Aus der Wörtersammlung: auge

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nahaufnahme

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india : 0.02 — Erschei­nun­gen auf Bild­schir­men, die sich wie Traum­bil­der, wie beweg­te Gemäl­de ver­hal­ten. Woll­te sie berüh­ren, jenen islän­di­schen Mann im Moment, da er aus dem Atem des Vul­kans auf eine Wie­se tritt, die­ses voll­kom­men graue Wesen, stau­big, stei­nern, und auch das Schaf an sei­ner Sei­te, unsi­che­ren Schrit­tes, ein stei­ner­nes Schaf. Aber dann, in dem sie näher­kom­men, die Augen des Man­nes und die Augen des Scha­fes, wie sie zwin­kern, zwei Leucht­kör­per in Dun­kel­heit, über­lebt, eine Chif­fre des Wider­stan­des. – Man müss­te jetzt ein gut trai­nier­ter Atlan­tik­schwim­mer sein. — stop
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animals

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tan­go : 22.12 — Ich notie­re so lei­se und behut­sam wie mög­lich. Das ers­te noch win­zi­ge Blatt eines beschreib­ba­ren Wesens ist in mei­ner Nähe gelan­det. Spa­zier­te, beob­ach­te­te den Him­mel und als ich zurück­kehr­te, war dann alles bereits fer­tig gewe­sen. Noch leich­te Unru­he auf mei­nem Schreib­tisch, sobald ich mich vor­sich­tig nähe­re. Ein wun­der­vol­les Gefühl, die Bli­cke aber­tau­sen­der Augen, deren Licht ich nicht sehen, doch spü­ren kann. Und so sit­ze hier nun seit Stun­den und über­le­ge, wel­chen ers­ten Satz ich mit mei­nem Licht­stift in das leben­de Blatt vor mir ein­tra­gen könn­te. — stop

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feuerblume

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marim­ba : 6.28 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Hun­der­te gestran­de­ter Men­schen lie­gen, Flug­ha­fen­ter­mi­nal 2, auf Feld­bet­ten, schla­fen unter grau­en Decken, still, als sei­en sie ohne Träu­me, bewe­gungs­los, ver­puppt. Saß auf einer Bank in nächs­ter Nähe, war­te­te, notier­te: Die Augen der Papier­tier­chen befin­den sich im Zen­trum ihrer Kör­per­schei­be, eines erha­ben auf­wärts, das ande­re erha­ben abwärts gerich­tet. Licht und Schat­ten, Bewe­gung und Still­stand, so ist ihre Welt beschaf­fen. stop – Nie wer­den die­se Augen sehen, was ich in ver­gan­ge­nen Stun­den mit mensch­li­chen Augen auf dem Bild­schirm mei­nes Com­pu­ters beob­ach­te­te. Foto­gra­fien einer Feu­er­blu­me aus dem Eis, ihr tief­schwar­zer Atem, das Blut der Erde, ursprüng­lichs­te Kraft. — Bleibt noch, mit den Win­den zu sprechen.

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trommeln

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papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie die­se Zei­len lesen, sehen Sie mich ver­wun­dert, stau­nend, ja, sagen wir’s ruhig, glück­lich. Das ist so dar­um, ich habe gera­de bemerkt, wie kleins­te Din­ge, Lebe­we­sen, die eigent­lich nicht sicht­bar sind, sicht­bar wer­den, sobald ich sie mit Gedan­ken berüh­re. Auch Geräu­sche, die so lei­se und zart, dem­zu­fol­ge klein sind, dass ein mensch­li­ches Ohr sie nie­mals ver­neh­men könn­te, wer­den hör­bar durch ein ein­zel­nes Wort, das sie behaup­tet. Systo­li­sche Fre­quen­zen, hel­les Trom­meln, 250 Pul­se, kein Wort exis­tiert für jene Musik heim­li­cher Her­zen, als die Sum­me der Pfa­de, die sich um Annä­he­rung bemü­hen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo wer­den ihre Augen sein? — stop
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animals

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kili­man­dscha­ro : 0.58 — Die wirk­lich klei­nen Din­ge die­ser Welt sind dem mensch­li­chen Auge nicht sicht­bar. Sie befin­den sich in Räu­men des Ahnens, des Wün­schens, des Erfin­dens. Nie­mand könn­te je sagen, ob man von dort aus betrach­tet wird. Wenn ich nun ein Papier­tier­chen ganz für sich allein belich­te, dann erken­ne ich zunächst, sei­ne Gestalt ist rund. — stop

