Aus der Wörtersammlung: arm

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moskau

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bamako : 6.55 — Vor einem Schal­ter am Zen­tral­bahn­hof stand eine alte Dame mit einem Kof­fer, den sie hin­ter sich her­zie­hen konn­te. Sie trug ein blau­es Hüt­chen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lach­te. Auf den ers­ten Blick schien sie fröh­lich zu war­ten wie ihr klei­ner Kof­fer, auf den zwei­ten Blick aller­dings war zu sehen, dass sie nicht nur war­te­te, son­dern bewacht wur­de von einer wei­te­ren, sehr viel jün­ge­ren Frau und einem Mann, der die Uni­form der Bahn­ge­sell­schaft trug. Wie Säu­len stan­den sie links und rechts der alten Dame, die jun­ge Frau hat­te über­dies die Hand­ta­sche der Bewach­ten an sich genom­men, um sie zu durch­su­chen. Eine ihrer Hän­de wühl­te so hef­tig in der Tasche her­um, dass ein Rascheln weit­hin zu ver­neh­men war. Sie forsch­te ein oder zwei Minu­ten in die­ser wil­den Art und Wei­se. Weil sich aber in der Bör­se der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fi­zie­rung auf­spü­ren ließ, schüt­tel­te sie den Kopf, beug­te sich noch ein­mal her­ab, sprach lei­se zu der alten Dame hin, um sich kurz dar­auf an einen Schal­ter zu wen­den. Dort saß hin­ter spie­geln­dem Glas ein Schat­ten, der ein Mikro­fon an sei­nen Mund führ­te, kurz dar­auf war eine war­me, melo­di­sche Stim­me zu hören, die durch die Bahn­hofs­hal­le schall­te, sie sag­te: Ach­tung! Wir bit­ten um ihre Auf­merk­sam­keit, vor dem Infor­ma­ti­ons­schal­ter Gleis 24 war­tet ein Per­so­nen­fund­stück. Bit­te mel­den Sie sich! — Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich ges­tern am frü­hen Abend, kurz bevor der Fern­zug aus Mos­kau via War­schau den Bahn­hof erreich­te. Auf dem Bahn­steig war­te­ten vie­le Men­schen. Man­che hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Ande­re foto­gra­fier­ten. — stop

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sofia

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del­ta : 5.57 — Im Flug­ha­fen­ter­mi­nal 1 exis­tiert ein Mann, den ich vor sie­ben oder acht Tagen bemerk­te. Ich war an einer Bank vor­über gekom­men, auf wel­cher der Mann schla­fend lager­te. Bevor er ein­ge­schla­fen war, muss er sei­ne Schu­he sorg­sam neben­ein­an­der unter das fest­ge­schraub­te Bett gestellt haben. Sein Kopf ruh­te auf Armen, die in den Ärmeln eines hell­blau­en Hem­des steck­ten. Er trug kei­ne Strümp­fe. Kof­fer waren in sei­ner Nähe nicht zu sehen. An jedem Mor­gen seit­her, sah ich ihn wie­der, immer in der­sel­ben Posi­ti­on auf der­sel­ben Bank lie­gend. Auch sei­ne Schu­he waren immer­zu anwe­send. Ges­tern hat­te ich den Ein­druck, als wür­de der Mann mög­li­cher­wei­se gar nicht exis­tie­ren, son­dern wäre nur eine Idee, ein Bild, aber der Mann atmet, das ist gut zu sehen. Auch scheint er sich zu rasie­ren, wenn ich nicht da bin. Er muss seit sei­ner Ankunft mehr­fach auf­ge­wacht sein, um zu trin­ken oder zu essen oder ein wenig zu spa­zie­ren. Die­ser Mann könn­te der ein­zi­ge Mensch sein, den ich seit lan­ger Zeit ken­ne, ohne sei­ne geöff­ne­ten Augen je gese­hen zu haben. Er kommt viel­leicht aus Buka­rest, oder aus Athen, Bel­grad, Sofia, das ist denk­bar. — stop

