Aus der Wörtersammlung: alt

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von häubchen

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romeo : 0.24 UTC — Das Gedächt­nis mei­ner Haut oder doch etwa ihre Fähig­keit zu ver­ges­sen. Nach Stun­den, da ich eine eng anlie­gen­de Mas­ke tra­ge, die 95 Pro­zent feins­ter Par­ti­kel aus mei­ner Atem­luft fil­tern soll, mei­ner Atem­luft hin und mei­ner Atem­luft her, ver­ges­se ich, dass Nase und Mund bedeckt wor­den sind. Ein Stück Scho­ko­la­de, das ich zum Mund füh­re, stößt auf Wider­stand, Was­ser rinnt mir den Hals ent­lang. Und wie ich auf die Stra­ße tre­te, das Häub­chen von Mund und Nase neh­me, so wie ich es lern­te anzu­fas­sen an sei­nen Schlau­fen für zwei Ohren, fühlt sich das an, als wür­de etwas feh­len. Der Wind plötz­lich, es ist kühl, frisch, dort auf der Haut. Nachts bau­meln mei­ne Tages­häub­chen vor den Fens­tern im Wind. Zwan­zig Tage lang schau­keln sie dort von der Son­ne bestrahlt, dre­hen sich, wer­den nachts von Nacht­fal­tern besucht. — stop
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ai : GUATEMALA

