delta : 6.28 — Es war am späten Abend und ich hatte meine Augen noch geöffnet, Cole Porter spielte ein paar feine Sachen, zwei golden braune Froschballone segelten durchs Zimmer, und da war noch mein kleiner Koffer, und ich sagte zu ihm, als könnte er mich versehen, um dich kümmere ich mich später! Und dann schlief ich ein und wachte wieder auf, noch immer spielte Cole Porter seine feinen Sachen, und ich dachte, du bist eingeschlafen und du bist wieder aufgewacht, das ist das Leben, einzuschlafen und wieder aufzuwachen. Und da lag ein Engel, eine Mango so groß, auf meinem Bauch, und der Engel schlief, wie ich geschlafen hatte, und ich dachte, ist das nicht wunderbar, sein Herz, sein kleines Herz, wie es schlägt und schlägt und schlägt. Und dann schlief ich wieder ein und schlief und schlief so seltsam, ohne das Schlafen zu bemerken, dass ich vielleicht noch immer schlafe, indem ich gerade schreibe, indem ich gerade zärtlich denke, an das Leben, an das Schlafen, an das Wachen, an all die wilden Dinge, und daran, dass ich nun weiß, wir Menschen sind für letzte Geschichten niemals gemacht, auch in den Minuten schwerster Abschiede ist da immer noch dieser seltsam schwebende Punkt in der Luft, ein leises Licht, ein Blick, bis bald. — stop
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Aus der Wörtersammlung: auge
standardminute
delta : 6.05 — Wie ich abends im Warenhaus eine moderne Standardminute erlebte, das will ich rasch noch berichten, eh mir die Augen zufallen, müde vom Wundern. Eine ganze Minute also. In dieser Minute, an ihrem Anfang genauer, befindet sich eine Kassiererin mittleren Alters, unruhig sind Augen und Mund, und ihre flatternden Hände, Werkzeuge, die Waren über Lichttaster ziehen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr langsam bewegt, ein wahres Reptil, würdevoll, bedächtig. Ein wenig zerstreut scheint sie zu sein, hebt immer wieder den Blick, beobachtet scheu die Bewegung des Bandes, die Reise ihrer persönlichen Ware: eine Schachtel Pralinen, ein Fläschchen Jägermeister, Salzstangen, drei Dosen Katzenfutter, ein duzend Schokoladenostereier in Grün, in Gelb, in Rot, und ein weiteres Fläschchen noch hinterher. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Aprikosensafttüten schieben sich, einem Eisbrecher ähnlich, in den wartenden Bezirk der alten Frau hinein, falten Eier, Salzstangen und andere Warenteile steil zur Seite. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höflich um Geduld bittet, um Nachsicht, eine freundliche, eine herzerwärmende Stimme, und das Geräusch einer Flasche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun aufrichtet, wie ihre hellen Augen meine Hände beobachten, die versuchen, weiteres Unglück abzuwenden. Ungläubig schaut sie mich an, dann das Förderband entlang, das weitere Waren voran transportiert. Ja, bald stehen wir und staunen zu zweit, und auch die Verkäuferin ist zur mitfühlenden Beobachterin geworden. Sie lurt zum Warenstrom hin, der über die Kante der Rollbandtheke in die Tiefe stürzt. Ihre Hände, diese seltsamen Hände, sie arbeiten weiter und weiter, schieben und schieben, als führten sie ein eigenes Leben oder gehörten schon der Maschine mit ihrem Rotlichtaugengehirn. stop. Minute zu Ende. stop. Guten Morgen. — stop

animals
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~ : louis
to : Mr. stanislaw lem
subject : ANIMALS
Hochverehrter Herr Lem, Sie werden, nehme ich an, noch nie von mir gehört haben. Ich heiße Louis. Seit vielen Jahren bin ich ein stiller Bewunderer Ihrer Kunst. In der Nähe meines Schreibtisches hängt deshalb eine Fotografie, die Sie in schwarzer und weißer Farbe zeigt, an einer Wand. Immer wieder, wenn ich Sie dort betrachte, denke ich, dass ihre Augen, ihr Blick, von der Weite der Welt erzählen, die sich in ihrem Kopf entfaltet, dass man überhaupt die Großzügigkeit eines Geistes in seinen Augen zu erkennen vermag. Eines Ihrer Bücher nun habe ich wieder gelesen in den vergangenen Tagen, weil ich mich erinnert hatte, dass Sie dort von winzigen gefährlichen Wesen berichteten, Mikroben, die Waffenpanzerungen jeder Art in Sekundenschnelle zu durchdringen in der Lage sind. Eine beunruhigende Vorstellung natürlich. Ich hoffe, das bald wieder zur Seite legen zu können, gerade auch deshalb, weil ich mich in diesen Wochen persönlich mit kleinsten Wesen beschäftige. Sollten Sie in der Lage sein, meine Arbeit von höherer Stelle aus zu beobachten, dann werden Sie bald erkennen, es geht um lebende Papiere, um ihren Geist, um ihr Verhalten und alle diese Dinge, die eine forschende Person begeistern von früh bis spät. In diesem Sinne sende ich Ihnen allerbeste Grüße. – Louis
