marimba : 12.01 UTC — An einem nebligen Abend fuhr ich mit einem Fährschiff nach Staten Island. Ich ging eine Stunde spazieren, kaufte etwas Brot und Käse, dann wartete ich in der zentralen Halle des Saint George Ferry Terminals auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Einige Kinder spielten vor einem mächtigen Aquarium, sie tollten um den Glasbehälter herum. Plötzlich blieb eines der Kinder stehen, aufgeregt deutete es zum Aquarium hin. Weitere Kinder näherten sich. Sie schienen begeistert zu sein. Ich schlenderte zu ihnen hinüber, stellte mich neben sie. Da war etwas Erstaunliches zu sehen, da waren nämlich Elefanten im glasklaren Wasser, sie wanderten auf dem sandigen Boden des Aquariums in einer Reihe von Westen nach Osten. Ihre meterlangen Rüssel hatten sie zur Wasseroberfläche hin ausgestreckt, suchten in der Seeluft herum und berührten einander in einer äußerst zärtlichen Art und Weise. Ein faszinierendes Geräusch war zu hören, sobald ich eines meiner Ohren an das handwarme Glas des Wassergeheges legte. Auch Geräusche, wie ich sie von Mikrofonen kenne, die Walgesänge nahe Grönland aufgezeichnet hatten. Wie ich zur Oberfläche des Wassers hin blickte, entdeckte ich zwei Wale, die durch das Wasser schwebten, sie waren je groß wie eine Faust und stießen etwas Luft aus von Zeit zu Zeit, wie man das von wilden Walen kennt, die so groß sind, dass wir über sie staunen. Manchmal tauchten die kleinen Wale zu den Elefantentieren hin, behutsam näherten sie und schauten sich interessiert unter den Wandernden um, man schien sich natürlich zu kennen. — Ich konnte nicht schlafen. Noch in derselben Nacht fuhr ich nach Manhattan zurück. Ich machte einen Textentwurf für eine Zeitung, obwohl ich noch keine wirkliche Ahnung hatte, wie von den Zwergwalen zu erzählen sei. Ich notierte: Man möchte vielleicht meinen, bei der Gattung der Zwergwale handele es sich um Wale, die dem Wortlaut nach kleiner sind, als ihre doch großen Verwandten, Pottwale oder Grönlandwale, sagen wir, oder Blauwale. Nun sind sie bei genauerer Betrachtung wirklich winzig, nur 8 cm in der Länge. Als man sie in einer künstlich erzeugten Gebärmutter, ebenfalls winzig, heranwachsen ließ, glaubte im Grunde niemand, dass sie lebend zur Welt kommen würden. Plötzlich waren sie da, und verschwanden zunächst in einem Aquarium, das für sehr viel größere Fischwesen angelegt worden war. Nun waren die Wale zu klein, sie verloren sich in den Weiten des Beckens. Man legte zierliche Behälter an, versorgte sie mit Meereswasser, kühlte die Gewässer, sorgte für Wind und Wellen, selbst an Eisberge wurde gedacht, Eis von der Höhe eines menschlichen Fingers, die dort in der künstlichen Naturumgebung einfach so vom Himmel fielen. Jetzt konnte man sie gut sehen, aus der Nähe betrachten. Es waren zunächst drei Wale, sie existierten zwei Jahre, ehe man über eine Ausstellung, demzufolge über ihre Veröffentlichung diskutierte. Bislang hatte man gesagt: Wir dementieren und wir bestätigen nicht. So viel sei bemerkt: Diese winzigen Wale ernähren sich von Plankton, sie lieben Meereswalnüsse, sie tauchen oft stundenlang. Auch wurden Sprünge beobachtet, aber nur selten und nur bei Nachtlicht. Derzeit leben noch zwei kleinen Wale, der Dritte wurde zwecks Erforschung geöffnet.

Aus der Wörtersammlung: wesen
herzwesen
lima : 5.18 UTC — Ein kleiner Kopf, das ist eine Tatsache. Und Augen ja, aber im Grunde nicht unverzichtbar. Kaum Beine, kaum Arme, das Wesen ruht in einer Schale, die über einen Abfluss verfügen sollte, weil sein Körper von Wasser umspült wird, weil das Wesen Nahrung zu sich nimmt, gefüttert wird, manchmal mit einem Löffel, üblicherweise mittels einer Sonde. Das Wesen ist menschlicher Natur, ein reduzierter menschlicher Körper, der über kaum nennenswertes Gehirn verfügt, es handelt sich um einen Basisherzkörper, um ein Herzwesen. Sobald erwachsen geworden, es wird schnell erwachsen, kann das fertiggestellte Herz von seinem kleinen Kopf befreit werden. Nun kann man das frische Herz aus der Schale nehmen und transplantieren, zum Beispiel, um ein krankes Herz zu ersetzen. Zurück in der Schale verbleiben ein kleiner Kopf und ein kleiner Bauch. Die Augen des kleinen Kopfes sind geschlossen. Sobald man sich nähert, möchte man meinen, das Wesen würde nur schlafen. — stop