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MENSCHEN IN GEFAHR: „Im März hat die gua­te­mal­te­ki­sche Regie­rung in einem Indus­trie­park in Gua­te­ma­la-Stadt ein Kran­ken­haus für COVID-19-Pati­en­t_in­nen ein­ge­rich­tet. Jetzt wur­den 46 dort arbei­ten­de Instand­hal­tungs- und Rei­ni­gungs­kräf­te ent­las­sen. Als Grund für die Kün­di­gun­gen ver­wies das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um auf Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, denen zufol­ge die­se Arbeiter_innen einen Ober­stu­fen- oder Uni­ver­si­täts­ab­schluss besit­zen müs­sen, um in dem Kran­ken­haus arbei­ten zu kön­nen. Ein Groß­teil die­ser Beschäf­tig­ten ver­fügt nur über eine grund­le­gen­de Schul­bil­dung und kann die gefor­der­ten Nach­wei­se nicht erbrin­gen. Hin­zu kommt, dass die gekün­dig­ten Per­so­nen, ähn­lich wie Tei­le des medi­zi­ni­schen Per­so­nals, seit dem 24. März kei­nen Lohn erhal­ten haben. Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung haben sie eben­falls nicht bekom­men. / Hin­ter­grund: Bereits vor der COVID-19-Pan­de­mie erhielt Gua­te­ma­la auf­grund sei­nes schwa­chen Gesund­heits­sys­tems beson­de­re Unter­stüt­zun­gen von der Pan­ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on OPS. Am 9. Juni mel­de­te Gua­te­ma­la 7.055 COVID-19-Fäl­le und 252 Pan­de­mie­to­te.  /  Im März rich­te­te die Regie­rung Gua­te­ma­las in einem Indus­trie­park der Haupt­stadt namens Par­que de la Indus­tria ein Kran­ken­haus für COVID-19-Fäl­le ein. Die Kli­nik hat­te eine Anfangs­ka­pa­zi­tät von 319 Bet­ten und wur­de am 21. März eröff­net. Anfang Mai beschwer­te sich das medi­zi­ni­sche Per­so­nal öffent­lich über feh­len­de Arbeits­ver­trä­ge, nicht aus­ge­zahl­ten Lohn und gefähr­li­che Arbeits­be­din­gun­gen. Pres­se­be­rich­ten zufol­ge, die auf Infor­ma­tio­nen des natio­na­len Rech­nungs­hofs basie­ren, hat das COVID-19-Kran­ken­haus weni­ger als zwei Pro­zent des ihm vom Kon­gress zuge­wie­se­nen Bud­gets in Anspruch genom­men. Der Grund dafür liegt in der gerin­gen ope­ra­ti­ven Kapa­zi­tät und dem Feh­len von ent­spre­chend qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal. / Die Kran­ken­haus­lei­tung gab an, dass die in der Kli­nik arbei­ten­den Per­so­nen über das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um ein­ge­stellt wer­den, wobei die in Haus­halts­be­stim­mung 189 (Titel: “Sons­ti­ge Leis­tun­gen”) des öffent­li­chen Haus­halts fest­ge­leg­ten Anfor­de­run­gen zu befol­gen sind. Vertreter_innen des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums wie­sen dar­auf hin, das Gesetz über den öffent­li­chen Dienst ver­lan­ge, dass unter die­ser Haus­halts­li­nie ein­ge­stell­te Per­so­nen einen Nach­weis über ihren Ober­stu­fen- oder Uni­ver­si­täts­ab­schluss erbrin­gen müs­sen. Der natio­na­len Ombuds­stel­le für Men­schen­rech­te Pro­cu­ra­du­ría de los Derechos Huma­nos zufol­ge wur­den die­se Bele­ge noch nicht ver­langt, als das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um das betref­fen­de Per­so­nal ein­stell­te. Da 46 der im COVID-19-Kran­ken­haus beschäf­tig­ten Instand­hal­tungs- und Rei­ni­gungs­kräf­te nicht die ent­spre­chen­den Unter­la­gen vor­le­gen konn­ten, wur­den sie kur­zer­hand ent­las­sen. Sie hat­ten erst knapp drei Mona­te lang in der Kli­nik gear­bei­tet und muss­ten teil­wei­se ihre eige­nen Werk­zeu­ge und Mate­ria­li­en zur Arbeit mit­brin­gen. Das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um iden­ti­fi­zier­te 38 Per­so­nen, die die Anfor­de­run­gen nicht erfüll­ten. Die natio­na­le Ombuds­stel­le für Men­schen­rech­te hin­ge­gen mel­de­te 46 Kün­di­gun­gen im Bereich Instand­hal­tungs- und Rei­ni­gungs­per­so­nal. / Ent­ge­gen der Begrün­dung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums besagt der Klas­si­fi­ka­ti­ons­plan für Beschäf­ti­gun­gen im öffent­li­chen Sek­tor in Über­ein­stim­mung mit Para­graf 35 des Geset­zes über den öffent­li­chen Dienst, dass bei einer Rei­he von Stel­len mit über­wie­gend “kör­per­li­cher und repe­ti­ti­ver Arbeit” kei­ne über die Grund­schu­le hin­aus­ge­hen­de Schul­bil­dung not­wen­dig ist. Zudem ist im Hand­buch zur Klas­si­fi­ka­ti­on der Haus­halts­li­ni­en für den öffent­li­chen Dienst (Minis­ter­ver­ein­ba­rung 291‑2012) kei­ne Rege­lung zur Not­wen­dig­keit eines Ober­stu­fen­ab­schlus­ses für die Anstel­lung von Per­so­nen unter Haus­halts­be­stim­mung 189 auf­ge­führt. / Im COVID-19-Kran­ken­haus im Par­que de la Indus­tria in Gua­te­ma­la-Stadt sind die Rech­te der dort Arbei­ten­den –  sowohl die der Instand­hal­tungs- und Rei­ni­gungs­kräf­te als auch die des medi­zi­ni­schen Per­so­nals – bedroht. Die­se Beschäf­tig­ten nicht ange­mes­sen zu schüt­zen, bedeu­tet, nicht nur ihre son­dern auch die Gesund­heit der gua­te­mal­te­ki­schen Bevöl­ke­rung aufs Spiel zu set­zen. Seit Beginn der Pan­de­mie haben Beschäf­tig­te im Gesund­heits­we­sen im gan­zen Land öffent­lich und wie­der­holt das Feh­len ange­mes­se­ner Schutz­aus­rüs­tung kri­ti­siert. Laut der natio­na­len Ombuds­stel­le für Men­schen­rech­te hat­ten sich bis zum 24. Mai 2020 min­des­tens 49 Pfle­ge­kräf­te und Ärzt_innen mit COVID-19 infi­ziert. Am 30. Mai 2020 for­der­te das Ver­fas­sungs­ge­richt das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um auf, unver­züg­lich alle Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­we­sen mit ent­spre­chen­der Schutz­aus­rüs­tung aus­zu­stat­ten.“ - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 20.7.2020 unter > ai : urgent action
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vor abend zeit

