Aus der Wörtersammlung: gedanke

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die geschwindigkeit der wörter

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tan­go : 22.30 UTC — Wie flink ver­mag ich mit einem Fin­ger auf einem Bild­schirm zu schrei­ben, wie schnell mit einem Sen­sor­stift? Am schnells­ten schrei­be ich, wenn ich mit­tels Wör­tern den­ke? Ich schrei­be dann, ohne eine sicht­ba­re Spur zu hin­ter­las­sen, schrei­be eine den­ken­de Spur, die erin­nert oder sofort ver­ges­sen wer­den könn­te, wie jener Mann, der in einer Erzäh­lung Patri­cia Highsmith’s einen Roman nach dem ande­ren Roman im Kopf notiert. Das Schrei­ben per Hand auf Papier oder mit­tels einer Tas­ta­tur auf einem Bild­schirm bewirkt ver­mut­lich ohne Aus­nah­me eine Ver­lang­sa­mung des Den­kens, eine Prä­zi­sie­rung. Das spre­chen­de, erzäh­len­de Den­ken scheint der Luft, den Vögeln ver­bun­den, das schrei­ben­de Den­ken dem Was­ser, den Fischen. Ich stel­le mir vor, Men­schen, die mich ein­mal schweig­sam wahr­ge­nom­men haben, eine in sich gekehr­te Per­son, wer­den die­se Gedan­ken in einer voll­kom­men ande­ren Wei­se wahr­neh­men, als jene Men­schen, die einen spru­delnd erzäh­len­den, Wör­ter sprü­hen­den Mann erleb­ten. — stop

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late late blues

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echo : 18.30 UTC — Sams­tag. Kaum auf den Bei­nen beschlie­ße ich, ein Expe­ri­ment zu wagen, an dem ich mich vor Jah­ren schon ein­mal ver­such­te. Ich wünsch­te, einen Gedan­ken genau so zu den­ken, als wäre die­ser Gedan­ke der letz­te mei­ner Gedan­ken. Die Beob­ach­tung, dass sich bereits die Wahr­neh­mung eines letz­ten Gedan­kens in einer Zeit weit nach dem letz­ten Gedan­ken zu befin­den scheint, als ob jedem Gedan­ken sofort ein Echo folg­te. Viel­leicht wird über­haupt jeder Gedan­ke nie­mals als Gedan­ke im Moment sei­ner Ver­fer­ti­gung, son­dern immer nur in sei­ner Echo­spur für mich ver­füg­bar sein. — Noch zu tun: Nach­den­ken über den Sand­mann. — stop
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lions writers inc.