hinter glas
tango : 17.38 UTC — Während eines Besuches in einem Aquarium begegnete ich vor Jahren einmal einem Fetzenfisch. Diese Begegnung war vielleicht der ersten Begegnung eines Kindes mit einer Weihnachtskugel vergleichbar. Ich konnte meinen Blick nicht von dem filigranen Wesen wenden, das hinter etwas Glas vor mir lautlos im Wasser schwebte. Ich war ganz sicher nicht der erste Mensch gewesen, den dieses feine Wesen im Aquarium wahrgenommen haben könnte, hunderttausende Augenpaare, Nasen, Finger, Menschen eben da draußen hinter den Scheiben, ungefährlich, manchmal kleine Menschen, die auf den Armen oder Schultern der großen Menschen hockten. Vor einigen Monaten nun bemerkte ich in einem Filmdokument eine Meereswalnuss, wunderbare Bezeichnung, ihr Leuchten, und wieder konnte ich mich nicht abwenden, habe mehrere Stunden über Meereswalnüsse geforscht in der digitalen Sphäre. Die Scheibe des Aquariums war indessen ein Bildschirm, Blick nur in eine Richtung, keine Begegnung, vielmehr eine Beobachtung. Ich werde bald einmal den Versuch unternehmen, Meereswalnüsse tatsächlich leibhaftig zu besuchen, wo sie leben. — stop

erstaunlich
marimba : 16.12 UTC — Hinter dem Tresen eines Backwarenladens stand eine junge Frau. Sie beobachtete, wie ich mein Portemonnaie durchsuchte. Lassen Sie sich Zeit, sagte sie. Sie war mir bereits früher einmal angenehm aufgefallen, eine sehr geduldige und immer freundliche Person. Ich sagte: Ich werde doch langsam ein alter Mann. Ja, sagte sie, ja, ja, lassen Sie sich ruhig Zeit, wir können kleines Wechselgeld gut gebrauchen. Ich durchsuchte das Täschchen, das für Münzen eingerichtet war, bald aber drehte ich meinen Geldbeutel einfach auf den Kopf und ließ eine Handvoll Münzen auf einen Teller auf dem Tresen fallen. Es waren sicher 20 Münzen gewesen, die vor unseren Augen lagen, 1 Cent, 2 Cent auch 10 Centmünzen. Kaum 1 Sekunde war vergangen, die junge Frau hatte nur einen knappen Blick auf den Teller vor uns geworfen, da sagt sie: Das sind 40 Cent zu viel. Sie zählte das Geld in einer rasenden Geschwindigkeit mit zwei Fingern durch, und sie lachte, vermutlich weil sie meinen staunenden Blick bemerkte. Wie machen sie das, fragte ich. Die junge Frau antwortete: Es geht nicht langsamer. Nein, sagte ich, ich meine, wie haben Sie mit nur einem Blick den Wert des Geldes auf dem Teller festgestellt? Das ist Übung, sagte sie, ich kann das auch mit Perlen oder mit Linsen, aber das, was ich als Summe erkennen möchte, muss auf einem kleinen Teller wie diesem Teller hier liegen. Erstaunlich, sagte ich. Sie sind nicht alt, antwortete die junge Frau. Doch, doch, sagte ich, ich halte mich beim Treppensteigen am Geländer fest, das ist neu, das kam einfach so von einem Tag auf den anderen Tag. Erstaunlich, sagte die junge Frau, das wird schon wieder. — stop

roswitha
vom walfischorchester


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india : 20.33 UTC — Manchmal erfinde ich eine Geschichte. Kurz darauf vergesse ich die Geschichte oder verliere sie wieder aus den Augen. Wenn ich die Geschichte nach Wochen oder Jahren wieder bemerke, scheint sie zu einer wirklichen Geschichte geworden zu sein, das ist seltsam. Auch weil Geschichten, die einmal erfunden worden sind, sich Lebewesen ähnlich verhalten, sie machen sich immer wieder bemerkbar, wie die Geschichte von Louis Kekkola’s Eisbuch Das Walfischorchester. Es war damals kurz nach vier Uhr gewesen, Dämmerung. Ich trug Handschuhe. Ich schaltete mein Tonbandgerät an und sprach leise, in dem ich das zerbrechliche Buchwesen in Händen hielt. Kaum war eine Seite des Buches von meinen Augen abgetastet, schloss ich den Kühlschrank, ging in der Wohnung spazieren und ließ mir alles, was ich gelesen hatte, durch den Kopf gehen. Dann kehrte ich zurück und las mit dampfendem Atem vor dem Kühlschrank sitzend weiter. Es war die nächste Seite, die ich vorsichtig unter meine Augenlupe nahm, auch sie war sehr vertraut, sie war wie erlebt, vermutlich deshalb, weil ich sie erinnern konnte. Manchmal muss nur eine Nacht vergehen, manchmal ein Jahr. — stop

