Aus der Wörtersammlung: still

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basra paris

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zou­lou : 1.12 — Ein Mäd­chen sitzt auf einer Trep­pe an der Place de la Bas­til­le, sie schreibt in ein Schul­heft. Es ist Abend gewor­den. Eine Kame­ra nähert sich. Das Mäd­chen hält ein Schul­heft vor das Objek­tiv der Kame­ra. Ich schrei­be, sagt sie, Tin­te muss flie­ßen anstatt Blut, Tin­te muss flie­ßen anstatt Blut. Das wer­de ich solan­ge schrei­ben, bis mein Heft gefüllt sein wird. — An dem­sel­ben Abend erzählt mir ein Freund von Naa­sem M.. Er soll im Alter von 18 Jah­ren nahe Bas­ra als Sol­dat gekämpft und einen Lun­gen­flü­gel ver­lo­ren haben. Auch in die­sem Jahr, wie vie­le Jah­re zuvor, habe er sich kurz vor Mit­ter­nacht zum Jah­res­wech­sel sehr gro­ße Kopf­hö­rer auf­ge­setzt und Jazz­mu­sik gehört. Von Ebo­la ist in den Nach­rich­ten kaum noch die Rede. Leich­ter Schnee­fall. — stop
ping

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helsinki turku

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zou­lou : 0.05 — Ein­mal fol­ge ich einem Mann namens Nuuri durch einen Zug, der sich sehr lang­sam von Hel­sin­ki nach Tur­ku bewegt, es schneit. Der Mann, der stets eine hel­le wol­le­ne Müt­ze trägt, ist den Pend­lern, die ihre Sams­ta­ge und Sonn­ta­ge in Tur­ku ver­brin­gen, gut bekannt, sie schei­nen nur dar­auf zu war­ten, sei­ne hei­se­re Stim­me bald hören zu kön­nen: Wol­ken! Wol­ken! Das Stück Wol­ke zu 50 Cent zu ver­kau­fen. Wer Nuuri nicht bereits ein­mal erleb­te, wird ver­mut­lich mei­nen, ein sehr selt­sa­mer Mensch wan­de­re durch die Abtei­le des schep­pern­den Zuges. Aber das wür­de ein Irr­tum sein, Nuuri ver­kauft tat­säch­lich sehr klei­ne, wirk­li­che Wol­ken von Was­ser­dampf. Sie schwe­ben über Baum­mi­nia­tu­ren, wel­che dicht an dicht aus Fächern wach­sen, die Nuuri mit­tels eines Bauch­la­dens vor sich her­trägt. Ein fei­nes Netz glä­ser­ner Fäden ist wie eine Kup­pel über der wil­den Land­schaft auf­ge­spannt. Sobald man sich mit Augen, Ohren, Nase nähert, wird man wis­pern­de Affen­stim­men ver­neh­men, Vögel sind zu erken­nen, die über Baum­wip­fel krei­sen, und ein Pan­ther so groß wie eine Amei­se, der sich auf einer Lich­tung wälzt. Und eben Wol­ken, Wol­ken, die man kau­fen kann, sie blit­zen und knal­len von Zeit zu Zeit, es duf­tet sofort nach Schwe­fel, nach einem Löf­fel voll glim­men­den Schwe­fels. Sobald man nun eine Wol­ke zu kau­fen wünscht, eine Wol­ke zu 50 Cent, gebe man ein Hand­zei­chen. Nuuri wird dann unver­züg­lich Platz neh­men, ein freund­li­cher Mensch. Er wird sich erkun­di­gen, wel­che Wol­ke es denn sein soll. Und wäh­rend man nun unter den Wol­ken, es sind vie­le, eine geeig­ne­te Wol­ke suchen wird, wird Nuuri von Tur­ku und vom win­ter­li­chen Eis auf dem Meer und der Stil­le im Ohr erzäh­len, und wie es über­haupt mög­lich sein kann, einen Amei­sen­pan­ther zu füt­tern. — Ende der Wol­ken­ge­schich­te. — stop

polaroidmaedchen

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von ameisenuhren

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nord­pol : 5.06 — Es ist kurz vor sechs Uhr abends. Nach einer Ver­fol­gungs­jagd über Bahn­stei­ge des Zen­tral­bahn­hofs, gewährt mir ein Jun­ge von viel­leicht acht Jah­ren einen Blick in eine sei­ner Man­tel­ta­schen. Er will jetzt nicht mehr weg­lau­fen, er will nur ganz still neben mir auf der Trep­pe sit­zen und zuse­hen, wie ich Uhren betrach­te, die sich in eben sei­ner Man­tel­ta­sche befin­den. Noch nie in mei­nem Leben habe ich so vie­le grö­ße­re und klei­ne­re Arm­band­uh­ren auf einem sehr engen Raum beob­ach­tet. Wie ich mich der Uhren­ta­sche nähe­re, und zwar mit einem Ohr, sieht mir der klei­ne Jun­ge, der nicht mehr weg­lau­fen will, zu. Ver­mut­lich wird er bemer­ken, dass ich mei­ne Augen schlie­ße, um das Geräusch der Uhr­wer­ke in sei­ner auf­re­gen­den Schön­heit wahr­neh­men zu kön­nen, ein sehr lei­ses Brau­sen, sagen wir, wie von Tie­ren gemacht, als wür­de ein Volk der Wan­der­amei­sen näher­kom­men. Wie ich mich auf­rich­te, habe ich die Uhr mei­nes Vaters wie­der­ge­fun­den, und der Jun­ge beob­ach­tet, wie ich sie nun um mein Hand­ge­lenk lege und sehr fest zie­he, was der Jun­ge sei­ner­seits mit einem Lächeln quit­tiert. Die­se Uhr, sagt er, gehö­re jetzt wie­der mir, er macht sehr gro­ße Augen. — stop