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alpha : 17.25 UTC — Eine Notiz der Lions Wri­ters Sup­port Ser­vices. Inc., die ich an die­ser Stel­le mit gro­ßer Freu­de über­setzt wie­der­ge­be, berich­tet von Mr. und Mrs. Sha­pi­ro: > AUF NACH CONEY ISLAND. Als Mr. Sini Sha­pi­ro, wohn­haft zu New York (Park Ave­nue 720), im ver­gan­ge­nen Jahr den drin­gen­den Wunsch äußers­te, end­lich ein­mal sei­ne Woh­nung ver­las­sen zu dür­fen, um sich in der Stadt sei­ner Geburt umzu­se­hen, waren wir mit enor­men Her­aus­for­de­run­gen kon­fron­tiert. Wie könn­te es mög­lich wer­den, frag­ten wir, einem Kie­men­men­schen, der zeit sei­nes Lebens ein hoch spe­zia­li­sier­tes Was­ser­ha­bi­tat in Man­hat­tan bewohnt, einen Zugang zur Stadt zu ermög­li­chen, ohne ihn umzu­brin­gen. Bald folg­ten wir einer kon­kre­ten Spur. Aus der nau­ti­schen Samm­lung der Fami­lie Land­au, die auf Long Island lebt, erwar­ben wir einen Tief­see­tau­cher­an­zug, wel­cher zuletzt in den 40er-Jah­ren der unter­see­ischen Minen­räu­mung dien­te. Der Anzug selbst wog 240, Mr. Sha­pi­ro, ein zar­tes Wesen, 32 Kilo­gramm, die Maße stimm­ten, und der Anzug, wenn man ihn mit Was­ser füll­te, erwies sich als voll­stän­dig dicht über vie­le Tage hin. Am 5. Juni des Jah­res 2016 unter­nah­men wir mit Mr. Sha­pi­ro einen ers­ten Ver­such unter wirk­lich­keits­na­hen Bedin­gun­gen. Getes­tet wur­de in der Woh­nung der Sha­pi­ros zunächst unter Was­ser, ob Mr. Sha­pi­ros Leib sich in den Anzug füg­te und ob er sich gebor­gen füh­len konn­te. In einer zwei­ten Pha­se des Tes­tes ver­such­ten wir einen Ein­druck von der Beweg­lich­keit des Anzugs zu gewin­nen, immer­hin war das Gefäß nun voll­stän­dig mit Was­ser gefüllt. Der Tau­cher­an­zug, Mr. Sha­pi­ro plus Was­ser­fül­lung, sowie ange­schlos­se­ne tech­ni­sche Wei­te­run­gen, Fil­ter und Pum­pen, eine Foto­ka­me­ra sowie zwei Funk­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­du­le, wogen ins­ge­samt 352 Kilo­gramm. Am 22. Juli dann in den frü­hen Mor­gen­stun­den von sor­gen­vol­len Bli­cken sei­ner Frau beglei­tet, wag­te Mr. Sha­pi­ro sich zum ers­ten Mal in das Leben jen­seits der Schleu­sen­tü­ren sei­ner Woh­nung hin­aus. Der alte Mann wur­de in sit­zen­der Posi­ti­on über Auf­zü­ge des Hau­ses vor­sich­tig zu einem Sub­aru – Sam­bar – Auto­mo­bil trans­por­tiert, das sich, von einem Poli­zei­fahr­zeug eskor­tiert, bald lang­sam über die Man­hat­tan Bridge, kurz dar­auf über die Coney Island Ave­nue süd­wärts beweg­te. Mr. Sha­pi­ro woll­te das Meer mit eige­nen Augen betrach­ten. Brook­lyn, äußer­te er spä­ter, gefal­le ihm. / — stop New York City. May 3 2017 by Miu Gallane 

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von rechenkernen

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lima : 18.12 UTC — Apfel­kern. Man­del­kern. Rechen­kern. — Ich stell­te mir vor, wie ich mit feins­ten Werk­zeu­gen einen Kirsch­kern öff­ne, wie ich in der Kirsch­kern­höh­le ein gefal­te­tes Blatt Papier able­ge, auf dem mit kleins­ten Schrift­zei­chen ein Gedicht ver­zeich­net wur­de. Wie ich nun den Kern ver­schlie­ße, wie ich ihn zurück­le­ge in sei­ne Frucht, wie ich jetzt zufrie­den und glück­lich bin. — Oder die Vor­stel­lung der Rechen­ker­ne eines Pro­zes­sors. Wie ein oder zwei Roman­ent­wür­fe mög­li­cher­wei­se heim­lich in ihren Regis­ter­wer­ken ver­steckt sein könn­ten, kurio­se Idee. Das habe ich mir aus­ge­dacht, weil ich ges­tern Abend hör­te, dass Rechen­ker­ne für mathe­ma­tisch-logi­sche Sprach­ein­drü­cke zu jeder Zeit emp­fäng­lich sind. Dar­über soll­te unbe­dingt wei­ter nach­ge­dacht wer­den. — stop
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von gedankenlichtern

