alpha : 8.32 UTC — Ein Schriftsteller soll existieren, der all jene Gegenstände, über die er präzise zu schreiben wünscht, besitzen muss, um sie drehen und wenden zu können, in sie hineinsehen, also öffnen, zerlegen und wieder, wenn dann noch möglich, zusammenfügen. Es wurden beispielsweise gekauft: Eine rote Reiseschreibmaschine Olivetti Valentine nach dem Design des Ettore Sottsass, ein Kaleidoskop von Metall und buntem Glas, ein aufziehbares Vogelwesen mit Federn eines Straußes, ein Messingmikroskop Leitz No158461, eine fliegende Schnecke. Den Kauf dieser fliegenden Schnecke hatte ich nur geträumt wie die Schnecke selbst, und zwar mehrfach, ein sehr langsam durch die Luft fahrendes Wesen ohne Flügel. Ich wachte auf, sobald ich nach der Schnecke greifen wollte mit den Händen eines Kindes. Eigentlich sollte ich niemals das Ende eines Traumes erzählen, Traumenden befinden sich nicht selten bereits mit einem Bein im neuen Tag, in einem Bezirk der Welt, den wir Wirklichkeit nennen, ich bin dann schon wach geworden auf einem Bein, habe die Fenster geöffnet, es regnet zum Beispiel, auf der Straße weit unter mir bewegen sich Regenschirme, Menschen sind keine zu erkennen, aber ein paar nasse Tauben, die sich, von der Schwere ihres Gefieders in die Tiefe gezogen, kaum noch in der Luft zu halten vermögen. Eine Exkursion zur Kaffeemaschine hin nütze ich, um mein Mikroskop vom Tisch zu holen. Tatsächlich erkenne ich jetzt eine Herde goldgrüner Frösche, die sich an der Hauswand gegenüber westwärts bewegen. Zu hören ist von ihnen nichts, aber der Regen rauscht sehr schön, prasselt auf die Blätter der Bäume, tropft von den Regenrinnen auf blecherne Fenstersimse, was für ein wunderschöner Morgen, schon habe ich den Traum, den ich träumte, beinahe vergessen. — stop
Aus der Wörtersammlung: traum
von eichhörnchen
tango : 6.58 UTC — Im Traum lese ich ein Buch von Papier. Das Buch ruht auf meinem Schreibtisch. Schriftzeichen sehr gut lesbar, ein Buch, das ich ohne Brille verstehe. Ich lasse das Buch geöffnet auf dem Schreibtisch liegen, wenn ich spazieren gehe. Oder zum Einkaufen. Oder ins Kino. Sobald zurückgekehrt, lese ich weiter. Der Eindruck plötzlich, der Text des Buches, den ich zuletzt noch gelesen hatte, würde sich verändert haben, während ich dem Buch den Rücken kehrte. Ich lese einen Satz und präge mir ein, was ich gelesen hatte. Dann stehe ich auf und trete ans Fenster. Ein Eichhörnchen sitzt im Baum jenseits der Straße, es scheint zu grüßen. Kaum zurück vor dem Schreibtisch, der Verdacht, nein, die Gewissheit, dass sich wiederum Zeichen des Buches in meiner Abwesenheit verändert haben oder sich verändert haben könnten. Ich suche nach meinem Fotoapparat. Ich nehme eine Fotografie des geöffneten Buches aus nächster Nähe. Ich wache auf. Es ist Samstag. Feuchte Luft. 30° Celsius. Wunderbar. — stop
delay line
zoulou : 23.02 UTC — Ein heißer Tag vor 12 Jahren. Tatsächlich Sommer. Vater, der im Rollstuhl im Garten sitzt, bittet mich, ein Glas Milch zu holen. Ich stehe vor dem Kühlschrank. Die Tür des Kühlschranks ist offen. — In der vergangenen Nacht im Halbschlaf immer wieder der Gedanke, dass ich vergessen hatte, Vater das Glas Milch in den Garten zu tragen. Ich suchte im Traum nach dem Kühlschrank. Ich holte ein Glas Milch und trat in den Garten. Ich dachte noch: Es ist Nacht, Vater ist längst nicht mehr unter uns. Ich stellte das Glas auf einen Tisch und legte mich wieder ins Bett zurück — Im Jahr 1978 besuchte ich Vater an seinem Arbeitsplatz im Kernforschungszentrum CERN. In der Box der Wissenschaftler war es heiß und schwül. Ventilatoren rauschten. Vater war jung gewesen. Der Pullover, noch bekannt im Sommer vor 12 Jahren, vermutlich auch die Hose, die er auf einer Fotografie festgehalten war, welche ich gestern entdeckte. Vater und sein Team verlegten Leitungen, Kilometer um Kilometer über Spulen, um Signale in der Zeit zu verzögern. Elektrische Signale sind lautlose Wesen. — Sommer. Die Nächte warm. — stop

