0.25 — Was würde ich mit meinem Leben unternehmen, wenn ich wüsste, dass ich 50000 Jahre alt werde? — stop

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0.37 — In ein schützendes Korsett von Schaumgummi gepresst, ruhte eine Apfelbirne unter weiteren Früchten, sie glänzte, als hätte sie hohes Fieber. Habe sie mit nach Hause genommen und versuche gerade eben herauszufinden, ob es sich bei dieser Apfelbirne um eine Birne oder doch eher um einen Apfel handeln könnte. Zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz nach zwölf Uhr, meine ich bereits herausgefunden zu haben, dass eine Apfelbirne nach Birne, nicht aber nach Apfel duftet, dass sie jedoch in Gestalt und Farbe einem gewöhnlichen Apfel ähnlicher ist, allerdings wiederum in die Pergamenthaut einer Birne gekleidet. Ein gelungenes Objekt. Ein Objekt, das in meinem Gehirn leichte Verwirrung zu erzeugen vermag. Ein wenig ist das so, als würde man von einer Frau, die man liebt, eine zärtlich ausgeführte Ohrfeige erhalten. — stop
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2.18 — Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem botanischen Garten sitze beispielsweise, wenn ich mir wünsche, eine der chinesischen Nachtigallen möge von den Bäumen herunterkommen und sich zu mir setzen, halte ich die Luft so gründlich an, dass ich zu einer lautlosen Erscheinung werde unter scheuen Vögeln. – Stunden des Arbeitens, des Wartens. — Das kaum noch wahrnehmbare Brausen einer Stadt jenseits der Bäume, jenseits der Mauern. – Tropfendes Wasser. — Meine Hände, die die Tastatur der Notiermaschine so behutsam berühren, als würden sie Ameisenrücken beschriften. — Weit nach Mitternacht. Es ist so still, dass ich glaube, von fern meinen Herzschlag zu hören. — stop

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2.25 — Folgendes. Ein Trompetenkäfer ist in der Mitte, zwischen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepanzerten Ende auf der anderen Seite, mehrfach gefaltet. Das sind Falten einer Haut, die sofort an sehr feines Reptilienleder erinnert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeugen wünscht, schreitet er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hinterbeinen gegen die Laufrichtung stemmt, sodass sich beide Segmente rasch voneinander entfernen und einen Raum eröffnen, der jene Luft mit Leder ummantelt, die durch Mund oder Kiemen in den Käferkörper bereits vorgedrungen ist. Im Moment seiner größten Entfaltung wird der Käfer seine Bewegung kurz unterbrechen, und während sich nun die Beine seines Brustsegmentes in den Boden schlagen, arbeiten sich die hinteren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefaltet ist in der Mitte und alle Luft geräuschvoll am Mundstück wieder ausgetreten. – Milde Luft heut Nacht. — stop

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17.57 — Eine Libelle, die dicht über der Wasseroberfläche nach Fliegen jagt. Höre das Brummen ihrer Flügel. Ein kraftvolles Geräusch. Eines dieser Geräusche, die man mit dem Bauch zu hören meint, als wären dort geheime Ohren für Libellengeräusche angebracht. In diesem Moment nun, die Libelle schwebt fast bewegungslos vor mir in der Luft, der Gedanke, man sollte winzige Generatoren auf den Rücken der Libellen verschalten, genau dort, wo die Mechanik des Fluges aus ihrer Brust entsteht. — Das schöne Licht der Dioden über den Sommerseen. — Existieren vielleicht heimliche Strukturen in meinem Körper, die nicht bereits mit einem griechischen oder lateinischen Namen bezeichnet sind? — stop
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4.37 — Man stelle sich einmal ein Zimmer vor, ein freundliches, helles Zimmer von allerfeinster Quallenhaut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer und alles, was sich im Zimmer befindet, das Quallenbett, die Quallenuhr, und all die Quallenbücher und auch die Schreibmaschinen von Quallenhaut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosentasche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffeehaus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Ventilatormaschine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass man ein Zimmer in der Hosentasche mit sich führt, ein Zimmer, das man jederzeit auspacken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfaltung bringen könnte. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tassen im Schrank? — stop