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bei harrods

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MELDUNG. Auto­mo­bi­le, fol­gen­de, wur­den nach einem Kauf­haus­be­such zu Lon­don in Mar­tha B., 88, vor­ge­fun­den. Magen — Bent­ley Cou­pe 6 [ 1934 ] , Dünn­darm ‑1 Craw­shay-Wil­liams 20 HP [ 1906 ], Dick­darm — Citro­en C2 [ 1922 ]. Ein nach­sich­ti­ger Rich­ter hat­te die Durch­su­chung des hoch­be­tag­ten Bau­ches einer­seits, sowie unmit­tel­ba­re Rück­füh­rung der Fahr­zeu­ge in das Waren­haus Har­rods an der Bromp­ton Road ande­rer­seits, drin­gend emp­foh­len. — stop

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bonsai bryant park

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lima : 3.08 — In New York spa­zie­rend die Ein­sicht, Geheim­diens­te, ihre Men­schen, ihre Appa­ra­tu­ren, sind hier tat­säch­lich sehr geheim. Ich stell­te mir Men­schen vor, die auf Dächern in Was­ser­tür­men leben. Aber die­se Men­schen sind kei­ne Geheim­dienst­men­schen, son­dern Aben­teu­rer oder arme Per­so­nen. In der Sub­way die Durch­sa­ge, Radio­ge­rä­te sei­en für die­sen Tag ver­bo­ten. Ich bin fast allein im Wag­gon. Eine Frau, die mir gegen­über­sitzt, schläft gedul­dig, das heißt, sie däm­mert vor sich hin, schläft nicht wirk­lich, sie scheint sich mit ihrer Lage arran­giert zu haben. Next stop Jamai­ca. Men­schen in der Sub­way sind zunächst ein­mal Men­schen, die Zeit­räu­me pas­sie­ren. Die Erfah­rung der lang­sam dahin­flie­ßen­den Rei­se­zeit hin­ter geschlos­se­nen Augen scheint ange­neh­mer zu sein als die Erfah­rung der Rei­se­zeit mit geöff­ne­ten Augen. Mei­ne Zeit ist eine Rasen­de. Spät­abends eine Roll­trep­pe im Bahn­hof Lex­ing­ton Ave­nue Höhe 86. Stra­ße, die singt. Was­ser tropft. In den Wän­den sehr lang­sam rotie­ren­de Räder, die die Luft bewe­gen. Ein­mal für ein Jahr im Bryant Park als Bon­sai-Mensch in den Bäu­men exis­tie­ren. Was wür­de ich hören, wäre ich ein Hund? — stop
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nachtjäger

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ulys­ses : 3.55 — Ich bemerk­te wie­der ein­mal, dass ich bei­de Arme hebe, also von mir abwen­de, also Flü­gel mache, sobald ich durch die Woh­nung lau­fe und dar­über nach­den­ke, wie es wäre, ohne jedes Gewicht zu sein. Das war gegen drei Uhr in der Nacht gewe­sen. Ich spiel­te sehr lei­se etwas von Gene Krupa auf dem Radio. In dem Moment, da ich die Küche ver­ließ und über den Flur spa­zier­te, über­hol­te mich eine Flie­ge. Sie flog in der Höhe mei­ner Schul­tern, und zwar sehr lang­sam gera­de­aus. Sie war nicht viel schnel­ler als ich selbst gewe­sen. Ich hat­te den Ein­druck, sie wür­de mir fol­gen, sie wür­de mit mir das Zim­mer wech­seln, nicht einem Reflex fol­gend, son­dern über­legt und mit Genuss. Sie war so lang­sam, dass man sie auf einer Foto­gra­fie mei­ner Zim­mer­wan­de­rung gut hät­te erken­nen kön­nen. In die­sen Minu­ten sitzt die Flie­ge direkt über mir an der Decke, wäh­rend ich auf dem Sofa auf dem Rücken lie­ge und notie­re. Die Flie­ge beob­ach­tet mich viel­leicht genau­so, wie ich sie beob­ach­te. Von Wes­ten her nähert sich eine Spin­ne da oben, die so klein ist, dass wir sie nicht ernst neh­men wol­len. Bald Däm­me­rung. — stop
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ai : TASCHIKISTAN