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bamako : 22.01 UTC — Vor weni­gen Tagen spa­zier­te ich an einem spä­ten Nach­mit­tag in einem Gar­ten. Da ist etwas Merk­wür­di­ges gesche­hen. Wäh­rend ich sehr lang­sam Schritt für Schritt vor­wärts, seit­wärts oder rück­wärts ging, begann ich zu erzäh­len, Geschich­ten wie Blü­ten in mei­nem klei­nen Kopf. Kaum hat­te ich eine Geschich­te zu Ende erzählt, waren wei­te­re Geschich­ten aus den Wör­tern bereits gewach­sen, die sich öff­ne­ten, die erzählt wer­den woll­ten, hel­le oder dunk­le­re Geschich­ten wie Lebe­we­sen, und ich dach­te noch, wie das so geht, wie die Geschich­ten kom­men und gehen, Erin­ne­run­gen, als woll­te sich plötz­lich mein hal­bes Leben erzäh­len. So, im Erzäh­len im lang­sa­men Gehen, habe ich die Zeit ver­ges­sen. Der Flug der Tau­ben­schat­ten vor dem Abend­him­mel, die vom Luft­glück der Vögel erzähl­ten. Ich hör­te von Gedan­ken­lich­tern, von glim­men­den Tas­ta­tu­ren. Seit zwei Tagen sit­ze ich immer wie­der ein­mal ganz still und ver­su­che mir Gedan­ken vor­zu­stel­len, die par­al­le­le Gedan­ken sind, Gedan­ken zur sel­ben Zeit. Ich befin­de mich sozu­sa­gen auf der Suche nach Gedan­ken, die viel­leicht stimm­los, aber voll Licht sind, Gedan­ken wie Bil­der, die sich in der­sel­ben Zeit bewe­gen? Jetzt habe ich einen klei­nen Kno­ten im Kopf. — stop
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luftcode

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bamako : 23.55 UTC — Ein­mal, es war zu ihrem 88. Geburts­tag gewe­sen, habe ich N. gefragt, ob ich erzäh­len dür­fe, dass sie ein elek­tro­ni­sches Notiz­buch füh­re, in wel­chem sie jeden Tag eini­ge Sät­ze notiert, die nur für sie selbst bestimmt sei­en, Gedan­ken, die kein ande­rer Mensch als sie selbst jemals lesen wird, Wör­ter dem­zu­fol­ge, mit wel­chen sie kein Geld ver­die­ne, gehei­me Geschich­ten, auf­ge­schrie­ben in der Art und Wei­se einer im Gebir­ge spa­zie­ren­den Sän­ge­rin, die vor sich hin summt, die sich selbst zuhört oder auch nicht, bedin­gungs­los in die­sen Momen­ten sich nahe, Code ohne Absicht mit Sorg­falt ver­schlüs­selt. — Es ist Sams­tag. Beob­ach­te­te vor dem nächt­li­chen Him­mel die ers­te Fle­der­maus des Jah­res. — stop

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vom denken

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echo : 5.58 UTC — Der Mathe­ma­ti­ker John von Neu­mann soll in der Lage gewe­sen sein, 100-mal schnel­ler zu den­ken als „gewöhn­li­che“ Men­schen den­ken. In dem Moment, da ich die­se Infor­ma­ti­on wahr­ge­nom­men hat­te, ver­such­te ich mir vor­zu­stel­len, wie sich mei­ne inne­re Stim­me, die Stim­me bewuss­ten Den­kens, ver­hal­ten wür­de, sobald ich in mei­nem Kopf plötz­lich in 100-facher Geschwin­dig­keit zu mir oder mit mir selbst spre­chen wür­de. Könn­te ich die­ses Geräusch über­haupt noch als Spra­che iden­ti­fi­zie­ren? Wäre von einem Hoch­ge­schwin­dig­keits­ort aus die Denk­stim­me eines „gewöhn­li­chen“ Men­schen im vir­tu­el­len Schall­ohr über­haupt noch wahr­zu­neh­men? Dif­fi­zi­le Fra­gen an die­sem frü­hen Mor­gen. Wie könn­te ich mei­ne Gedan­ken noch notie­ren, da sich mei­ne Hän­de sehr plötz­lich 100-mal schnel­ler bewe­gen müss­ten als zuvor, um mei­ne Gedan­ken auf Papier oder das Licht des Bild­schirms zu über­tra­gen. Viel­leicht wür­de ich nur noch Ergeb­nis­se mei­nes Den­kens notie­ren oder in mathe­ma­ti­schen For­men fan­ta­sie­ren. In jedem Fal­le wäre das Notie­ren mit Hän­den auf einer Tas­ta­tur, ein Vor­gang der Ent­schleu­ni­gung. Edward Tel­ler, der die Was­ser­stoff­bom­be erfun­den haben soll, kann­te John von Neu­mann per­sön­lich, weil sie gemein­sam arbei­te­ten. John von Neu­mann berech­ne­te die Höhe über dem Erd­bo­den, da eine Atom­bom­be in dem Augen­blick der Explo­si­on ihre größ­te Zer­stö­rungs­kraft ent­fal­ten wür­de. Mein Vater wie­der­um kann­te Edward Tel­ler per­sön­lich. Er war ein jun­ger Mann, als er Edward Tel­ler begeg­ne­te. Edward Tel­ler sei ihm sehr unheim­lich gewe­sen, erzähl­te mein Vater. — stop
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zur menschenfaltung