gesendet am
10.03.2010
22.56 MEZ
1278 zeichen
schneekamille
nordpol : 0.02 — Deine schneeweiße Hand, die an einem Sommernachmittag auf meinem Unterarm liegt. Wir wandern durch einen Wald. Klein bist Du geworden und leicht, und ich gehe, Du führst mich, mit geschlossenen Augen neben Dir her. Und plötzlich bist Du nicht mehr da. Ich sehe Dich, unsicher Deine Schritte über das Moos. Und wie Du kniest vor den lichten Blumen unserer Wiese. Deine weinende Stimme. Dein Klagen ohne Worte. Dein Schreien gegen den Himmel. Dein Beben in meinen Armen. Und wie Du flüsterst: Ich will nicht sterben. - Dann ist Nacht wie an vielen Tagen Nacht geworden. Ich stehe im halben Dunkel Deines Zimmers, so still, so still, und lausche nach Deinem Atem, sitze und lese und schau Dich an. Deine lächelnden Augen im Schlaf, der süße Himbeerduft des Morphiums, das Schnurren der Sauerstoffmaschine, Dein Seufzen, und wie Du wach geworden bist, Dein Blick für mich, wie Du mit Deinen tiefen Augen vom Wunder des Lebens erzählst. Nie wieder, erinnerst Du Dich, haben wir vom Tod gesprochen.
für marikki im himmel
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februarbrief
romeo : 0.15 — Noch war Februar gewesen, da verfasste ich einen Brief an ein Mädchen, das ich bereits kannte, als sie noch nicht laufen konnte. Sie heißt Rosario, was eigentlich nicht ganz richtig ist, weil das natürlich an dieser Stelle nicht ihr wirklicher Name sein darf. Aber dass ich ihr Patenonkel bin, ist eine Tatsache, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Rosario, ein zauberhaftes Wesen, wohnt jetzt in Brooklyn, New York, und zwar in der Hicksstreet nahe einem Haus, in dem Arthur Miller sein Drama Tod eines Handlungsreisenden notierte. Genau dorthin nun schickte ich meinen Brief, einen papierenen Brief in einem Luftpostumschlag, den ich in ein Päckchen zu einer Büchersendung steckte. Ich schrieb, – ich darf das zitieren, weil ich die Erlaubnis dazu erhalten habe -, folgende Zeilen: „Liebe Rosario, hiermit sende ich Dir ein spektakuläres Buch, einen Katalog Leanne Shapton’s, der mich Tage lang begeisterte. Von einer Liebe wird berichtet, Du solltest sie unbedingt lesen, eine wundervolle, in seltsamer Weise erzählte Geschichte. Was das Buch wohl bei sich denken mag, jetzt, da es nach einer Schiffsreise über den Atlantik her, im Flugzeug wieder zurück nach Amerika hin getragen werden wird? Gut, wir werden das vielleicht niemals herausfinden, oder, sag, hast Du gelernt, mit den Büchern selbst zu sprechen? Erinnerst Du Dich noch an Abende, da ich Dir vorgelesen habe? Du lagst auf meinem Bauch, eine kleine Katze, und einmal legtest Du Dein Ohr an meine Stirn, und wolltest meine Gedanken hören. Und als Du nichts vernehmen konntest, sagtest Du zu mir mit großen Augen: Du musst lauter denken, Louis, ich kann Dich nicht hören! Viel Vergnügen beim Lesen und Schauen wünscht Dir Dein Louis.“
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kopfaffen
himalaya : 0.58 — Wann das mit den Affen genau angefangen haben könnte, dass sie mich begleiten, sobald ich die Tür zur Wildnis öffne und jagen gehe ins Warenhaus um die Ecke, vermag ich nicht zu sagen. Ein Anfang jedenfalls könnte sein, zu wissen, welchen Ursprungs sie sind. Ich sage Ihnen das Folgende im Vertrauen leise, sie hüpfen aus der Reproduktion einer Malerei heraus, die ich vor zwei Jahren im Sommer auf Höhe meiner Augen an den Rahmen der Wohnungstüre nagelte, kawumm. Irgendwann war es zur Gewohnheit geworden, das kleine Bild zu betrachten, in dem ich die Schleuse zur Außenwelt passiere. Ich schlendere dann eine Straße unter schneienden Akazien entlang und beobachte Wesen, wie sie in den Kronen der Bäume toben. Wenn ich mich selbst vergessen habe und warum ich eigentlich auf die Straße getreten bin, sind sie gut gelungen. Jetzt nur noch Affenmensch sein, atmen und in die Blätter schauen. - Donnerstag. Das Erfinden ist ganz sicher ein Vorgang geschmeidiger Achtsamkeit. — stop

amerikafahrt