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MENSCH IN GEFAHR: „Der tadschi­ki­sche Staats­bür­ger Alex­an­der Sodiqov, der der­zeit in Kana­da lebt, ist am 16. Juni im Osten Tadschi­ki­stans bei einem For­schungs­auf­ent­halt fest­ge­nom­men wor­den. Es besteht Sor­ge um sei­ne Sicher­heit und Grund zu der Befürch­tung, dass er gefol­tert oder ander­wei­tig miss­han­delt wird. Alex­an­der Sodiqov wur­de am 16. Juni in Chorugh, der Haupt­stadt der Auto­no­men Pro­vinz Berg-Badachschan im Osten des Lan­des, von zwei Ange­hö­ri­gen des Staats­ko­mi­tees für Natio­na­le Sicher­heit fest­ge­nom­men. Alex­an­der Sodiqov lebt der­zeit in Kana­da. Am 16. Juni um 9.30 Uhr Orts­zeit konn­te er sei­ne Frau anru­fen, sag­te ihr jedoch nicht, wo er fest­ge­hal­ten wird. Seit­her fehlt von ihm jede Spur. Amnes­ty Inter­na­tio­nal geht davon aus, dass er bis­her kei­nen Zugang zu einem Rechts­bei­stand hat. / Alex­an­der Sodiqov ist Dok­to­rand an der Uni­ver­si­tät Toron­to. Er recher­chier­te in Tadschi­ki­stan für das Pro­jekt Rising Powers and Con­flict Manage­ment in Cen­tral Asia (Auf­stre­ben­de Mäch­te und Kon­flikt­ma­nage­ment in Zen­tral­asi­en) des Bri­ti­schen Wirt­schafts- und Sozi­al­for­schungs­rats, an dem die Uni­ver­si­tät New­cast­le und die Uni­ver­si­tät Exe­ter betei­ligt sind. Sei­ne Fest­nah­me erfolg­te, als er gera­de ein Inter­view mit dem zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akti­vis­ten und stell­ver­tre­ten­den Lei­ter des regio­na­len Arms der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Tadschi­ki­stans, Alim Sherz­a­mo­nov, führ­te. / Am 17. Juni durch­such­ten Polizeibeamt_innen das Haus von Alex­an­der Sodiqovs Mut­ter in der Haupt­stadt Duschan­be und nah­men diver­se Com­pu­ter und Daten­spei­cher­ge­rä­te mit. Am 17. Juni gab das Staats­ko­mi­tee für Natio­na­le Sicher­heit eine Stel­lung­nah­me ab, in der Alex­an­der Sodiqov Spio­na­ge­tä­tig­kei­ten für aus­län­di­sche Regie­run­gen vor­ge­wor­fen wer­den. Laut Berich­ten der Nach­rich­ten­agen­tur Asia Plus und von Radio Free Europe/Radio Liber­ty erschien Alex­an­der Sodiqov am Abend des 18. Juni und am Mor­gen des 19. Juni im Lokal­fern­se­hen in Badachschan und sprach über die Situa­ti­on in der Auto­no­men Pro­vinz. Radio Free Euro­pe berich­te­te, dass man­che Beob­ach­ter der Ansicht waren, das Film­ma­te­ri­al sei edi­tiert wor­den. Am 19. Juni sag­te der Lei­ter des Staats­ko­mi­tees für Natio­na­le Sicher­heit, Sai­mu­min Yati­mov, dass aus­län­di­sche Spio­ne unter dem Deck­man­tel von NGOs in Tadschi­ki­stan ope­rier­ten und ver­such­ten, die Sicher­heit im Land zu unter­gra­ben. / Alex­an­der Sodiqov wird nun schon seit 72 Stun­den fest­ge­hal­ten und muss daher gemäß den tadschi­ki­schen Geset­zen ent­we­der ange­klagt oder frei­ge­las­sen wer­den.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 31. Juli 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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winterschachtel

