charlie : 8.58 — Wenn man mich fragen würde an diesem schönen Morgen im November, was ich mir wünsche, ich würde antworten, einen Banderlkäfer oder Schnürlkäfer in diesem Moment, einen Käfer, der an seiner Spitze aus einem Kopf und einem gepanzerten Brustsegment bestehen könnte, Fühlern, Augen, Beinen, Flügeln, einem Käfergefüge demzufolge wie wir es kennen, wenn da nicht eine bemerkenswerte Fortsetzung in der Gestalt des Käfers zu verzeichnen wäre, ein Hinterleib von enormer Größe, schmal und lang und feucht, als habe sich dem Käfer ein Regenwurm angeschlossen, der nun selbst an seinem Ende der Käfergestalt ein Paar weiterer Augen hinzufügte, und einen triebhaften Willen sich auf jeden Schuh zu stürzen, um ihn auf der Stelle, ob nun mit oder ohne Fuß, zu verschließen. – stop

Aus der Wörtersammlung: wort
bojen
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romeo : 0.03 — Für diesen Tag, es ist der 4. November, habe ich mir vorgenommen, kein Wort aufzuschreiben, sondern alles das, was ich mir denke, alles was zu mir hereinfällt, im Kopf aufzubewahren. Ich sollte unverzüglich eine Methode entwickeln, jeden Gedanken oder jede Erinnerung, die mir wichtig zu sein scheint, mit einer Boje zu versehen, die ich wiederfinden werde und damit den Gedanken, der an ihr befestigt ist. – Null Uhr und fünf Minuten: Ich schalte jetzt die Schreibmaschine aus. — stop

fasankino
tango : 0.02 — Gestern, Dienstag, ist Ilse Aichinger 90 Jahre alt geworden. Ich erinnerte mich an einen Text, den ich vor einiger Zeit bereits aufgeschrieben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, weshalb ich ihn an dieser Stelle wiederholen möchte. Ich betrachtete damals, als ich den Text notierte, eine Filmdokumentation. Es war ein früher Morgen und ich fuhr in einem Zug. Immer wieder spulte ich, Zeichen für Zeichen vermerkend, was ich hörte, den Film zurück, um kein Wort des gesprochenen Textes zu verlieren oder zu verdrehen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichinger, von einem unruhigen Geleise geschüttelt, immer wieder auf dem handtellergroßen Bildschirm unter spazierenden Menschen vor mir auftauchte, indem sie von ihrer Kinoleidenschaft erzählte: Wenn ich mich recht erinnere, hörte ich in meiner frühen Kindheit eine ältere Frau zu einer anderen sagen: – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätselhafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätselhaften Sätzen der Erwachsenen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonntagen zu meiner Großmutter gingen, bei der sie lebte, fast regelmäßig am späten Nachmittag: > Ich glaube, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unterrichtete für kurze Zeit an der Musikakademie in Wien und übte lang und leidenschaftlich, aber sie unterbrach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasankino. Es war fast immer das Fasankino, in das sie ging. Sie kam fröstelnd nach Hause und erklärte meistens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasankino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Großmutter im Vernichtungslager Minsk, in das sie deportiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasankino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüglich des Todes, sondern auch bezüglich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötzlich aus den Kinoprogrammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cineastin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Landschaften von England oder Neuengland auftauchen oder die von Frankreich, denen ich fast ebenso zugeneigt bin. Ilse Aichinger: Mitschrift

papierlicht
marimba : 14.08 — Die Beobachtung, dass ein Gedanke, sobald ich ihn wahrnehmen kann, immer bereits vollständig anwesend ist. Nie vermag ich einen Gedanken zu betrachten, wie er langsam, nach und nach, Wort für Wort, Zeichen für Zeichen, erscheint. Es denkt sich, blitzt, sagen wir, nahe Lichtgeschwindigkeit vorwärts, die Wahrnehmung eines Gedankens, sein Echo, vollzieht sich dagegen zögernd, behutsam, hörend, also mittels geheimer Ohren im Kopf. – Ob es möglich ist, die Zeit langsamer vergehen zu lassen, indem ich mich zu ihr verhalte, wie ein Dompteur zu einem Löwen? Zeichen für Zeichen eine Geschichte notieren, bis diese Geschichte zu Ende geschrieben sein wird im Jahr 2517 oder im Jahr 2518 vielleicht. Nebelsonne. Papierlicht. — stop

radarvogel no 2
fadenanker
echo : 10.22 — Das Wort F a d e n a n k e r. Ehe sich das Wort in meinem Ellenbogengelenk selbst verkörperte, nie gehört. Denkbar ist, dass ich zu einer feinfühligen Knochenwetterstation geworden bin. – stop

