Aus der Wörtersammlung: traum

///

ai : MEXIKO

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR: „2013 nah­men die Ein­wan­de­rungs­be­hör­den Mexi­kos 82 269 Migran­tIn­nen fest und 75 704 wur­den abge­scho­ben, die gro­ße Mehr­heit nach Gua­te­ma­la, Hon­du­ras und El Sal­va­dor. Eine grö­ße­re Zahl mit­tel­ame­ri­ka­ni­scher Migran­tIn­nen ver­such­te, in die USA zu gelan­gen. In Mexi­ko erlei­den vie­le Migran­tIn­nen wei­ter­hin Ver­stö­ße durch die Poli­zei, und ande­re wer­den Opfer geziel­ter Ent­füh­run­gen, des Men­schen­han­dels, von Ver­ge­wal­ti­gung und Tötun­gen durch kri­mi­nel­le Ban­den, die häu­fig im Ein­ver­neh­men mit loka­len Behör­den agie­ren. Refor­men der Migra­ti­ons­ge­setz­ge­bung, die man­che Rech­te von Migran­tIn­nen, ins­be­son­de­re das Recht auf Schutz und Zugang zur Jus­tiz stärk­ten, wur­den nicht ange­mes­sen umge­setzt. Die natio­na­le Stra­te­gie zur Bekämp­fung der Ent­füh­rung von Migran­tIn­nen zieht immer noch kei­ne kri­mi­nel­len Ban­den und Mit­ar­bei­te­rIn­nen von Behör­den zur Ver­ant­wor­tung, die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Migran­tIn­nen bege­hen. 2011 berich­te­te die natio­na­le Men­schen­rechts­kom­mis­si­on von 10 00 Ent­füh­run­gen von Migran­tIn­nen ohne regu­lä­ren Auf­ent­halts­sta­tus durch kri­mi­nel­le Ban­den in einem Zeit­raum von nur sechs Mona­ten, häu­fig im Ein­ver­neh­men mit Behör­den­ver­tre­te­rIn­nen. Die Ver­ant­wort­li­chen für Ver­schlep­pun­gen und ande­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Migran­tIn­nen wer­den nur sel­ten zur Rechen­schaft gezo­gen. / Die Behör­den auf Bun­des­staa­ten­ebe­ne igno­rie­ren die Mise­re der Migran­tIn­nen zu gro­ßen Tei­len, und die Bun­des­be­hör­den sehen Migran­ten­strö­me zuneh­mend als Gefahr für die natio­na­le Sicher­heit, statt die Sicher­heit von Migran­tIn­nen auf der Durch­rei­se zu gewähr­leis­ten. Vor kur­zem reis­ten Müt­ter von Migran­tIn­nen aus Mit­tel­ame­ri­ka auf der Suche nach ihren Kin­dern durch Mexi­ko und for­der­ten staat­li­che Unter­su­chun­gen. Die natio­na­le Men­schen­rechts­kom­mis­si­on ver­öf­fent­lich­te kürz­lich einen unbe­frie­di­gen­den Bericht zu der Tötung von 72 Migran­tIn­nen in San Fer­nan­do im Bun­destaat Tamau­li­pas im August 2010. Das Ver­sa­gen der Behör­den beim Schutz des Rechts auf Leben der Migran­tIn­nen und der umfas­sen­den Auf­klä­rung des Mas­sa­kers war nicht Inhalt des Berichts. Er beschränk­te sich auf begrenz­te Aspek­te des Falls im Zusam­men­hang mit grob feh­ler­haf­ten foren­si­schen Unter­su­chun­gen zur Iden­ti­fi­zie­rung der Opfer. Die Leich­na­me aus ande­ren Mas­sa­kern, / von denen vie­len ver­mut­lich Migran­tIn­nen sind, sind noch gar nicht iden­ti­fi­ziert wor­den. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal ver­öf­fent­lich­te 2010 einen Bericht über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Migran­tIn­nen auf der Durch­rei­se durch Mexi­ko mit dem Titel “Invi­si­ble Vic­tims: Migrants on the move in Mexi­co”. Amnes­ty Inter­na­tio­nal hat eine Akti­on ins Leben geru­fen, um die Mise­re der Migran­tIn­nen auf dem Weg durch Mexi­ko sicht­bar zu machen.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 6. Mai 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

