delta : 0.03 — Vor wenigen Tagen die Existenz des erdnahen Kometen Elst-Pizarro bemerkt, eines reisenden Körpers, der bereits im Jahre 1997 entdeckt worden ist. Vielleicht könnte es sinnvoll sein, von diesem Vorgang als einer einseitig wirksamen Kollision zu sprechen, weil ich mich mit der Sekunde der ersten Wahrnehmung verformte, durch meine Begeisterung einerseits, andererseits durch eine Versammlung von Fragen, die nun an mir zerren, als verfügten sie über eine physikalisch messbare Gravitation. – stop

Aus der Wörtersammlung: jahre
menkem
nordpol : 4.56 — Flughafen. Früher Morgen. Regen. Das Licht verspätet sich, Flugzeuge, die weite Strecken gegen die Nacht geflogen sind, reihen sich, eine Kette zitternder Lichter, hintereinander bis zum Horizont. Neben mir auf einer Bank, den Blick auf die Landebahn gerichtet, sitzt ein alter Mann. Er heißt Menkem. Menkem lebt seit vielen Jahren in Deutschland, ein afrikanischer Mann, der Italienisch fließend spricht, Trigrinja und auch Deutsch, eine Sprache, die ihm nicht so leicht von den Lippen gehen will, weswegen er sehr langsam, Wort für Wort, formuliert. Wir warten auf einen weißen Vogel, einen Airbus 380, Linienflug LH 401 New York JFK – Frankfurt am Main, um 5 Uhr 15 soll das Flugzeug eintreffen. Da noch Zeit ist, frage ich, ob sich Menkems Familie in Sicherheit befinden würde oder ob sie vielleicht von Hunger bedroht sei in diesen Wochen. — Lange andauerndes Schweigen. — Dann antwortet mir der alte Mann. Er sagt: Afrika ist groß, sehr, sehr groß. Wir essen in Eritrea nicht vom Boden, wir sitzen immer auf einem Stein oder auf einem Stück Holz, wenn wir eines finden, oder wir haben ein Tuch, auf das wir uns setzen können. Wir sind einfache Mahlzeiten gewöhnt, wir essen nicht komplizierte Dinge wie die Menschen in Äthiopien, sofern sie nicht in Armut leben. Aber wir essen niemals vom Boden. Unsere Speisen sind scharf gewürzt. Oft haben wir sehr wenig. Immer müssen wir uns beeilen, essen, und dann sofort weiter. Der alte Mann macht eine schnelle Bewegung mit seiner Hand, als wollte er etwas von sich werfen. — stop

menschen und hände
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echo : 23.55 — Der beruhigende Gedanke, dass ich mich in New York zu irgendeinem Menschen an irgendeinen Tisch setzen könnte und darum bitten, eine seiner Hände neben eine meiner Hände zu legen. Sogleich würden wir erkennen, wie ähnlich wir uns sind. Auch ein Tisch vergleichender Hände in einer Bar am Strand von Mindelo wäre möglich, Hände auf dem Marktplatz von Bamako oder Hände in einem Nachtklub der Stadt Buenos Aires, einem Tabakwarenladen zu Barcelona, einer Spielhalle in Tokio. Wenn nun aber da oder dort an einer der vorgezeigten Hände ein Finger fehlen würde, dann wäre das je bereits eine ganz eigene Geschichte. stop. Amy Winehouse ist im Alter von 27 Jahren gestorben. — stop

regentaucher
sierra : 18.55 — Ich habe Geräusche entdeckt, Töne, die viele Jahre zurück einmal in meinem Leben existierten. Ich lag damals oft auf dem Rücken in einem Wagen, der schaukelte. Groß war ich zu jener Zeit noch nicht gewesen, ich war nicht länger als 50 cm. Meistens trug ich keine Schuhe. Ich erinnere mich, dass die Wolken und der Himmel über mir schaukelten, und da war ein hölzernes Röhrchen, von dem weitere hölzerne Röhrchen baumelten, die klimperten, helle Geräusche, während sich der Wagen und ich bewegten, oder auch dann helle Geräusche, wenn der Wagen angehalten war, weil ich sofort mit meinen kleinen Händen nach den Röhrchen langte. Jetzt, da ich jene entfernten Geräusche erinnerte und ihre Entstehung, kann ich sie beliebig zur Aufführung bringen, obwohl sie so unmöglich in der Wirklichkeit sind, wie Geräusch des Regens für einen Tiefseetaucher unerreichbar. — stop
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lichtenbergfalter
echo : 22.01 — Um das Jahr 1790 herum notiert Georg Christoph Lichtenberg folgende Sätze: Sollte sich nicht in anderen Körpern etwas finden, was unserer Fantasie, (unserem) Schöpfungsvermögen analog ist? (Wie) würde unser Gehirn aussehen, wenn wir die Veränderungen bemerken könnten, die die Gedanken in unseren Texturen hervorbringen? — Lichtenberg zu lesen, begeistert mich, wie John Coltrane mich begeistert, sobald ich ihn hören und spüren kann. Nie aber kann ich beide zur gleichen Zeit wahrnehmen. Der eine reist durch das Licht zu mir. Kurz darauf höre ich ihn mit meiner Stimme sprechen. Der andere kommt durch Ohren und Haut herein. Ein Schwingen jenseits der Gedanken, aber doch eine Art Sprechen, das Glück bewirkt, wie andererseits ein leuchtender Satz aus einer Entfernung von 220 Jahren jene Art von Freude entstehen lässt, die dazu führt, dass ich einmal kurz auf der Stelle in die Luft zu springen habe. stop – Noch zu tun: Lektüre > Richard Powers Das Buch Ich. — stop
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mann mit stäbchen
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india : 21.02 — Ich habe einen Mann betrachtet. Dieser Mann war ganz sicher weit über 70 Jahre alt, trug trotz großer Hitze einen schäbigen Wintermantel, Turnschuhe, einen zerschrammten Rucksack vor der Brust, außerdem Lederhandschuhe, schmutzige Teile, eine Brille mit randlosen, runden Gläsern, und eben ein filigranes Stäbchen, einen Spazierstock genauer, mit dem er über den Boden tastete. Dieser Stock nun war kein gewöhnlicher, vielmehr ein höchst merkwürdiger Stock. Er war von hellem Metall und konnte mittels kleiner, im Inneren des Stockes befestigter Elektromotoren, ein- und ausgefahren werden, eine Art Teleskopstock, außerdem leicht und blitzblank, sodass sich die Stadt und der Himmel über ihr in ihm spiegelten. An der Spitze des Stockes einerseits war ein rundlicher Vorsatz befestigt, am entgegengesetzten Ende entkamen einem Knauf zwei Kabel, die mit Hörgeräten verbunden waren, die der alte Mann in seinen Ohren trug. Diese Beobachtungen, die ich machte, als ich die Madison Avenue südwärts spazierte, führten zunächst zu der Vermutung, der alte Mann belausche den Boden, weil ich die Verstärkung an der Spitze seines Stockes, zunächst für ein Mikrofon gehalten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Straße nahe der Bordsteinkante stehen. Er tastete im Rinnstein, eine Hand führte den Stock, die andere bewegte sich in der Tasche seines Mantels. Indem ich ebenfalls stehenblieb und mich dem alten Mann zuwendete, verkürzte sich plötzlich mittels einer geschmeidigen Bewegung der Stock des Mannes so weit, dass der alte Mann einen halben Dollar von seinem Ende pflücken konnte, ohne in die Knie gehen zu müssen. — Ende der Geschichte. Donnerstag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Fliege tastet über den Bildschirm meiner Schreibmaschine, der Himmel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. — stop