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sier­ra : 16.08 UTC — Ehe ich mei­ne Woh­nung ver­ließ, tele­fo­nier­te ich mit K. K. sag­te, er wür­de zur­zeit sehr viel lie­ber zu Hau­se blei­ben, als auf die Stra­ße zu tre­ten. Du bist jung, Du kannst ruhig spa­zie­ren gehen, ich bin bald neun­zig, ich war­te ab. K. erzähl­te, er habe einen gro­ßen Bal­kon, das sei jetzt sei­ne Stra­ße, mal lau­fe er dort oben, 5. Stock, lang­sam auf und ab, dann wie­der beob­ach­te er Men­schen weit unten auf der Stra­ße. Sie tra­gen fast alle Mas­ke, das sei doch beru­hi­gend, trotz­dem wol­le er lie­ber hier oben blei­ben, noch genug Zeit, um spä­ter ein­mal unten bei den Pas­san­ten spa­zie­ren zu gehen. So wie ich auf- und abge­he oder hin und her, sag­te K., könn­te man mich doch ernst­haft für eine Spin­del hal­ten, die etwas webt. In den Bäu­men sit­zen Vögel. Die Vögel wun­dern sich. Wenn Du das Haus ver­lässt, sag­te K., soll­test Du eine die­ser sehr dich­ten Mas­ken tra­gen. Du musst das üben, Lou­is! Du soll­test erst ein­mal sechs Stun­den eine die­ser spe­zi­el­len Segel­ta­schen vor Mund und Nase span­nen, pro­bie­ren, ob Du das gut aus­hal­ten kannst. Geh her­um, stei­ge ein paar Trep­pen, pro­bie­re, ob Du aus­rei­chend Luft bekommst. Seit zwei Stun­den also tra­ge ich eine die­ser Mas­ken, die so dicht sein sol­len, dass sie Aero­so­le, kleins­te flie­gen­de Teil­chen ein­zu­fan­gen ver­mö­gen. Ich höre mei­nem Atem zu. Ich habe den Ein­druck, als hör­te ich mit mei­ner Nase. Auch habe ich den Ein­druck, dass ich viel­leicht mit mei­nen Ohren atme, als ob unbe­kann­te Wege der Luft­zir­ku­la­ti­on in mei­nem Kopf exis­tier­ten. Ich muss das beob­ach­ten. Noch vier Stun­den, dann gehe ich aus. — stop
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früh auf der straße

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marim­ba : 8.56 UTC — Ein­mal, Jah­re sind ver­gan­gen, hat­te ich mir vor­ge­nom­men, eine Notiz über eine Amei­se zu schrei­ben, die ich an einem Nach­mit­tag in einem U‑Bahnwaggon ange­trof­fen hat­te. Aber dann beob­ach­te­te ich mei­ne Hän­de, Hän­de, wie sie dicht über der Tas­ta­tur der Schreib­ma­schi­ne schwe­bend auf Anwei­sung war­te­ten. Ich bemerk­te damals, dass mei­ne Hän­de jene ana­to­mi­schen Struk­tu­ren mei­nes Kör­pers sind, die ich am bes­ten ken­ne, weil ich sie oft betrach­tet habe. Alle mei­ne Hän­de, die ich erin­nern kann, sind die Hän­de eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­ne­re mich an Bewe­gun­gen, die Kis­sen in einem Kin­der­wa­gen sor­tie­ren. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Wunsch, in mei­nem Kin­der­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An höl­zer­nes Spiel­zeug erin­ne­re ich mich, das vor mei­ner Nase bau­mel­te. Da sind jetzt win­zi­ge, blaue Schu­he in mei­nem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen. — Heu­te am frü­hen Mor­gen war­te­te ich vor einem Laden auf Ein­lass. Ich trug eine Mund­be­de­ckung, noch immer ver­su­che ich mich an Stoff­strei­fen vor mei­nem Gesicht zu gewöh­nen. In mei­ner nächs­ten Nähe ging eine uralte Frau auf ihren Stock gestützt auf und ab. Ich glau­be, sie woll­te trai­nie­ren. Sie war klein, zier­lich, zer­brech­lich. Auch sie trug einen Mund­schutz vor dem Gesicht, der zer­knit­tert war, als wür­de sie ihn bereits seit Jah­ren tra­gen. Ich woll­te sie auf den Arm neh­men, um sie zu beschüt­zen. Ich glau­be, sie fürch­te­te mei­nen Blick. — stop

