Aus der Wörtersammlung: boden

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gedankengang

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ulys­ses : 6.52 UTC — Ich gehe, wie so oft, ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich, wie so oft, ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. Ich habe schon viel nach­ge­dacht, wäh­rend ich ging. Und ich habe schon viel ver­ges­sen, wäh­rend ich ging. Wenn ich gehe, kom­men die Gedan­ken aus der Luft und ver­schwin­den wie­der in die Luft. Wenn ich sit­ze, kom­men die Gedan­ken aus mei­nen Hän­den. Sobald ich ein­mal nicht schrei­be, ruhen mei­ne Hän­de auf den Tas­ten der Schreib­ma­schi­ne und war­ten. Sie war­ten dar­auf, dass eine Stim­me in mei­nem Kopf dik­tiert, was zu schrei­ben ist. Ich könn­te viel­leicht sagen, dass mei­ne Hän­de dar­auf war­ten, mein Gedächt­nis zu ent­las­ten. Was ich mit mei­nen Hän­den in die Tas­ta­tur der Maschi­ne schrei­be, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb nicht gelernt, nicht gespei­chert, weil ich weiß, dass ich wie­der­kom­men und lesen könn­te, was ich notier­te. Selt­sa­me Din­ge. Ich den­ke manch­mal selt­sa­me Din­ge zum zwei­ten oder drit­ten Mal. Gera­de eben habe ich wahr­ge­nom­men, dass es nicht mög­lich ist, zwei Zei­chen zur sel­ben Zeit auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu schrei­ben, immer ist ein Zei­chen um Bruch­tei­le von Sekun­den schnel­ler als das ande­re Zei­chen. Wenn ich selt­sa­me Din­ge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht blei­ben, wo ich bin. Die Freu­de ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung ver­setzt. Ich sprin­ge auf, wenn ich saß, oder ich sprin­ge in die Luft, wenn ich bereits auf mei­nen Bei­nen stand. Dann gehe ich ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. — Das Kurz­film­ki­no erzählt von einem rus­si­schen Sol­da­ten, der nach dem Ver­lust sei­nes lin­ken Bei­nes auf dem Boden liegt. Ein wei­te­rer, ein rie­si­ger Mann, kniet neben ihm. Er bie­tet dem ver­letz­ten Mann sei­ne Hil­fe an. Wir Ukrai­ner sind nicht so, wie Du fürch­test, sagt er, Hil­fe kommt sofort. Der Mann erhebt sich und sucht nach dem Bein des Ver­letz­ten, er fin­det das Bein und einen Schuh. — stop

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von fallschirmen

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echo : 20.28 UTC — Hört zu! Fol­gen­des: Flie­gen­de oder Som­mer­fä­den wer­den von jun­gen und alten Spin­nen gespon­nen und zwar vor­nehm­lich von Indi­vi­du­en der Gat­tun­gen Luchs­spin­ne (Lyco­sa), Kreuz­spin­ne (Epei­ra), Krab­ben­spin­ne (Tho­mi­sus) und Weber­spin­ne (Ther­i­di­um). Die­se Spin­nen sind zum Herbst her­an­ge­wach­sen, und ihre Fäden bezeich­nen die Wege, wel­che sie zogen. Da sie aber nur bei gutem Wet­ter spin­nen, so steht die Erschei­nung in der That im Zusam­men­hang mit schö­nen Herbst­ta­gen. Die Fäden wer­den zum Teil vom Wind los­ge­ris­sen und fort­ge­führt, aber auch von den Spin­nen direkt für eine Fahrt durch die Luft erzeugt. Das Tier­chen kriecht auf einen erhöh­ten Punkt, reckt den Hin­ter­leib in die Höhe, schießt einen oder meh­re­re Fäden aus sei­nen Spinn­war­zen empor und über­lasst sich, von die­sen getra­gen, der Luft­strö­mung. Will die Spin­ne auf den Boden zurück­keh­ren, so klet­tert sie an dem Faden hin­auf und wickelt ihn dabei mit den Füßen zu einem Flöck­chen zusam­men, wel­ches sich lang­sam zu Boden senkt.* – Nichts den­ken zur Beru­hi­gung als das Wort l u m u m b a . – stop / gefun­den bei *Peter Hug
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im zimmer. mitternacht