///

lichtbild : damaskus

pic

fox­trott : 0.15 — Eine hoch­auf­lö­sen­de Foto­gra­fie zeigt eine Stra­ße der Stadt Damas­kus bei Tages­licht. Die­se Stra­ße ist nicht irgend­ei­ne Stra­ße, son­dern eine Stra­ße, die sich in einem von syri­schen Regie­rungs­trup­pen bela­ger­ten Stadt­teil befin­den soll. Davon habe ich Kennt­nis, ich hat­te einen kur­zen Bericht gele­sen, der sich mit jener foto­gra­fier­ten Stra­ße befass­te. Die Häu­ser der Stra­ße sind zer­stört, nicht ganz zum Boden hin gezwun­gen, aber sie sind Rui­nen, sind unbe­wohn­bar gewor­den. Man erzählt, die Stra­ße, ein gan­zer Stadt­teil und die in ihm leben­den Men­schen sei­en voll­stän­dig von der Ver­sor­gung abge­schnit­ten, kein Trink­was­ser, kei­ne Nah­rung. Hun­der­te Men­schen sol­len bereits ver­hun­gert sein. Die Auf­nah­me nun lich­tet tau­sen­de im Infer­no leben­de Men­schen ab, Men­schen, die Bom­ben, Scharf­schüt­zen, Gift­gas und Aus­zeh­rung über­leb­ten, sie haben sich in der Schlucht zer­stör­ter Häu­ser vor der Kame­ra ein­ge­fun­den. Vie­le ste­hen gebeugt, als wür­den sie beten. Ande­re flie­ßen auf den Trüm­mern der Häu­ser­wän­de auf­wärts. Ein Bild wie aus einem Traum, der ein Alb­traum sein muss. Ich kann die Men­schen genau­er betrach­ten, indem ich die Auf­nah­me auf mei­nem Bild­schirm ver­grö­ße­re. Aus einer Men­ge tre­ten ein­zel­ne Men­schen her­vor, ein Mann mit lich­tem Bart und Bril­le, eine jun­ge Frau, die ein grü­nes Kopf­tuch trägt. In dem Moment der Auf­nah­me legt sie ihre Hän­de vor den Mund. Vie­le der Men­schen schei­nen wie die jun­ge Frau in das Objek­tiv der Kame­ra zu bli­cken. Für einen Augen­blick mei­ne ich, dass sie aus ihren Kel­lern gekom­men sein könn­ten, trotz der Gefahr von Ton­nen­bom­ben umge­bracht zu wer­den, um auf die­se Auf­nah­me zu kom­men, um nicht ganz zu ver­schwin­den, ja, das ist denk­bar. Aber ver­mut­lich ist die Wirk­lich­keit die­ser Auf­nah­me eine ande­re, ver­mut­lich wer­de ich nie erfah­ren, war­um die­se Men­schen zusam­men­ge­kom­men sind, so vie­le Men­schen, und wer über­leb­te und wer nicht über­leb­te. — Kin­der. Kei­ne Kin­der. — stop