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0.20 — Im Winter nach Berlin, immer im Winter, immer nachts, im Westen ein langsam fahrender Zug hinter Bebra. Dann Grenze. Ein Posten. Türme. Metall. Und Licht. Gelbes Licht, demoliertes Licht. Und Hunde, jawohl, Hunde. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbekannte Land. Auf Bahnsteigen : Volkspolizei, Rücken zum Zug, Wachen oder so etwas, in den Abteilen mit Stempel, mal freundlich, mal finster, mal kühl. Dann wieder Grenze. Warten. Rangieren. Demoliertes Licht. Irgendjemand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hunde. Dann Westen. Herrn in Zivil, Staatsschutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kenntnis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Kohle. Man steht an einem Fenster in diesem Zug, der wartet in Halle. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aussteigen, man weiß, die Anderen auf den Bahnsteigen jenseits der Posten, jenseits der Geleise, dürfen nicht einsteigen, man weiß, Schüsse könnten fallen. Die da draußen herumstehen, die aus dem Mund dampfen, die von der Morgenschicht in Halle, wissen das besser als die, die im Zug stehen und mit Westaugen einen Kontakt suchen für Sekunden. Schüsse könnten fallen, jawohl, Schüsse. Und deutsche Sprache, — Halt! Stehen bleiben!
Ich erinnere mich an eine Textpassage. Malcolm Lowry an Bord des Schlachtkreuzers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chinesischer Küste, man spielt Cricket an Deck. Nicht weit, jenseits des Wassers an Land, war ein schrecklicher Krieg im Gange. „Dum! Dum! Dum!, aber die ganze Sache fegte über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu berühren.“ — „Sie können sagen, dass ich dem Mann gleiche, von dem sie vielleicht gelesen haben, der sein Leben auf einem Schiff verbrachte, das regelmäßig zwischen Liverpool und Lissabon hin — und herfuhr, und bei seiner Entlassung über Lissabon nur sagen konnte : die Straßenbahnen fahren dort schneller als in Liverpool.“ Ich erinnere mich an eine Notiz des russischen Dichters Wenedikt Jerofejew : „Alle sagen, — der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Geratewohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“
Einmal, wieder Winter in Berlin, Berlin-West, 1987, ein Fest. Geräumige Wohnung. Auf den Tischen Schnapsflaschen und Erdbeergläser. Man sagt, das sei so üblich, — Gäste aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein kleiner Mann, schütteres Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhythmen mittels Messern und Gabeln auf Teller, an Gläser. Man sagt, der Mann sei gerade rüber gekauft, man sagt, er habe in Bautzen II gesessen, man sagt, einmal, frostige Luft, habe man den Mann ausgezogen, man habe ihn ausgezogen und in eine Schleuse gestellt, man habe ihn dort vergessen unter freiem Himmel, dann habe man sich seiner erinnert, dann habe man ihn warm geprügelt. — Irre Rhythmen. — Hab ich also Land betreten. — stop

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9.55 — Ich hatte ein Kinderbuch, das ich zufällig in einer Kiste entdeckte, vor mir auf den Schreibtisch gelegt, illustrierte Erzählungen aus Tausend und einer Nacht. Ich konnte mich an beinahe jedes Detail der Zeichnungen, die sich in dem Buch befanden, erinnern, das heißt, ich erkannte die Zeichnungen wieder, auch den Geruch des Papiers, einen Tintenfleck, meine kindliche Schrift, die eine der Erzählungen kommentierte. Heute, angesichts zweier Buben, — sie kämpften in einer U‑Bahn mittels handlicher Konsolen verbissen gegeneinander -, die Vorstellung, wie in Zukunft uralte Menschen nicht Büchern, sondern ihren Spielzeugmaschinen aus Kindertagen begegnen, virtuellen Welten von ungeheurer Rechenleistung. — stop

3.15 — Hölzerne Schrittgeräusche, als würde ich über eine Marimba gehen. Hoch über Wolkenfjorden, eine Ebene. Kräftige, von der Arbeit stetiger Winde gegen den Boden gezwungene, feuerrote Ahornbäume. Eine uralte steinerne Straßenbahn, die steinernen Rauch ausstößt, fährt auf steinernen Schienen unter steinernen Bäumen hin und her. Leuchtbirnen von glühender Lava. — Bin vor dem Schreibtisch eingeschlafen. Kurz nach 3 Uhr von Regengeräuschen geweckt. Stehe auf. Laufe ein wenig von Zimmer zu Zimmer. Höre etwas Monk. Schneide Ingwer für den Tee. Sortiere Tonbänder. Notiere Wortbojen. — Sinusknoten. — Venenstern. — Pyramidenbahn. — Wie verdammt gut die Luft heut riecht. – Zehn Uhr fünfzehn in Naypyidaw, Burma. — stop

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17.32 — Saß traumwärts in einem Café nahe eines Meeres unter Männern, die Go oder etwas anderes spielten mit kleinen, runden, bernsteinfarbenen Steinen. Die Luft an diesem Ort war heiß und trocken. Ich wunderte mich nicht, dass die Männer, die von hohem Alter gewesen waren, sich mit gewaltigen Ohren Luft zufächelten in der Art und Weise der Elefanten. Seltsame Geräusche waren zu hören, schwere, knarzende Töne, als würde an hölzernen Schrauben gedreht. Und doch war die Haut der Ohren so fein, dass man durch sie hindurch sehen konnte. Sobald sie hinter den verwitterten Köpfen zusammenschlugen, wurden die Augen des Herrn zu Schlitzen, bewegten sich die luftigen Häute zurück, öffneten sie sich. Hinter dem Tresen dämmerte ein weiterer Mann, der hatte sich mit seinem Pergament das Gesicht zugedeckt. Ich betrachtete ihn eine Weile, und schon war ich, noch im Stehen, dem heutigen Tage zu, eingeschlafen. — stop
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