jelena bonner
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sierra : 22.58 — Das erste elektrische Buch, das ich für ein Kindle-Lesegerät zum Preis von 99 Cent erwerben konnte, wurde vor einer Viertelstunde in weniger als zehn Sekunden von einem unbekannten Ort her mittels eines Wellenfadens auf meinen Computer übertragen. Franz Kafkas gesammelte Werke, Romane, Briefe, Erzählungen, Aphorismen, 19374 Seitenpositionen, eine merkwürdige Erfahrung. Das Buch ist einerseits anwesend, andererseits ohne Gewicht, es ist nicht sichtbar, oder nur je eine Seite, ein Blatt. — Jelena Bonner ist im Alter von 88 Jahren in Boston gestorben. — stop
herzgeschichte
hibiskus : 0.05 — Zu einer Zeit, als meine Mutter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurde ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu stehen und meine Schuhe zu binden, mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben und zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immerfort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbemerkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schachspiel überreicht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schachspiel schenkte, war nicht zu meinem Fest für Freunde gekommen, stattdessen kam seine Mutter. Sie war blass, nein durchsichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kommen, weil sein Herz sehr schwach geworden sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beinahe mein Freund geworden wäre, an dieser Nachricht. An jenem Abend, am Abend meines kleinen Festes, lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und überlegte, was die Worte ein schwaches Herz vielleicht bedeuteten. Ich lag also auf dem Bett und hatte eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewegungen meines Herzens nach. Mit geschlossenen Augen, ich erinnere mich genau, konnte ich Erschütterungen fühlen, eine seltsame Erfahrung. Sehr lange lag ich so rücklings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz stehen geblieben war, weil ich seine Bewegungen nicht länger spüren konnte. Als ich erwachte, wunderte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hatte während der Nacht. Und jetzt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals vielleicht, an jenem Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wundern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wundere ich mich über mein Herz, oder ich wundere mich über Straßenbahnen, dass sie existieren. Ja, sehr gerne wundere ich mich über Straßenbahnen.

PRÄPARIERSAAL : whiteout
nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpariersaal von einer Erscheinung, die bei ihr Zuhause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäglichen Erfahrung werden kann. Wenn das Schneelicht unter Wolken den Horizont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, grenzenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpariersaal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beobachtet, ihre eigene Position in Raum und Zeit für Momente zu verlieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manchmal meine Position in Raum und Zeit für Sekunden zu verlieren scheine, Schneelicht, ein Licht, das ich von Schweden her kenne, das große Weiß, das den Horizont verbirgt. Ich präpariere an dem Körper einer Frau. Ich glaube, sie ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme, habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präparierkurses die Vorstellung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht seltsam? Ich habe immer wieder die Empfindung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich überlegte, was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht untersuchen, nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorgfältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen, in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgendwann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erscheinung. Ich finde manchmal sehr merkwürdig, dass ich so etwas denke. — stop

verständigung
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romeo : 6.18 — Im Gespräch mit einer jungen Muslima. Aus heiterem Himmel erzählt sie von ihrem Haar, das seit 25 Jahren vor den Blicken fremder Männer geschützt unter einem Kopftuch verborgen liegt. Mein Erstaunen zunächst, dass ich mit den Ohren erfahren darf, was ich mit den Augen nicht wahrnehmen kann. Ich vermag Dein Haar mit den Ohren zu betrachten! Antwort: Alles, was Du in Deiner Vorstellung mit den Ohren siehst, hast Du niemals wirklich gesehen! Sie lacht jetzt, setzt hinzu: Aber den Imamen würde nicht gefallen, was wir hier erzählen. — stop