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rosetta

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romeo : 3.12 UTC — Nabo­kov schrieb vor lan­ger Zeit, er habe mir eine unge­wöhn­li­che Uhr geschickt, ich sol­le ihm notie­ren, sobald sie ange­kom­men sei. Weni­ge Wochen spä­ter erneu­te Fra­ge: Lie­ber Lou­is, ist die Uhr, die ich vor zwei Mona­ten sen­de­te, ange­kom­men? Eine ers­te Uhr Nabo­kovs lag kurz dar­auf im Brief­kas­ten, zoll­amt­li­cher Ver­merk: Zur Prü­fung geöff­net. Nun, in die­sem selt­sa­men Mai, habe ich eine wei­te­re Uhr von Nabo­kov erhal­ten. Zoll­amt­li­cher Ver­merk, der­sel­be. Ich will an die­ser Stel­le bemer­ken, von der Öff­nung des Päck­chens war wie­der­um nicht die min­des­te Spur zu erken­nen, kein Schnitt, kein Riss, kei­ne Fal­te. Im Päck­chen die­ses Mal eine Schach­tel von rotem Kar­ton, in der Schach­tel Sei­den­pa­pie­re, von Nabo­kovs eige­ner Hand ver­mut­lich zer­knüllt. In wei­te­re Sei­den­pa­pie­re ein­ge­schla­gen, besag­te Uhr, wun­der­ba­res Stück, recht­ecki­ges Gehäu­se, ble­chern, ver­mut­lich Trom­pe­te, wel­ches schwer in der Hand liegt. Kurio­ser­wei­se fehlt auch die­ser Uhr das Zif­fer­blatt, wei­ter­hin kei­ner­lei Zei­ger, weder Dioden noch Leucht­zei­chen. Ich ver­such­te das Gehäu­se der Uhr zu öff­nen, erneut ver­geb­lich. Wenn ich auf das Gehäu­se der Uhr Druck aus­übe, öff­net sich am Uhr­bo­den ein schma­ler Schacht, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Strei­fen feins­ten Papiers ent­kommt, auf wel­chem ein Uhr­zeit­punkt auf­ge­tra­gen wor­den ist: Acht­zehnzwölf. — Es ist Nacht gewor­den. Ich lie­ge im Halb­schlaf auf dem Sofa. Mei­ne Schreib­ma­schi­ne atmet lei­se, ein bestän­di­ges Fau­chen. Seit eini­gen Tagen arbei­tet sie auch wäh­rend ich schla­fe, rech­net vor sich hin für ein beson­de­res Pro­jekt: Rosetta@home — stop
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dschibon

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sier­ra : 18.52 UTC — Heu­te, es ist der 5. Mai 2020, habe ich um 15 Uhr 1 eine bemer­kens­wer­te E‑Mail erhal­ten. Die­se E‑Mail wur­de von einer Such­ma­schi­ne notiert. Die Such­ma­schi­ne schrieb: Would you plea­se tell me about the word DSCHIBON! — Selt­sa­me Sache. — stop