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marim­ba : 15.01 UTC — Sie haben, sag­te ein Beam­ter von hohem Rang, vor eini­ger Zeit von einem falt­ba­ren Medu­sen­zim­mer erzählt. Ich wür­de nun ger­ne wis­sen, sind sie in der Ver­wirk­li­chung ihrer Vor­stel­lung einen oder gar mehr­fa­che Schrit­te vor­an­ge­kom­men? Ich fra­ge des­halb vor­sich­tig an, fuhr der Beam­te fort, weil ich mit dem Gedan­ken spie­le, prü­fen zu las­sen, ob es nicht viel­leicht mög­lich sein könn­te, falt­ba­re Men­schen zu ent­wi­ckeln, Men­schen, die nach einer Pro­ze­dur rasend schnel­ler Trock­nung, gepresst und gefal­tet, auf dem Post­we­ge ver­schickt wer­den und an ihrem Ziel­ort mit­tels Feuch­tig­keit wie­der ent­fal­tet wer­den könn­ten. Auch eine Men­schen­la­ge­rung über län­ge­re Zeit­räu­me wäre in die­ser Art und Wei­se denk­bar. Kurz bevor ich ant­wor­ten konn­te, wach­te ich auf . Seit eini­gen Stun­den den­ke ich nun dar­über nach, ob ich träu­mend tat­säch­lich wünsch­te, etwas zur Anfra­ge zu äußern. Mög­li­cher­wei­se erwach­te ich, um eine Ant­wort zu ver­hin­dern. — stop
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spulen

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fox­trott : 1.15 UTC — Ein­mal beob­ach­te ich ein Käst­chen vol­ler Daten, wie es in Zeit­lu­pe zu Boden fällt. Kurz dar­auf tickt die Tast­ma­schi­ne, die im Käst­chen steckt, deut­lich ver­nehm­bar, als wäre sie eine Uhr. Ich ahne, dass sie blind gewor­den ist, etwas scheint zer­bro­chen zu sein. Kurz dar­auf kau­fe ich mir ein wei­te­res Käst­chen. Tage­lang den­ke ich dar­über nach, wie ich mei­ne Daten fest­hal­ten könn­te. Ich bemer­ke, dass Sicher­heit nicht wirk­lich exis­tiert. Ein ande­res Mal ste­he ich in der Küche. Ich habe eine Schach­tel auf den Tisch gestellt. Ich öff­ne das Gefäß, ent­neh­me Ton­band­spu­len, errich­te Tür­me, suche Bat­te­rien, die das Abspiel­ge­rät bewe­gen. Es ist das­sel­be Gerät, mit dem ich vor zwei Jah­ren zuletzt arbei­te­te. Ich set­ze das Gerät in Bewe­gung, zunächst Rau­schen, dann hel­le Stim­men, Stim­men wie von Lach­gas, immer­hin Stim­men, Geräu­sche, Gedan­ken, Fra­gen. Es ist eine gro­ße Freu­de, die­se Stimm­ge­räu­sche zu ver­neh­men. Wenn ich win­zi­ge Hebel auf der Rück­sei­te des Gerä­tes bewe­ge, wer­den die Stim­men noch hel­ler oder sehr dun­kel. Plötz­lich höre ich mei­ne eige­ne Stim­me. Ich erzähl­te vom Gedächt­nis. — stop
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