Aus der Wörtersammlung: wesen

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von stühlen

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nord­pol : 7.58 UTC — Im Haus der alten Men­schen sit­zen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fern­seh­ap­pa­rat, der an der Wand hängt, flach wie ein Schol­len­fisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen neh­men kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist aus­ge­schal­tet, der Fisch ist stumm. So sit­zen sie zeit­los, wie mir scheint, sie erin­nern sich ver­mut­lich nicht, ob ich an die­sem Tag schon an ihnen vor­über gekom­men bin, aber sie ken­nen mich, den treu­en Besu­cher, ich habe doch einen Ein­druck hin­ter­las­sen. Wenn ich mich über einen lan­gen Flur spa­zie­rend dem Raum der alten Damen nähe­re, weiß ich prä­zi­se vor­her­zu­sa­gen, wel­che der Damen auf wel­chem der Stüh­le sit­zen wird, vor dem Tisch, der drei­mal am Tag sich füllt, mit Spei­sen, auch mit Kaf­fee oder gekühl­tem Him­beer­saft. Nur wenn das Wet­ter sich Hals über Kopf ver­än­dern wird, davon erzäh­len lee­re Stüh­le, die doch von den Abwe­sen­den besetzt sind, sie war­ten oder schla­fen nachts im Halb­dun­kel, schla­fen­de Stüh­le. — stop

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seite zweiundfünfzig

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hima­la­ya : 0.10 UTC — Ich ent­deck­te ein Alge­bra-Buch mei­nes Vaters, in dem er arbei­te­te, als er noch jung gewe­sen war. Das Buch war ein Buch, das im Grun­de aus einem wei­te­ren Buch bestand. Mein Vater hat­te näm­lich zahl­rei­che Bemer­kun­gen an den Rän­dern der Buch­sei­ten hin­zu­ge­fügt, auch Zet­tel waren da dort ein­ge­legt, Zif­fern, Zah­len, Wör­ter, die ich nicht lesen konn­te, weil sie, mit einer sehr klei­nen Schrift, mit einem spit­zen Blei­stift in das Papier ein­ge­ritzt wor­den waren. Ich hol­te aus sei­nem Schreib­tisch, der noch immer auf ihn zu war­ten scheint, eine Lupe und folg­te den Zei­chen eine Wei­le. Da stieß ich auf eine Bemer­kung, die ich ent­zif­fern konn­te: Pau­lin­chen 8557345. Natür­lich ist die­se Geschich­te voll­stän­dig erfun­den. — stop

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vom gehör

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romeo : 0.12 UTC — Ich stel­le fest, ich habe zwei Ohren. Mit zwei Ohren schon bin ich zur Welt gekom­men. Mei­ne Ohren hör­ten dem­zu­fol­ge von der Welt, noch ehe ich ange­kom­men war. Ich hör­te von der Welt da drau­ßen, und ich hör­te, so wur­de erzählt, das Herz mei­ner Mut­ter schla­gen, das war nicht fern. — Erstaun­lich. — stop

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herzwanderung

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char­lie : 0.01 UTC — Ent­deck­te ges­tern Nach­mit­tag ein Notiz­kärt­chen, auf dem ich ein­mal vor lan­ger Zeit das Wort Herz­wan­de­rung notier­te. Ich glau­be, ich habe von die­sem Kärt­chen bereits erzählt. Ich schrieb das Wort auf das Kärt­chen, kurz nach dem ich einen jun­gen Mann in einem Prä­pa­rier­saal beob­ach­tet hat­te, wie er mit einem klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen, das er zuvor unter Anlei­tung eines Assis­ten­ten aus dem Brust­korb einer alten Frau ope­rier­te, durch den Saal eil­te, um es unter kal­tem Was­ser zu waschen. Unmit­tel­bar hin­ter ihm war­te­te ein Kol­le­ge. Auch er hielt ein Herz in Hän­den. Die­ses Herz schien ver­gleichs­wei­se das Herz eines Rie­sen gewe­sen zu sein, und es war dun­kel, fast schwarz. Als der jun­ge Mann mit der Waschung des klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen fer­tig gewor­den war, dreh­te er sich um. Für eini­ge Sekun­den stan­den sich die zwei Män­ner gegen­über und betrach­te­ten je das Herz­prä­pa­rat des ande­ren. — stop

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nacht wird um 8

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nord­pol : 0.05 UTC — Im Haus der alten Men­schen wird für sei­ne Bewoh­ner Nacht um 8, wenn für die Besu­cher gera­de eben­die­ses Hau­ses der Abend erst beginnt. Es war heu­te Gewit­ter­luft gewe­sen, wes­halb vie­le der alten Men­schen nicht auf­ste­hen woll­ten. Also blie­ben sie lie­gen und ver­irr­ten sich nicht. Es ist näm­lich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Men­schen ein Zim­mer genom­men hat, manch­mal nicht weiß, wer man ist, oder man weiß nicht, wo zu Hau­se sein könn­te, und bekommt, wenn man zu einer Schwes­ter sagt: Ich möch­te heim, zur Ant­wort: Mei­ne Lie­be, hier ist Daheim. Auf den Rücken der alten Men­schen, die nicht wis­sen, wo sie sind, steht zu lesen: Ich hei­ße so oder so, ich habe mich ver­lau­fen, ich woh­ne im Haus der alten Men­schen, bit­te brin­gen Sie mich nach Hau­se. Auf einem Tisch hier daheim steht ein Schall­plat­ten­spie­ler, der Musik macht, die ver­traut ist, auch wenn man nicht weiß, wer selbst man ist, es wird gesun­gen, es sind Lie­der der Kind­heit. Twit­ter kennt man hier nicht. — stop

