echo : 20.18 UTC — Einmal, vor zwei Jahren, war ich im Traum an einem späten Sommerabend auf einem Friedhof gewesen. Dämmerung, Lichter schwebten in der Luft. Sie kamen vom Westen her, verteilten sich über den Kronen der Bäume, um kurz darauf langsam abzusteigen. Ich saß am Grab meiner Eltern, beobachtete aus nächster Nähe, wie sich eine Drohne näherte. Über einem Plateau von Handtellergröße hielt sie inne. Die Drohne summte. Bald öffnete sich ihr transparenter Leib, und sie setze behutsam mittels einer Greifhand von blitzendem Metall ein Teelicht ab. Kurz darauf schloss sich ihr Bauch und sie flog schnell davon. — stop
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Aus der Wörtersammlung: traum
giraffe
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ulysses : 6.28 UTC — Ich träumte, meine Mutter würde von einer Straßenbahn überrollt worden sein. Sie hatte den schweren Unfall im Traum überlebt, aber ihr Hals war nun lang wie der Hals einer Giraffe. Weil ihr dort, wo Giraffen am Hals über erhebliche Muskelpakete verfügen, jede Stützung fehlt, wurde ein Gerüst von feinem Kirschbaumholz gezimmert, eine Röhre, durch welche zur Säuberung Wasser eingeleitet werden könnte. Getragen wird die Konstruktion von einem fahrbaren elektrischen Stuhl, den meine Mutter bewohnt, in welchem sie sitzen, aber auch zum Spazieren fahren kann. In einem weiteren Traumsegment hatte sich der Kopf meiner Mutter tatsächlich in den Kopf einer Giraffe verwandelt. Sie lebte an einem Ort weiterer Giraffenmenschen. Ich sah diese wunderbaren Wesen majestätisch durch die Parks der Umgebung streifen. Da und dort führten Leitern in die Kronen der Kastanienbäume. — stop
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eine flasche gin


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nordpol : 0.18 UTC — Weshalb Georg jene seltsame Geschichte, die er mir unlängst erzählte, gerade jetzt in diesen Tagen träumte, da er ängstlich in der Welt herumspaziert wie viele von uns, wird vielleicht niemanden wirklich wundern. Im Traum nämlich war Georg krank geworden vom Virus, vor dem er seit Wochen flüchtet. Er war im Hospital gewesen, konnte kaum noch atmen, saß schweißnass im Bett. Da trat eine Ärztin in sein Zimmer. Sie hielt eine Flasche Gin in der Hand. Sie war wirklich sehr höflich. Sie sagte, er solle die Flasche unverzüglich leeren, das helfe, sagte sie, die amerikanische Methode. Georg antwortete, er flüsterte, dass er seit über zwanzig Jahren keinen Alkohol getrunken habe, das würde ihn nun doch ganz sicher unter die Erde bringen. Er wachte, Gott sei Dank, bald auf. Georg war betrunken. Aber das war nicht wirklich der Fall, es war eine Vermutung, weshalb unverzüglich notwendig geworden war, den aufrechten Gang zu probieren, weshalb Georg in die Küche spazierte, das Fenster öffnete, um nach den Vögeln zu sehen. Dann rief er mich an, um mir seine Geschichte zu erzählen. — stop