zeichenbeere
ulysses : 11.02 — Mit meinem Notizbuch ist das seit bald drei Wochen so eine Sache. Ich kann das Papierwerk betrachten, ich kann es in die Hand nehmen, in die linke wie in die rechte Hand, ich kann es also in die Hände nehmen, öffnen, darin blättern und lesen, was ich seit dem Sommer vermerkte. Sobald ich allerdings versuche, einen Schreibstift mit der rechten Hand zu ergreifen, ein Faden von Schmerz, der sich von meiner Handinnenfläche gegen die Schulter spannt. Ich notierte, noch im Hospital, das Wort Versuch, eine Form so groß wie eine Pflaume. Heute Morgen erneut das gleiche Wort, meine Zeichenpflaume ist deutlich kleiner geworden. Es besteht begründete Hoffnung, dass ich in einer Woche bereits vielleicht Wörter in der Größe von Beeren erzeugen werde. Seit Aufgang der Sonne vermag ich meine Nasenspitze wieder mit meinem rechten Daumen zu berühren. Ist das eine Nachricht? — stop

schnecken
~ : oe som
to : louis
subject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.
Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wasser. Gerade eben meldete Noe, zwei Schnecken näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jetzt vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen, sollten sie in seinen Mund gelangen. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wünscht. Wir haben zunächst Charlie Parker geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewegen kann im Taucheranzug, im Rhythmus, der schnell geht, ruhelos. Wir proben, forschen nach sanfteren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erinnerung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben versprochen, Regen für ihn aufzuzeichnen und in die Tiefe zu schicken. Gestern, als wir nachts alleine miteinander sprechen konnten, wünschte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glücklich, sagte Noe, aber er sehne sich nach einer Uhr. — Dein OE SOM
gesendet am
24.09.2011
1143 zeichen

asmara tigri
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lima : 16.01 — Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fallen für Sekunden ihre Augen zu. Früher Morgen, Tigri hat die Nacht über gearbeitet. Wir sitzen in einem Schnellzug vom Flughafen in die Stadt. Gerade wollte sie noch wissen, warum ich auf dem Notebook einen Film betrachte, der von einstürzenden Türmen des World Trade Centers berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stunden lang Briefe sortiert, das heißt, Luftpostbriefe für Inseln, die im Pazifischen Ozean liegen, weil sie eine Spezialistin für Inseln ist, auch für Inseln atlantischer Gebiete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiribati heißen oder Tonga oder Palau oder Vanuatu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritreischen Hauptstadt Asmara geboren worden sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufgebaut werden musste, weil an einem Sonntagabend ein MIG-Flugzeug das Dorf zerstört habe und viele ihrer Freunde getötet. Zu diesem Zeitpunkt lebte Tigri bereits in Westdeutschland. Wenn sie den Namen ihres Dorfes ausspricht, bin ich nicht imstande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behalten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara formuliere, leuchten ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirksamkeit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Lichtes sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaffee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jetzt entweder so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jedenfalls das Helle mag und auch den Kaffeeduft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganzer Name selbst in diesem Wort enthalten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Bruder, ein Gynäkologe, aus den Diensten eines Krankenhauses entlassen wurde, weil man ihn nicht als das behandeln wollte, was er zu sein wünschte. Mein Bruder, wissen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeitslos und König. Er ist natürlich schwarz wie ich, genauso schwarz, und schwarz steht den Königen nur in Afrika. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jetzt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im vergangenen Jahr sei ihr Vater gestorben in Eritrea, ein glücklicher Mensch, ein Busfahrer, ein sehr stolzer Herr. Im Oktober desselben Jahres sei schließlich die Mutter mit dem Flugzeug via Rom nach Frankfurt gekommen. Sie habe, ohne das zu wissen, einen Tumor im Kopf mitgebracht, im Februar war sie dann umgefallen und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fenster. Ein heißer, schwüler Morgen. Ob sie den Film ansehen dürfe, will sie wissen.
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ein Millionstel Gramm Wort
tango : 16.22 — Meine neue Schreibmaschine ist leicht und flach, ihr Atem geht leise. So fein ist sie gebaut, dass ich sie unter meinem Hemd verbergen könnte, niemand würde sie bemerken. Wenn das so weiter geht mit dem Leichterwerden der Maschinen, werde ich bald Schreibwerke zur Verfügung haben, die von geringerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elektrische Wort, das gerade vor mir auf dem Bildschirm erscheint? L i m a. Wie viele Male wird es heute oder morgen auf weiteren Bildschirmen aufgerufen, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort L i m a, das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Australien auf einem Bildschirm erscheint, als dasselbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Millionstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Millionstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruchteil einer Sekunde. — stop
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