CERN
im Sommer einer
Nachtschicht
karussellfahrt
delta : 14.14 UTC — Träumte. Während ich träumte, machte ich Übungen zur Sprache. Ich erzählte einem Tonband, das sich im Traum befand, was ich träumte, um mich morgens erinnern zu können. Ich wachte auf und erinnerte mich an den Wunsch im Traum einem Tonband zu erzählen. — stop

stehschläfer : sars cov 2
ulysses : 12.58 UTC ‑Sanfte Frauenstimme spricht: Achtung! Halten Sie 1 Meter 50 Abstand. Meiden Sie Menschenansammlungen! In der Halle, indessen kein Mensch zu sehen, kein Koffer, kein Hund, keine Katze, aber Mäuse, ein gutes Dutzend Mäuse, die über den spiegelnden Marmorboden flitzten, als wären da Schlittschuhe an ihren Füßen. Ich war die einzige menschliche Person an einem Ort, der vermutlich nie ohne Menschen gewesen ist. Ich erinnere mich, selbst inmitten der Nacht habe ich im Terminal des Flughafens immerzu flüsternde Menschen wahrgenommen, auch Schlafende auf Sitzbänken oder Stühlen der Cafés. Nun Stille, kein Traum erzählt. Selten einmal das Geräusch sich bewegender Zeichen auf einer Anzeigetafel. Aus Neuseeland kommend sollte Minuten später ein Flugzeug landen, ein Hinweis wie ein letzter Reflex. Jene über den spiegelnden Boden dahingleitenden Mäuse jedoch, unbeirrt, ob sie sich wunderten über diese eine wartende Person im Saal, die ich selbst gewesen war in einem Moment des Notierens auf meiner flachen Schreibmaschine? Wie ich sie vermisste, Stehschläfer, meine Stehschläfer, welche nicht Vögel sind, Flamingos, sagen wir, nein, Stehschläfer, die Menschen sind, gegenwärtige Personen, die sich, sollten sie einmal zurückkehren, genau so verhalten werden, wie das Wort, das sie bezeichnet: Sie schlafen im Stehen. — stop

Paris
im Sommer
kurz nach
Sars-Cov‑2
stimmen
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india : 20.12 UTC — Gestern hatte ich mich plötzlich an Vaters Stimme erinnert. Die Stimme sagte: Aber das ist doch Kokolores. Dann lachte die Stimme. Und ich dachte noch daran, wie ich vor Jahren einmal bemerkte, dass ich mich für einen Moment nicht mehr an die Stimme meines Vaters erinnern konnte. Wie ich auch suchte, ich fand sie nicht. Ich war natürlich sehr erschrocken gewesen. Anstatt der Stimme meines Vaters, hörte ich die Stimme des großen Erzählers Isaak B. Singer, eine helle und zugleich raue Stimme, die der Stimme meines Vaters sicher ähnelte. Ich hatte vor ein oder zwei Jahren Singers Stimme in einem Filminterview gehört. Fotografien zeigen den alten Mann spazierend am Atlantik. Auch mein Vater war mehrfach in Brighton Beach gewesen, wenn ich nicht irre. Plötzlich kehrte die Erinnerung an die Stimme meines Vaters zurück. Isaac B. Singers Geschichte im Übrigen geht so: Kurz nach meiner Ankunft (in Amerika) betrat ich zum ersten Mal eine Cafeteria, ohne zu wissen, was das ist. Ich hielt es für ein Restaurant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restaurant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie ignorierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirklicher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kellnern, und niemand beachtet mich! Irgendwann begriff ich dann, was eine Cafeteria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafeterien wurden eine Art Zuhause für Flüchtlinge aus Polen, Russland und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafeterien, wo all diese Menschen aufeinandertrafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hintergrund meiner Geschichten, die in Cafeterien spielen. – stop