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milanomaki

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echo : 0.18 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs im bota­ni­schen Gar­ten hör­te ich, man habe zuletzt im Jahr 2000 eine bis­her nicht bekann­te Struk­tur der mensch­li­chen Hand ent­deckt, das liga­men­tum meta­car­pa­le pol­li­cis, ein Band, wel­ches die Sta­bi­li­tät der Dau­men­be­we­gung erhö­he. Bis­her hat­te ich ange­nom­men, die Ana­to­mie des mensch­li­chen Kör­pers sei bereits seit Jahr­zehn­ten rest­los auf­ge­klärt. – stop. Es ist jetzt kurz nach Mit­ter­nacht, Count Basie: At the Aqua­ri­um. Vor weni­gen Minu­ten erreich­te mich eine E‑Mail. Mila­n­o­ma­ki notiert > : Ich soll­te ein Ohren­mensch sein. Ich sit­ze mit leicht zur Sei­te geneig­tem Kopf und höre zu, einem Men­schen viel­leicht oder einer Flie­ge, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so prä­zi­se wie mög­lich den­ken zu kön­nen. Kurz dar­auf set­ze ich mich an einen Schreib­tisch und mache vie­le Wör­ter, dann mache ich eine Pau­se, dann lese ich alles das Notier­te noch ein­mal durch, dann strei­che ich so vie­le Wör­ter mit dem Kopf, wie mög­lich ist, um bald wie­der nur einen Strich vor mir auf dem Papier vor­zu­fin­den. Ich habe viel erlebt. — stop

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auf dem nachtschiff

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ulys­ses : 5.12 — Ein­mal war­te­te ich auf mei­nem Sofa, plötz­lich schlin­ger­te der Boden. Such­te nach mei­ner Bril­le und war­te­te wei­ter. Alles still, mit­ten in der Nacht. Da schau­kel­te das Sofa wie­der, der Boden beweg­te sich tat­säch­lich, auch eine Steh­lam­pe in mei­ner Nähe mach­te merk­wür­di­ge Geräu­sche. Vom Fens­ter im 5. Stock mei­nes Hau­ses aus war nicht zu erken­nen, ob jemand bemerk­te, was ich beob­ach­te­te, Vögel flo­gen her­um, obwohl es dun­kel war. Kaum zurück auf dem Sofa, beb­te das Möbel­stück zum drit­ten Mal, ein Schwin­gen, sanft, ein Schlin­gern, zwei Spin­nen has­te­ten über die Wand, ich ver­fass­te einen Bericht für die Erd­be­ben­war­te. Ich schrieb: Sehr geehr­te Damen und Her­ren, Vögel und Spin­nen. Es war um kurz nach drei Uhr. — stop

ping

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teilchen

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sier­ra : 2.01 — Erin­ne­rung scheint zeit­los zu sein, zufäl­lig, chro­no­lo­gisch unge­ord­net, kommt in Sekun­den­por­tio­nen ange­flo­gen, eine Stim­me, eine Foto­gra­fie, ein Geruch, ein Gedan­ke, Teil­chen wie Sand­stür­me, ver­gäng­lich, unscharf. Ich habe bemerkt, dass es mög­lich zu sein scheint, ein Teil­chen fest­zu­hal­ten, in dem ich das Teil­chen mit einem Wort ver­bin­de, um das Teil­chen von die­sem Wort aus zu erwei­tern, schwe­rer zu machen, und doch ist es immer so, dass ich das Teil­chen, an dem ich arbei­te, frü­her oder spä­ter los­las­sen wer­de, weil viel­leicht das Tele­fon klin­gelt oder eine Flie­ge vor­über kommt, die sich auf dem Rücken segelnd fort­be­wegt. Wie vie­le Ereig­nis­se mei­nes Lebens habe ich mehr­fach ver­ges­sen? Wie viel stil­le Zeit? — stop

