olimambo : 22.06 UTC — In der 38 Minute des faszinierenden Films Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte erzählt Peter Handke: Heutzutage scheint mir, dass man wirklich nur nachstellt, was eh schon durch Filme, durch Fernsehen und Zeitung eh schon sozusagen ausgespuckt ist. Es muss erfunden werden. Und eine Erfindung ist ganz was Seltenes. Erfinden zu dürfen, zu können, zu sollen, das ist nicht normal. Es ist eine Art von Vision. Ohne Vision gehts nicht. / Der Ludwig Hohl, der Schweizer Schriftsteller, hat gesagt: Fantasie ist nicht Gaukelei, sondern ist die Erwärmung, ich füge vielleicht hinzu — die herzliche Erwärmung des Vorhandenen, dessen, was vorhanden ist. Das ist Fantasie. Und nicht das Storytelling. — — stop / Und Bosnien? Wie ist das gewesen? Wie erzählt und wie nicht erzählt? Ich muss wieder das Lesen lernen und üben. Anmerkung 15.10.2019

Aus der Wörtersammlung: elle
swann
tango : 20.10 UTC — Milena erzählt, sie begleite nahe der Stadt Cesena ihre alte Mutter schon seit langer Zeit. Ihre Mutter sei gestürzt, sie habe sich den Kopf schwer gestoßen, habe dann bewusstlos 16 Stunden in ihrem Wohnzimmer gelegen, ehe sie gefunden wurde. Ihre Mutter werde nun über eine Magensonde ernährt, sie werde nie richtig wach, nur immer ein wenig wach, ein blinzelndes Erwachen, ein klarer Blick für einige Minuten, der ihr, Milena, zeige, dass ihre Mutter sie vermutlich nicht erkennt. Dann schlafe die alte Dame wieder ein. Nachdem eine Ärztin ihr empfohlen hatte, mit ihrer alten schlafenden Mutter zu sprechen, habe sie das Sprechen versucht, habe dann aber bald bemerkt, dass das Sprechen mit einer oder zu einer Schlafenden hin, sehr schwierig sei. Sie habe sich wiederholt. Deshalb habe sie in der Bibliothek der Seniorenresidenz nach einem Buch gesucht, das sie ihrer Mutter und vielleicht auch sich selbst vorlesen könne. Da sei sie auf Marcel Proust’s ersten Band der Suche nach der verlorenen Zeit gestoßen. Sie sei im Nachhinein sehr glücklich deshalb, sie lese sehr langsam, sie lese so langsam und so leise wie möglich. Jedes Wort, das auf den Papieren des Buches zu finden sei, werde ausgesprochen. Ihre Mutter schlafe indessen tief, oder aber sie höre zu, das könne niemand so genau sagen. — stop
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von taubenschwänzchen
echo : 23.55 UTC — Existiert vielleicht eine Poetik gutmütiger Drohnen? Das sind freundliche Wesen, unbewaffnet, leise, flink, von der Größe der Taubenschwänzchen. Sie verfügen über Atomherzen, begleiten Menschen rund um die Uhr, immer nur eine Person, verzeichnen das Leben dieser Person, ihre Routen, Gewohnheiten, Abenteuer, filmen und schreiben in menschlicher Sprache. 5.12 UTC: Samuel träumt. Going to sleep. — stop

