver­such­te Wör­ter zu fin­den für Geräu­sche, die mei­ne Schrit­te auf dem gefro­re­nen Boden erzeug­ten. Ich hat­te viel Zeit, ich war auf dem Weg zur Rosen­in­sel. Eich­hörn­chen flitz­ten durchs Unter­holz, auf Bän­ken, wel­che ich pas­sier­te, saßen gefro­re­ne Men­schen, das war selt­sam, weil sie alle lächel­ten, als wäre das Erfrie­ren ein ange­neh­mer Vor­gang gewe­sen. Außer­dem konn­ten sie lei­se spre­chen. Wenn ich ihnen eine Fra­ge stell­te, näm­lich, ob ich auf dem rich­ti­gen Weg zur Rosen­in­sel sei, ant­wor­te­ten sie, ja ja, ihre Stim­men kamen aus den Ohren der gefro­re­nen Gestal­ten her­aus, sodass ich den Ein­druck hat­te, in den mensch­li­chen Kör­pern wür­den wei­te­re Kör­per sit­zen. Auch Fische spa­zier­ten im Traum her­um, auf Füs­sen, an wel­chen sie Wan­der­schu­he tru­gen. Dann war ich irgend­wann ange­kom­men und war­te­te am Ufer, ob mich jemand holen wür­de. Das Was­ser an die­ser Stel­le leuch­te­te, ein Licht, das sich beweg­te. Plötz­lich tauch­te ein klei­nes U‑Boot aus dem Was­ser. Es hat­te die Form einer Zigar­re und war durch­sich­tig und kam sehr nah an das Ufer her­an. Eine Luke öff­ne­te sich. Robert De Niro wink­te und er sag­te, ich sol­le zu ihm ins Boot stei­gen. Wir tauch­ten dann rüber zur Insel, es war Tag als wir ange­kom­men waren, Som­mer. Auf einer Bank saß mein Vater, er las in einer Zei­tung. Hier, in sei­ner Nähe, wach­te ich auf, weil mein Wecker klin­gel­te. Ich nahm den Wecker in die Hand, und als ich drei Stun­den spä­ter wie­der ein­mal wach gewor­den war, hat­te ich den Wecker noch immer der Hand, so wie es sein muss, mit den Weckern, wenn man sie träumt. — stop

polaroidwolken

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kabinen

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tan­go : 2.28 — Ges­tern hat­te ich einen merk­wür­di­gen Traum. In die­sem Traum wur­de über das Haus, in dem ich lebe, ein Büro­turm von enor­men Aus­ma­ßen errich­tet. Das Gebäu­de ruh­te auf Stel­zen, wir leb­ten dar­un­ter in einer Schat­ten­welt, selbst die Nacht war ver­dun­kelt. Weil man die Häu­ser der Wohn­men­schen nicht abrei­ßen durf­te, wur­den senk­recht in den Erd­bo­den zu den Sub­way – Sta­tio­nen hin, Röh­ren von Glas getrie­ben, in wel­chen mit­tels trans­pa­ren­ten Ein­per­so­nen­ka­bi­nen Ange­stell­te ihre Büros erreich­ten. Eine die­ser Röh­ren führ­te durch das Zim­mer, in dem ich zu schla­fen ver­such­te. Stun­de um Stun­de reis­ten nun Men­schen durch mein Zim­mer, auf­wärts und abwärts, man­che grüß­ten freund­lich, man­che waren ver­le­gen, eini­ge schlie­fen. — stop

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von den regenschirmtieren

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india : 2.05 – Ges­tern ist etwas Merk­wür­di­ges pas­siert. Ich hat­te einem Bekann­ten, den ich lan­ge Zeit nicht gese­hen habe, eine E‑Mail gesen­det. Kaum war die klei­ne elek­tri­sche Bot­schaft auf den Weg gebracht, kam eine Ant­wort zurück. Ich war sehr erstaunt gewe­sen, ich hat­te ange­nom­men, dass sich mein Bekann­ter viel Zeit neh­men wür­de, mir zu ant­wor­ten, immer­hin war ich etwas nach­läs­sig, zöger­lich dar­in, ihm zu schrei­ben. Ich hat­te sogar ein­mal das Gefühl, er könn­te viel­leicht längst nicht mehr am Leben sein, weiß der Teu­fel, war­um. Die Ant­wort, die ich erhielt, war fol­gen­de gewe­sen: Guten Tag! Ich habe Dei­ne Nach­richt erhal­ten, bin gera­de in Tas­ma­ni­en, ich wer­de so bald wie mög­lich ant­wor­ten. Um Dir die Zeit bis dahin zu ver­trei­ben, schi­cke ich Dir eine Geschich­te, die Dir viel­leicht Freu­de berei­ten wird. Es han­delt sich um eine Traum­ge­schich­te, die davon erzählt, dass ich wie­der ein­mal von Regen­schirm­tie­ren träum­te. Die Luft im Traum war hell vom Was­ser, und ich wun­der­te mich, wie ich in die­ser Wei­se, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt gehen konn­te, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut von der Art der  Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es war kurz nach Mit­ter­nacht. Es reg­net noch immer. — stop