ping

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ein junge

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india : 7.08 — Im Café No 5 unter dem Flug­ha­fen­ter­mi­nal beob­ach­te­te ich einen Mann, der sich äußerst spar­sam, lan­ge Zeit über­haupt nicht beweg­te. Auf dem Tisch vor ihm lag eine Zei­tung, neben der Zei­tung Fol­gen­des: eine Tas­se Kaf­fee, ein Glas Was­ser, Zucker­wür­fel, Notiz­block und Blei­stift. Eine hal­be Stun­de ver­ging in die­ser Wei­se, die Hän­de des Man­nes ruh­ten in sei­nem Schoß. Ein­mal rück­te der Mann sei­nen Kof­fer, der hin­ter ihm an der Wand park­te, ein klei­nes Stück zur Sei­te, ein ander­mal hob er sei­ne Kaf­fee­tas­se in die Luft, um sie in einem Zug aus­zu­trin­ken. Dann wie­der kei­ner­lei Bewe­gung, der Mann schien kaum zu atmen. Er reagier­te weder auf Laut­spre­cher­durch­sa­gen noch küm­mer­te er sich um Men­schen, die das Café auf Lauf­bän­dern pas­sier­ten, es waren vie­le chi­ne­si­sche Rei­sen­de dar­un­ter, die gera­de erst aus Shang­hai und Peking in gro­ßen Flug­zü­gen ein­ge­trof­fen waren. Der Mann starr­te auf eine Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie, die auf der Titel­sei­te einer Zei­tung abge­druckt wor­den war. Ein Jun­ge lag dort unbe­klei­det auf einer Bast­mat­te mit­ten auf einer schmut­zi­gen, feuch­ten Stra­ße. In eini­ger Ent­fer­nung, im Hin­ter­grund, war­te­ten Men­schen, die den Jun­gen beob­ach­te­ten. Der Jun­ge schwit­ze, sei­ne schwar­ze Haut war von Flie­gen bedeckt, er sah mit halb geschlos­se­nen Augen zu einem Wesen hin, das in einem Schutz­an­zug steck­te. Anstatt eines Kop­fes war auf den Schul­tern des Wesens ein Helm zu sehen, eine zer­knit­ter­te Hau­be, genau­er, die unter Luft­druck zu ste­hen schien. Das Wesen hat­te sei­ne rech­te Kunst­stoff­hand nach dem Jun­gen, der ein­sam auf dem Boden lie­gend ver­harr­te, aus­ge­streckt, es woll­te ihn viel­leicht ermu­ti­gen, auf­zu­ste­hen und zu ihm an den Rand der Stra­ße zu kom­men. Obwohl sich die Hand nicht beweg­te, ver­mit­tel­te sie den Ein­druck, dass sie sich bewegt haben muss­te und wei­ter­hin bewe­gen wür­de, weil die Stel­lung ihrer Fin­ger nur in die­ser ver­mu­te­ten Bewe­gung einen Sinn ergab. Ja, die­se Hand muss­te in der Zeit des Bil­des eine win­ken­de Hand gewe­sen sein, aber es war deut­lich zu sehen, dass der Jun­ge ver­mut­lich nicht län­ger die Kraft hat­te, auf­zu­ste­hen oder zu krie­chen oder etwas zu sagen, zu rufen, zu flüs­tern, oder die Flie­gen auf sei­nem Kör­per zu ver­trei­ben. Es war still, voll­kom­men still, nichts zu hören. — stop

ping

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vor neufundland 22.14.08 uhr : zarte finger von licht

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lima : 2.22 — Ges­tern am Abend seit lan­ger Zeit end­lich wie­der ein Funk­spruch Noes. Ver­mut­li­che Tie­fe: 855 Fuß. Posi­ti­on: 80 See­mei­len süd­öst­lich der Küs­te Neu­fund­lands seit nun­mehr 1356 Tagen im Tief­see­tauch­an­zug unter Was­ser. Ich hör­te sei­ne schep­pern­de Stim­me gegen 2 Uhr Mor­gens mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit über Kurz­wel­le. Ver­trau­te Sät­ze. Dann lan­ge Zeit gewar­tet. Fol­gen­de Bot­schaft: ANFANG 22.14.08 | | | > groß­ar­ti­ge aus­sicht. s t o p lang­sam auf­stei­gen­der wal. s t o p muschel­rü­cken. s t o p kra­ter­haut. s t o p als wür­de der mond vor­über­zie­hen. s t o p lan­ge zei­ten der stil­le. s t o p lan­ge zei­ten ohne einen gedan­ken ohne einen wunsch ohne eine erin­ne­rung. s t o p blick ins was­ser. s t o p zar­te fin­ger von licht. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p < | | | ENDE 22.16.58

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rußland

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tan­go : 7.01 — War­um ver­mag ich die Bewe­gung mei­nes Her­zens in der Brust nicht zu spü­ren? — Umge­ben­de Wör­ter: Sinus­kno­ten Lager­be­we­gung Tha­la­mus. Herz­flim­mern. Rasen­der Still­stand. ~ Ein Gespens­ter­we­sen, Russ­land, mei­ner Kind­heit ist längst zurück­ge­kehrt. Gedan­ken, wie zur Beru­hi­gung, an Lew Sino­wje­witsch Kope­lew, Jele­na Geor­gi­jew­na Bon­ner, And­rei Dmit­ri­je­witsch Sacha­row, Anna Ste­pano­wa Polit­kows­ka­ja. — stop

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