ping

///

ai : RUSSISCHE FÖDERATION

aihead2

MENSCH IN GEFAHR: „Jew­ge­ni Witisch­ko muss eine drei­jäh­ri­ge Haft­stra­fe in einer Straf­ko­lo­nie antre­ten. So hat es das Regio­nal­ge­richt von Kras­no­dar in einem Rechts­mit­tels­ver­fah­ren am 12. Febru­ar ent­schie­den. Amnes­ty Inter­na­tio­nal betrach­tet den inhaf­tier­ten Umwelt­schüt­zer als gewalt­lo­sen poli­ti­schen Gefan­ge­nen, der straf­recht­lich ver­folgt wird, weil er Umwelt­schä­den in der Regi­on Kras­no­dar auf­ge­deckt hat. / Am 12. Febru­ar hat das Regio­nal­ge­richt von Kras­no­dar ein von Jew­ge­ni Witisch­ko ein­ge­leg­tes Rechts­mit­tel gegen die gegen ihn ver­häng­te Haft­stra­fe zurück­ge­wie­sen und damit die Ent­schei­dung eines Gerichts unte­rer Instanz bestä­tigt. In dem Urteil des Regio­nal­ge­richts heißt es, der Umwelt­schüt­zer habe gegen eine Auf­la­ge (Rei­se­be­schrän­kung) ver­sto­ßen, die ihm im Zusam­men­hang mit einer zur Bewäh­rung aus­ge­setz­ten drei­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fe auf­er­legt wor­den war. Er müs­se des­halb die drei Jah­re Haft in einer Straf­ko­lo­nie ver­bü­ßen. Das ursprüng­li­che Urteil war nach Auf­fas­sung von Amnes­ty Inter­na­tio­nal in einem poli­tisch moti­vier­ten und unfai­ren Gerichts­ver­fah­ren gegen ihn ergan­gen. Der Ter­min für die Ver­hand­lung über das Rechts­mit­tel war zunächst auf den 22. Febru­ar fest­ge­setzt wor­den, wur­de dann aber auf den 12. Febru­ar vor­ver­legt, sodass es in den Zeit­raum der 15-tägi­gen Haft von Jew­ge­ni Witisch­ko fiel, die er wegen kon­stru­ier­ter Vor­wür­fe im Zusam­men­hang mit “gering­fü­gi­gem Row­dy­tum” in der Stadt Tuap­se ver­bü­ßen muss­te. Der Umwelt­schüt­zer konn­te des­halb an der Ver­hand­lung nur per Video­schal­tung teil­neh­men. Als Reak­ti­on auf das Urteil kün­dig­te Jew­ge­ni Witisch­ko einen Hun­ger­streik an. / Nach­dem er sei­ne 15-tägi­ge Haft­stra­fe ver­büßt hat­te, soll­te Jew­ge­ni Witisch­ko am 18. Febru­ar frei­ge­las­sen wer­den und sich dann pri­vat auf den Weg zu der Straf­ko­lo­nie machen, um dort sei­ne drei­jäh­ri­ge Frei­heits­stra­fe anzu­tre­ten. Die Behör­den erklär­ten dann jedoch, er wer­de nicht aus der Haft ent­las­sen, son­dern beglei­tet von Gefäng­nis­per­so­nal direkt in die Straf­ko­lo­nie gebracht. Amnes­ty Inter­na­tio­nal vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen zufol­ge befin­det er sich der­zeit auf dem Weg dort­hin, das genaue Ziel ist aber nicht bekannt.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 1. April 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

///

remington

9

whis­key : 1.28 — In der ver­gan­ge­nen Nacht träum­te ich von einer Schreib­ma­schi­ne. Die­se Schreib­ma­schi­ne ver­füg­te über ein Band von roter und schwar­zer Far­be sowie über einen Satz Ham­mer­zei­chen, die sich nur dann beweg­ten, wenn ich die Tas­ten mit gro­ßer Kraft in das mecha­ni­sche Getrie­be der Maschi­ne drück­te. Manch­mal, wäh­rend ich notier­te, blie­ben ein­zel­ne der Tas­ten in der Tie­fe hän­gen, als woll­te die Schreib­ma­schi­ne nicht von dem Zei­chen las­sen, das sie gera­de noch auf das Papier gesetzt hat­te. Eine Tas­te nach der ande­ren fiel aus, bis ich nur noch das Zei­chen M bewe­gen konn­te. Ich erin­ne­re mich, in mei­nem wirk­li­chen Leben tat­säch­lich eine Schreib­ma­schi­ne wie die geträum­te Schreib­ma­schi­ne beses­sen zu haben. Sie stand lan­ge Zeit auf mei­nem Schreib­tisch, ich hob sie nur sel­ten an, weil sie schwer gewe­sen war, 10 oder 15 Kilo­gramm. Es war eine Reming­ton mit einem Farb­band, tro­cken wie nami­bi­scher Wüs­ten­sand. Da nie­mand wuss­te, auf wel­chem Wege man an ein fri­sches Farb­band gelan­gen konn­te, erzeug­te die Schreib­ma­schi­ne zeit­le­bens kein sicht­ba­res, aber tast­ba­re Zei­chen, und doch tipp­te ich manch­mal auf der Maschi­ne her­um, als wür­de ich etwas auf­schrei­ben, als wür­de ich üben, laut­lo­se Musik, Ges­ten, stum­me Gedan­ken. In mei­nem Traum der ver­gan­ge­nen Nacht wur­de die Maschi­ne unter mei­nen Hän­den immer klei­ner, bis sie zuletzt ver­schwun­den war. Ich habe dann noch etwas wei­ter geträumt. Ich war in einem U‑Boot unter­wegs. Ich fuhr den Mis­sis­sip­pi auf­wärts. Das Was­ser war dun­kel. Ich beob­ach­te­te leuch­ten­de Rin­der, wie sie auf dem Grund des Flus­ses durch knie­ho­hen Schlamm wate­ten. — stop
polaroidzeichnungen