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schirme

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : SCHIRME

Rasend, lie­ber Jona­than, ver­geht die Zeit! Ein Jahr ist es nun her, seit ich das ers­te Mal von Ihnen hör­te. Vie­le Stun­den, gan­ze Tage, Wochen habe ich an Sie gedacht, und doch kei­ne durch belich­te­te Vor­stel­lung gewon­nen. Ihre Augen, hell oder dun­kel? Wie wer­den Sie mir begeg­nen, mit wel­cher Stim­me spre­chen? An die­sem schö­nen Mor­gen darf ich berich­ten, dass ich mich gut erho­len konn­te. Füh­le mich wohl in mei­ner Haut. Sie­ben Uhr. Sie wer­den sicher noch schla­fen, da drü­ben in Ame­ri­ka, und sofort, wenn Sie in Kür­ze erwa­chen, einen ers­ten tie­fen Zug küh­ler Wald­luft zu sich neh­men. Ihre Ver­wun­de­rung, wie immer, dass Sie nicht län­ger unter Was­ser leben, dass Sie frei sich zu bewe­gen in der Lage sind. Wie oft schon habe ich den Ver­such unter­nom­men, mich ein­zu­füh­len in ihre Lage, unvoll­kom­men, sagen wir, aber nicht ver­geb­lich, wie ich hof­fe, weil Sie bemerkt haben wer­den, dass ich mich um Sie küm­me­re, dass ich Fra­gen stel­le, dass ich Sie nicht gedan­ken­los der Welt über­ant­wor­tet habe. Noch zwei­und­zwan­zig Tage, mein lie­ber Kek­ko­la, hören Sie zu! Ich habe Wet­ter­kar­ten stu­diert, fürch­te, wir wer­den unter Regen­schir­men sit­zen. Ihren Eltern im Übri­gen geht es gut! Ahoi! Ihr Louis

gesen­det am
10.04.2010
6.01 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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am späten abend

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del­ta : 6.28 — Es war am spä­ten Abend und ich hat­te mei­ne Augen noch geöff­net, Cole Por­ter spiel­te ein paar fei­ne Sachen, zwei gol­den brau­ne Frosch­bal­lo­ne segel­ten durchs Zim­mer, und da war noch mein klei­ner Kof­fer, und ich sag­te zu ihm, als könn­te er mich ver­se­hen, um dich küm­me­re ich mich spä­ter! Und dann schlief ich ein und wach­te wie­der auf, noch immer spiel­te Cole Por­ter sei­ne fei­nen Sachen, und ich dach­te, du bist ein­ge­schla­fen und du bist wie­der auf­ge­wacht, das ist das Leben, ein­zu­schla­fen und wie­der auf­zu­wa­chen. Und da lag ein Engel, eine Man­go so groß, auf mei­nem Bauch, und der Engel schlief, wie ich geschla­fen hat­te, und ich dach­te, ist das nicht wun­der­bar, sein Herz, sein klei­nes Herz, wie es schlägt und schlägt und schlägt. Und dann schlief ich wie­der ein und schlief und schlief so selt­sam, ohne das Schla­fen zu bemer­ken, dass ich viel­leicht noch immer schla­fe, indem ich gera­de schrei­be, indem ich gera­de zärt­lich den­ke, an das Leben, an das Schla­fen, an das Wachen, an all die wil­den Din­ge, und dar­an, dass ich nun weiß, wir Men­schen sind für letz­te Geschich­ten nie­mals gemacht, auch in den Minu­ten schwers­ter Abschie­de ist da immer noch die­ser selt­sam schwe­ben­de Punkt in der Luft, ein lei­ses Licht, ein Blick, bis bald. — stop
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standardminute

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del­ta : 6.05 — Wie ich abends im Waren­haus eine moder­ne Stan­dard­mi­nu­te erleb­te, das will ich rasch noch berich­ten, eh mir die Augen zufal­len, müde vom Wun­dern. Eine gan­ze Minu­te also. In die­ser Minu­te, an ihrem Anfang genau­er, befin­det sich eine Kas­sie­re­rin mitt­le­ren Alters, unru­hig sind Augen und Mund, und ihre flat­tern­den Hän­de, Werk­zeu­ge, die Waren über Licht­tas­ter zie­hen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr lang­sam bewegt, ein wah­res Rep­til, wür­de­voll, bedäch­tig. Ein wenig zer­streut scheint sie zu sein, hebt immer wie­der den Blick, beob­ach­tet scheu die Bewe­gung des Ban­des, die Rei­se ihrer per­sön­li­chen Ware: eine Schach­tel Pra­li­nen, ein Fläsch­chen Jäger­meis­ter, Salz­stan­gen, drei Dosen Kat­zen­fut­ter, ein duzend Scho­ko­la­den­os­ter­ei­er in Grün, in Gelb, in Rot, und ein wei­te­res Fläsch­chen noch hin­ter­her. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Apri­ko­sen­saft­tü­ten schie­ben sich, einem Eis­bre­cher ähn­lich, in den war­ten­den Bezirk der alten Frau hin­ein, fal­ten Eier, Salz­stan­gen und ande­re Waren­tei­le steil zur Sei­te. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höf­lich um Geduld bit­tet, um Nach­sicht, eine freund­li­che, eine herz­er­wär­men­de Stim­me, und das Geräusch einer Fla­sche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun auf­rich­tet, wie ihre hel­len Augen mei­ne Hän­de beob­ach­ten, die ver­su­chen, wei­te­res Unglück abzu­wen­den. Ungläu­big schaut sie mich an, dann das För­der­band ent­lang, das wei­te­re Waren vor­an trans­por­tiert. Ja, bald ste­hen wir und stau­nen zu zweit, und auch die Ver­käu­fe­rin ist zur mit­füh­len­den Beob­ach­te­rin gewor­den. Sie lurt zum Waren­strom hin, der über die Kan­te der Roll­band­the­ke in die Tie­fe stürzt. Ihre Hän­de, die­se selt­sa­men Hän­de, sie arbei­ten wei­ter und wei­ter, schie­ben und schie­ben, als führ­ten sie ein eige­nes Leben oder gehör­ten schon der Maschi­ne mit ihrem Rot­licht­au­gen­ge­hirn. stop. Minu­te zu Ende. stop. Guten Mor­gen. — stop