Spuren einer Zeit
da mein Vater
das Wort
Kokolores
sagte
luftraum
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zoulou : 0.28 UTC — Wann in meinem kurzen Leben habe ich das Wort Schrapnell zum ersten Mal gehört? — stop

winterspur
foxtrott : 16.11 UTC — Ich spazierte einmal im Gebirge durch den Schnee. Es war ein eiskalter Wintertag, der Himmel von einem wundervollen Polarblau, das ich gern gepflückt und mit mir in der Manteltasche nach Hause getragen hätte. Vögel waren nicht zu sehen, aber sie waren zu hören gewesen, dumpfe Geräusche wie aus einem Traum heraus. Ja, die Vögel schliefen, nichts anderes war möglich, hockten unter Schneeschirmen, die sich über Tannen und Fichtennadeln spannten, und warteten auf den Frühling. Ein Pfad führte durch den Wald, eine Spur, die Tiere bei Nacht und Menschen bei Tag gemeinsam in den Schnee eingetragen haben mochten. Wenn ich ganz still stand, konnte ich leise mein Herz in der Brust schlagen hören. Ein seltenes Ereignis, das eigene Herzgeräusch von unten herauf, oder war das doch nur eine Vorstellung gewesen. Und ich dachte an Eichhörnchen, ich dachte, gut, dass ich kein Eichhörnchen bin in diesem Winter. Eine Stunde ging ich so den Pfad entlang, dann kehrte ich um. — Das Radio erzählt, ein Mädchen habe die Stadt Mariupol allein über verschneite Felder gehend zu Fuß verlassen. Überall, sagt das Mädchen, würden gefrorene Schaufensterpuppen herumgelegen haben. — stop
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mensch auf einem fahrrad
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romeo : 15.12 UTC — Da war eine Straße, auf der sich dicht an dicht Panzerfahrzeuge reihten. Von weit oben her, aus dem Weltraum betrachtet, mochte man meinen, jene Panzerameisen, die sich über eine Straße hin bewegen, würden doch nicht sehr gefährlich sein. Aber jene Gegenstände oder Wesen, auf die die Panzerameisen schießen, sind noch kleiner, sie wären auf Weltraumbildern kaum noch sichtbar. Es ist schwer Größenverhältnisse zu verstehen in kriegerischen Wirklichkeiten. Und Feuerbälle. Und überhaupt die Zeit. In einem Dorf schoss ein Panzer auf einen Radfahrer. Auch dies wurde von oben her betrachtet, aus geringerer Höhe. Der Radfahrer hörte vollständig auf zu existieren in Bruchteilen einer Sekunde. — stop
einmal an einem mittwoch
india : 22.58 UTC — Es war Mittwoch gewesen. Abend. Es regnete, Regen auch während ich schlief. Ich konnte ihn hören von Zeit zu Zeit, wenn ich auftauchte, ohne ganz wach zu werden. Von irgendwoher ein Geräusch, pling, pling, und Isaac B. Singers helle und zugleich raue Stimme, indem sie eine Geschichte erzählt, die ich in den vergangenen Tagen wieder und wieder hörte. Die Geschichte geht so: „Kurz nach meiner Ankunft (in Amerika) betrat ich zum ersten Mal eine Cafeteria, ohne zu wissen, was das ist. Ich hielt es für ein Restaurant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restaurant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie ignorierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirklicher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kellnern, und niemand beachtet mich! Irgendwann begriff ich dann, was eine Cafeteria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafeterien wurden eine Art Zuhause für Flüchtlinge aus Polen, Russland und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafeterien, wo all diese Menschen aufeinandertrafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hintergrund meiner Geschichten, die in Cafeterien spielen.“ — Das Radio erzählt, Männer, die stundenlang mittels zweier Panzermaschinen sowie fünf schulter-gestützter Fernwaffen ein achtstöckiges Wohnhaus der Stadt Mariupol beschossen haben sollen, würden in der Stille nach dem mörderischen Angriff gerufen haben: Allahu Akbar. Und noch einmal: Allahu Akbar. Gott ist groß. — stop