///

radioisotop

9

marim­ba : 6.58 — In der Ver­gan­gen­heit habe ich mir oft gewünscht, ich könn­te mein Leben aus der Sicht eines Vogels auf­zeich­nen, der mich beglei­tet, Gesprä­che, die ich täg­lich mit Men­schen füh­re oder heim­li­che Gesprä­che mit mir selbst. Auch wür­de auf­ge­nom­men, was ich gese­hen habe, wäh­rend ich reis­te, einen Ken­tau­ren nahe des Müll­ner­horn, Regen­trop­fen am Strand von Coney Island, eine Amei­se auf Geor­ges Perec’s Schul­ter wäh­rend einer Fahrt in der Pari­ser Metro, mei­nen Kör­per, wäh­rend ich schlief. Manch­mal ist es ange­nehm, sich zu wün­schen, was nicht mög­lich zu sein scheint, eine gro­ße Frei­heit der Spe­ku­la­ti­on. Aber in den ver­gan­ge­nen Tagen wur­de mir bewusst, dass die Ver­wirk­li­chung eines mich beglei­ten­den Vogel­we­sens nicht län­ger uto­pisch ist. Ich kann mir eine flie­gen­de Maschi­ne ohne wei­te­re Anstren­gung vor­stel­len, ein künst­li­ches Luft­we­sen, vier Pro­pel­ler, ange­trie­ben von einer leich­ten Radio­nu­klid­bat­te­rie, die sich tat­säch­lich für Jahr­zehn­te an mei­ner Sei­te in der Luft auf­hal­ten könn­te, ein bei­na­he laut­lo­ses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tau­ben­schwänz­chen oder einer Bie­ne. Kaum hat­te ich das Flug­ob­jekt aus sei­ner Trans­port­box geho­ben und akti­viert, wuss­te ich, dass es für immer mei­ner Per­son ver­bun­den sein wird, mei­nem per­sön­li­chen Luft­raum, den ich mit mir füh­re, wohin ich auch gehe. Selt­sam ist viel­leicht, dass es gleich­wohl unmög­lich sein wird, die­ses Wesen je wie­der ein­zu­fan­gen, weil es schnell ist in sei­nen Reak­tio­nen, schnel­ler als mei­ne Hand, schnel­ler als eine Gewehr­ku­gel, ein Wesen, das über die Flug­flug­fä­hig­kei­ten einer Stu­ben­flie­ge ver­fügt. – Heu­te Nacht pfeift ein Sturm­wind übers Dach. Ich fra­ge mich, was die Vögel gera­de machen. Höre das Moped eines Zei­tungs­bo­ten. Ich habe den Mann, der eine Frau sein könn­te, noch nie gese­hen. Er ist pünkt­lich wie immer. Ich wer­de gleich das Fens­ter öff­nen. — stop

polaroidqueen

///

unter salzbäumen

9

tan­go : 2.02 — Im Traum sit­ze ich mit einem alten Mann an einem Tisch. Gro­ße Hit­ze auch im Schat­ten, den Salz­bäu­me spen­den. Wir trin­ken Kaf­fee und Was­ser, das süß ist wie Honig. Der alte Mann trägt kaki­far­be­ne Shorts, sei­ne Haut ist dun­kel, gebrannt wie Kaf­fee, hell­grü­ne Augen. Eine Erschei­nung, zahn­los, die nicht spricht, Haut und Kno­chen, aber ein Wesen von enor­mer Aus­dau­er. Ich höre, der alte Mann soll seit Jah­ren bereits vor die­sem Tisch sit­zen, ohne je auf­ge­stan­den zu sein. Papie­re lie­gen auf dem Tisch und auf dem Boden. Sie sind beschrif­tet, kaum leser­li­che Zei­chen. Vor dem Mann ruht ein klei­nes, schwer atmen­des Note­book. Ein­mal blickt er auf den Bild­schirm sei­ner Maschi­ne, dann wie­der auf ein Blatt Papier, das vor ihm liegt, und schreibt. Amei­sen von Metall irren im Sand her­um. Es gibt kei­nen Ton im Traum, wenn ich spre­che, ver­neh­me ich weder Gedan­ken noch Stim­me. – stop
ping