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echo : 5.12 — Am Flug­ha­fen nachts ein alter Mann zwi­schen zwei Kof­fern auf einer Bank. Es war kurz nach drei Uhr. Der Mann schien nicht müde zu sein. Er trug eine Bril­le, die er immer wie­der ein­mal putz­te, wäh­rend er mit sich selbst oder mit einem Tablet­com­pu­ter sprach, den er mit bei­den Hän­den so weit wie mög­lich von sei­nen Augen ent­fern­te. Er streck­te des­halb bei­de Arme von sich und drück­te außer­dem sei­ne Schul­tern nach vorn, die­se Hal­tung wirk­te sehr schmerz­haft, und doch schien er nicht ent­zif­fern zu kön­nen, was er zu lesen wünsch­te. Plötz­lich bemerk­te er, dass ich ihn beob­ach­te­te. Er gab mir ein Zei­chen, ich soll­te zu ihm kom­men. Er deu­te­te mit einem Fin­ger auf einen drei­zei­li­gen Text, der tat­säch­lich mit­tels sehr klei­ner Zei­chen gesetzt wor­den war. Es han­del­te sich um die Anwei­sung, ein Captcha aus­zu­fül­len. Ich las dem alten Mann vor, was prä­zi­se notiert war: Bit­te ver­ge­wis­sern Sie sich, dass sie ein Mensch sind. Geben Sie fol­gen­des Wort ein, um fort­zu­set­zen / Win­ter­schach­tel. — Gut, gut, sag­te der alte Mann, gut, gut. Er leg­te den Com­pu­ter auf sei­ne Ober­schen­kel und tipp­te sehr sorg­fäl­tig, nein vor­sich­tig, das ent­spre­chen­de Wort in die vor­ge­ge­be­ne Mas­ke. Mit jedem Buch­sta­ben wur­de er lang­sa­mer. — stop
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lima : 0.57 — Düs­te­re Stra­ße, düs­te­res Haus, düs­te­re Trep­pe. Ich klin­gel­te an einer Tür, ein Mann, der nicht mehr ganz jung gewe­sen war, öff­ne­te. Kräf­ti­ger, bit­te­rer Geruch ström­te aus der Woh­nung. Die Luft war warm, war feucht und dicht, mei­ne Bewe­gun­gen, wie ich durch den Flur der Woh­nung ging, mühe­voll, als wür­de ich unter Was­ser lau­fen. Ich trat in ein Zim­mer, ein Tisch, ein Sofa, zwei Stüh­le, kei­ne Vor­hän­ge vor den Fens­tern, hin­ter den Schei­ben Kas­ta­ni­en­bäu­me, die blüh­ten. An den Wän­den des Zim­mers kleb­te eine Tape­te mit Kirsch­mo­ti­ven. Sie war an der ein oder ande­ren Stel­le von der Wand gefal­len. Auf höl­zer­nen Stan­gen, dicht unter der Decke, hock­ten hun­der­te Vögel ohne Federn. Ihre Haut war von hel­lem Braun, ihre Schnä­bel zitro­nen­gelb. Der Mann, der mich in das Zim­mer geführt hat­te, nahm einen der Vögel in sei­ne Hän­de. Der Vogel lag auf dem Rücken, ganz still. Er hat­te sei­ne Augen geschlos­sen, fei­ne hell­blaue Häut­chen wie Schir­me. Ich soll­te an dem Vogel rie­chen, und so nahm ich ihn in die Hand. Der Leib des Vogels war warm. Er zit­ter­te, als ich mich mit mei­ner Nase näher­te, als wür­de er frie­ren. Der Mann, der mich an das Zim­mer der Vögel geführt hat­te, sag­te, dass sie noch nicht ganz reif sei­en. Der Vogel duf­te­te nach gebrann­ten Man­deln. In einer Ecke des Zim­mers auf dem Boden ein Schall­plat­ten­spie­ler, ein uraltes Gerät, das Tom­my Dor­sey spiel­te: I’m Get­ting Sen­ti­men­tal Over You. — stop
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