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taschkent

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nord­pol : 9.18 UTC — Eine Dame sitzt mit hell­rot geschmink­tem Mund an einem Holz­tisch in einer Woh­nung der Stadt Tasch­kent. Es ist spä­ter Nach­mit­tag. Auf dem Tisch ruht eine Schreib­ma­schi­ne, ein Note­book,  das hat ihr die Toch­ter geschenkt, die in Ame­ri­ka wohnt, in Brook­lyn genau­er, im vier­ten Stock eines Hau­ses mit Blick auf den East River. Dort ist jetzt frü­her Mor­gen. Die Toch­ter, die wie ihre Mut­ter in der Fer­ne vor einem Note­book, einer Schreib­ma­schi­ne, sitzt, freut sich, weil sie auf einem Bild­schirm das Gesicht ihrer Mut­ter sehen kann. End­lich hat es funk­tio­niert, das Pro­gramm, der ganz Com­pu­ter über­haupt, ihre Mut­ter kann ihn jetzt ein­schal­ten, und das Pro­gramm star­ten, das eine Ver­bin­dung knüpft nach New York, sodass sie ihrer­seits auf dem Bild­schirm der Mut­ter sicht­bar wer­den kann. Die Toch­ter lächelt, gera­de hat ihr die Mut­ter erzählt, sie habe einen leicht ame­ri­ka­ni­schen Akzent ent­wi­ckelt nach Jah­ren ihres Lebens in New York. Aber sie spricht nicht viel in die­sen ers­ten Momen­ten einer Begeg­nung auf dem Bild­schirm. Sie will ihre alte Mut­ter nicht über­for­dern, sie sagt: Jetzt kön­nen wir tele­fo­nie­ren sooft wir wol­len, es kos­tet fast nichts. Die Mut­ter schaut glück­lich zu dem Bild­schirm hin. Sie könn­te das Gesicht ihrer Toch­ter berüh­ren, aber sie will nichts tun, das selt­sam erschei­nen könn­te, weil sie nicht allein ist. Unsicht­bar für die Toch­ter in Brook­lyn zunächst, sitzt in einem sinn­vol­len Abstand eine jun­ge Frau, eine Stu­den­tin, auf einem Stuhl, der knis­tert, sobald sie sich bewegt. Es ist näm­lich so, dass die Stu­den­tin der alten Dame half, ihre Schreib­ma­schi­ne in ein Tele­fon mit Bild­schirm zu ver­wan­deln, eigent­lich zunächst nicht sehr schwie­rig, für eine Stu­den­tin der rus­si­schen Lite­ra­tur, ihrer Pro­fes­so­rin bei­zu­ste­hen. Das Note­book muss­te jedoch der­art ver­wan­delt wer­den, dass es sich ohne ihre Hil­fe jeder­zeit erneut in ein Tele­fon mit Bild­schirm zurück­ver­wan­deln könn­te, des­halb alles ganz lang­sam, vor und zurück, vor und zurück, Schritt für Schritt, was ein Fin­ger­cur­sor ist, was eine Maus. Die jun­ge Frau kommt nun ins Bild, sie trägt einen Mund­schutz, auch die alte Dame zie­hen ihren Mund­schutz vom Hals her­auf. Bei­de lächeln, das kann die Toch­ter sehen. Und sie ist sehr beru­higt, dass ihre Mut­ter auf sich ach­tet in der Fer­ne, glück­lich ist sie. Und so springt sie auf und eilt zum Fens­ter. Eine Minu­te Zeit ver­geht. Die Möwe späht ins Zim­mer. Da kommt die Toch­ter zurück zum Tisch, sie trägt jetzt gleich­wohl einen Mund­schutz in roter Far­be mit wei­ßen Punk­ten dar­auf. — stop
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flugstaub

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alpha : 5.28 UTC — Wie ich im Park unter Kas­ta­ni­en­bäu­men spa­zier­te, Mund- und Nasen­be­de­ckung vor oder auf dem Gesicht, ein schreck­li­cher Gedan­ke, Bäu­me wür­den dem­zu­fol­ge bald ein­mal zu infek­tiö­sen Bäu­men wer­den, wel­che, die uns zur Zeit des Pol­len­flu­ges mit­tels Viren atta­ckier­ten. Die­ser fei­ne Gold­staub in der Luft und auf den Seen, dort eine fei­ne Haut, die Schwimm­we­ge der Vögel ver­zeich­net, in uns aber das Fie­ber ruft, die Atem­not. Ich dach­te, davon darfst Du nicht erzäh­len, von die­sen selt­sa­men Gedan­ken, deren Kon­se­quenz uns in Astro­nau­ten­an­zü­ge zwin­gen wür­de. — stop