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von magnetbändern

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lima : 0.06 UTC — Ein­mal, vor lan­ger Zeit, traf ich einen Freund. Sei­ne Frau war kurz zuvor gestor­ben. Wir saßen in einem Café im bota­ni­schen Gar­ten. Mein Freund erzähl­te von der See­fahrt als jun­ger Mann in Maschi­nen­räu­men, von him­mel­blau­en fin­ni­schen Win­ter­näch­ten, Polar­lich­tern, Ker­zen. Sei­ne Trau­rig­keit an die­sem Tag, weil er ein­sam gewor­den war, weil er sein eige­nes Alt­wer­den spür­te. Er erzählt von den letz­ten Tagen sei­ner Frau. Wie sie auf­räum­te in der Woh­nung, wie sie Bücher beschrif­te­te, dann wie­der ins Kran­ken­haus, in Sicher­heit, aber ohne zu viel Mor­phi­um, um nicht ein­zu­schla­fen. Die letz­ten 30 Stun­den war sie dann doch bewusst­los gewe­sen. Ein­mal sprach sie wun­der­schö­ne Sät­ze für ihn auf den Anruf­be­ant­wor­ter, die er ver­se­hent­lich lösch­te. Auf Magnet­bän­dern, 30 Jah­re sind sie alt, fin­den sich Auf­nah­men, das weiß er genau, der Cem­ba­lis­tin, aber es fehlt das Abspiel­ge­rät dazu. Es geht mir ans Herz, wie ich den alten Mann in Rich­tung einer blü­hen­den Kas­ta­nie davon­ge­hen sehe. Ich hat­te ihn gefragt, ob er sich mit sei­ner Gelieb­ten noch unter­hal­te, und er sag­te, irgend­wie schon, es ist vir­tu­ell, es kom­men kei­ne Ant­wor­ten. — stop

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nicht atmen

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nord­pol : 18.15 UTC — Heu­te ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch weni­ge Stun­den Zeit, April­wind zu sein. Und die­se Blei­stif­te, die heu­te ange­kom­men sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vor­zu­stel­len trau­te. Um 17 Uhr und drei Minu­ten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gram­me Aus dem Blei­stift­ge­biet sei­en ein­ge­trof­fen, ich könn­te sie abho­len bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Wal­ser gesto­ßen, nach lan­ger Zeit? Nun, weil ich vor weni­gen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­te­te, der mit einer Lupe einen Zet­tel stu­dier­te, auf dem Schrift­zei­chen zu erken­nen waren, so klein, dass ich nicht vor­zu­stel­len wag­te, ein mensch­li­ches Wesen könn­te sie von Hand auf das Papier auf­ge­tra­gen haben. Der Mann schien sehr müde gewe­sen zu sein, und ich dach­te: Ein Mensch, der in die­ser Wei­se schreibt, schreibt lei­se, war­um? — stop
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im park

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nord­pol : 0.52 UTC – Im Park hock­te ein jun­ger Mann auf einer Bank. Auf sei­nen Knien ruh­te ein Buch. Ich bemerk­te bald, dass der jun­ge Mann, anstatt zu lesen, das Buch zer­leg­te. Er ging in die­ser Arbeit sehr sorg­fäl­tig vor, leg­te ein Line­al auf eine Sei­te des Buches, fuhr kurz dar­auf mit einem fei­nen Mes­ser die Kan­te des Line­als ent­lang, trenn­te also mit einer vor­sich­ti­gen Hand­be­we­gung eine Sei­te von der Bin­dung des Buches, leg­te die Sei­te neben sich auf die Bank und beschwer­te sie mit einem Stein­chen, dass er zuvor mit eben der Hand, die gera­de noch das Mes­ser führ­te, ange­ho­ben hat­te. Eine Sei­te nach der ande­ren Sei­te lös­te er in die­ser Wei­se aus dem Kör­per des Buches her­aus, gleich­mä­ßi­ge Bewe­gun­gen, als sei ihm die Arbeit der Zer­le­gung eines Buches ver­traut. Es war ein win­di­ger Tag gewe­sen. — stop