ein aquarium
tango : 22.02 UTC — Bob erzählt von einem Aquarium, keinem gewöhnlichen Aquarium, vielmehr einem Aquarium, das ihm einerseits gehören, andererseits sehr weit entfernt sein soll, nämlich beinahe auf der anderen Seite der Welt, in Thailand in einem Vorort der Stadt Bangkok in einem Café neben einer Tankstelle mit Garten, in welchem Orchideen auf Bäumen wachsen. Auch Vögel sollen dort im Garten zahlreich leben, und Kinder spielen, weil sich in der Nähe eine Schule befindet. Er selbst, erzählt Bob, sei in diese Schule gegangen, habe Englisch gelernt und Mathematik, gerade in Mathematik soll er gut gewesen sein. Jetzt lebt er also in Europa und besucht eine Universität, um die Sprache der Computermaschinen zu studieren. Das Café, das meiner Mutter gehört, und auch ein wenig mir selbst, läuft gut, sagt Bob, wir können von unseren Einkünften gut leben. Ich brauche ja nicht viel Geld hier, kleines Zimmer. Er holt sein Telefon aus der Hosentasche, tippt ein wenig auf dem Bildschirm herum, dann reicht er mir das kleine, flache Gerät über den Tisch. Schau, sagt er, das ist mein Café, das ist meine Mutter in Echtzeit, es ist gerade früher Morgen, sie bereitet sich auf erste Gäste vor, die kommen bald. Tatsächlich erkenne ich auf dem Bildschirm eine ältere Frau, die auf einem Brett von Holz irgendwelche Pflanzen zerteilt. Bob nimmt mir das Telefon kurz aus der Hand, tippt noch einmal auf den Bildschirm. Nun sind Fische anstatt seiner Mutter zu sehen. Das ist mein Aquarium, sagt Bob, leider nur in schwarz-weißer Farbe. Sie sind ziemlich bunt. Zwei von ihnen habe ich selbst gefangen im vergangenen Winter. Es ist ein Salzwasseraquarium. Gleich wird meine Mutter die Fische füttern. Solange können wir warten. — stop
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nasengeschichte
echo : 22.56 UTC — Auf meiner Nase wurde zufällig ein Haar entdeckt, ein Haar für sich, ein einzelnes Haar, kein Bewuchs in dem Sinne von Wald, aber doch eben ein Haar wie ein Baum. Kurz nachdem ich die Meldung von der Entdeckung des Haares entgegengenommen hatte, habe ich das Haar entfernt, kein Schmerz, aber Verwunderung, weil ich doch sehr lange Zeit ohne Haar auf meiner Nase lebte. Ich fragte mich, wie ich dieses Haar übersehen konnte, es soll sich um ein durchaus gut sichtbares Haar gehandelt haben, ein silbergraues Gewächs. Nun also morgens fortan der kontrollierende Blick zu meiner Nasenspitze hin. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen an einem Tag, da die Börsenkurse stürzen, weil sich der 49. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer Weise äußerte, dass man für möglich hält, er könnte Atomwaffen zünden. — stop

südlich von marsala
ulysses : 22.08 UTC — Ob vielleicht Unterwasserfernrohre existieren, die Fernrohren der Luft ähnlich sind? Was würden wir sehen? — stop
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sekundengeschichte
echo : 0.26 UTC — Unsere Betriebssysteme harmonierten nicht, erzählte ein junger Mann, es war nichts mehr zu retten. Er fragte: Ja, kann sich ein Mensch denn für Gefühle entscheiden? Existieren in meiner Seele Algorithmen, die steuerbar sind? — Der junge Mann sprach mit heller Stimme. Neben ihm im Schnellzug hockte ein Hund auf einem Sitzplatz für sich. Der Hund war nicht viel größer als eine Maus, ein Zwerghund mit riesigen runden Augen. Er schaute sein Herrchen, das von der Liebe traurig war, bewundernd an. Ein heißer Tag. Der Maushund zeigte eine schöne Zunge, sie war vom Sommerblau der Karpfenzungen. — stop