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animals

14

echo

~ : louis
to : Mr. sta­nis­law lem
sub­ject : ANIMALS

Hoch­ver­ehr­ter Herr Lem, Sie wer­den, neh­me ich an, noch nie von mir gehört haben. Ich hei­ße Lou­is. Seit vie­len Jah­ren bin ich ein stil­ler Bewun­de­rer Ihrer Kunst. In der Nähe mei­nes Schreib­ti­sches hängt des­halb eine Foto­gra­fie, die Sie in schwar­zer und wei­ßer Far­be zeigt, an einer Wand. Immer wie­der, wenn ich Sie dort betrach­te, den­ke ich, dass ihre Augen, ihr Blick, von der Wei­te der Welt erzäh­len, die sich in ihrem Kopf ent­fal­tet, dass man über­haupt die Groß­zü­gig­keit eines Geis­tes in sei­nen Augen zu erken­nen ver­mag. Eines Ihrer Bücher nun habe ich wie­der gele­sen in den ver­gan­ge­nen Tagen, weil ich mich erin­nert hat­te, dass Sie dort von win­zi­gen gefähr­li­chen Wesen berich­te­ten, Mikro­ben, die Waf­fen­pan­ze­run­gen jeder Art in Sekun­den­schnel­le zu durch­drin­gen in der Lage sind. Eine beun­ru­hi­gen­de Vor­stel­lung natür­lich. Ich hof­fe, das bald wie­der zur Sei­te legen zu kön­nen, gera­de auch des­halb, weil ich mich in die­sen Wochen per­sön­lich mit kleins­ten Wesen beschäf­ti­ge. Soll­ten Sie in der Lage sein, mei­ne Arbeit von höhe­rer Stel­le aus zu beob­ach­ten, dann wer­den Sie bald erken­nen, es geht um leben­de Papie­re, um ihren Geist, um ihr Ver­hal­ten und alle die­se Din­ge, die eine for­schen­de Per­son begeis­tern von früh bis spät. In die­sem Sin­ne sen­de ich Ihnen aller­bes­te Grü­ße. – Louis

gesen­det am
10.03.2010
22.56 MEZ
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schneekamille

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nord­pol : 0.02 — Dei­ne schnee­wei­ße Hand, die an einem Som­mer­nach­mit­tag auf mei­nem Unter­arm liegt. Wir wan­dern durch einen Wald. Klein bist Du gewor­den und leicht, und ich gehe, Du führst mich, mit geschlos­se­nen Augen neben Dir her. Und plötz­lich bist Du nicht mehr da. Ich sehe Dich, unsi­cher Dei­ne Schrit­te über das Moos. Und wie Du kniest vor den lich­ten Blu­men unse­rer Wie­se. Dei­ne wei­nen­de Stim­me. Dein Kla­gen ohne Wor­te. Dein Schrei­en gegen den Him­mel. Dein Beben in mei­nen Armen. Und wie Du flüs­terst: Ich will nicht ster­ben. - Dann ist Nacht wie an vie­len Tagen Nacht gewor­den. Ich ste­he im hal­ben Dun­kel Dei­nes Zim­mers, so still, so still, und lau­sche nach Dei­nem Atem, sit­ze und lese und schau Dich an. Dei­ne lächeln­den Augen im Schlaf, der süße Him­beer­duft des Mor­phi­ums, das Schnur­ren der Sau­er­stoff­ma­schi­ne, Dein Seuf­zen, und wie Du wach gewor­den bist, Dein Blick für mich, wie Du mit Dei­nen tie­fen Augen vom Wun­der des Lebens erzählst. Nie wie­der, erin­nerst Du Dich, haben wir vom Tod gesprochen.

für marik­ki im himmel

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