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twitter

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nord­pol : 18.55 UTC – In den Echo­kam­mern der Twit­ter­welt üben mensch­li­che Lebe­we­sen inver­se Metho­den, bei­spiels­wei­se die Metho­de, bezüg­lich einer Posi­ti­on grund­sätz­lich das Gegen­teil zu glau­ben, etwas zu glau­ben also, auch dann, wenn es nicht sein kann. Am Abend des 7. April beob­ach­te­te ich, wie ein jun­ger Mann einer jun­gen Frau notier­te: Erhäng Dich. Die jun­ge Frau hat­te zu einem frü­hen Zeit­punkt unter­stellt, ein Anschlag in der Stadt Müns­ter sei von Mit­glie­dern des IS ver­übt wor­den. An ande­rer Stel­le sprach sie von Men­schen, die aus Eri­trea nach Isra­el geflüch­tet sind, die­se Men­schen sei­en VIEHZEUG. Die jun­ge Frau ant­wor­te­te unver­züg­lich: Dein Satz hat das fal­sche Satz­zei­chen. Es müss­te “Erhäng Dich!” hei­ßen. Der jun­ge Mann wie­der­um notier­te, er den­ke, dass der Kon­text ( sie sol­le sich erhän­gen ) auch ohne Satz­zei­chen “rüber” kom­me. Das hier ( Twit­ter ) sei ein Kurz­nach­rich­ten­dienst und kein Dik­tat. — stop

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ai : TÜRKEI

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MENSCH IN GEFAHR: „Bis zu 17 Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­tät Boğa­zi­çi, die zum Teil seit bereits zwei Wochen in Poli­zei­ge­wahr­sam gehal­ten wer­den, weil sie gegen den tür­ki­schen Mili­tär­ein­satz in Afrin im Nor­den Syri­ens pro­tes­tiert hat­ten, wur­den am 3. bzw. 5. April vor drei Frie­dens­ge­rich­te in Istan­bul gestellt. Die Staats­an­walt­schaft hat­te wegen „Pro­pa­gan­da für eine ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on“ Unter­su­chungs­haft für sie bean­tragt. Auf die­sen Straf­tat­be­stand ste­hen bis zu fünf Jah­re Gefängnis./ Am 3. April ver­häng­te das Frie­dens­ge­richt für Straf­sa­chen Nr. 8 in Istan­bul, das über den Antrag der Staats­an­walt­schaft auf Unter­su­chungs­haft für sie­ben der 17 Stu­die­ren­den zu ent­schei­den hat­te, Unter­su­chungs­haft gegen vier Stu­die­ren­de, weil Kame­ra­auf­nah­men zeig­ten, dass ihre Mün­der in einer Wei­se geöff­net waren, die nahe­leg­te, dass sie Paro­len rie­fen. Dies zei­ge, dass sie eine akti­ve und andau­ern­de Rol­le in der Pro­test­ver­an­stal­tung spiel­ten, bei der auch Trans­pa­ren­te mit Paro­len wie „Kur­di­stan wird das Grab des Faschis­mus“, „Wir wol­len kei­ne Unterstützer_innen der Free Syria Army in unse­rer Uni­ver­si­tät“, „Sei­te an Sei­te gegen Faschis­mus“, „Der Palast will Krieg, das Volk will Frie­den“ auf­ge­hängt wur­den. Das Frie­dens­straf­ge­richt Nr. 6 in Istan­bul, das die Fäl­le von acht Stu­die­ren­den prüf­te, ver­häng­te eben­falls Unter­su­chungs­haft gegen fünf Stu­die­ren­de auf der Grund­la­ge, dass sie „Trans­pa­ren­te gehal­ten und Paro­len geru­fen haben.“ Die bei­den Gerich­te lie­ßen die übri­gen sechs Stu­die­ren­den frei, weil Fotos dar­auf schlie­ßen lie­ßen, dass sie zwar anwe­send, aber nicht aktiv an dem Pro­test betei­ligt waren. Am 5. April ver­häng­te das Istan­bu­ler Frie­dens­ge­richt für Straf­sa­chen Nr. 2 Unter­su­chungs­haft gegen ein_e der am 3. und 4. April inhaf­tier­ten Stu­die­ren­den und ließ die ande­re gegen Kau­ti­on frei./ Bei den zehn Stu­die­ren­den in Unter­su­chungs­haft han­delt es sich um: Deniz Yıl­maz, Yus­uf Noyan Öztürk, Agah Suat Atay, Ber­ke Aydoğan, Şükran Yaren Tun­cer, Zül­küf İbrah­im Erkol, Esen Deniz Üstündağ, Sev­de Öztürk, Kübra Sağır und Tev­ger Uzay Tulay. İbrah­im Mus­ab Çura­baz, Ham­za Din­çer, Kül­ti­gin Demir­lioğ­lu, Ali İmr­an Şirin, Deniz­han Eren, Mus­ta­fa Ada Kök und Emir Eray Kara­bıyık wur­den gegen Kau­ti­on frei­ge­las­sen. / Durch die Teil­nah­me an der Pro­test­ver­an­stal­tung nah­men die Stu­die­ren­den ledig­lich ihre Rech­te auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und fried­li­che Ver­samm­lung wahr, die im natio­na­len Recht und im Völ­ker­recht ver­brieft sind.“ - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 18.5.2018 unter > ai : urgent action
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