9

echo : 0.15 — Auf der Suche nach Daniil Charms Text­samm­lung Fäl­le balan­cier­te ich zur Win­ter­zeit vor einem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Es war Sams­tag. Ich erhoff­te mir in dem gesuch­ten Buch einen Ort zu fin­den, des­sen Exis­tenz ich fort­an bewei­sen könn­te. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Wor­an den­ke ich? — Ein bemer­kens­wer­ter Satz. — Wie ich bald von dem Stuhl gestie­gen war und wie­der auf dem Boden stand, hielt ich den Kri­mi­nal­fall Der ver­schwun­de­ne Kopf des Dama­s­ce­no Mon­tei­ro in Hän­den. Das Buch war im Jah­re 2000 gekauft und neun Jah­re spä­ter mit einer Wid­mung ver­se­hen wor­den. Der Lie­ben P. und dem lie­ben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lis­sa­bon­rei­se, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Ich ent­deck­te, dass G. und J. gestor­ben waren, wäh­rend P. damals noch leb­te. Nun ist auch sie gestor­ben und auch Daniil Charms ist noch immer tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit 8 Jah­ren. Ein trau­ri­ger Moment. In mei­nem Kühl­schrank herr­schen nach wie vor 7 °C. Wie­der­um Mit­ter­nacht. Lang­sam spa­zie­re ich wie vor Jah­ren durch das nächt­li­che Zim­mer. Und wäh­rend ich so gehe, erin­ner­te ich mich leb­haft an G., an unse­ren letz­ten gemein­sa­men Spa­zier­gang über den Mün­che­ner süd­li­chen Fried­hof, wie ich mich wun­der­te, dass sie genau die­sen Weg genom­men hat­te, um mich zur U‑Bahn zu brin­gen, da sie ahn­te oder wuss­te, dass sie bald ster­ben wür­de. Es war ein war­mer Som­mer­abend gewe­sen. Sie ging von Schmer­zen gebeugt. In der wind­lo­sen Luft tanz­ten Flie­gen­tür­me. Ich kann mich noch immer nicht erin­nern, wor­über wir gespro­chen hat­ten. Aber an ihre Stim­me, an ihren Blick, ihren letz­ten Blick, der ein Abschied gewe­sen war. — stop
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tokio

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marim­ba : 22.28 UTC — Es ist spät gewor­den, bei­na­he Nacht. Auf einem Bahn­steig unter dem Flug­ha­fen war­ten Rei­sen­de, sit­zen auf dem Boden, auf Kof­fern, auf Bän­ken, ste­hen, leh­nen anein­an­der oder dre­hen sich auf engem Raum um die eige­ne Ach­se, schlaf­wan­deln­de Tän­zer, die gera­de noch in Madrid oder Tokio gewe­sen sind. Sie alle tra­gen ein Papier­se­gel vor dem Mund, man­che von hell­blau­er Far­be, man­che Weiß, ande­re in Tönun­gen, die für Mund­se­gel­far­be neu erfun­den sind, grün, gelb, rot. Ein Mann spa­ziert dort auf und ab. Er nimmt den Weg ent­lang der Bahn­steig­kan­te, balan­ciert vor dem Abgrund, als wür­de er ris­kan­tes Gehen lan­ge Zeit geübt haben. Und wie er an mir vor­bei­kommt, höre ich ihn spre­chen: Die­ses Coro­na – Virus! Rei­ne Erfin­dung, das ist ver­rückt, das Virus müss­te man doch sehen! Ihr seid alle nicht bei Trost! — So for­mu­lie­rend spa­ziert er den lan­gen Bahn­steig auf und ab. Sei­ne Stim­me spricht sanft, viel­leicht ein wenig zor­nig, weil er bemerkt, dass man ihm nicht zuhört, dass ihm nie­mand ant­wor­ten möch­te, viel­leicht sagen: Ja, mein Herr, das Coro­na — Virus ist tat­säch­lich eine rei­ne Erfin­dung. Wir hören jetzt auf mit der Erfin­dung. Alles wird gut! — Und dann kommt der Zug. Auch der Mann steigt in den Zug. Ich sit­ze, ich war­te, ich wür­de ihn gern foto­gra­fie­ren, eine Per­sön­lich­keit der Zeit­ge­schich­te, einen Herrn, der flüch­tet und doch bleibt. Ein­mal, kurz, mein­te ich sei­ne Stim­me zu hören. — stop

