Aus der Wörtersammlung: nordpol

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eine lampe

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nord­pol : 10.28 UTC — Ges­tern, ehe ich das Haus der alten Men­schen besuch­te, dach­te ich noch, das Alt­wer­den, das Alt- oder Uralt­sein habe mit Unru­he zu tun, mit Schlaf, des­sen Zeit­räu­me kür­zer und kür­zer wer­den. Heu­te nun wür­de ich sagen, das Alt- oder Uralt­sein hat etwas mit Schlaf über lan­ge Zeit­räu­me hin­zu­tun, auf einem rol­len­den Stuhl sit­zen und schla­fen oder däm­mern. Da war wie­der eine Frau im Licht einer gel­ben Lam­pe, die im Wohn­saal vor einem Tisch saß und einen Tele­fon­hö­rer in der Hand hielt. Der Tele­fon­hö­rer war mit einem Tele­fon mit Wähl­schei­be ver­bun­den, ein der­art altes Tele­fon, dass man, um eine Num­mer zu wäh­len, eine krei­sen­de Bewe­gung aus­füh­ren muss. Die­ses Tele­fon nun war nicht mit der Wand in Ver­bin­dung, viel­mehr rag­te aus dem Gehäu­se des Tele­fons ein kur­zes Stück Kabel, das anzeig­te, dass das Tele­fon ein­mal tat­säch­lich mit der elek­tri­schen Welt ver­bun­den gewe­sen war. Als ich an der alten tele­fo­nie­ren­den Dame vor­bei­kam, dach­te ich für einen Moment, viel­leicht liest ihr gera­de jemand vor, viel­leicht Hra­bal, der aus sei­nem Roman Ich habe den eng­li­schen König bedient zitiert. Es wird Herbst, in jeder Hin­sicht. 288P, ein Dop­pel­as­te­ro­id, wur­de ent­deckt. Hur­ri­ka­ne Maria ver­wüs­tet die Kari­bik. Mr. Un droht mit Was­ser­stoff­bom­ben­test. — stop

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shenzhen

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nord­pol : 15.12 UTC — An die­sem heu­ti­gen Tag begin­ne ich zu beob­ach­ten, wel­che und wie vie­le Infor­ma­tio­nen mei­ne Schreib­ma­schi­ne ver­las­sen oder in sie hin­ein­ge­holt wer­den, von deren Kom­men und Gehen ich nichts bemer­ke. Das ist näm­lich eine sehr selt­sa­me Sache, ges­tern, wäh­rend ich im Regen spa­zier­te, wur­den von mei­ner Schreib­ma­schi­ne 187 Mil­lio­nen Byte Infor­ma­ti­on laut­los aus der Luft ent­ge­gen­ge­nom­men, ich weiß nicht, woher prä­zi­se und war­um. Tat­säch­lich lebe ich in einer bei­na­he geräusch­lo­sen Schreib­ma­schi­nen­zeit, auch das Notie­ren auf glä­ser­ner Tas­ta­tur ist kaum noch zu hören. Geräu­sche, zur Erzeu­gung von Infor­ma­ti­on auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne not­wen­dig gewor­den, wer­den nur in gro­ßer Ent­fer­nung hör­bar gewe­sen sein, das Rau­schen oder Brau­sen der Ser­ver irgend­wo an gehei­men Orten. Oder das hel­le Sau­sen und Heu­len der Tur­bi­nen in Kraft­wer­ken, die Strom für das Herz mei­ner Schreib­ma­schi­ne erzeu­gen. Das Mur­meln einer schlaf­lo­sen Arbei­te­rin nahe Shen­zhen. — stop
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laufen

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del­ta : 15.12 UTC — Ich mag Men­schen, die Ver­zeich­nis­se anle­gen, die Ver­zeich­nis­se beschrif­ten nach gehei­men oder nach Regeln, die sofort erkenn­bar sind. Mein Vater führ­te Ver­zeich­nis­se sei­ner Wet­ter­be­ob­ach­tun­gen, auch wel­che Vögel er im Gar­ten beob­ach­tet hat­te, wur­de akku­rat mit Blei­stift in Lis­ten ein­ge­tra­gen, Amseln, Mei­sen, Sper­lin­ge, Zaun­kö­ni­ge und Dom­pfaf­fen und Rot­kehl­chen. Dar­an erin­ner­te ich mich ges­tern, als ich einen Film beob­ach­te­te, der von den Vogel­be­ob­ach­te­rin­nen und Vogel­be­ob­ach­tern des Cen­tral Parks erzählt. Eine alte Dame legt dort ähn­li­che Ver­zeich­nis­se an, wie mein Vater, als er noch leb­te. Ich selbst notie­re nicht sel­ten, wel­che Fil­me ich betrach­te, wäh­rend ich auf einer Lauf­ma­schi­ne lau­fe, wenn es reg­net oder nicht. Unlängst lief ich mit Kopf­hö­rern, folg­te Gene Hack­man in dem Film French Con­nec­tion. Zuletzt wur­de ich immer schnel­ler in mei­nen Bewe­gun­gen. Anstatt 10 Kilo­me­tern, die ich bereits notiert hat­te, lief ich 14 Kilo­me­ter. Ich radier­te im Notiz­buch. Es war an einem Sams­tag gewe­sen. — stop