lampen
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delta : 22.16 UTC — Im Spazieren den Blick gegen den Boden richten, suchende Lampe. Kinderzeichnungen von Kreide, Sonnensterne, Flugdrachen, Bäume, Linien, mit freier Hand da und dorthin gezogen, über Linien vorangegangener Tage geschichtet, Kreideschatten nach Regen, Kreideflüsse. Vor den Läden Punkte und Streifen, dort sollte man stehen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so geworden, dass Personenabstände im Gehen geringer werden, man muss, wenn man geht, auf die Straße treten, ausweichen, sobald sich Sorglose nähern, muss man Räume berechnen, das Gehen gedankenlos nur am Abend durch den Park, oder nachts in den Stunden, da man Igeln begegnet und Mäusen mit rot glühenden Augen im Licht einer Taschenlampe. Einmal träumte ich von Virentieren, die leuchten. Wie es mir in diesem Traum selbst goldfarben von den Lippen staubte, wachte ich auf. — stop
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missing flamingos
sierra : 22.58 — Sanfte Frauenstimme spricht: Achtung! Halten Sie 1 Meter 50 Abstand. Meiden Sie Menschenansammlungen! In der Halle, indessen kein Mensch zu sehen, kein Koffer, kein Hund, keine Katze, aber Mäuse, ein gutes Dutzend Mäuse, die über den spiegelnden Marmorboden flitzten, als hätten sie Schlittschuhe an ihren Füßen. Ich war die einzige menschliche Person an einem Ort, der vermutlich nie ohne Menschen gewesen ist. Ich erinnere mich, selbst inmitten der Nacht habe ich im Terminal immerzu flüsternde Menschen wahrgenommen, auch Schlafende auf Sitzbänken oder Stühlen der Cafés. Nun war Stille, kein Traum wurde erzählt. Selten einmal das Geräusch sich bewegender Zeichen auf einer Anzeigetafel. Aus Neuseeland kommend sollte Minuten später ein Flugzeug landen, ein Hinweis wie ein letzter Reflex. Jene über den spiegelnden Boden dahingleitenden Mäuse jedoch, unbeirrt, ob sie sich wunderten über diese eine wartende Person im Saal, die ich selbst gewesen war in einem Moment des Notierens auf meiner flachen Schreibmaschine? Wie ich sie vermisste, Stehschläfer, meine Stehschläfer, welche nicht Vögel sind, Flamingos, sagen wir, nein, Stehschläfer, die Menschen sind, gegenwärtige Personen, die sich, sollten sie einmal zurückkehren, genau so verhalten werden, wie das Wort, das sie bezeichnet: Sie schlafen im Stehen. — stop
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shenyang
ginkgo : 19.55 UTC — Sie kommt gerade aus Shenyang, ist ziemlich müde, sitzt im Schnellzug Richtung City zwischen zwei schweren Metallkoffern, eine ältere Dame, sie sei eine der ältesten, die noch fliege, Cabin Chief, sie reise gern, wenn auch etwas ängstlicher, man habe schon den Eindruck, dass der Luftraum unsicherer geworden sei, aber die Welt insgesamt sei unsicher geworden, die Amerikaner sind es vor allem, das dürfe man aber nicht so laut sagen, früher hätten sie noch gewusst, wohin die Regierung im Notfall fliegen würde, das sei jetzt nicht mehr Angelegenheit der Lufthansa, das erledige die Luftwaffe, die wüssten jetzt Bescheid, auch dass bereits Anfang des letzten Jahrhunderts bekannt gegeben wurde, dass bald ein neuer großer Krieg kommen würde, Israel wüsste darüber Bescheid und eben die Amerikaner, aber das sagen wir lieber nicht so laut, sagt sie, aber sie fliege immer noch gern, komme viel in der Welt herum, sie könne verstehen, dass die Menschen flüchten, aber sie seien eigentlich keine richtigen Geflüchteten wie ihre Eltern noch, die wollte keiner haben, die flohen aus Schlesien, das waren noch richtige Flüchtlinge, die Chinesen fliehen ja auch nicht, irgendwie geht alles seltsame Wege, die Welt ist aus dem Gleichgewicht, aber sie dreht sich noch, aber nicht mehr lange. — Als der Zug steht, hört sie auf zu sprechen, steigt aus, ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwindet in der Menge, diese zierliche und ziemlich müde Person. — stop

16 uhr 18
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lima : 16.18 UTC — Hörte Friedrike Mayröcker von Steinen sprechen: Ist das Schreiben etwa wie das Ansetzen von Dominosteinen? — stop

am telefon
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echo : 16.12 UTC — In Traum erzählte mir eine sehr alte Frau am Telefon, ich dürfe, sollte ich einmal zu Besuch kommen, ihr weder Fotografien noch Filmaufnahmen zeigen, die ich vielleicht entdeckt und aufbewahrt haben könnte. Sie sagte, dass sie sich vor Fotografien fürchte, sie habe immer sofort alles im Blick, sie könne nicht einfach nur eine kleine Portion betrachten, einen Ausschnitt eines Ortes, vor dem sie sich fürchte, es wäre immer alles sofort gegenwärtig, die Absicht des Bildes oder ein Zufall. Ich erinnere mich in diesem nächtlichen Gespräch versichert zu haben, ihr niemals eine Fotografie von dort zu zeigen. Aber ich gab nicht sofort auf. Ich bemerkte, dass es immerhin möglich wäre, Fotografien in kleinere Teile zu zerlegen, ich könnte diese Teile nummerieren und mit ihr gemeinsam auf einem Tisch Teilbild für Teilbild sehr langsam ergänzen, sie könnte sich in diesem Falle also an ein langsam entstehendes Bild zunächst gewöhnen, indessen ich ihr erzählen würde, was auf den Teilbildern bereits von der Absicht oder einem Zufall zu sehen ist. Als ich meine Rede unterbrach, blieb es still da drüben jenseits meines Telefonhörers, der selbst als ein vollständiges Telefon bezeichnet werden könnte. Dann wachte ich auf, es war Sonntag. — stop

wildnis
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india : 8.15 UTC — Einmal, und in der vergangenen Nacht wieder, im Traum eine Notladung nach einem Flug dicht über das Wasser hin über den Atlantik in einer Wildnis vor New York. Wir werden evakuiert, ich vergesse im brennenden Flugzeug Koffer und Papiere. Bin plötzlich ein Niemand, einer, der in einem Bett liegt, in einem Zimmer, in welchem sich Menschen vor Bildern bewegen, die sie betrachten und besprechen. Auch ich bin ein Bild, werde diskutiert, darf mich nicht bewegen, kann Sprechsprachen nicht verstehen. — stop

“Hi!” — “Hi!”
romeo : 0.33 UTC — War Zeuge einer Begegnung zweier Algorithmen bei mir Zuhause auf einem Bildschirm, der sich teilte, und zwar in der Mitte. In rasender Geschwindigkeit wurden dort Zahlenketten erzeugt. Nach drei oder vier Minuten stoppte die Zahlenproduktion in der linken Spalte. Nach wenigen weiteren Sekunden erschien die Zeichenfolge: Hi! Kurz darauf stoppte auch in der rechten Spalte die Zahlenproduktion, wiederum für wenige Sekunden Stille oder Leere. Dann erschien auch hier die Zeichenfolge: Hi! Ich war gerührt, man stelle sich das einmal vor, Algorithmen, die sich zur Begrüßung einer Sprache bedienten, die ich zu lesen, in der Lage gewesen war. — stop
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