polaroidkind

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uhrenwesen

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sier­ra : 6.33 — Im Traum saß ich ein­mal in einem Zug in nächs­ter Nähe eines Man­nes und wun­der­te mich, weil ich ein merk­wür­di­ges, ein san­dig wis­pern­des Geräusch ver­nahm, das von dem Mann aus­zu­ge­hen schien. Er schlief tief und fest, erwach­te auch dann nicht, als ich mich über ihn beug­te und in eine der Taschen sei­nes Man­tels späh­te. Die Tasche war gefüllt mit Arm­band­uh­ren. Als ich eine der Uhren her­aus­nahm, ruh­te sie warm in mei­ner Hand. Ich leg­te ein Ohr an den Kör­per der Uhr und hör­te das Herz der Uhr lei­se schla­gen und eine hel­le Stim­me noch, die Sekun­den zähl­te. — stop
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schneeechsen

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ulys­ses : 6.55 — Im Traum spa­zie­re ich die win­ter­li­che Küs­te der Sta­ten Island Insel ent­lang. San­di­ger Boden, Strand, der unter mei­nen Füßen knis­tert. Es ist sehr kalt, der Schnee in der Nähe des Was­sers geschmol­zen, land­ein­wärts aber türmt er sich, Wehen, die Kie­fer­bäu­me, die gan­ze Häu­ser ver­schlu­cken. An mei­ner Sei­te wan­dert eine alte, hoch­ge­wach­se­ne Frau. Sie erzählt in rasen­der Geschwin­dig­keit eine Geschich­te, die ich nicht wirk­lich wahr­neh­men kann, weil ich ihre Spra­che nicht ver­ste­he. Aber das scheint die alte Frau nicht wei­ter zu küm­mern, viel­leicht erzählt sie nur des­halb unent­wegt vor sich her, damit ich ihre Stim­me hören kann und sie in der Dun­kel­heit nicht ver­lie­re. Tat­säch­lich ist fast licht­lo­se Nacht, nur ein hal­ber Mond und ein paar grö­ße­re Schif­fe weit drau­ßen, die in Rich­tung des offe­nen Atlan­tiks fah­ren. Ich erin­ne­re mich, dass die alte Frau eine Pelz­müt­ze und einen Pelz­man­tel trägt, som­mer­li­che Schu­he, Sport­schu­he und kei­ner­lei Strümp­fe. Um sie her­um flit­zen Eidech­sen, sie schei­nen ihr zu fol­gen, weiß sind sie wie der Schnee, aus dem sie gekom­men sind. Wenn ich mich bücke, kom­men sie neu­gie­rig näher, ich kann sie auf­he­ben, ich kann sie zer­bre­chen, sie tra­gen schnee­wei­ße Zun­gen in ihren klei­nen Mün­dern und sie fau­chen und tau­en, sobald ich sie in mei­ne Hosen­ta­sche ste­cke. In die­sem Moment mei­ne ich, die alte Frau mit einem Namen ange­spro­chen zu haben, an den ich mich nicht erin­nern kann. Ein­mal bleibt sie ste­hen, kau­ert sich auf den Boden, singt lei­se eine Melo­die vor sich hin, der Faden ihrer Stim­me wird sicht­bar in der fros­ti­gen Luft. Jetzt hebt sie Stei­ne aus dem Sand, schich­tet sie über­ein­an­der, sodass sie Tür­me bil­den, die sich in der Dun­kel­heit wie Wäch­ter­we­sen, wie Mah­nen­de beneh­men. Ein hell beleuch­te­tes Fähr­schiff fährt dicht am Ufer ent­lang. Ich sehe Men­schen, die tan­zen. Das Schiff wird von wei­te­ren Men­schen gezo­gen, die im eis­kal­ten Was­ser schwim­men. — stop

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