kaprunbiber
sierra : 22.03 UTC — Sobald ich mit meiner Schreibmaschine eine U‑Bahn betrete, beginnt sie nach weiteren Schreibmaschinen zu suchen, vermutlich, um Kontakt herzustellen. Meistens antworten anwesende Schreibmaschinen. Sie erzählen einerseits, dass sie da sind, dass sie über Sensoren verfügen, die bemerken, dass meine Schreibmaschine sich nach ihrer Gegenwart erkundigt. Andererseits zeigen sie an, dass sie im Grunde keinen Kontakt aufzunehmen wünschen. Sie senden Namen, Bezeichnungen, Zahlen oder Buchstabenfolgen, die auf nichts verweisen, als eindeutig sie selbst: L‑887MN oder Easy665X. Manchmal jedoch sind Zeichenfolgen zu entdecken, die ein Geräusch im Kopf erzeugen, Mezizo 7, zum Beispiel, oder, gestern: Kaprunbiber. Das war unheimlich, ich drehte mich um. — stop

ein zerbeultes saxophon
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nordpol : 11.03 — Ein Leser schrieb eine E‑Mail. Er habe, notierte er, einen Fehler in einem meiner Particlestexte entdeckt. Ob er mir schreiben solle, wo ich den Fehler finden würde. Ich korrigierte den Text und dachte noch: Das ist interessant, dieser kleine aber doch bedeutende Fehler hatte sechs Jahre in meinem Text existiert, ein Buchstabe nur, in einer Geschichte, die ich nie wieder vergessen sollte, die Geschichte selbst und auch nicht, dass sie existiert, dass sie sich tatsächlich ereignete, eine Geschichte, an die ich mich erinnern wollte selbst dann noch, wenn ich meinen Computer und seine Dateien, meine Notizbücher, meine Wohnung, meine Karteikarten bei einem Erdbeben verlieren würde, alle Verzeichnisse, jede Spur. Diese Geschichte, ich erzähle eine sehr kurze Fassung, handelt von Giuseppi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazzmusiker, ein Mann von dunkler Haut. Giuseppi Logan, so wird berichtet, atme Musik mit jeder Zelle seines Körpers in jeder Sekunde seines Lebens. In den 60er-Jahren spielte er mit legendären Künstlern, nahm einige bedeutende Freejazzplatten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Drogen und war plötzlich verschwunden. Manche seiner Freunde vermuteten, er sei gestorben, andere spekulierten, er könnte in einer psychiatrischen Anstalt vergessen worden sein. Ein Mann, ein Blackout. Über 30 Jahre lang war Giuseppi Logan verschollen gewesen, bis man ihn vor wenigen Jahren in einem New Yorker Park lebend entdeckte. Er existierte damals noch ohne Obdach, man erkannte ihn an seinem wilden Spiel auf einem zerbeulten Saxofon, einzigartige Geräusche. Freunde besorgten ihm eine Wohnung, eine Platte wurde aufgenommen, und so kann man ihn nun wieder spielen hören, live, weil man weiß, wo er sich befindet von Zeit zu Zeit, im Tompkins Square Park nämlich zu Manhattan. Ein Wunder, das mich sehr berührt. Ich will das kleine Wunder unter der Wortboje Giuseppi Logan in ein Verzeichnis schreiben, das ich auswendig lernen werde, um alle jene Geschichten in meinem Gedächtnis wiederfinden zu können, die ich niemals zu vergessen wünsche. — Giuseppi Logan: Hört ihm zu!

von der reisenden warenwelt
kilimandscharo : 22.02 UTC — Ich dachte heute, in der Schweiz würden vielleicht Menschen existieren, die ich als Uhrenträger bezeichnen könnte. Uhrenträger, weil sie je 50 Uhren an Armen und Beinen dicht an ihren Körpern tragen. So, in dieser Weise von Uhrwerken geschmückt, geht man als Uhrenträger leise tickend vorsichtig spazieren, wandert in der schönen Natur herum, ohne selbstverständlich auch nur eine der Uhren je abzulegen. Auch im Schlaf werden alle Uhrwerke getragen, weshalb es in der nächtlichen Stille in den Zimmern leise rauscht. Nach ein oder zwei Wochen kehren Uhrenträger dann aus dem Leben in ihre Uhrenfabrik zurück. Dort sind sie nämlich angestellt, um vollständig neue Uhrgeschöpfe in bereits gebrauchte Ware zu verwandeln, warum? — stop

reisende pinguine
nordpol : 20.01 UTC — Lese in Louis Kekkolas Eisbuch Jennifer.Five. Es ist jetzt kurz nach acht Uhr abends, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Handschuhe. Ich habe mein Tonbandgerät angeschaltet und spreche leise, indem ich das zerbrechliche Buchwesen in Händen halte. Kaum habe ich eine Seite abgetastet, schließe ich den Kühlschrank, gehe in der Wohnung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit dampfendem Atem weiter. Höre in diesen Minuten das Ticken des Weckers, der mir 15 Sekunden Zeit erteilt, um das Buch ungestüm warmer Heizluft auszusetzen. Auf Seite 52 entdecke ich Louis Kekkola’s Notiz über 22 Pinguine, die nordwärts reisten in Flugzeugen in hölzernen Behältern, um auf Grönland weiterzuleben. Sie sollen dort das Nordlicht (Aurora borealis) studieren. — stop