///

im zug

9

marim­ba : 2.32 — Am Abend spät betrat ein jun­ger Mann einen Zug der Schnell­bahn­li­nie, wel­che die Stadt mit dem Flug­ha­fen ver­bin­det. Er schlepp­te ein Fahr­rad hin­ter sich her, das so schwer bepackt gewe­sen war, dass er sich, genau genom­men, nicht auf das Fahr­rad set­zen konn­te, es war kein Platz für sei­nen schma­len Kör­per. Auf der Spit­ze des Gepäck­ber­ges von Taschen und Tüten, ruh­te ein Körb­chen, dort schlief eine Kat­ze. Es war still, der Zug an die­sem Abend bei­na­he leer, ein Zug, der über Gepäck­ab­tei­le oder Nischen für Fahr­rä­der, Kin­der­wa­gen und gro­ße Kof­fer ver­füg­te. An kei­ner die­ser geeig­ne­ten Stel­len war der jun­ge Mann mit sei­nem Fahr­rad und sei­ner Kat­ze jedoch ein­ge­stie­gen, viel­mehr in ein Abteil, in wel­chem sich aus­schließ­lich Sitz­plät­ze befan­den. Nun geschah Fol­gen­des: Eine Stim­me in deut­scher Spra­che ersuch­te den jun­gen Mann an der nächs­ten Hal­te­stel­le, aus­zu­stei­gen und sich in ein Abteil zu bege­ben, das für ihn und sein Fahr­rad vor­ge­se­hen war. Da der jun­ge Mann nicht reagier­te, wie­der­hol­te die Stim­me ihr Anlie­gen in eben der deut­schen Spra­che. Auch die­se zwei­te Auf­for­de­rung blieb ohne Erfolg, wes­halb kurz dar­auf eine Anspra­che zunächst in eng­li­scher, dann in fran­zö­si­scher, schließ­lich in spa­ni­scher, zuletzt in por­tu­gie­si­scher Spra­che zu ver­neh­men war. Es han­del­te sich je um Ton­kon­ser­ven, die ver­mut­lich alle genau den­sel­ben Text ent­hiel­ten, die­sel­be Bot­schaft oder Bit­te, den Hin­weis dar­auf, dass Fahr­rä­der nur in den dafür vor­ge­se­he­nen Abtei­len beför­dert wer­den dür­fen. Die Stim­men waren freund­lich in ihrem Klang, ange­neh­me Stim­men, sie wickel­ten sich ab in einem Zeit­raum von drei oder vier Minu­ten. Es war ver­geb­lich, der jun­ge Mann beweg­te sich nicht. Nach einer kur­zen Pha­se der Stil­le hob sich die Stim­me des Fah­rers erneut. Er for­mu­lier­te nun in chi­ne­si­scher Spra­che, ich neh­me an, die­sel­be Bot­schaft wie zuvor, ein bemer­kens­wer­ter Vor­gang, ein Bei­spiel von Beharr­lich­keit. Als der Zug kurz dar­auf in einem klei­nen Bahn­hof stopp­te, erschien ein zier­li­cher Mann im Abteil. Er trug eine blaue Uni­form­ho­se und ein wei­ßes Hemd, es han­del­te sich um einen Mann chi­ne­si­scher Her­kunft. Er schien sehr auf­ge­bracht zu sein. Er näher­te sich dem jun­gen Mann, ges­ti­ku­lier­te hef­tig, deu­te­te mal auf den Besit­zer des Fahr­ra­des, dann auf das Fahr­rad selbst, hob die Hän­de zum Him­mel, um bald wie­der zu ver­schwin­den. Dann setz­te der Zug sich wie­der in Bewe­gung. Vor den Zug­fens­tern schim­mer­te Schnee in den Bäu­men. Ein Gespräch unter Rei­sen­den war zu hören. Die Kat­ze in ihrem Körb­chen hat­te für einen Moment die Augen geöff­net. — stop
polaroidmonroe