ai : GAZA

MENSCHEN IN GEFAHR: „Die israelischen Zivilisten Avera Mangistu und Hisham al-Sayed werden seit zwei Jahren vermisst, nachdem sie – jeweils einzeln – die Grenze zum Gaza-Streifen überquert hatten. Am 7. September 2014 brach der äthiopisch‑stämmige Avera Mangistu von seinem Wohnort Ashkelon im Süden Israels zum Gaza-Streifen auf. Dort überquerte er unbefugt die Grenze, indem er über einen Stacheldrahtzaun in der Nähe der Küste kletterte. Hisham al‑Sayed soll zu Fuß am 20. April in den Gaza-Streifen gelangt sein, nachdem er die Wohnstätte seiner Familie im Beduinendorf al-Sayed in der Negev-Wüste im südlichen Israel verlassen hatte. / Beide Männer leiden unter psychischen Gesundheitsproblemen. Die Familie von Avera Mangistu erzählte Amnesty International, dass er seit dem Tod seines Bruders am 11. November 2012 psychische Probleme habe. Amnesty International hat Dokumente des israelischen Gesundheitsministeriums eingesehen, aus denen hervorgeht, dass Avera Mangistu im Januar 2013 zwei Mal in psychiatrische Kliniken eingeliefert wurde. Dem Arztbericht von Hisham al‑Sayed zufolge wurden bei ihm eine Schizophrenie und eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Er ist deswegen in stationärer Behandlung gewesen und benötigt regelmäßig Medikamente. / Amnesty International befürchtet, dass die beiden Männer von den Essedin-el-Kassam-Brigaden, dem militärischen Flügel der Hamas, als Geiseln für einen möglichen Gefangenenaustausch gefangen gehalten werden. Im April 2016 hatte die bewaffnete Gruppierung im Internet ein Video veröffentlicht, das Bilder der beiden Männer in israelischen Militäruniformen zeigte. Der Sprecher der Essedin-el-Kassam-Brigaden teilte mit, dass jegliche Informationen über die Männer ihren Preis hätten. Man werde „ohne Zahlungen und Anspruchszusicherungen vor und nach den Verhandlungen“ keine Informationen preisgeben. Er deutete damit an, dass sie als Geiseln für einen potenziellen Gefangenenaustausch von der Hamas gefangen gehalten werden. Amnesty International hat Dokumente einsehen können, die eine Nichteignung von Avera Mangistu für den Militärdienst feststellen. Wie Human Rights Watch bestätigt hat, wurde auch Hisham al-Sayed für den Militärdienst für untauglich befunden und im November 2008 von der Wehrpflicht befreit. / Die De-facto-Verwaltung der Hamas im Gaza-Streifen hat sich bisher geweigert, Informationen über die beiden Männer bekanntzugeben.“ — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst bis zum 11.9.2017, unter > ai : urgent action
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gespräch
tango : 17.01 UTC — Ich will schnell erzählen, wie ich unlängst mit einer Maschine, während sie meinen Cappuccino zubereitete, gesprochen habe. Ich sagte: Hey, einen Cappuccino bitte. Und die Maschine antwortete: Hey, wird gemacht! Also wartete ich. Indem ich wartete, hörte ich der Maschine zu. Ich vernahm einige plausible Geräusche aus dem Inneren des Gehäuses, außerdem einige Geräusche, die nicht sehr plausibel waren. Das waren Geräusche des Pfeifens oder Singens, Geräusche, die entweder meiner Unterhaltung dienten oder weil sich die Maschine tatsächlich selbst, während sie arbeitete, eine Freude machte. Ich habe schon oft genau so wartend vor genau dieser Maschine gestanden, ich vermute, dass mich die Maschine inzwischen kennt, vielleicht sogar Zeitpunkte, da ich zu ihr kommen werde, also Gewohnheiten meines Lebens. Einmal, als ich den Standort der Maschine erreichte, war mein Cappuccino bereits fertig gewesen. Das ist schon seltsam, nicht wahr, ich begann über Fähigkeiten der Maschine nachzudenken. Kann diese Maschine vielleicht sehen oder vermag sie meinen Duft wahrzunehmen? Dass sie über einen Hörsinn oder über eine spezielle Art eines hörenden Sensors verfügt, steht für mich schon lange fest, weil sie mich begrüßt. Manchmal erkundigt sie sich nach meinen Wünschen. Mein lieber Louis, will sie wissen, einen Cappuccino oder doch etwas anderes Heißes zur Feier des Tages? An diesem Morgen, von dem ich eigentlich erzählen will, ist aber doch etwas sehr Seltsames geschehen. Vielleicht war es der Wind, jedenfalls fiel eine Papptasse aus dem Bauch der Maschine auf einen Vorsatz unter einem Hahn, aus dem bald heißer Kaffee kommen sollte. Die Tasse landete etwas schräg und verharrte in dieser Position. Die Maschine sagte zu mir: Becher bitte setzen. Mein Gott, das war seltsam! Ich dachte, wer nur hat diese Sprache erfunden, möglicherweise die Maschine selbst? Ich streckte meine Hand nach dem Becher aus. In dem Moment, da ich den Becher anheben wollte, spritzte heißer Kaffee auf den Rücken meiner Hand, weswegen ich mit leiser Stimme protestierte. Ich sagte: Verdammt! Die Maschine antwortete: Verzeihung. — stop
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sturm
romeo : 15.01 UTC — Im Zug saßen zwei alte Damen, es war Herbst, sie waren unterwegs an die Nordsee, erzählten von Spaziergängen am Strand, von wandernden Dünen, vom Wind, der sehr heftig werden sollte in den Tagen, die sie am Meer verbringen würden. Du bist leicht, sagte die eine Dame zur anderen Dame. — Ja, ich habe noch ein wenig abgenommen. — Vielleicht wirst du davonfliegen? — Ja, ich werde vielleicht vom Sturm erfasst, Du musst mich dann festhalten. — Dann fliegen wir beide davon. Wir sollten unsere Sturmschuhe tragen. — Ja, wir sollten unsere Sturmschuhe tragen. - Während sie sprachen, hielt eine der beiden Damen einen kleinen Hut fest, den sie auf dem Kopf trug, als ob schon ein Wind gehen würde im Abteil. Eine Weile sahen sie aus dem Fenster. Na so was, sagte die Dame mit dem Hut. Wieder sahen sie aus dem Fenster. Wiesen zogen vorüber, es war etwas nebelig draußen. — stop
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