marimba : 0.02 — Sekundenbriefmarke aus dem Jahr 1959, zu einer Zeit notiert, da ich selbst, auch als Idee, noch nicht geboren war: Das Taxi war groß wie eine Lokomotive. Und es war grellgelb angestrichen wie ein deutscher Briefkasten. Auf seinem Dach funkte es blaurote Lichtsignale, sie ähnelten dem blitzenden wachsamen Auge der Polizei, und für eine Weile hatte ich das Gefühl, ein Ehrengast zu sein, der eskortiert und ohne Berührung mit Land und Leuten an ein Ziel gebracht werden soll. Die Polster des Wagens waren hart, und der nackte Stahlboden war schmutzig; man bot dem Fahrgast den Transport, man bot ihm nicht mehr. Andauernd erreichten den Wagenlenker durch die Luft gesandte Botschaften; Unsichtbare sprachen zu ihm, beschworen ihn, quälten ihn, hetzten ihn. Zuweilen antworte der Mann den Stimmen der befehlenden Luftgeister. Wolfgang Koeppen A m e r i k a f a h r t
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hydra No 2
lima : 22.55 — Es schneit angeblich, mag es schneien. Über dem Schnee und seinen Wolken scheint der Mond. — Was haben wir heute eigentlich für einen Tag, Sonntag vielleicht oder Montag? Abend jedenfalls, einen schwierigen Abend. Würde ich aus meiner Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen Körper verlassen und etwas in der Zeit zurückreisen, dann könnte ich mich selbst beobachten, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche steht und spricht. Der Mann spricht mit sich selbst, während er Tee zubereitet, er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bündel von Melisse zieht durchs samtig heiße, flimmernde Wasser. Jetzt trägt er seine dampfende Tasse durch den Flur ins Arbeitszimmer, schaltet den Bildschirm an, sitzt auf einem Gartenstuhl vor dem Schreibtisch und arbeitet sich durch elektrische Ordner in die Tiefe. Dann steht er, steht zwei Meter vom Bildschirm entfernt, ein Mensch kniet dort auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürchtet. Da ist eine Stimme. Eine schrille Stimme spricht scheppernd Sätze in arabischer Sprache, unerträglich diese Töne, sodass der Mann vor dem Schreibtisch einen Schritt zurücktritt. Er scheint sich zur Betrachtung zu zwingen. Zwei Finger der rechten Hand bilden einen Ring. Er hält ihn vor sein linkes Auge, das andere Auge geschlossen, und sieht hindurch. So verharrt er, leicht vorgebeugt, bewegungslos, zwei Minuten, drei Minuten. Einmal ist sein Atmen heftig zu hören. Kurz darauf steht er wieder in der Küche, lehnt mit dem Rücken am Kühlschrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftigkeit nicht wahrzunehmen gewesen war. Ein Mensch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. – Was machen wir jetzt? — stop
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auf dem viktualienmarkt
olimambo : 2.10 — Ein Eichhörnchen am Nachmittag, wie es durch den warmen Schnee springt. Immer wieder hält das Tierchen an, dreht sich nach mir um, betrachtet mich, als ob es meine Gedanken ahnen würde. Einmal sage ich leise zu ihm hin: Fürchte Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Münchener Viktualienmarkt gewesen vor wenigen Stunden. Die Tage nun länger, bald wird Frühling und Menschen und das Bier und der Kaffee werden in Strömen fließen. Wieder, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude laufe und meine Nase in den Gewürzwind stecke, schau ich nach dem Achternbusch, Herbert. Würd’ gern einmal ein paar Worte mit ihm wechseln. Gestern war von ihm nichts zu sehen gewesen, weshalb ich ganz einfach an ihn gedacht habe, an eine Filmsequenz, deren Besichtigung mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Herbert Achternbusch in einem Tierhaus des zoologischen Gartens Hellabrunn. Er steht unter einem Faultier, das unbeweglich, und zwar sehr lange Zeit, an einem Ast hängt. Der Dichter bewundert die Klauen des Tieres und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwinkert das Faultier mit den Augen. Und Achternbusch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Scheinschlaftier! – Guten Morgen, gute Nacht! — stop

dämmerschritte
kilimandscharo : 6.26 — Tiefseeelefanten, wo auch immer sie sich befinden, schlafen gemeinsam zur selben Zeit. Sie gehen dann langsam, step by step, träumend rückwärts über den Meeresboden hin. — Seltsame Sache. – An diesem frühen Morgen denk ich noch etwas anderes von Schlafesdingen. Gerade öffnet Berfin die Tür ihrer Wohnung. Sie kommt von einer Nachtschicht zurück. Fünf Stunden Arbeit. Jetzt wird sie noch eine halbe Stunde schlafen, dann aufstehen, ihre Kinder, drei Mädchen, mit Küssen auf kleine heiße Ohren wecken, Frühstück bereiten und sie zur Schule bringen. Berfin schläft 21 Stunden pro Woche. Sie lacht gern. Ein zartes Gesicht. Augen, die viel Krieg gesehen haben. Meistens plagen sie Kopfschmerzen. Müde bin ich, sagt sie, dafür gibt’s kein Wort.
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