///

am schalter

9

marim­ba : 0.08 — Ich hat­te fol­gen­den Traum. Ich war gestor­ben. Ich saß mit zahl­rei­chen Men­schen in einer Hal­le, die mich an den War­te­saal eines Bahn­ho­fes erin­ner­te. Tat­säch­lich hör­te ich Zug­ge­räu­sche, das Schnau­fen alter Loko­mo­ti­ven. Alle Men­schen in der Hal­le waren tot wie ich, zugleich aber sehr leben­dig, ja fröh­lich. Sie lager­ten auf höl­zer­nen Bän­ken. Libel­len in allen mög­li­chen Far­ben has­te­ten durch den Raum. War­mes Licht ström­te durch Jalou­sien zu uns her­ein. Laut­spre­cher­stim­men ver­la­sen Namen, man­che waren ver­traut, ande­re klan­gen fremd. Ich erin­ne­re mich an Kin­der, sie toll­ten her­um, man­che spiel­ten mit Pup­pen oder Bäl­len. Sobald ein Name auf­ge­ru­fen wur­de, erhob sich eine Per­son und ging zu einem der Schal­ter. Bald wur­de auch mein Name ver­le­sen. Eine Frau stand am Schal­ter vor mir. Die Frau scherz­te mit einem Mann, der hin­ter einer Glas­schei­be saß. Sie sag­te, sie sei erschos­sen wor­den. In den Kopf, frag­te der Mann. Die Frau nick­te und der Mann ant­wor­te­te sofort: Das müs­sen wir mel­den. Plötz­lich rich­te­te er sei­nen Blick auf mich und frag­te: Sie auch? Sie auch in den Kopf? — stop
ping

///

kilimandscharo

2

del­ta

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : KILIMANDSCHARO
date : aug 05 12 8.08 p.m.

Es war gegen Mit­ter­nacht ges­tern, als Fran­kie das Haus in der 11. Stra­ße über eine Feu­er­lei­ter ver­ließ. Unver­züg­lich kehr­te er an den Hud­son River zurück, hock­te eini­ge Stun­den auf einer Mau­er am Was­ser, von dem in die­sen Tagen ein stren­ger Geruch aus­geht. Es ist heiß und schwül. Wir haben tote Fische beob­ach­tet, deren Kör­per an den Quai schla­gen. Der Fluss schäumt in sei­nen Press­wir­beln, New Jer­sey scheint nah, als wür­de die Luft eine unsicht­bare Lupe for­mie­ren. Alles geht einen guten Weg. Vor zwei Wochen hat­ten wir Fran­kie zuletzt betäubt, um Brenn­stoff­zel­len sei­ner Sen­der zu erneu­ern. Weit in das kom­mende Jahr wer­den sie kraft­voll arbei­ten. Tat­säch­lich scheint sich unser Eich­hörn­chen von den Stra­pa­zen der Nar­kose schnell erholt zu haben. In den Minu­ten sei­nes Auf­bruchs hat­te er es nicht eilig. Rose sag­te, sie habe den Ein­druck, Fran­kie wür­de dar­auf ach­ten, dass wir ihm fol­gen. Im Mor­gen­grauen setz­te er sei­ne Wan­de­rung süd­wärts fort. Fröh­lich sei­ne Bewe­gun­gen hin und her, und da die Bäu­me wie­der ernst zu neh­men­de Höhen errei­chen, auf und ab. Es ist jetzt längst Abend gewor­den, wir ruhen Höhe Moo­re Street auf einer Bank. Fran­kie betrach­tet Schif­fe, die den Fluss pas­sie­ren. Manch­mal rich­tet er sei­nen Blick auf uns, ich glau­be, wir sind ihm tat­säch­lich ver­traut gewe­sen, Freun­de, die ihn jeder­zeit mit einem Knopf­druck töten könn­ten. Ein kaum hör­ba­res Geräusch. Ein Herz, das zer­bricht. Ich habe von die­sem Moment eines unglück­li­chen Endes geträumt, von mei­nem Fin­ger, der Fran­kies Leben löscht, von einer Sekun­de zur ande­ren, ohne Erklä­rung, ohne War­nung, weil wir den Befehl dazu erhal­ten haben. Es war ein Alb­traum, den wir alle schon träum­ten. Aber wir spre­chen nicht viel davon, nicht vom Ende, aber natür­lich davon, dass Fran­kie bald Bat­tery Park erreicht haben wird. Nie­mand weiß, wie es wei­ter­ge­hen wird. — Ihr Mal­colm / code­wort : kilimandscharo

emp­fan­gen am
05.08.2013
1880 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidmanhattan2



ping

ping