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im quarantänegarten

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echo : 20.25 UTC — Der Wind fuhr heu­te mit einem Regen­kamm übers Dach. Ich dach­te an das Haus im Süden, wo Mut­ter und Vater nicht mehr sind. Wie selt­sam doch die Betrach­tung der Klei­der ver­schwun­de­ner Men­schen. Schu­he. Hals­tü­cher. Hem­den. Schmuck. Und der Gar­ten, wie er wild wird, sobald man nicht immer­zu an ihn denkt. Ein Teich, der weni­ger zu wer­den droht vom Schilf, von den Schne­cken­pan­zern, vom Laub, von den Häu­ten der Libel­len­lar­ven. Wie viel die alten Men­schen noch gear­bei­tet haben in ihrem hohen Alter wird hier unter den Bäu­men sicht­bar. Ihre Schu­he, ich foto­gra­fier­te Schu­he. In einer Hand­ta­sche ent­deck­te ich Rei­se­pro­vi­ant, Mut­ters Müs­li­rie­gel, Trau­ben­zu­cker, Tem­po­ta­schen­tü­cher, Pro­spek­te, einen Regen­schirm, ein Hals­tuch, einen Lip­pen­stift. Der Schmerz, der mir wie ein Blitz durch den Kör­per fährt, sobald ich dar­an den­ke, dass ich die alte Dame in ihrem Bett lie­gend nie wie­der besu­chen kann. — stop

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missing flamingos

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sier­ra : 22.58 — Sanf­te Frau­en­stim­me spricht: Ach­tung! Hal­ten Sie 1 Meter 50 Abstand. Mei­den Sie Men­schen­an­samm­lun­gen! In der Hal­le, indes­sen kein Mensch zu sehen, kein Kof­fer, kein Hund, kei­ne Kat­ze, aber Mäu­se, ein gutes Dut­zend Mäu­se, die über den spie­geln­den Mar­mor­bo­den flitz­ten, als hät­ten sie Schlitt­schu­he an ihren Füßen. Ich war die ein­zi­ge mensch­li­che Per­son an einem Ort, der ver­mut­lich nie ohne Men­schen gewe­sen ist. Ich erin­ne­re mich, selbst inmit­ten der Nacht habe ich im Ter­mi­nal immer­zu flüs­tern­de Men­schen wahr­ge­nom­men, auch Schla­fen­de auf Sitz­bän­ken oder Stüh­len der Cafés. Nun war Stil­le, kein Traum wur­de erzählt. Sel­ten ein­mal das Geräusch sich bewe­gen­der Zei­chen auf einer Anzei­ge­ta­fel. Aus Neu­see­land kom­mend soll­te Minu­ten spä­ter ein Flug­zeug lan­den, ein Hin­weis wie ein letz­ter Reflex. Jene über den spie­geln­den Boden dahin­glei­ten­den Mäu­se jedoch, unbe­irrt, ob sie sich wun­der­ten über die­se eine war­ten­de Per­son im Saal, die ich selbst gewe­sen war in einem Moment des Notie­rens auf mei­ner fla­chen Schreib­ma­schi­ne? Wie ich sie ver­miss­te, Steh­schlä­fer, mei­ne Steh­schlä­fer, wel­che nicht Vögel sind, Fla­min­gos, sagen wir, nein, Steh­schlä­fer, die Men­schen sind, gegen­wär­ti­ge Per­so­nen, die sich, soll­ten sie ein­mal zurück­keh­ren, genau so ver­hal­ten wer­den, wie das Wort, das sie bezeich­net: Sie schla­fen im Ste­hen. — stop

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