 

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moskau

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echo : 20.08 UTC — Wenn es sich sperrt im Kopf, da muss man gera­de erst recht dar­auf los­schrei­ben. Und wenn da nichts ist im Kopf, das man schrei­ben könn­te. Oder immer das­sel­be, was man notie­ren könn­te, dann ist es gut eine Amei­se sich aus­zu­den­ken, ein­fach notie­ren, was sie tut, wohin sie läuft, und schon kommt Licht in den Kopf, wie sie über den höl­zer­nen Boden spa­ziert über ein Blatt Papier, auf wel­chem sich bald Wör­ter befin­den wer­den, die zum Bei­spiel von Grön­land erzäh­len oder von Mos­kau, wie es Vater erleb­te. — stop

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irkutsk

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marim­ba : 8.12 UTC — Ich beob­ach­te­te Film­auf­nah­men, die in Irkutsk auf­ge­nom­men wor­den waren. Irgend­je­mand spa­zier­te eine Stra­ße ent­lang. Dort Häu­ser von Holz, Häu­ser, deren Fens­ter bis zum Boden reich­ten. Die Häu­ser wirk­ten, als wür­den sie lang­sam in den Boden ver­sin­ken. Das kom­me, hör­te ich, weil die Häu­ser über kei­nen Kel­ler und kein Fun­da­ment ver­füg­ten. Sie sei­en auch nicht gut iso­liert nach unten hin, sodass die Wär­me, die Men­schen mit Öfen oder ihren Kör­pern ent­fach­ten, den Boden unter den Häu­sern tau­ten. In der ver­gan­ge­nen Nacht träum­te ich, in einem die­ser Häu­ser selbst zu woh­nen. Ich saß auf einem wei­chen Sofa und erzähl­te, dass ich geträumt habe, wie ich eine Stra­ße in Irkutsk ent­lang­ge­he und fil­me, indes­sen ich mich selbst erken­ne, wie ich in der Tie­fe auf einem Sofa sit­ze. — stop

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geräusche

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gink­go : 17.15 UTC — Es ist Nach­mit­tag. Ich sit­ze vor dem Fens­ter nach Süden, ich sit­ze der­art vor dem Fens­ter auf dem war­men Boden, dass ich den Him­mel sehe, Wol­ken, nichts wei­ter, nicht, was dar­un­ter sich ver­sam­melt, Häu­ser, Tür­me, Kro­nen zahl­rei­cher Bäu­me, Eich­hörn­chen, Auto­mo­bi­le, Men­schen. Ich höre eine Stra­ßen­bahn kom­men, ich höre, wie sie anhält, ich höre Stim­men, ich höre, wie sich die Stra­ßen­bahn lang­sam in Bewe­gung setzt, wie sie beschleu­nigt, wie sie eine Wei­che nimmt. Die Stra­ßen­bahn schep­pert und ächzt. Unge­zähl­te Male schep­per­te und ächz­te eine Stra­ßen­bahn an die­sem Ort. Kin­der­ru­fen. Eine Hupe, ein Mar­tins­horn. Ich höre nicht sicht­ba­ren Ereig­nis­sen zu. Vögel sin­gen in die­sem Augen­blick, sin­gen in mei­ner Vor­stel­lung, das ist denk­bar. Ich hat­te vor, spa­zie­ren zu gehen. Es ist Nach­mit­tag. Ein Tele­fon klin­gelt. — stop
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eine raupe im mai