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irrarm

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nord­pol : 15.38 UTC — Eine alte, ärm­lich geklei­de­te, stets ver­wirrt wir­ken­de Frau, die mir in mei­nem Quar­tier jah­re­lang immer wie­der begeg­ne­te, nie hör­te ich ein Wort aus ihrem Mund. Als ich sie ein­mal anspre­che, um ihr etwas Geld zu geben, ant­wor­tet sie mit hel­ler, kind­lich klin­gen­der Stim­me: Dan­ke! War­um tun Sie das. War­um geben Sie mir Geld? — Ich gehe wei­ter. Ich dre­he mich um, auch die alte Frau dreht sich um, sieht mir nach. In die­sem Moment den­ke ich: Du könn­test mei­ne Mut­ter sein, wärst von der Armut ver­schont geblie­ben. — stop

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zwergseerose no 2

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nord­pol : 0.02 UTC — Als ich heu­te Mor­gen erwach­te, knis­ter­te mein lin­kes Ohr. Das war ver­mut­lich dar­um gewe­sen, weil ich auf mei­nem lin­ken Ohr meh­re­re Stun­den lang träu­mend ruh­te. Für einen Moment dach­te ich, mei­ne Ohr­mu­schel wäre von Papier gemacht. Wäh­rend ich so lag und lausch­te, erin­ner­te mich an eine Geschich­te, die ich in einem schat­tigen Laden nahe der Roose­velt Island Tram­way Basis­sta­tion West in New York vor län­ge­rer Zeit erleb­te. Ich erzähl­te bereits von dem alten Mann, der hin­ter einem Tre­sen auf Kun­den war­te­te. Er war vermut­lich ameri­ka­ni­scher Staats­bürger, doch eher chine­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Linden­bäume Küh­le spen­deten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüß­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­siere, für Wasser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de Seeane­mo­nen­bäume, und für Pra­li­nen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Was­ser, hübsch anzu­sehen sind, schwe­bende Versu­chungen, ohne sich je von selbst aufzu­lösen. An die­sem hei­ßen Sommer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teil­zu­nehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­tigen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chine­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fenden Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zinen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­dosen auf dem Tre­sen abzu­stellen. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­dosen mit Kurbel­werken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem­sel­ben Was­ser der Spiel­dosen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­rium ab, in wel­chem Zwerg­see­rosen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roose­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tierte, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mitter­nacht, ich war gera­de einge­schlafen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blü­te. – stop

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sturm

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romeo : 15.01 UTC — Im Zug saßen zwei alte Damen, es war Herbst, sie waren unter­wegs an die Nord­see, erzähl­ten von Spa­zier­gän­gen am Strand, von wan­dern­den Dünen, vom Wind, der sehr hef­tig wer­den soll­te in den Tagen, die sie am Meer ver­brin­gen wür­den. Du bist leicht, sag­te die eine Dame zur ande­ren Dame. — Ja, ich habe noch ein wenig abge­nom­men. — Viel­leicht wirst du davon­flie­gen? — Ja, ich wer­de viel­leicht vom Sturm erfasst, Du musst mich dann fest­hal­ten. — Dann flie­gen wir bei­de davon. Wir soll­ten unse­re Sturm­schu­he tra­gen. — Ja, wir soll­ten unse­re Sturm­schu­he tra­gen. - Wäh­rend sie spra­chen, hielt eine der bei­den Damen einen klei­nen Hut fest, den sie auf dem Kopf trug, als ob schon ein Wind gehen wür­de im Abteil. Eine Wei­le sahen sie aus dem Fens­ter. Na so was, sag­te die Dame mit dem Hut. Wie­der sahen sie aus dem Fens­ter. Wie­sen zogen vor­über, es war etwas nebe­lig drau­ßen. — stop
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in zeitlupe

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nord­pol : 15.12 UTC — Ein­mal beob­ach­te­te ich, wie mir ein schwar­zes Käst­chen gesam­mel­ter digi­ta­ler Infor­ma­ti­on aus den Hän­den glitt und zu Boden fiel. Eine Bewe­gung wie in Zeit­lu­pe, eine Bewe­gung, ohne die Mög­lich­keit ein­zu­grei­fen, da ich mich selbst in dem Fens­ter mei­ner Wahr­neh­mung wie in Zeit­lu­pe beweg­te. Ich hob das Käst­chen vom Boden auf. Als ich mich mit einem Ohr näher­te, hör­te ich ein selt­sa­mes, lei­ses Ticken. Jene Schreib- und Lese­ma­schi­ne, die in dem Käst­chen gebor­gen war, war blind gewor­den. Kurz dar­auf kauf­te ich ein wei­te­res Käst­chen und dach­te tage­lang dar­über nach, wie ich von nun Daten, Spu­ren, Zei­chen, Ver­zeich­nis­se mei­ner Arbeit bewah­ren könn­te. — Zwei Jah­re ver­ge­hen. ‑Heu­te wan­der­te ich eini­ge Stun­den durch einen wil­den Wald, ohne ver­mut­lich irgend­ei­ne digi­ta­le Spur zu hin­ter­las­sen, nicht 1 Byte. Sehr merk­wür­dig. Noch zu tun: Lek­tü­re Nichol­son Bak­er Eine Schach­tel Streich­höl­zer. — stop



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