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romeo : 10.28 UTC — Es war Mai, ich ging, Blick auf den Boden gerich­tet, spa­zie­ren. Man möch­te viel­leicht mei­nen, dass ich nur den Boden, nichts ande­res sehen woll­te, in Gedan­ken ver­sun­ken in Krei­sen. So gehe ich eine hal­be Stun­de dahin. Bald begeg­ne­te ich einer Rau­pe, die den Weg, auf dem ich ging, über­quer­te. Es war eine san­di­ge Stel­le. Ich blieb ste­hen, ging in die Knie, beob­ach­te­te, wie sich die Rau­pe bemüh­te, san­di­ge Kör­ner von ihren Bei­nen zu schüt­teln. Ein­mal rollt sie sich seit­wärts ab, eine Idee, die dazu führ­te, dass auch das kräf­ti­ge Haar ihres Rückens von Sand bedeckt wor­den war. Die­se ers­te Rau­pe, der ich an die­sem Tag begeg­ne­te, war von einem leuch­ten­den Gelb. Seit­lich, ihren Kör­per ent­lang, waren hell­ro­te Punk­te zu erken­nen. Ihr Kopf war von einem leuch­ten­den Blau. — stop
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von fliegentieren

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india : 20.02 UTC — Flie­gen exis­tie­ren, die sich im Moment der Dun­kel­heit an eine Wand set­zen, auf ein Buch, auf den Boden, auf das vom Tag­licht erwärm­te Holz mei­nes Schreib­ti­sches. Dort ver­wei­len sie still, bis es wie­der hell wird, sie sind die Schlä­fer unter den Flie­gen, Nacht­schlä­fer. Indes­sen sind wei­te­re Flie­gen zu beob­ach­ten, die kaum sicht­bar sind, solan­ge Licht ist in mei­nen Zim­mern, sie schei­nen sich mit­tels Bewe­gungs­lo­sig­keit zu ver­ste­cken. Ich höre sie nicht, ich sehe sie nicht, ich ver­ges­se, dass sie anwe­send sind oder ihre Anwe­sen­heit mög­lich sein könn­te. Und dann ist also Dun­kel. Unver­züg­lich flie­gen sie los, Spu­ren der Duft­mo­le­kü­le fol­gend lan­den sie auf Wan­gen, Stirn oder einer Schul­ter, die frei­legt, die schläft, die in die­sem Augen­blick der Lan­dung erwacht. Man könn­te sagen, die Nacht­flie­ger unter den Flie­gen, bewir­ken Licht. Kaum ste­he ich schlaf­trun­ken neben dem Bett, haben sie sich bereits wie­der ver­steckt.  Sie wis­sen um den Zorn. Und sie wis­sen, dass bald wie­der Dun­kel wer­den wird. — stop

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kaja

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echo : 0.28 UTC — Ein­mal spa­zier­te ich durch die Stadt. An einer Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le dach­te ich nach über dies und das, ich mach­te ein Schritt nach vorn und sofort wie­der zurück, eine Tram ras­te dicht an mir vor­bei und stopp­te mit krei­schen­den Rädern. Ein wüten­der Fah­rer stieg aus. Um ein Haar, um ein Haar. Ein ande­res Mal wan­der­te ich in den Ber­gen, es war der Schneib­stein, wo ich auf dem Gip­fel­pla­teau eine Pau­se ein­leg­te. Ich dach­te nach über dies und das, wäh­rend ich mit etwas Emmen­ta­ler in der Hand über eine Wie­se spa­zier­te. Plötz­lich set­ze ich mich auf den Boden und sah panisch gewor­den in den Abgrund, ein wei­te­rer Schritt hät­te genügt, ich wäre laut­los ver­schwun­den. Ein paar Doh­len äußer­ten sich zur Situa­ti­on: Kaja, kaja, kaja. Ich dach­te noch zur Beru­hi­gung: Ihr habt aber schö­ne koral­len­ro­te Füße. — stop



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